Durchgelesen: Kirsten Fuchs – „Mädchenmeute“ 1


Autor Kirsten Fuchs

Sieben Mädchen zwischen 13 und 16 bilden die "Mädchenmeute".

Sieben Mädchen zwischen 13 und 16 bilden die „Mädchenmeute“.

Titel Mädchenmeute
Verlag Rowohlt Berlin
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Das Wort „Abenteuer“ hat einen gemeinsamen Wortstamm mit dem lateinischen Verb „advenire“, übersetzt: herankommen, ankommen. Mädchenmeute, den neuen Roman von Kirsten Fuchs, kann man vor diesem Hintergrund gleich im doppelten Sinne als einen Abenteuer-Roman betrachten: Zum einen geht es tatsächlich um spannende, unvorhergesehene Erlebnisse, um Geister, verschwundene Dinge und mysteriöse Botschaften. Zum anderen um ein Ankommen in der Welt der Erwachsenen. Oder zumindest eine Annäherung daran.

Die Hauptfigur ist Charlotte Nowak, 15, viel zu groß und viel zu schüchtern für ihr Alter. Sie soll die Ferien in einem Abenteuercamp für Mädchen verbringen. Dort lernt sie Bea, Anuschka, Rike, Antonia, Yvette und Freigunda kennen, alle zwischen 13 und 16, und flieht mit ihnen aus dem Ferienlager, als ihnen die Betreuerin dort schon am zweiten Tag zu unheimlich wird. Die Mädchen schlagen sich ins Erzgebirge durch und veranstalten dort ihr eigenes Camp rund um einen stillgelegten Bergwerksstollen.

Damit sind alle Zutaten da für ein Buch, das heranwachsende Mädchen lieben dürften: Sommer, Wald, Hunde und Badespaß in einer Talsperre (Fuchs hat für den Roman zwei Recherchereisen ins Erzgebirge unternommen und sich besonders von der Gegend um Schwarzenberg inspirieren lassen), vor allem aber ein faszinierendes Ensemble, in dem jedes Mädchen nach seiner Rolle sucht. Dieser Roman will eindeutig ein Buch für Mädchen sein, aber auch ein Buch für Mädchenversteher, also Jungs, Erwachsene, womöglich: Eltern. Das ist ein gewagter Anspruch, doch Fuchs meistert diese Gratwanderung.

Erstens trägt dazu ihre sagenhafte Ausdruckskraft bei. Ähnlich wie in ihrem Debütroman Die Titanic und Herr Berg gibt es auch in Mädchenmeute eine Sprache, die oft ein kaum zu fassendes Vergnügen bereitet und die Prägung der Autorin auf den Berliner Lesebühnen erkennen lässt. Bei Kirsten Fuchs gibt es nicht bloß Pointen, sondern oft ganze Salven davon, mit höchst amüsanten Steigerungen. Innerhalb von zwei Zeilen und vier Halbsätzen kommt man vom Schmunzeln zum Kichern zum Schenkelklopfen. Der Roman ist humorvoll, ohne sich über die Mädchen (und ihr Herumtänzeln ums Erwachsenwerden) lustig zu machen. Er nimmt sie (und die Pubertät als Lebensphase) ernst, ohne pädagogisch sein zu wollen.

Damit sind wir bei der zweiten großen Stärke des Buches, nämlich der Sensibilität, mit der Fuchs ihre Figuren sich entfalten und finden, aber auch zögern und zaudern lässt. „Ich kannte mich so auch nicht. Ich war mir fremd. Jetzt war ich richtig gespannt, mich kennenzulernen“, stellt Charlotte ziemlich zu Beginn fest. Ihr und ihren Begleiterinnen offenbart sich im Wald ein ganz neues Gefühl: Freiheit, die nicht Vielzahl der Möglichkeiten bedeutet, sondern Abwesenheit von fast allen gesellschaftlichen Zwängen. Diese Mädchen haben kein Smartphone, keine Schule, keinen Schminkspiegel – und innerhalb ihrer Gruppe keine Vorgeschichte.

Gelegentlich unterbricht Fuchs die Handlung mit Passagen, die zum einen sehr gekonnt mit Cliffhangern die Neugier kitzeln („Ich will nicht unnötig die Spannung steigern, aber dann kam die krasseste Beichte dieses Sommers. Oder die zweitkrasseste. Die krasseste kam erst ganz zum Schluss“, ist ein typisches Beispiel dafür), und zum anderen klar machen: Das ist ein Rückblick von Charlotte als Ich-Erzählerin, das Geschehen ist schon eine ganze Weile her. Sie weiß dabei genau, was sie aus den Ereignissen gelernt hat und berichtet sie doch mit einem Rest von Fassungslosigkeit und Verwunderung über sich selbst, und genau daraus bekommt Mädchenmeute seinen faszinierenden Sound.

Zur Spannung tragen auch die Hinweise bei, dass die Welt außerhalb des Waldes natürlich nicht stillsteht, während Charlotte und ihre sechs Begleiterinnen sich immer besser mit dem Leben dort arrangieren. Als die Presse über die verschwundenen Mädchen berichtet und dann einen Tipp bekommt, wo sie stecken könnten, fallen Heerscharen von Journalisten (und auch noch neugierige Jungs, was natürlich noch gefährlicher ist) in einem kleinen Ort im Erzgebirge ein. Jaja: Man könnte das auch eine „Medienmeute“ nennen, aber dieses Wortspiel spart sich Kirsten Fuchs dankenswerterweise.

An anderen Stellen kann sie sich manchmal leider nicht verkneifen, ihre Themen (Natur, Freiheit, Coming-Of-Age, DDR-Vergangenheit) etwas zu ausführlich durchzudeklinieren, um sicher zu gehen, dass auch wirklich jeder die Moral von der Geschichte mitbekommt. „Erwachsenwerden war wie ein Samtvorhang vor einem gruseligen Film. Wenn du einmal hinter diesen Vorhang geschaut hast, bist du fast schon selbst auf der anderen Seite. Dann ist nichts mehr, wie es vorher war. Und wenn du einmal weißt, dass es nicht stimmt, was sie sagen, dann stimmt gar nichts mehr“, heißt eine der Erkenntnisse, die Charlotte im Wald gewinnt, die der Leser ihr aber auch ohne diesen expliziten Hinweis angemerkt hätte.

Aber dieser Hang zum Überdeutlichen ist wohl der Idee geschuldet, das Buch unbedingt auch als Teenager-Lektüre funktionieren zu lassen. Und das wird in jedem Fall gelingen: Mädchenmeute bietet viel Atmosphäre, viel Identifikationspotenzial und kommt gelegentlich aufregend wie ein Krimi daher. Anne-Dore Krohn vom RBB Kulturradio hat darin sogar etwas „wie das weibliche Gegenstück zu Wolfgang Herrndorfs Tschick“ erkannt. Das könnte beinahe hinkommen.

Bestes Zitat: „Es gibt keine Freiheit außer der, die du dir aussuchst, und die wird dein Gefängnis.“


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