Draufgeschaut: Herr Lehmann 2


Herr Lehmann (Christian Ulmen) lebt aus Prinzip in den Tag hinein.

Herr Lehmann (Christian Ulmen) lebt aus Prinzip in den Tag hinein.

Film Herr Lehmann
Produktionsland Deutschland
Jahr 2003
Spielzeit 109 Minuten
Regie Leander Haußmann
Hauptdarsteller Christian Ulmen, Detlev Buck, Katja Danowski, Janek Rieke, Annika Kuhl, Hartmut Lange, Karsten Speck, Christoph Waltz
Bewertung *****

Worum geht’s?

Im West-Berlin der späten 1980er hat sich Frank Lehmann passabel eingerichtet. Er verbringt sein Leben in den Kreuzberger Kneipen, entweder als Gast oder in seinem Job als Barkeeper. Als seine Eltern einen Besuch ankündigen, er sich in die Köchin Katrin verliebt und auch noch sein 30. Geburtstag ins Haus steht, gerät er in eine Mini-Sinnkrise – und dann fällt auch noch die Berliner Mauer.

Das sagt shitesite:

Kann ein Film schlecht sein, der in einer seiner ersten Einstellungen eine Flasche Beck’s in Großaufnahme zeigt? Natürlich nicht. Herr Lehmann lebt dabei nicht so sehr von seiner Handlung oder gar dem weltbewegenden Finale. Vielmehr sind es gerade Stillstand, Stetigkeit und Isolation, die hier zelebriert werden.

5-Mark-Stücken, Telefonzellen und Kneipen, in denen man vor lauter Zigarettenrauch den Tresen kaum sehen kann, lassen die späte Bonner Republik wiederauferstehen, freilich betrachtet mit einem Mix aus unerschütterlicher Berliner Gelassenheit und Arroganz. Wie sehr sich der Westteil der Stadt damals um sich selbst drehte, ist wunderbar aufgezeigt – und aus heutiger Sicht kaum noch zu fassen. „Erstmal austrinken“, sagt Frank Lehmann, als ein Kumpel am Abend des 9. November 1989 vorschlägt, sich doch mal die Sache mit dem Mauerfall anzuschauen. Nichts ist in diesem Mikrokosmos wichtiger als der eigene Kiez, und schnell konnte man in Westberlin offensichtlich den Eindruck gewinnen, die Welt ringsum (erst recht die DDR) sei gar nicht existent.

Herr Lehmann schafft es, genau wie die Romanvorlage von Sven Regener, sehr eindrucksvoll und stilsicher diese Atmosphäre einzufangen. Genauso frappierend wie der Hinweis, dass ein wiedervereinigtes Berlin damals von vielen als undenkbar erschien, ist aus heutiger Sicht die Performance von Christian Ulmen in der Titelrolle. Der Mann, der damals noch in erster Linie als Fernsehmoderator galt, schafft es tatsächlich, diese Figur, die permanent zwischen Neurotiker und Buddha schwankt, ganz selbstverständlich zu spielen: Er gibt Frank Lehmann das perfekte Gesicht.

Stimmungen, Episoden, Dialoge und Figuren tragen diesen Film, ein bisschen Lust auf Irrsinn, großartige Szenen wie der Kinobesuch, die Untersuchung beim Psychiater oder der Cameo-Auftritt von Detlev Bucks Plauze im Schwimmbad. Und die Botschaft, dass die Sache mit dem Erwachsenwerden im Zweifel immer noch ein bisschen warten kann.

Bestes Zitat:

“Denk an die Elektrolyte!”

Der Trailer zum Film:


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2 Gedanken zu “Draufgeschaut: Herr Lehmann