Draufgeschaut: Klassenfahrt

Mai 22, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Ronny (Steven Sperling) hat sich in Isa (Sophie Kempe) verliebt.

Ronny (Steven Sperling) hat sich in Isa (Sophie Kempe) verliebt.

Film Klassenfahrt
Produktionsland Deutschland
Jahr 2002
Spielzeit 86 Minuten
Regie Henner Winckler
Hauptdarsteller Steven Sperling, Sophie Kempe, Maxi Warwel, Jakob Panzek, Bartek Blaszczyk, Fritz Roth
Bewertung **1/2

Worum geht’s?

Ronny ist der Außenseiter in seiner Klasse. Er wird nicht gemobbt, aber auch nicht gemocht – weil es ihm offensichtlich egal ist, ob er Anschluss findet oder nicht. Als seine Klasse aus Berlin für ein paar Tage an die polnische Ostseeküste fährt, ändert sich das: Ronny verliebt sich in Isa. Doch er traut sich nicht, offen mit ihr zu flirten – denn Isa wird auch von Marek, einem älteren Jungen aus dem Ort, angehimmelt.

Das sagt shitesite:

Klassenfahrt, das größtenteils mit Laiendarstellern besetzt ist, besticht vor allem mit seinem beinahe dokumentarischen Charakter. Es gibt keine bemühte Jugendsprache, eine fast gewage Langsamkeit und scheinbar keinerlei Dramatisierung. Trotzdem entsteht eine subtile Spannung.

Die erwächst zum einen aus der Eifersucht zwischen Ronny und Marek, die um Isa konkurrieren. Sie erwächst aber vor allem aus der Lebenssituation der Teenager und den besonderen Umständen der Klassenfahrt: Alle erwarten sich ein großes Abenteuer, aber einmal angekommen, herrscht oft die pure Langeweile – weil die Schüler, genau wie zuhause, eingesperrt sind, kaum mobil und unmündig. Diese Diskrepanz macht alle enorm impulsiv und empfindlich, oder sie hat fatale Mutproben zufolge wie die, die Klassenfahrt den letzten Drive verleiht.

Vor allem aber wird hier gekonnt eingefangen, was sich innerhalb der einzelnen Cliquen abspielt: schmachtende Blicke und tobende Hormone, das Prahlen mit Eroberungen oder den Erfindungen davon, der permanente Wettstreit mit ständig wechselnden Fronten als Normalzustand. So zeigt Klassenfahrt sehr geschickt und sensibel das widersprüchliche, zerrissene Lebensgefühl in diesem Alter: den Zwang, zu beeindrucken und den noch stärkeren Zwang, niemals beeindruckt zu sein.

Bestes Zitat:

“Und, was machst du nach der Schule? – Weiß nicht. Irgendwas Besonderes.”

Es gibt leider keinen Trailer zum Film.

Hingehört: Gossip – “A Joyful Noise”

Mai 22, 2012 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
Auf "A Joyful Noise" setzen Gossip endgültig auf Pop - und scheitern.

Auf "A Joyful Noise" setzen Gossip endgültig auf Pop - und scheitern.

Künstler Gossip
Album A Joyful Noise
Label Columbia
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **

Wer Beth Ditto angesichts ihrer Figur für nicht allzu beweglich hält, der sollte sich dringend einmal ein Konzert von Gossip anschauen. Da fegt die Sängerin über die Bühne, springt ins Publikum und klettert auch schon mal auf die Tribünen.

Beweglichkeit ist auch musikalisch von ihr gefragt. Nach dem Sensationserfolg des Hammerhits Standing In The Way Of Control musste das Trio schon beim letzten Album Music For Men (2009) die Richtung für die Zukunft von Gossip festlegen. Man entschied sich für ein bisschen mehr Pop und einen sicheren Hit im Stile des Lieds, das ihnen den Durchbruch gebracht hatte: Heavy Cross funktionierte dann auch vor allem in Deutschland blendend. Mehr als 100 Wochen war das Lied in deutschen Charts, Platz 2 war die Spitzenposition, mehr als halbe Million Exemplare wurden verkauft. Auch das Album lief gut: Music For Men erhielt hierzulande Doppelplatin.

Trotzdem stand jetzt, vor dem fünften Album, wieder eine Grundsatzentscheidung für Gossip an. Immerhin liegen die Wurzeln von Beth Ditto, Nathan Howdeshell (Gitarre) und Hannah Blilie (Drums) im Punk. Gossip waren lange Zeit eine Band, die aus der Gosse kommt. Sie waren roh, aggressiv, Außenseiter. Jetzt sind sie Superstars, Millionäre, ein gern gesehenes Accessoire bei Haute-Couture-Schauen.

Es ist genau dieser Kontrast, der einen großen Teil des Reizes von Gossip als Band und von Beth Ditto als Figur ausmacht. Doch die Frontfrau scheint zu wissen: Man kann nicht ewig im Jet Set leben und dabei von den harten Zeiten im Trailer Park erzählen. Man muss sich für eine Seite entscheiden. Deshalb haben Gossip ihre Wurzeln für A Joyful Noise komplett gekappt. Ihr fünftes Album bietet Pop, nichts anderes.

Daran lässt schon die Wahl des Produzenten keinen Zweifel. Beim Vorgänger Music For Men saß noch Rick Rubin an den Reglern, die Personifizierung der musikalischen Authentizität. Diesmal haben Gossip auf Brian Higgins gesetzt. Er hat etwa Platten von Kylie Minogue, Saint Etienne, Texas oder den Pet Shop Boys verantwortet und als Mitbegründer des Produzententeams Xenomania den modernen Popsound geprägt.

Ist das ein Move In The Right Direction, wie das vierte Lied des Albums (und eins von zweien, bei denen Higgins auch am Songwriting beteiligt war) heißt? Nimmt man den Track zur Grundlage, muss man sagen: wohl kaum. Move In The Right Direction ist schwungvoller Dancepop, aber ohne eine Spur Besonderheit oder gar Rebellion. Das könnte ebenso von den Sugababes stammen oder den Scissor Sisters.

Leider gilt das für weite Teile des Albums. Beth Ditto ist nach wie vor eine tolle Sängerin und eine noch bessere Ikone, daran lässt A Joyful Noise keinen Zweifel. Aber wer wissen will, wie es sich anfühlt, plötzlich auf den Titelseiten zu sein oder an der Seite von Karl Lagerfeld, der findet in den Texten keinen einzigen Einblick in ihr Seelenleben, sondern bloß Floskeln.

Und die Musik? Der Opener Melody Emergency klingt, als habe jemand Ginuwines Pony genommen und eine veraltete Software beauftragt, den Track in die Sprache „Rock“ zu übersetzen. Die Single Perfect World (ebenfalls gemeinsam mit Higgins geschrieben) hat eine schöne Melodie, könnte im Refrain aber die eine oder andere Stange Dynamit gebrauchen. Casualties Of War ist nett, Get Lost ist Massenware, Involved auch nicht mehr als solide, Horns ein halbwegs gelungener Ausflug in Richtung Miami. Am besten funktioniert bezeichnenderweise noch Get A Job, das mit Disco-Beat und prominenter Gitarre einfach bloß auf das vertraute Gossip-Rezept setzt.

Das Problem von A Joyful Noise: Gossip haben vor lauter Beweglichkeit ihren Charakter verloren. Das Album ist nicht schlecht, aber das ist auch schon alles. Es gibt nichts, was an den Killer-Faktor von Heavy Cross oder gar Standing In The Way Of Control heranreichen könnte. Und, schlimmer noch, es gibt nichts mehr, was Gossip von anderen Bands unterscheidet.

Die Lösung liegt auf der Hand: Beth Ditto sollte sich von ihrer Band trennen, und damit auch vom Rock-Anspruch, der nun einmal Erwartungen wie Glaubwürdigkeit, Schmutz und Aggressivität mit sich bringt, denen das Trio nicht mehr gerecht werden kann. Dittos EP mit Simian Mobile Disco im vergangenen Jahr hat gezeigt, welches Potenzial sie als Solistin hat, und auch ihre eigenen Vorlieben scheinen nichts mehr mit dem SoulGospelFunkRock zu tun zu haben, für den Gossip einmal standen. „Ich habe das ganze Jahr nur Abba und überhaupt kein Radio gehört“, sagt sie. Eine Neugeburt als Discoqueen wäre da nur konsequent, und zudem sehr verheißungsvoll. Und allemal besser als ein vergeblicher Spagat wie A Joyful Noise.

Siehst du, Beth: Es geht auch ohne Band (und mit Jarvis):

Gossip bei MySpace.

Draufgeschaut: Fluch der Karibik 3

Mai 22, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Elizabeth Swann (Keira Knightley), Captain Hector Barbossa (Geoffrey Rush) und Captain Jack Sparrow (Johnny Depp, von links) wollen sich zusammenschließen.

Elizabeth Swann (Keira Knightley), Captain Hector Barbossa (Geoffrey Rush) und Captain Jack Sparrow (Johnny Depp, von links) wollen sich zusammenschließen.

Film Pirates Of The Caribbean – Am Ende der Welt
Produktionsland USA
Jahr 2007
Spielzeit 162 Minuten
Regie Gore Verbinski
Hauptdarsteller Johnny Depp, Orlando Bloom, Tom Hollander, Geoffrey Rush, Bill Nighy, Keira Knightley, Kevin R. McNally,Stellan Skarsgård, Naomie Harris, Keith Richards
Bewertung **1/2

Worum geht’s?

Die East India Trading Company führt den Kampf gegen die Piraterie immer rigoroser. Die Piratenfürsten sehen nur einen Ausweg: Sie wollen den Hohen Rat zusammenrufen und die Meeresgöttin Calypso wieder befreien, die ihren Gegnern dann gehörig zusetzen soll. Doch dafür müssen sie erst einmal Captain Jack Sparrow und seine “Black Pearl” vom Grund des Meeres zurückholen. Und nicht zuletzt haben auch die britischen Handelsleute ein sehr mächtiges Faustpfand: das Herz von Davy Jones.

Das sagt shitesite:

Als Fluch der Karibik – Am Ende der Welt in die Kinos kam, war es der teuerste Film aller Zeiten. Das sieht man dem Spektakel auch an: Es gibt tolle Bilder und famose Effekte. Am Beginn steht eine eindrucksvoll opulente Szene, die an ein Musical erinnert und mit ihrem Gefangenenchor zu einem eindrucksvollen Bild des Aufbegehrens gegen Unterdrückung wird. Am Ende gibt es eine halbe Stunde Action der absoluten Spitzenklasse.

Beim Kinostart 2007 galt Fluch der Karibik 3 aber auch noch als Abschluss der Reihe, und leider vergisst der Film die wichtigsten Trilogie-Regeln: Es gibt hier weder ein schlüssiges, befriedigendes Finale (weil die Macher da wahrscheinlich schon an Teil 4 dachten) noch die Möglichkeit – und das wiegt weitaus schwerer – sich erst jetzt noch in die Handlung einklinken zu können. Fluch der Karibik – Am Ende der Welt hat mehr Verstrickungen und Querverweise als ein Politthriller. Überall lauert ein Geheimnis, ein Fluch, die ewige Verdammnis. Diese Komplexität schadet dem Kinovergnügen nicht nur dann, wenn man die Vorgänger nicht kennt. Auch Kinder (immerhin beruht die Handlung auf der Thematik einer Achterbahn in Disneyland) dürften sich hier erst überfordert und dann verloren fühlen.

Immerhin hat Fluch der Karibik 3 aber endlich auch einen Gastauftritt von Keith Richards zu bieten, der den schönen Satz sagen darf: “Es geht nicht nur darum, ewig zu leben, Jacky. Der Trick ist, ewig mit sich selbst leben zu können.” Und Gott sei Dank gibt es hier nach wie vor Captain Jack Sparrow. Er ist zwar in den ersten 32 Minuten gar nicht zu sehen, dafür gibt es dann eine ganze Schiffsbesatzung voll. Die Szene mit seiner Halluzination hat fast die Bildstärke von Dantes Inferno, und auch sein Lavieren durch die Kämpfe danach sind pures Vergnügen. Es ist nach wie vor seine Figur, die diese Reihe, und mit Einschränkungen auch diesen Film, zusammenhält: die Ambivalenz zwischen Mut und Feigheit, Treue und Verrat, Held und Hanswurst.

Bestes Zitat:

“Keine Hoffnung ist trügerisch, solange es auch nur einen Narren gibt, der dafür kämpft.”

Der Trailer zum Film: