Der einzige Deutsche am Moulin Rouge

Seit 1889 steht das Moulin Rouge am Place Pigalle und ist zum Tempel des Cabaret geworden. Foto: Atout France/Moulin Rouge
Schweiß, Lärm, Hektik: All das umgibt Jasper Hanebuth, wenn er im Dienst ist, zweimal pro Abend, sechsmal pro Woche. Nichts Besonderes, könnte man meinen. Das trifft schließlich auch auf Kfz-Mechaniker oder Köche zu. Am Arbeitsplatz von Jasper Hanebuth kommen aber noch ein paar sehr ungewöhnliche Utensilien dazu: Federn, Perlenketten und vor allem: Brüste, Brüste, Brüste.
Der 30-Jährige arbeitet seit Mai als Tänzer am Moulin Rouge. 100 Künstler gehören zum Ensemble des mythisch verehrten Cabarets in Paris, aber Hanebuth ist der einzige Deutsche, der es ins feste Team geschafft hat. Vor fünf Jahren war er Zuschauer in einer Show, sah den legendären Cancan, die Farbenpracht der Kostüme, die Begeisterung im Saal. Danach wollte er unbedingt Teil dieses Spektakels werden. «Das Moulin Rouge ist das bekannteste Cabaret der Welt, deshalb wollte ich da hin. Außerdem ist es für Tänzer ein gut bezahltes Engagement. Es hat einen guten Stellenwert in der Tänzerszene und macht sich gut auf dem Lebenslauf», sagt Hanebuth.
Zum Tanzen kam er als Zehnjähriger, als seine Mutter ihn zum Tanzunterricht anmeldete, und er davon zunächst wenig begeistert war. Doch schnell entdeckte er auch selbst sein Talent, kurz vor dem Abitur entschied er, sich ganz dem Tanzen zu widmen. In Hamburg und London machte er eine Tanz-, Gesangs- und Schauspielausbildung. Die ersten Engagements hatte er in Tokio, dann war er viel auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs. «So konnte ich die Welt sehen und gleichzeitig mit Tanzen Geld verdienen», erzählt er.
Der Weg auf die Bühne am berüchtigten Place Pigalle war trotz dieser Erfahrung alles andere als einfach: Janet Pharaoh, die Chefin des Balletts am Moulin Rouge, veranstaltet mehrmals pro Jahr Castings in Paris, London, Australien und Skandinavien und begutachtet jedes Mal bis zu 150 Tänzer. Pro Jahr bekommen weniger als 10 von ihnen tatsächlich ein Engagement. Bei Hanebuth klappte es im zweiten Versuch.
Ein hartes Regime herrscht aber nicht nur bei der Auswahl der Bewerber. Der einzige Deutsche am Moulin Rouge, der aus dem hannoverschen Vorort Langenhagen kommt, trainiert fünfmal pro Woche im Fitness-Studio, jeweils zwischen 90 und 120 Minuten. Anderthalb Stunden vor Beginn der Show kommt er am Moulin Rouge an, um sich schminken und gründlich aufwärmen zu können.
Wenn er eine neue Frisur haben will, muss er das von seinem Arbeitgeber genehmigen lassen. Sein Gewicht darf sich höchstens zwei Kilogramm nach oben oder unten verändern, schreibt der Vertrag vor. Und bei einer Verletzung heißt es meistens: auf die Zähne beißen. «Wenn man sich nicht gerade das Bein bricht, etwas ausrenkt, verstaucht oder zerrt, macht man seine Arbeit ganz normal weiter und tanzt durch den Schmerz», erzählt Hanebuth.
Trotzdem fühlt er sich rundum wohl am Moulin Rouge. «Generell herrscht eine sehr positive, fröhliche Atmosphäre», schwärmt er. Oft würden die Künstler nach der Show noch etwas gemeinsam unternehmen. «Konkurrenzkampf herrscht bei uns überhaupt nicht! Viele wollen das nicht glauben, und stellen sich vor, dass es im Cabaret so zugeht wie im Film Showgirls. Aber das ist weit entfernt vom echten Leben im Moulin Rouge.»
Und wie fühlt es sich nun an, wenn man inmitten der 60 barbusigen Doriss Girls arbeiten soll, den schönsten Mädchen von ganz Paris? «Daran gewöhnt man sich schnell. Wenn man zum ersten Mal so einen Job macht, dann ist es etwas ungewohnt. Aber schnell denkt man überhaupt nicht mehr dran und es fällt einem überhaupt nicht mehr auf, welches Mädchen bedeckt ist und welches seine Brüste zeigt», sagt Hanebuth. «Außerdem ist es ein Job. In jedem Job sollte man professionell sein und sich nicht von Arbeitsbekleidung ablenken lassen.»
Dass man sein neustes Engagement in der Heimat womöglich skeptisch beäugen könnte, stört den Tänzer nicht. «Natürlich ist Cabaret eine andere Art von Tanz als klassisches Ballett, aber körperlich ist es genauso hart – und es zieht Publikum aus der ganzen Welt an, was nicht jedes Ballettstück schafft», betont er. In der Tat könnte die Begeiserung der Zuschauer kaum größer sein. Die aktuelle Show «Féerie» läuft bereits seit 1999, trotzdem ist das Moulin Rouge noch immer zu 98 Prozent ausgelastet. Sechs Millionen Zuschauer kommen pro Jahr. Die Hälfte der Zuschauer kommt aus Frankreich, etwas mehr als zwei Prozent sind Deutsche. Und immer wieder sind auch Promis zu Gast. Seit Jasper Hanebuth dort tanzt, haben beispielsweise schon Fergie von den Black Eyed Peas, Penelope Cruz, Susan Sarandon, Michelle Pfeiffer, Lionel Messi und Maria Sharapova das Moulin Rouge besucht.
An das Leben in Paris («Es ist eine schöne Stadt, aber im Vergleich zu Deutschland auch sehr chaotisch und unorganisiert.») könnte sich der gebürtige Niedersachse gewöhnen. Und auch ans Karriereende denkt er noch längst nicht, obwohl er als 30-Jähriger schon zu den älteren Tänzern zählt. Wie lange man körperlich durchhält, «kommt auch immer auf einen selber an. Es gibt Tänzer, die so einen Job nur für ein paar Jahre machen, wenn sie jung sind, aber auch Tänzer, die noch mit 40 auf der Bühne stehen.»
Diesen Artikel gibt es mit einer Fotostrecke zum Moulin Rouge auch bei news.de.
Hingehört: Sigur Rós – “Valtari”
| Künstler | Sigur Rós |
| Album | Valtari |
| Label | Emi |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | **1/2 |
Finanzkrise hin, Nato-Mitgliedschaft her: Island ist für die meisten Menschen immer noch eine mythische Insel, mindestens so exotisch wie der brasilianische Regenwald, die Bergdörfer in Tibet oder der Frisurengeschmack von Mario Balotelli. Für Sigur Rós ist diese Herkunft Fluch und Segen zugleich. Das Quartett profitiert einerseits davon, seine geheimnisvollen Klangwelten mit noch geheimnisvoller klingenden Texten garnieren zu können. Andererseits ist es naheliegend, dass Sigur Rós nach fünf Studioalben sicherlich einigermaßen genervt davon sind, dass in quasi jeder Rezension über sie steht, sie machten Popmusik, die an nordische Götter und Elfen denken lässt, an Gletscher und Geysire.
Für das aktuelle Werk Valtari, das erste nach der selbstauferlegten Pause, die auf das 2008er Album Með suð í eyrum við spilum endalaust folgte, hat das Quartett deshalb einen neuen Weg gewählt. Sigur Rós machen weiterhin Lieder, die an nordische Götter und Elfen denken lassen, an Gletscher und Geysire. Aber sie machen nichts mehr, was auch nur ansatzweise in die Kategorie „Popmusik“ passen würde.
Im Gegensatz zu ihren bisherigen Songs, die sich normalerweise aus Proberaum-Jams entwickelt haben, wurde diesmal mit vielen kleinen Sound-Bausteinen gearbeitet, die dann in aufwendiger Studioarbeit zu einem Gesamtwerk zusammengefügt wurden. „Ich kann mich gar nicht mehr genau daran erinnern, warum wir diese Platte angefangen haben. Ich weiß auch überhaupt nicht mehr, was wir damals versuchen wollten. Was ich aber weiß: Eine Session nach der anderen ging daneben, wir verloren den Fokus und hätten beinah aufgegeben, was wir eigentlich auch für einige Zeit gemacht haben“, beschreibt Bassist Georg Holm den Entstehungsprozess. „Aber dann passierte irgendetwas und es kristallisierte sich etwas heraus. Jetzt kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass dies die einzige Sigur-Rós-Platte ist, die ich zu meiner eigenen Unterhaltung zuhause gehört habe, nachdem wir sie fertig hatten.“
Als Folge der neuen Arbeitsweise, die deutlich von den zahlreichen Sigur-Rós-Beiträgen für Filmsoundtracks inspiriert ist, gibt es keine Refrains mehr, keine Strophen, in Varðeldur, dem Titelsong und dem Rausschmeißer Fjögur píanó nicht einmal mehr einen Text. Das ist durchaus mutig. Denn Valtari (was übersetzt so etwas wie „Dampfwalze“ bedeuten soll) hat eine ganz eigene Anziehungskraft, dürfte etliche Fans aber auch vor große Rätsel stellen.
Der Opener Ég anda erklärt gut, wie Valtari funktioniert: Es gibt eine Stimme, die vielleicht auch ein Chor ist. Es gibt Streicher, die vielleicht auch eine Orgel sind. Zum Schluss gibt es Trommeln, die vielleicht auch bloß eine malträtierte Gitarre sind. Alles bleibt verschwommen und versteckt, erst nach ziemlich genau 200 Sekunden beginnt Sänger Jón Þór Birgisson (den wir der Einfachheit halber lieber wieder Jónsi nennen) mit seinem Text. Fast immer passiert hier mehr im Hintergrund als in den Passagen, auf die an der Oberfläche gerade die Aufmerksamkeit gelenkt wird.
Man kann das bei aller Komplexität trotzdem niemals „sperrig“ nennen, denn dafür bleiben diese Klänge zu schwebend und majestätisch. Und gelegentlich schimmern auch die früheren Sigur Rós durch, was womöglich auch daran liegt, dass einige der acht Tracks auf alten Demos beruhen: Das himmlische Varúð entwickelt eine tolle Dramatik, das sehr hübsche Rembihnútur fasst den Zauber dieser Musik wunderbar zusammen.
Sigur Rós haben mit ihrem sechsten Studioalbum ein ganz neues Kapitel ihrer Karriere aufgeschlagen, womöglich das Album gemacht, das sie schon immer machen wollten, und mit einiger Wahrscheinlichkeit auch die einzige Möglichkeit genutzt, sich und ihr Publikum nicht schon sehr bald mit nordischer Traummusik aus dem Baukasten zu langweilen. Valtari ist sehr schön, vor allem aber sehr außergewöhnlich.
Auch exotisch: Die Wolken und Wellen im Video zu Ekki múkk:
Hingehört: Joey Ramone – “Ya Know”
| Künstler | Joey Ramone |
| Album | …Ya Know |
| Label | Mutated Music |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | **1/2 |
Dubstep, Chillwave, Champeta? Man darf sicher sein: Würde Joey Ramone noch leben, würden all diese Trends an ihm abgleiten wie ein Spritzer Dosenbier an seiner Lederjacke. Der Ramones-Frontmann, 2001 an Lymphdrüsenkrebs gestorben, ist die ultimative Verkörperung des klassischen Rock’N’Roll-Spirit. Und der umfasst eben auch das Credo, seinem Sound, seinen Helden und seinen drei Akkorden treu zu bleiben. Ein Leben lang. Genau mit diesem Rezept ist Joey Ramone eine Ikone der Glaubwürdigkeit geworden.
Ein posthumes Soloalbum von Joey Ramone ist deshalb ein gewagtes Unterfangen. Seine erste Platte im Alleingang, Don’t Worry About Me, erschien zwar auch erst, als der Ramones-Sänger schon tot war, aber die Lieder hatte er alle noch rechtzeitig fertiggestellt. Nun liegt …Ya Know vor, und die Songs darauf entstammen einer Sammlung von Demos und unveröffentlichten Aufnahmen, die Joey in den letzten 15 Jahren seines Lebens produziert hatte. Ist das Leichenfledderei, mit der das Erbe einer Punk-Legende aufs Spiel gesetzt wird?
Mitnichten. Ausführender Produzent bei Ya Know war Joeys Bruder Mickey Leigh. Er hat die Songs, die durchweg von Joey Ramone geschrieben und gesungen wurden, ausgewählt und von vielen alten Weggefährten (unter anderem Joan Jett, die hier das 21st Century Girl gibt) aufpeppen lassen. Produziert wurde das Album unter anderem von Ed Stasium (der etwa die Ramones-Klassiker Leave Home, Rocket To Russia und Road To Ruin verantwortet hat). Und nicht zuletzt sind auch die Songs selbst stark genug, um aus Ya Know keine peinliche Angelegenheit werden zu lassen.
Schon das Lesen der Songtitel ist ein Vergnügen: Rock’N’Roll Is The Answer! Going Nowhere Fast! Party Line! Einerseits muss man sich fast wundern, dass es bisher noch keine Ramones-Songs gab, die derart hübsch plakativ benannt wurden. Andererseits lassen solche Titel jedes Herz höher schlagen, in dem zumindest ein bisschen Rock-Romantik steckt.
Die Musik dazu ist entsprechend traditionsbewusst. Der programmatische Opener Rock’N’Roll Is The Answer klingt wie The Adverts in den Siebzigern, Alice Cooper in den Achtzigern oder eben wie die Ramones bis zu ihrem offiziellen Ende im Jahr 1996. Es geht um Bier, Party und Ärger mit den Eltern, und es wäre in der Tat schade gewesen, wenn dieser Prototyp eines Joey-Ramone-Songs niemals das Licht der Welt erblickt hätte.
New York City wird eine kraftvolle, aber angemessen rotzige Hymne an die Heimatstadt, I Couldn’t Sleep hat ein paar Rockabilly-Gene und reichlich Coolness, das knackige What Did I Do To Deserve You? hätte gut ins Oeuvre das frühen Tom Petty gepasst.
Manchen Tracks hört man an, dass sie noch im musikalischen Umfeld der Achtziger und Neunziger entstanden sind. Das klingt dann einige Male tatsächlich arg altmodisch, sorgt aber andererseits auch dafür, dass die Lieder zumindest einen Rest von Authentizität behalten, sofern das bei dieser Entstehungsweise möglich ist. Ya Know zeigt Joey Ramone gelegentlich aber auch auf ungewöhnlichem Terrain. „Die stilistische Vielfalt des Albums könnte einige Leute überraschen“, warnt Mickey Leigh. „Ich bin mir sicher, dass viele Joeys künstlerisches Schaffen nach dem Hören des Albums in einem anderen Licht sehen; dass sie eine Seite an ihm kennen lernen, die ihnen zuvor verborgen geblieben war. Natürlich ist das hier der Joey wie wir ihn kennen und lieben, gleichzeitig sind aber Stücke auf dem Album enthalten, die anders sind als alles, was man zuvor von ihm gehört hat.“
Dazu gehört Waiting For That Railroad als Ballade mit leichtem Country-Einschlag. Das sehr schöne Party Line vermischt Buddy-Holly-Wehmut mit Motown-Feeling. There’s Got To Be More To Life Than This deutet Selbstzweifel an, zerstreut die dann aber mit einem Power-Refrain gleich selbst wieder. Make Me Tremble wird eine schöne, sanfte Ballade, die es sogar wagt, zumindest den kleinen Zeh kurz in Reggae-Gewässser zu tauchen.
Obendrauf gibt es zwei neue Versionen von bereits bekannten Ramones-Songs. Das hier deutlich entschleunigte Merry Christmas (I Don’t Want to Fight Tonight) entstand zusammen mit Mickey in Joeys Wohnung und kommt der Botschaft des Songs tatsächlich näher als das schmissige Original. Dazu gibt es eine Akustik-Version von Life’s A Gas (vom 1995er Album Adios Amigos), die noch einmal herrlich auf den Punkt bringt, wie perfekt die Ramones die Coolness von New York mit kalifornischer Entspanntheit verbinden konnten. Unterm Strich klingt Joey Ramone auf Ya Know genau so, wie sein musikalisches Vermächtnis: quicklebendig.
Mickey Leigh stellt die Entstehungsgeschichte und die Gäste auf Ya Know vor:
Hingehört: Husky – “Forever So”
| Künstler | Husky |
| Album | Forever So |
| Label | Sub Pop |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | ***1/2 |
Husky sind ganz ohne Frage eine besondere Band. Die vier Australier haben sich nicht nur vier Jahre Zeit gelassen zwischen ihren ersten Konzerten in Melbourne und ihrem jetzt erschienenen Debütalbum Forever So. Sie haben dieses Album auch komplett in Eigenregie in einem Bungalow aufgenommen. Und sie geben sich darauf derart dezent, zurückhaltend und schüchtern, dass es beinahe ein Wunder ist, dass irgendjemand diese Lieder überhaupt zu hören bekommen darf.
Der Grund, warum das trotzdem passiert ist, heißt History’s Door. Das Lied hat ein tolles Klavier und einen famosen Refrain voller Wärme, Schwung und Können. Dazu kommt die Fähigkeit, episch und sensibel zu klingen, ohne pompös oder weinerlich zu wirken, und auch noch ein psychedelisch-mittelalterliches Zwischenspiel. History’s Door, das Husky erst kurz vor Vollendung ihres Albums aufnahmen, gewann den Wettbewerb eines Radiosenders, der „Australia’s next great-unsigned band“ suchte. Und er katapultierte das Quartett an einen Ort, wo sich Frontmann Husky Gawenda, sein Cousin Gideon Preiss (Keyboards), Schlagzeuger Luke Collins und Bassist Evan Tweedie mit einiger Sicherheit nicht allzu wohl fühlen werden: ins Rampenlicht.
„I feel like I just killed a man / Although it doesn’t feel real / the blood’s too red / he looks too dead“, singt Gawenda zwar in How Do You Feel zu einem irritierten Piano, und im akustischen, an Donovan erinnernden Hunter kündigt er mutig an, auf die Jagd zu gehen. Aber Forever So ist der beste Beweis dafür, dass dieser Mann keiner Fliege etwas zuleide tun könnte.
Dafür liefert der Sänger auch gerne noch selbst ein paar Argumente. Die Lieder, die er jahrelang im Stillen geschrieben hatte, plötzlich auf einer Bühne zu singen, war für ihn eine durchaus beängstigende Vorstellung, gesteht Gawenda. “It took a lot of will power to start singing my own songs in front of anybody, but I was determined to do it, because I always had the dream of playing music as my way of life.”
Es ist diese zerbrechliche Verhuschtheit, die Forever So einen enormen Charme verleiht. Immer wieder träumt sich Gawenda in seinen überaus poetischen Texten an andere Orte, in andere Zeiten und Welten. Alles klingt, als gelange es aus einer verschwommenen Erinnerung heraus ans Ohr des Hörers. Wenn man böse ist, kann man das „einschläfernd“ nennen. Wenn man es gut mit Husky meint, dann sind das Lieder wie Träume, in die man sich hineinkuscheln möchte.
Tidal Wave macht den Auftakt mit Summen, Akustikgitarre und der wunderschönen Stimme von Gawenda. Das Lied ist durchaus komplex, ohne jedoch seinen Zauber zu verlieren. Und mit der Zeile „I wasn’t build for this world, I’m slipping“, ist Gawenda dann wohl auch deutlich näher an seinem echten Charakter als mit Jagdfantasien oder Mordgedanken.
Was Husky im Sinn haben, zeigen auch andere Beispiele: Fake Moustache gerät funky im Stile von Joni Mitchell und integriert auch noch ein Vampire-Weekend-Break. The Woods bleibt sehr reduziert, ist aber weit davon entfernt ist, simpel zu sein. Der Rausschmeißer Farewell (In 3 Parts) ist ein tolles Mini-Epos, auf das wohl auch Simon & Garfunkel stolz gewesen wären, samt Bläsern und himmlischem Harmoniegesang. Das ganze Album bietet hochklassiges Songwriting, und die Vorbilder wie Crosby Stills & Nash, Bob Dylan, Neil Young, Leonard Cohen oder die Beach Boys sind auf Forever So durchaus wiederzuerkennen. Eine tolle Platte für alle Freunde der Melancholie, aus dem Reich zwischen der Nacht und dem Morgen.
Karohemden, Bärte und geschlossene Augen – genau so wie im Video zu History’s Door hätte man sich Husky ohnehin vorgestellt.
Draufgeschaut: Sin City
| Film | Sin City (Recut) |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 2005 |
| Spielzeit | 119 Minuten |
| Regie | Robert Rodriguez, Frank Miller, Quentin Tarantino |
| Hauptdarsteller | Bruce Willis, Clive Owen, Elijah Wood, Mickey Rourke, Benicio del Toro, Jaime King, Rutger Hauer, Rosario Dawson, Alexis Bledel, Devon Aoki, Patricia Vonne, Brittany Murphy, Jessica Alba |
| Bewertung | ****1/2 |
Worum geht’s?
An seinem letzten Arbeitstag als Police Officer will John Hartigan die 11-jährige Nancy aus den Fängen eines Kinderschänders retten. Es gelingt ihm, doch dann fällt ihm plötzlich sein Partner in den Rücken und stellt Hartigan als den Täter dar. Denn der echte Kinderschänder ist der Sohn des Senators, und der setzt alles in Bewegung, um sich an Hartigan zu rächen und zum Schweigen zu bringen. So kommt der Polizist in Haft. Nancy, die als einzige zu ihm steht, weil sie die Wahrheit kennt, schreibt ihm regelmäßig Briefe ins Gefängnis. Als die plötzlich ausbleiben, ahnt Hartigan, dass das Mädchen erneut in Gefahr ist. Er macht sich auf die Suche nach ihr, und tritt damit eine Lawine von Verbrechen und Rachefeldzügen in Sin City los.
Das sagt shitesite:
Viel besser hätte man die Härte und Kompromisslosigkeit der Comics von Frank Miller nicht verfilmen können. Sin City ist ästhetisch ein Meisterwerk, das nicht nur die Schwarz-Weiß-Bildsprache, sondern auch die Endzeit-Atmosphäre der Vorlage kongenial auf die Leinwand bringt.
Die einzelnen Episoden werden in diesem Recut hintereinander dargestellt, trotzdem sind jeweils bereits Andeutungen auf die anderen Handlungsstränge integriert und vor allem entsteht auch bei dieser Erzählweise ein rundes Bild von Sin City. Es gibt hier keine Skrupel, keine Werte und keine Loyalität. Alle Institutionen, die so etwas wie Moral verkörpern könnten, sind in Sin City ebenfalls knietief im Morast aus Korruption, Gewalt und Perversion versunken, von der Polizei über die Kirche bis hin zur Justiz.
John Hardigan, Marv oder Dwight McCarthy sind Helden, für die es kein Morgen gibt. Dem Tod wird ins Gesicht gelacht oder noch besser gleich in die Fresse geschlagen. Das Ganze ist ultrabrutal, wird aber durch ein bisschen Humor und ganz viel Überzeichnung erträglich. Und vor allem durch die großartigen Stimmen aus dem Off, die halb Film Noir und halb Groschenroman zu sein scheinen, und Sin City zugleich erden und einen philosophischen Überbau geben.
Bestes Zitat:
“Die Hölle ist, jeden verdammten Morgen aufzuwachen, und nicht zu wissen, warum man existiert.”
Der Trailer zum Film:
Durchgelesen: Michael Crichton – “Micro”
| Autoren | Michael Crichton, Richard Preston |
| Titel | Micro |
| Verlag | Blessing |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | **** |
Der Krebs besiegte ihn, bevor er seinen letzten Roman vollenden konnte. Etwa ein Drittel von Micro hatte Michael Crichton geschrieben, als er im November 2008 starb. Das letzte Manuskript des Mannes, der Welterfolge wie Jurassic Park oder Timeline geschrieben und den Fernseh-Dauerbrenner Emergency Room erfunden hatte, war aber viel zu wertvoll, um im Nachlass zu vergammeln. Crichtons Verlag erkor seinen Kollegen Richard Preston (Hot Zone) aus, das Buch zu Ende zu schreiben.
Micro ist trotzdem ein echter Crichton geworden. Die Handlung nimmt sich wie einst bei Jurassic Park wieder Aspekte der modernen Forschung vor, die vielen Laien nicht ganz geheuer erscheinen: Nanotechnologie und Mikrobiologie. Im Zentrum des Buchs steht die Firma Nanigen. Sie hat einen Super-Magneten gebaut, mit dem sie alles auf winzige Größe schrumpfen kann. Nun lässt sie heimlich Mini-Maschinen und Mikro-Menschen den Regenwald auf Hawaii untersuchen, um der Natur ein paar Formeln und Wirkstoffe zu entlocken, die man für neue Medikamente nutzen kann.
Der Roman greift damit einen hochaktuellen wissenschaftlichen Trend auf und verbindet ihn mit einer Idee, die fast so alt ist wie die Fantasy-Literatur an sich: Schon Jonathan Swift schickte seinen Gulliver ins Land der Zwerge, Hans-Christian Andersen erzählte die Geschichte vom Däumelinchen. Aus diesem Zusammenspiel von uraltem Menschheitstraum und modernster Forschung entsteht in Micro ein extrem spannender, sehr kurzweiliger Thriller.
Eine Gruppe von sechs Studenten ist dabei den Geheimnissen von Nanigen auf der Spur. Der Chef der Firma schrumpft die Besucher deshalb kurzerhand und setzt sie in der Wildnis aus. Dort müssen die Studenten erfahren, welch tödliche Gefahr plötzlich von Ameisen, Wespen oder Regentropfen ausgeht, wenn man nur noch 1,2 Zentimeter groß ist. Bei ihrer Odyssee durch den Regenwald entdecken sie zugleich ungeahnte Artenvielfalt, Schönheit und Intelligenz. «Diese Reise könnte mir meine Promotion einbringen. Wenn ich sie überlebe», sagt eine der Figuren, und genau dieser Zwiespalt macht Micro zu einem so faszinierenden Thriller. Crichton zeigt, wie wundervoll (im Wortsinne) die Welt ist, in der wir leben, was es für ein Vergnügen sein kann, ihren Geheimnissen auf den Grund zu gehen, und wie gefährlich dabei beides sein kann.
Der «Meister des Technologie-Thrillers» (Spiegel) legt ein enormes Tempo vor, hat unzählige fantastische Einfälle und entwirft immer wieder Szenen, die wie gemacht sind für eine Verfilmung und die den Special-Effects-Experten sicher schon jetzt die Finger kribbeln lassen. Ebenso wie das schillernde Szenario, das gelegentlich um kleine populärwissenschaftliche Exkurse über die Kommunikation von Pflanzen oder die Heilkraft von Insektengift angereichert wird, trägt die Dynamik innerhalb der Gruppe zur Spannung und zum hohen Unterhaltungswert des Buchs bei. Mit den sechs Studenten haben Crichton und Preston ein tolles Ensemble geschaffen, vom Vamp bis zum Weichei.
Obwohl er schon von seiner Krankheit wusste, als er an dem Roman arbeitete, und obwohl die Thematik das durchaus hergeben würde, widersteht Crichton auch der Versuchung, in Micro seine großen letzten Worte an die Welt zu packen. Ein paar Mal taucht zwar die hawaiianische Redensart «Pau Hana» auf, was übersetzt «die Arbeit ist getan» bedeutet und Crichton als Fazit bekanntlich nicht mehr vergönnt war. Im ebenfalls unvollendeten Vorwort gibt es zudem ein paar philosophische Gedanken über den Kreislauf des Lebens und das, was die Welt zusammenhält („Die wichtigste Erfahrung, die man aus der direkten Erfahrung zieht, ist vermutlich die, dass die Natur mit all ihren Elementen und Verbindungen ein komplexes System darstellt, das man nicht verstehen, geschweige denn vorhersehen kann. Man macht sich etwas vor, wenn man sich so benimmt, als ob man es könnte.“). Aber ansonsten stellt sich der Autor ganz in den Dienst des Genres, des Lesers – und bester Unterhaltung.
Bestes Zitat: «Was an der Natur macht dem modernen Geist eigentlich so viel Angst? Warum ist sie ihm so unerträglich? Weil die Natur grundsätzlich gleichgültig ist. Sie ist unerbittlich und teilnahmslos. Es ist ihr vollkommen egal, ob du lebst oder stirbst, Erfolg hast oder scheiterst, Vergnügen oder Schmerz verspürst. Das ertragen wir einfach nicht. Wie können wir in einer Welt leben, die sich so wenig um uns schert?»
Diese Rezension gibt es auch bei news.de.
Hingehört: Maximo Park – “The National Health”
| Künstler | Maximo Park |
| Album | The National Health |
| Label | Universal |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | *** |
Hilfe! Paul Smith hat mit dem Heulsusen-Gestus seines Soloalbums nun auch Maximo Park angesteckt. Da kommen sie nach drei Jahren zurück, und dann erklingt tatsächlich zuerst eine Klavierballade, in der sich ein nicht mehr ganz junger Mann nach der guten alten Zeit sehnt. Schnüff.
Die gute Nachricht: So klingt nur der erste Track auf The National Health, dem vierten Album des Quintetts aus Tyne and Wear. Ansonsten liefern Maximo Park wieder das, wofür man sie schätzt: Indierock, bei dem sich hoher Spaßfaktor, unglückliche Liebesgeschichten und gern gezeigte Belesenheit nicht gegenseitig ausschließen.
Ein bisschen hat Paul Smith aber auch das Versprechen wahr gemacht, das er mir im Interview beim Highfield vor drei Jahren gegeben hat: „Ich will Maximo Park neu erfinden“, hatte er da angekündigt. Ein paar Innovationen finden sich eindeutig auf The National Health: Es gibt deutlich mehr Synthesizer-Unterstützung als früher und etwas mehr Balladeskes wie das hübsche Unfamiliar Places kurz vor Schluss. Die eigentliche Innovation steckt aber in den Texten: Maximo Park sind auf ihrem vierten Album politisch geworden. Zumindest ein bisschen.
„England is ill and it is not alone”, singt Paul Smith im Vollgas-Titeltrack, später klingen die London Riots an, die Angst der Mittelschicht, ein digitales Unwohlsein. „Die Welt ist in einer Rezession, und natürlich spiegelt sich das auch in der Platte wieder. Unsere Lieder schauen sich die Welt an, wie sie so ist. Und sie ist auf jeden Fall kompliziert“, hat Paul Smith diesen neuen Aspekt im Interview mit Welt Online erklärt. Er betont aber auch: „Wir wollen als Band jetzt nicht politisch sein. Politische Bands sind meistens langweilig, weil eindimensional. Bestenfalls deutet man doch Zusammenhänge nur an. Wir wollen nie sagen: Das ist gut, das ist schlecht. So einfach ist es ja auch alles nicht. Und niemand, wirklich niemand, braucht einen Pop-Hansel, der ihm oder ihr die Weltpolitik erklärt.“
Entsprechend dezent sind die Hinweise auf die Lage des Landes, aber sie verleihen The National Health trotzdem eine Relevanz, Reife und Bandbreite, die es bei Maximo Park bisher nicht gab. Banlieue ist ein gutes Beispiel dafür, in dem die Stimme plötzlich tief und düster klingt wie bei den Sisters Of Mercy, und die Zeile „here come the animals“ dadurch noch bedrohlicher wird. Ein erfreulich schamloses Statement in Zeiten, in denen jeder dem anderen gerne zu große Gier vorwirft und mehr Sparwille anmahnt, ist das schmissige Wolf Among Men mit dem Eingeständnis: „I am a wolf among man / and I take what I can get“.
Dazu jubiliert der Gesang beinahe und die Orgel klingt wie eine Gute-Laune-Zwischenmusik beim Eishockey. Derlei reizvolle Widersprüche hat The National Health wiederholt zu bieten: The Undercurrents ist zart und doch dringlich, Until The Earth Would Open vereint Verspieltheit und Entschlossenheit. „Emotionalität und Coolness, weich und schnell schließen einander nicht zwangsläufig aus“, hat Paul Smith im Gespräch mit Welt Online erklärt, und diese Lieder beweisen es.
Dazu lässt er sich diesmal von Elektro verführen (Hips And Lips), singt dezent kaputte Liebeslieder wie eh und je (die tolle Single Write This Down) oder gibt einen sehr entspannten Morrissey (Reluctant Love).
Ansonsten beweisen Maximo Park, dass sie auch in ihren kraftvollen Momenten nach wie vor unterhaltsam und originell bleiben können. In This Is What Becomes Of The Broken Hearted steckt trotz seines Titel kein bisschen Weinerlichkeit, sondern ein quietschfideles Power-Piano. Auch der Rausschmeißer Waves Of Fear hat reichlich Punch. Dass 6 der 13 Titel nicht länger als drei Minuten sind, sorgt ebenfalls dafür, diesem Album eine erfreuliche Dringlichkeit zu verleihen. Das ist alles in allem ein sehr passendes Klangkostüm für Maximo Park im achten Jahr ihrer Karriere. Mit The National Health zeigen sie, dass sie noch immer kurzweilig, relevant und gut für eine Überraschung sind.
Maximo Park spielen bei Rock am Ring 2012:
Draufgeschaut: Grimm
| Film | Grimm |
| Produktionsland | Niederlande |
| Jahr | 2003 |
| Spielzeit | 104 Minuten |
| Regie | Alex van Warmerdam |
| Hauptdarsteller | Jacob Derwig, Halina Reijn, Carmelo Gomez |
| Bewertung | ***1/2 |
Worum geht’s?
In einem bitterkalten Winter in Holland gehen Marie und Jacob mit ihrem Vater in den Wald, um Brennholz zu sammeln. Plötzlich können sie ihn nicht mehr finden und müssen feststellen: Er hat sie ausgesetzt und nichts hinterlassen als die Empfehlung, sie sollten sich zu ihrem Onkel nach Spanien durchschlagen. Für die Geschwister wird das der Beginn einer abenteuerlichen Reise.
Das sagt shitesite:
Nicht nur der Titel sorgt dafür, dass man bei Grimm immer wieder an Märchen denken muss. Der Film greift auch Topoi wie Armut, Kälte und Hunger auf und nimmt sich vom Märchen zudem die Freiheit, die Fantasie meilenweit über der Plausibilität rangieren zu lassen.
Das hat erstaunliche Effekte. Die Handlung spielt in der Moderne statt in dunklen Zeitaltern, die Figuren sind Erwachsene statt Kinder und Jacob und Marie müssen sich in Grimm nicht mit Hexen und Ungeheuern rumschlagen, sondern mit den ganz realen Monstern unserer Zeit: Sie werden von einem Bauernpaar aufgenommen, das bloß Sexsklaven sucht, und quartieren sich dann bei einem reichen Gönner ein, der noch finsterere Hintergedanken hat.
Das funktioniert vor allem wegen seiner großen Liebe zum Detail, wie in der kurzen Einstellung, in der das frierende Pärchen vor einem Kamin-Geschäft steht, oder der Tatsache, dass Marie ein orangenes Kleid trägt, als ihr bei einem spanischen Festmahl ihre holländische Herkunft vorgeworfen wird. Und wegen einer noch größeren Liebe zum Film, dessen Möglichkeiten als Medium von Grimm wunderbar originell, cool und surreal ausgeschöpft werden.
Bestes Zitat:
“Ihr esst gerade meinen Lieblingshund.”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Blek Le Roc – “Blek Le Roc”
| Künstler | Blek Le Roc |
| Album | Blek Le Roc |
| Label | Achtung Musik |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | *** |
Nebel. Windmaschine. Vorhänge in Pastellfarben. Es gibt gleich zwei Gründe, warum man beim Debütalbum von Blek Le Roc an diese Szenerie aus dem feuchten Traum eines Wetten Dass-Bühnenbildners denken muss. Zum einen hält sich die Musik des Trios aus München gerne im Ungefähren auf, gefällt sich darin, unberechenbar zu sein und genau dann eine Harke zu schlagen, wenn es der Hörer am wenigsten erwartet. Zum anderen hätte die Band mit solch einem Setting wohl auch gar kein Problem. Blek Le Roc streben einigermaßen unverhohlen nach dem Mainstream-Erfolg.
Das ist durchaus eine wohltuende Zutat für dieses Album. Schon der Auftakt Someone ist hymnisch, mit Trommelwirbeln und großen Gefühlen im Stile von Embrace. Danach dürfte das ganz ähnlich gelagerte Gravity den einen oder anderen Nada-Surf-Fan glücklich machen. Zum Schluss gibt es mit Bored Of Us sogar etwas, das man für eine Referenz an die späten Oasis halten kann, und mit der ausufernden Ballade On A Tuesday einen prototypischen Rausschmeißer.
Das ist gar nicht verwunderlich, denn Blek Le Roc haben, trotz ihres etwas sperrigen Namens und einer unverkennbaren Indie-Prägung, offensichtlich keine Berührungsängste mit den etablierten Mechanismen des Musikgeschäfts. Die Geburtsstunde von Blek Le Roc war ein Bandwettbewerb Anfang 2005, den Sänger und Gitarrist Tobias Dirr gewann – dummerweise aber ohne Band. Als er dann Lucas Fernandes (Gitarre) und Benedikt Abé (Schlagzeug) dazuholte, spielte das Trio im Vorprogramm von so unterschiedlichen Acts wie Glasvegas und Status Quo.
Lieder wie Lisbon, das in seiner entspannten Eleganz an Crowded House erinnert, oder das verträumte Sidewalk mit Akkordeon und viel Zerbrechlichkeit lassen erkennen, wieso die Süddeutsche in der Musik von Blek Le Roc, „diesen dubios-schönen Nervenkitzel, wie er einem manchmal beim Durchlesen alter Liebesbriefe befällt“ erkannt hat.
Dazu kommen aber auch Momente wie 130, das mit seinem verzerrten Gesang sehr cool und durchaus heavy wird, das siebenminütige Bound, das erst ganz lange instrumental bleibt und auch danach viel Luft lässt, oder Don’t You Know, das mit seinem elektronischen Beat auch gut aufs letzte Album von Roman Fischer gepasst hätte.
Der beste Song heißt Perfect Man, hat eine tolle U2-Gitarre, eine famose Melodie im Gesang und eine herrlich erhebende Grundstimmung. Wie auf dem gesamten Album erzählen Blek Le Roc auch hier keine Geschichten, sondern Gefühle. Und sie paaren dabei ganz viel Wehmut mit einem großen Verlangen nach Glück.
Blek Le Roc erzählen von der Entstehung ihres Debütalbums:
Draufgeschaut: Komm näher
| Film | Komm näher |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2006 |
| Spielzeit | 104 Minuten |
| Regie | Vanessa Jopp |
| Hauptdarsteller | Meret Becker, Hinnerk Schönemann, Stefanie Stappenbeck, Marek Harloff, Fritz Roth, Heidrun Bartholomäus, Marie-Luise Schramm, Jana Pallaske |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Mathilda hangelt sich von einem Aushilfsjob und einem spontanen Quickie zum nächsten. Ihr Schwester Ali führt hingegen ein scheinbar vorbildliches Leben als junge Mutter und erfolgreiche Landschaftsarchitektin, bis ihr Freund in eine Sinnkrise gerät. Auch Johanna bekommt ihr Leben nicht in den Griff. Sie hat ständig Ärger mit ihrer Teenager-Tochter, und versucht nebenher, per Kontaktanzeige endlich wieder einen Mann zu finden. Sie alle treffen im winterlichen Berlin aufeinander.
Das sagt shitesite:
Man merkt den Figuren in Komm näher nicht an, dass sie teilweise spontan am Set und in Zusammenarbeit mit den Schauspielern entwickelt wurden. Denn sie alle wirken so authentisch und eindrucksvoll, als sei jahrelang an diesen Charakteren gezeichnet und gefeilt worden.
Da ist die junge Architektin, die ihr Gutmenschentum aufgeben muss, als es ans Eingemachte geht. Da ist ihr Freund David, der sich nur noch als Dienstleister für Frau und Sohn sieht. Und da sind Mathilde und der Taxifahrer Andi, die froh wären, wenn sie wenigstens jemand hätten, für den sie Dienstleister sein könnten.
Komm näher zeigt so gekonnt, dass Einsamkeit nichts mit dem Beziehungsstatus zu tun hat. Besonders gut gelingt das, weil hier ein ausgezeichnetes Ensemble agiert, aus dem Meret Becker als Choleromantinkerin und Heidrum Bartholomäus als alleinerziehende Mutter mit Zweifeln an der eigenen Weiblichkeit noch herausragen. Enorm wohltuend ist, dass der Film dabei keine großen Worte braucht, sondern das Innenleben der Figuren gerade wegen ganz lapidarer Sätze nackt daliegt: “Ich bin ein einsamer alter Sack”, stellt sich Andi vor. “Du bist so feige”, wirft Ali ihrem Freund an den Kopf. “Ich hab dich nicht mehr ausgehalten”, erwidert der.
Sie alle sind nicht nur sexuell frustriert, sondern durchweg bloß einen kleinen Schritt vom totalen Zusammenbruch entfernt. Sie alle sehnen das Ende ihrer Einsamkeit herbei, und doch ängstigt sie die Aussicht auf dieses Ende genauso sehr wie der Perspektive ewigen Unglücks. Das ist wohl die Botschaft von Komm näher: Ein passender Partner, eine glückliche Gelegenheit und die Kraft der Gefühle reichen nicht aus, um eine Beziehung entstehen zu lassen oder am Leben zu erhalten. Es braucht immer auch eine Entscheidung.
Bestes Zitat:
“Ich weiß gar nicht mehr, was Liebe ist.”
Es gibt leider keinen Trailer zum Film.









