Hingehört: Sleater-Kinney – „No Cities To Love“


Künstler Sleater-Kinney

Zehn Jahre lang haben Sleater-Kinney die Energie für "No Cities To Love" gesammelt.

Zehn Jahre lang haben Sleater-Kinney die Energie für „No Cities To Love“ gesammelt.

Album No Cities To Love
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Ein Schock war das. Ohne Angabe von Gründen kündigten Sleater-Kinney im Jahr 2006 eine Pause auf unbestimmte Zeit an. Sie hatten bis dahin eine makellose Karriere hingelegt (Greil Marcus feierte sie 2001 als „Amerikas beste Rockband“), waren nicht gerade in den Verdacht geraten, an mangelnder Produktivität zu leiden (sieben Alben in zehn Jahren) oder sich im kreativen Niedergang zu befinden (das 2005er Album The Woods fand sich in etlichen Jahres-Bestenlisten).

Warum Corin Tucker (Gesang/Gitarre), Carrie Brownstein (Gitarre/Gesang) und Janet Weiss (Schlagzeug) sich damals eine Auszeit nahmen, wird jetzt mit No Cities To Love, ihrem ersten Album seit zehn Jahren, beantwortet. Der Akku war offensichtlich leer und musste aufgeladen werden. Und jetzt ist er, so viel vorab, zum Bersten voll. Sleater-Kinney haben auf ihrer neuen Platte so viel Energie, dass sie den ganzen Planeten versorgen könnten, sollte sich die Sonne vielleicht mal ihrerseits eine neunjährige Pause gönnen wollen.

„Bei Kreativität geht es darum, wo du dein Blut hineinfließen lassen willst. Wenn du etwas Bedeutendes und Kraftvolles machst, muss es mit Leben erfüllt sein“, sagt Carrie Brownstein. „Sleater-Kinney ist nichts, was du mit halber Kraft oder halber Leidenschaft betreiben kannst. Wir müssen es wirklich wollen. Die Band erfordert eine gewisse Verzweiflung und Entsetzlichkeit.“

Davon gibt es reichlich auf No Cities To Love, das erneut ihr langjähriger Begleiter John Goodmanson produziert hat. Surface Envy ist vielleicht das beste Beispiel dafür: Der Song ist eine Dampfwalze, die Instrumente immer im roten Bereich, der Gesang stets in Rage, die Attitüde verschwörerisch und rebellisch: „Only together do we break the rules.“

Price Tag, der erste Track das Albums, hat ein sagenhaftes Feuer. Ein wildes Bass-Riff trifft auf einen ungewöhnlichen Beat und eine Tirade gegen „Geiz ist geil“-Mentalität. Danach klingt die Gitarre in Fangless so scharf, als habe sie die gesamten neun Jahre seit der Pause auf einem Wetzstein verbracht. Wenn die Strokes noch Lust auf ihre eigene Musik hätten, käme vielleicht so etwas dabei heraus.

Man kann ein paar weitere interessante Referenzen finden, wenn man auf so etwas steht. No Anthems (dessen Refrain natürlich trotz des Titels hymnentauglich ist) zeigt, wie viel beispielsweise Blood Red Shoes von Sleater-Kinney gelernt haben. Bury Our Friends lässt an die üblichen Zutaten der Arctic Monkeys denken: sattes Riff, Beinahe-Sprechgesang, brillanter Text, klasse Refrain. Und manchmal lässt die Stimme von Carrie Brownstein, beispielsweise im etwas zahmeren Titelsong, irritierenderweise an Kim Wilde denken.

Im Kern ist No Cities To Love aber durch und durch Sleater-Kinney. Es gibt großartige Riffs en masse, sehr schlaue Texte (meist über die Suche nach Orientierung und Identität in einer Welt, die man erst umgestalten müsste, bevor man sich in ihr zuhause fühlen könnte) und ein Ausmaß an Wut, Kraft und Aggressivität, wie es eigentlich Pflicht sein sollte in der Rockmusik, wie es aber kaum eine andere Band so konsequent hinbekommt. „Wir klingen besessen auf diesen Songs“, bringt Brownstein diese Entschlossenheit auf den Punkt.

Dass tatsächlich eine Auflösung der Band im Raum stand, kann man angesichts dieser Leidenschaft kaum glauben, und doch wurde diese Option zumindest diskutiert. „Die Thematisierung von Beenden der Band hat sie auf irgendeine Weise näher zusammen gebracht“, sagt Janet Weiss vielsagend über ihre beiden Bandkolleginnen. Die Zeit ohne Sleater-Kinney hat das Trio zweifelsohne genossen, im Presseinfo ist von „Freiraum für Familie und andere fruchtbare Zusammenarbeiten“ die Rede (Tucker hat 2008 ihr zweites Kind bekommen, alle drei Mitglieder waren zwischenzeitig in anderen Projekten musikalisch aktiv). Irgendwann kehrte aber eindeutig das Gefühl zurück, dass Sleater-Kinney wieder ein Teil des Lebens von Brownstein, Tucker und Weiss sein sollte. „Der Kern dieses Albums ist unsere Beziehung zueinander, zur Musik und zu der Tatsache, dass wir immer noch stark genug sind, um im Keller zu arbeiten und zu schwitzen und unsere Band immer wieder neu zu erfinden“, sagt Tucker. „Mit No Cities To Love sprangen wir der Band an die Kehle.“

In der Tat: Lieder wie A New Wave sind unfassbar originelle Rockmusik, das martialische Gimme Love könnte man für primitiv halten, dabei ist es hoch intelligent und technisch virtuos, Fade straft als Schlusspunkt des Albums alle Lügen, die glauben, man könne nur noch mit elektronischen Instrumenten innovativ sein. „If we are truly dancing our swan song, darling / shake it like never before“, lautet die wundervolle Botschaft dazu.

Der Höhepunkt von No Cities To Love ist Hey Darling dank seines bissigen Textes (“It seems to me / the only thing that comes from fame / is mediocrity”), vor allem aber dank seines grandiosen Refrains mit der verschleierten großen Geste und Pop-Begeisterung, wie sie auch die Ramones ausgezeichnet haben. Dass Sleater-Kinney genauso gefährlich sind wie die Punk-Vorväter, genauso gut und drauf und dran, sich einen genauso legendären Status zu erarbeiten, dürfte angesichts dieser Platte kaum jemand bezweifeln. „Wir drei wollen alle dasselbe erreichen“, sagt Weiss, „wir wollen Songs, die einschüchtern.“ Mission erfüllt.

Sleater-Kinney spielen A New Wave live bei Letterman.

Homepage von Sleater-Kinney.

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