Durchgelesen: Ernst Hofacker – „1967“ 4


Autor Ernst Hofacker

Ernst Hofacker 1967 Kritik Rezension

„1967“ ist eine tolle Zusammenfassung und Analyse des Flower-Power-Blüte.

Titel 1967
Verlag Reclam
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

„Der moderne Mensch weiß kaum noch, woran er mit seiner Welt ist. Das beträchtliche Tempo, mit dem sie in immer kürzeren Abständen eine neue Identität erhält, lässt allenfalls einen Namen noch zu: Wir leben im Zeitalter der beschleunigten Veränderungen.“

Das hat der Theologe Hans-Joachim Höhn schon 1991 (also wohlgemerkt in einer Zeit, bevor Digitalisierung und Internet erneut für einen gewaltigen  Geschwindigkeitszuwachs gesorgt haben) erkannt. Mittlerweile ist die These von der Beschleunigung der modernen Geschichte weitgehend Konsens. Interpretiert man sie streng mathematisch, bedeutet sie: Jedes neue Jahr bringt viel mehr Ereignisse, Trends und Veränderungen als jedes Jahr zuvor.

Warum also sollten wir ein halbes Jahrhundert zurückblicken und ausgerechnet dort eine Zeitspanne finden, die „unsere Welt für immer veränderte“, wie der Untertitel des neuen Buchs von Ernst Hofacker behauptet? Und das als Hebel für diese Veränderung auch noch ein scheinbar so triviales Mittel wie Popmusik wählt?

Auf diese Frage liefert der 1957 geborene Musikjournalist, der etwa für den Musikexpress und den Rolling Stone tätig war und sich auch bereits mit Buchveröffentlichungen den großen Entwicklungssträngen gewidmet hat (Von Edison bis Elvis. Wie die Popmusik erfunden wurde), eine sehr überzeugende Antwort. Er zeigt, wie einmalig das Jahr 1967 gleich in mehrfacher Hinsicht war und wie entscheidend die Ereignisse dieser zwölf Monate das weitere Weltgeschehen prägten. Was damals begann, war die Durchdringung der Welt mit Pop, die heute wohl nicht mehr so stark ist wie vor 50 Jahren, aber weiterhin nachwirkt.

Die Einmaligkeit des Jahres 1967 liegt zunächst in der ungeheueren Intensität der Entwicklung. Blickt man auf die Geschichte der Populärkultur, wird man davor und wohl auch danach kein Jahr finden, das Vergleichbares zu bieten hat. Es „erstaunt, wie sehr sich folgenreiche Impulse gerade in den zwölf Monaten des Jahres 1967 häuften – vieles von dem, was nun kommen sollte, war bereits in den großen Werken aus dieser kurzen Zeitspanne angelegt“, stellt Hofacker fest. Nach Lektüre dieser gut 250 Seiten, die um Buch-, Film- und Musiktipps sowie ein sehr hilfreiches Register ergänzt sind, kann man ihm nur beipflichten.

Dass dieses Jahr einen fast mythischen Charakter bekommen hat, zu einer Marke geworden ist, die noch heute mit Optimismus, Freiheit, Flower Power und Erneuerung assoziiert ist, liegt auch daran, wie pünktlich all diese Hoffnungen danach zerplatzten. „Kaum war das letzte Kalenderblatt des Jahres 1967 abgerissen, lief schief, was schieflaufen konnte. Und zwar mit bedrückender Unaufhaltsamkeit“, stellt Hofacker beim Blick auf das fest, was folgte: Martin Luther King und Robert Kennedy werden erschossen, im März 1968 verüben US-Soldaten in Vietnam das Massaker von My Lai, in Paris revoltieren die Studenten, in Prag wird der Versuch eines menschlichen Sozialismus durch militärische Intervention abgewürgt.

Seine Ausnahmestellung gewinnt das Jahr 1967 aber nicht nur durch die Komprimierung von Ereignissen in einem klar abgegrenzten Zeitraum. Viel mehr liegt sie darin, dass dieses Jahr für Paradigmenwechsel gesorgt hat, und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht. „Bis dahin war Jugend vor allem mit dem frustrierenden Status des Noch-nicht-erwachsen-Seins verbunden. Nun aber galt sie als Wert an sich, als Privileg und Club-Ausweis einer Existenz, die dem Dasein als Erwachsener in so vieler Hinsicht überlegen war“, umreißt der Autor einen Aspekt davon. Für die Situation in Deutschland stellt er fest: „Es war, als hätte jemand sämtliche Fenster geöffnet, um endlich den stickigen Mief eines langen, düsteren Winters aus dem Haus zu lassen und bei der Gelegenheit auch gleich jene Leichen ans Tageslicht zu holen, die diese Gesellschaft seit Jahrzehnten im Keller unter Verschluss gehalten hatte.“

Dass Popmusik dabei nicht nur ein Medium und Katalysator war, sondern tatsächlich ursächlich für einen gesellschaftlichen Wandel, macht 1967 auf sehr nachdrückliche Weise klar. „Spätestens in diesem Jahr hat sich die Rockmusik zum Sprachrohr und Stimmungsbarometer einer Jugendkultur entwickelt, die es so noch nicht gegeben hatte. Ihre Schallplatten formulierten ein Bewusstsein, das Heranwachsende in London, New York, Rom, Berlin und Los Angeles miteinander teilten“, schreibt Hofacker, und genau diese Erfahrung stärkte die Wirkungsmacht: Die neue Musik, unterstützt von Technologien wie dem Transistorradio oder dem Satellitenfernsehen, formte ein Gefühl von globalem Zusammenhalt, von Gleichzeitigkeit der Erfahrung und Übereinstimmung der Ziele.

Gerade im Aufzeigen dieses Effekts liegt die große Leistung dieses Buches, und Ernst Hofacker profitiert dabei vor allem von der Form, die er für seinen Blick auf dieses epochale Jahr wählt. Er erzählt nicht streng chronologisch, sondern springt zwischen Daten und Orten hin und her und schafft es gerade dadurch, die Leitlinien herauszuarbeiten. Das Buch liefert erwartungsgemäß keine Recherche, die bisher Unbekanntes hervorbringen würde, und keine Schlussfolgerungen, die eine völlige Neubewertung einzelner Werke bedeuten. Aber es besticht als eine sehr fundierte und gut strukturierte Zusammenfassung.

Hofacker liefert viele lohnenswerte Blicke auf das Geschehen jenseits der Musik, etwa bildende Kunst, Politik, Sport und Literatur. Er erkennt die Wirkungsmacht auch der Phänomene, die den Zeitgenossen des Jahres 1967 noch vorenthalten beziehungsweise von ihnen links liegen gelassen wurden, etwa bei den Basement Tapes von Bob Dylan und The Band oder dem nachhaltigen Einfluss des Sounds von The Velvet Underground. Es geht ihm dabei nicht so sehr darum, den unmittelbaren Effekt nachzuzeichnen, den Leser also ins Jahr 1967 hineinzuversetzen, sondern den Kontext aufzuzeigen und deutlich zu machen, dass die Besonderheit eines Werks gerade in seinem antizyklischen Charakter liegen kann.

Unzweifelhaft lebt dieses Sachbuch auch von der Begeisterung des Autors für sein Sujet. Als „eine wahre Liebesarbeit“ hat Arne Wilander vom Rolling Stone das Buch seines Kollegen gelobt, und wenn Hofacker das Jahr 1967 als ebenso „zauber- wie auch rätselhaft“ bezeichnet oder die Popmusik dieser Zeit als Zaubertrank preist, „der stark und mutig machte und dessen Wirkung nur Eingeweihte kannten“, dann ist dieser Effekt unverkennbar.

Dieses Bekenntnis zur Subjektivität führt allerdings nicht nur zu poetischen Formulierungen, sondern gelegentlich auch zu seltsamen Bewertungen: Es gibt in 1967 beispielsweise mehr als zehn Seiten über The Monks (deren Geschichte zweifellos interessant ist, deren Stellenwert in diesem Buch dennoch um ein Vielfaches zu groß gerät), aber nur ein paar Sätze über David Bowie (der, zugegeben, 1967 tatsächlich noch keine stilprägende Kraft war), und kein Wort über Acts wie Status Quo, Sly & The Family Stone oder Chicago, die sich allesamt 1967 gründeten und danach einigen kommerziellen und/oder künstlerischen Einfluss haben sollten. Auch für die Bee Gees oder die Small Faces, die 1967 relevante Alben veröffentlichten und ebenfalls keine Erwähnung finden, trifft das zu.

Das sind freilich Kleinigkeiten, über die man hinwegsehen kann angesichts der Tatsache, wie klar Ernst Hofacker in 1967 die bleibenden Auswirkungen der wichtigsten Werke dieser Zeit herausarbeitet. Vieles, was wir heute für selbstverständlich und fälschlicherweise für schon immer dagewesen halten, wurde damals erfunden und etabliert: Die Bedeutung des Albums als ultimatives musikalisches Statement gehört dazu (Sgt. Pepper), die Figur des Gitarrengotts als Leitbild der Rockkultur (Jimi Hendrix), die Öffnung des Blicks für die eigenen musikalischen und kulturellen Wurzeln (Bob Dylan) und der Wille, mit dieser Historie radikal zu brechen (Velvet Underground), ebenso wie die Bereicherung des Konzerterlebnisses um visuelle Aspekte oder die Verknüpfung von Musik- und Drogenkonsum.

Vor allem aber besteht das Erbe von 1967 in der Wahrnehmung von Popmusik als Ausdruck der eigenen Identität, als Mittel zu Protest und Aufstieg, Verbrüderung und Emanzipation. Auch in unserem Geschichtsbild zeigt sich, wie folgenreich diese Ideen waren: „Grob vereinfacht lässt sich sagen: Was davor war, ist zum größten Teil graue Vergangenheit; was mit Elvis Presley, James Dean und den Beatles begann, ist dagegen selbstverständlicher Bestandteil unserer Welt geblieben“, stellt der Autor treffend fest.

Noch gewaltiger als die Effekte innerhalb der Musikwelt ist freilich der Wandel, der auf gesellschaftlicher Ebene dadurch ausgelöst wurde. Der Geist dieser Ära hat nicht nur den Pop verändert, sondern die Welt an sich. Eckpfeiler unseres Wertesystems haben hier ihren Ursprung, etwa der Gedanke, dass das eigentliche Leben nicht während der Arbeit stattfindet, sondern in der Freizeit. Die Fixierung auf Jugendlichkeit gehört ebenso dazu wie eine Skepsis gegenüber Konformismus oder der Gedanke, dass Trends, Innovationen und letztlich unser gesellschaftlicher Dialog durch die Massenmedien transportiert und geformt werden. „Noch heute betrachten wir die Swinging Sixties als den Urknall des Pop, der sich in die DNA unserer Alltagskultur einbrannte und das noch immer gültige Setting für einen weltweit verbindlichen Lebensstil schuf“, bringt Hofacker diese Entwicklung auf den Punkt.

Gerade durch diesen Gedanken gelingt es, 1967 nicht zur Nostalgie-Feier werden zu lassen. Aktuell ist das Buch auch wegen der kritischen Fragen, die der Autor stellt oder zumindest anreißt. Die Vereinnahmung von Pop durch die Konsumindustrie, die ausgerechnet inmitten des Hippie-Hypes in San Francisco einen entscheidenden Schub für ihre Professionalisierung erhalten hat, gehört dazu. „Dass Pop gleichzeitig eine fröhliche Kumpanei mit dem Massenkommerz einging und so die antikapitalistische Ideologie seiner führenden Köpfe quasi von Anfang an unterlief, gehört (…) zu den Paradoxien seiner Geschichte“, attestiert Ernst Hofacker.

Noch spannender wird der Blick auf die womöglich negativen Effekte, die entstanden, als das Selbst- und Weltbild des Jahres 1967 seinen bis heute anhaltenden Siegeszug antrat. „Pop hieß also: Ich will ein Leben mit größtmöglicher Freiheit, größtmöglichem Fortschritt, größtmöglichem Genuss und geringstmöglichen Einschränkungen – eine Maximalforderung, die zum Imperativ wurde für eine umfassende Selbstbestimmung und -verwirklichung, zum Synonym für eine umfassende Individualisierung der Gesellschaft und zum Startschuss für eine bis heute andauernde Pluralisierung“, lautet Hofackers Definition dieser Mentalität.

Dabei drängt sich nicht nur die Frage auf, ob diese Pluralisierung in musikalischer Hinsicht mittlerweile vielleicht so weit fortgeschritten ist, dass – verstärkt durch die Fragmentierung im digitalen Zeitalter – diese vereinende Kraft des Pop in Auflösung begriffen ist, ob also die These „Pop will eat itself“ in unseren Tagen dabei ist, ihre Bestätigung zu finden, wie etwa Diedrich Diederichsten zuletzt analysiert hat. Es gilt auch, den Zusammenhang zu durchdenken, der beispielsweise zwischen der Kritik aus der islamischen Welt am Westen (Dekadenz, Egoismus, Materialismus) und den Ursprüngen dieser Tendenzen im Pop-Urknall des Jahres 1967 steckt. Auch hinsichtlich des eingangs erwähnten Gefühls von Entfremdung und Orientierungslosigkeit als Folge einer permanenten Beschleunigung trifft das zu.

Selbst ohne das bevorstehende 50. Jubiläum dieses „Magical Mystery Years“ und selbst für Leser ohne Affinität zur Flower Power ist Ernst Hofackers Buch deshalb eine enorm lohnende Lektüre.

Bestes Zitat: „Mit der neuen Musik waren neue Idole aufgetaucht, die nun – und das war vorher in diesem Ausmaß nicht der Fall gewesen – auch neue Lebensmodelle repräsentierten. Wie kein Stil der Unterhaltungsmusik zuvor hielt die Rockmusik Identifikationsangebote für eine ganze Generation von Jugendlichen bereit.“


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4 Gedanken zu “Durchgelesen: Ernst Hofacker – „1967“

  • Ernst Hofacker

    Lieber Michael Kraft,
    ganz herzlichen Dank für diese wunderbare und umfassende Rezension! Es freut mich riesig, dass Sie sich mit dem Buch intensiv auseinandergesetzt und seine Intention verstanden haben! Danke dafür! Und was die monierten Auslassungen angeht: Tatsächlich war das Kapiel „In a broken dream“ im Originalmanuskript erheblich länger und enthielt einige weitere wichtige Namen, zB den des großartigen Sly Stone. Aus Platzgründen aber musste ich einige Passagen streichen – wie’s so geht, wenn man aus einem Manuskript ein handliches Buch machen soll… 😉 Also: Herzlichen Dank noch einmal und schönen Gruß aus München!
    Ernst Hofacker

  • Michael Kraft Autor des Beitrags

    Sehr gerne geschehen, ich habe für die angenehme Lektüre zu danken! Und der Gedanke, die Bee Gees habe es nie gegeben, ist ja historisch durchaus verlockend…

  • Kraft Angela

    Und der Gedanke, die Bee Gees habe es nie gegeben, ist ja historisch durchaus verlockend ….

    dem kann ich aber nicht zustimmen !!!

  • Christian Würsig

    1967, ein faszinierendes Jahr !
    Wenn man auf die Musikszene des Jahres 1967 blickt, dann setzt sich eigentlich daß fort was 1966 begonnen hatte und heran reifte und im darauffolgenden Jahr 67 Früchte trug.
    Ich denke, ein entscheidender Faktor für diese weitere Veränderung in der Musik war der Psychedelic Rock der seit Ende 1965 die Musik entscheidend geprägt hat, sich 1966 fortsetzte und 1967 in voller Blüte zum Ausbruch kam.
    Wenn man nach England blickte, so gab es Anfang 67 weiterhin die Gruppen wie Beatles, Stones, Small Faces, Hollies, Kinks etc. die auch noch Hits in diesem Jahr zu verbuchen hatten, aber man merkte doch schon ganz deutlich, daß der Erfolg einiger Gruppen nachgelassen hatte.
    Ich denke, daß resultierte aus der Tatsache heraus daß viele Gruppen versuchten auf den sogenanten “ Psychedelischen Zug “ aufzuspringen und daß gelang bekanntlich nur wenigen, wie z.B den Beatles, Hollies oder den Stones und andere machten halt in dem Stil weiter, wie sie es vorher auch gemacht hatten und trotztem gab es so etwas wie einen gewissen “ Break “ in 1967 und alles veränderte sich rasend schnell.
    Alles wurde bunter, die Musik wurde Ephischer und die Texte surrealer und mystischer und die Länge der Musikstücke von 2-3 Minuten wurde nun auf 4-5 Minuten ausgedehnt und hinzu kamen die Drogen, die ja bekanntlich seit 1965 eine entscheidende Rolle für den weiteren Stil-Verlauf in der Musik gesorgt hatten.
    Ich denke, das Jahr 1967 stellt auf unverwechselbare Weise eine der kreativsten Phasen in der Rock und Popmusik dar, die es vorher und nachher in dieser Form kaum gegeben hat und die ganze Musik hat ja aus Abschnitten ( Stilen ) bestanden und 1967 kommt eine beachtliche Anzahl von Musikstilen zusammen wie dem typischen Beat der Jahre 1964-1966 ,dem Sunshine Pop, Baroque Pop, Psychedelic Pop/ Rock, Soul Pop,Flower Power,Symphonic Rock, Hippie Rock u.s.w.
    Dieser Umstand der so vielen verschiedenen Musikstile, macht dieser Jahr so einzigartig und vielfältig in jeder Hinsicht und kreativ was die Qualität vieler Songs betrifft und die Ausschöpfung neuer Aufnahmetechniken und die Verwendung neuer Musikinstrumente und die Beatles waren da sozusagen “ Wegbereiter “ gewesen mit dem Stück “ Norwegian Wood “ und dem Einsatz der Sitar in der Popmusik.
    Wenn 1965 schon eine deutliche Veränderung brachte, so war doch 1967 eigentlich daß Jahr in dem sich alles grundlegend veränderte, sowohl Musikalisch als auch Gesellschaftlich und Politisch und dieser Wandel ist bis in die heutige Zeit von historischer Bedeutung und macht 1967 zu einem unvergleichbaren Abschnitt in der gesammten Geschichte.