Hingehört: Talisco – „Capitol Vision“


Künstler Talisco

Talisco Capitol Vision Kritik Rezension

Auf seinem zweiten Album tobt sich Talisco musikalisch aus.

Album Capitol Vision
Label Virgin
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Schon als kleiner Junge in Bordeaux musizierte Talisco fleißig. Als er alt genug war, um sich sagen lassen zu müssen, ein solider Beruf sei doch wohl etwas angemessener als Zeitvertreib, begrub er den Traum vom Künstlerleben und nahm einen Bürojob an. Zehn Jahre lang war er nicht Talisco, der kreative Multiinstrumentalist, sondern Jérôme Amandi, der Arbeitskollege.

Als er dann alt genug war, um zu erkennen, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb, um es in der Musikszene vielleicht doch noch zu etwas zu bringen, redete ihm sein Onkel ins Gewissen: Wenn das wirklich dein Traum ist, dann mache es! Das Ergebnis war das Debütalbum Run, das Talisco 2014 (da war er immerhin schon 30) den Hit Your Wish und daraufhin eine zweijährige Welttournee einbrachte.

Kein Wunder also, dass sich der Franzose nun auf seinem zweiten Album richtig austoben will: Er hat in den Jahren des Bürojobs genug Zeit verloren. Capital Vision merkt man an, wie sehr ihm daran gelegen ist, jetzt möglichst viele seiner Ideen in die Tat umzusetzen. Dazu gehören auch die Eindrücke seiner umfangreichen Konzertreise. „Man könnte sagen, dass ich ein Vagabund bin“, sagt Talisco. „Ich habe zwar ein Haus in Paris, aber ich reise sehr viel. Um kreativ zu sein, muss ich mich frei fühlen, und wenn ich reise, tue ich das. In den letzten zwei Jahren war ich eine Menge unterwegs. Auf mein neues Album hatte das einen großen Einfluss.“ Im Ergebnis gibt es in der Musik mehr Gitarren und mehr Samples („Ich wollte den Live-Sound meiner Band einfangen. Die Songs sollten sollte brachialer und rougher klingen. Mehr ‚Boom’“, erklärt Talisco) und in den Texten mehr selbst Erlebtes statt Geschichten über fiktionale Figuren wie noch auf Run.

Der Auftakt A Kiss From L.A. ist, mit großem Refrain und Western-Gitarre, gleich ein passendes Beispiel dafür. „Zu Los Angeles habe ich eine ganz besondere Beziehung“, sagt Talisco und schwärmt vom „besonderen Vibe“ in der Stadt der Engel. „Man kann leben wie man will. Sie hat – auch wenn es viele Autos gibt – irgendwie eine Menge Platz und viel Raum zum Atmen. Und dieses besondere Licht. Ganz hell.“

Von einer Begegnung in den USA handelt auch The Martian Man, das kernig und hymnisch im Stile von Mumford & Sons wird. Thousand Suns spürt dem Geist einer Strandparty nach, bei der Talisco mitgefeiert hat. „Die Leute waren alle total euphorisiert – ich weiß nicht, ob es am Alkohol oder anderen Substanzen lag. Jedenfalls waren sie alle fast nackt und haben völlig abgefahren getanzt. Es war wie ein psychedelischer Trip“, erinnert er sich, und lässt in seinem musikalischen Partysouvenir nun die Bläser in Kombination mit einem schweren Beat etwas Dancehall-Feeling verbreiten. Dazu singt er „You were smiling at the devil“ – diese Unbekümmertheit kann man gut heraushören.

Stilistisch bietet Capitol Vision auch jenseits davon eine enorme Bandbreite. Shadows beginnt folkig und überrascht dann mit einem tollen Elektropop-Refrain. Monsters And Black Stones lässt Soul-Anklänge erkennen, das bedrohliche Sitting With The Braves ist hörbar vom Blues geprägt. Loose ist ausgelassen und mitreißend, auch Stay hat einen sehr spaßigen Beat. Ganz am Ende klingt Talisco in The Race nochmal wie ein ganz anderer Act, nämlich einer, der den Indie-Dancefloor im Blick hat.

Die Tatsache, dass der Franzose fast alles auf diesem Album selbst gemacht hat („Ich arbeite gerne alleine. Was meine Musik angeht, bin ich ein echter Diktator“, bekennt er), führte aber offensichtlich auch dazu, dass er sich gelegentlich verzettelt hat. Capitol Vision bietet eine große Vielfalt, wirkt dadurch aber auch etwas beliebig. Behind The River ist ein Beispiel dafür: Es gibt in diesem Song viele Ideen, aber keinen roten Faden. Auch das reduzierte Before The Dawn (ausgerechet: das Lied ist Hommage an jenen, mittlerweile verstorbenen Onkel, der ihn einst überzeugte, es doch noch einmal richtig mit der Musik zu versuchen) wirkt etwas blutleer und zündet nicht.

Insgesamt ist Capitol Vision also durchaus unterhaltsam, schießt in Taliscos Streben nach Selbstverwirklichung aber übers Ziel hinaus. Dazu passt das von Valentine Reinhardt gemalte Albumcover. „Ich hasse es eigentlich, mein Gesicht auf Plattencovern oder in Videos zu sehen. Aber ich wollte unbedingt ein persönliches Cover haben“, sagt Talisco. „Dieses Album ist von vorne bis hinten ich – mehr Talisco geht nicht.“

Das Video zu Kiss From L.A. fängt eindeutig besonderes Licht ein.

Website von Talisco.

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