Hingehört: Alpines – „Another River“


Künstler Alpines

Another River Alpines Kritik Rezension

„Another River“ ist das zweite Album von Alpines.

Album Another River
Label Humming Records
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Hahnenfuß heißen die Blümchen auf Deutsch, nach denen Catherine Pockson und Bob Matthews ihre Band benannt haben. „Alpines are flowers that can survive at high altitudes and can withstand extreme changes, and we thought that was a nice metaphor“, begründen die beiden Musiker aus dem wenig gebirgigen London ihre Wahl. Von extremen Veränderungen ist auf ihrem gerade erschienenen Album Another River zwar wenig zu bemerken. Vielmehr lebt der zweite Lonplayer des Duos von einer sehr einheitlichen Atmosphäre, die sich fast wie eine eigene Welt um den Hörer zu legen vermag. Was mit den extremen Höhen gemeint ist, macht die Platte aber äußerst schnell klar: Bei Alpines gibt es elektronisch unterfütterte Popkunst auf Spitzenniveau.

Ein Song wie Completely besticht mit viel Eleganz in Gesang und Komposition. Die TripHop-Anleihen sind ebenso typisch für den Nachfolger des Debüts Oasis wie die Idee, Elektronik nicht als Dekor für ohnehin schon schöne Lieder einzusetzen, sondern als verstörendes Element. Heaven bestätigt das später: Der Beat ist zappelig, der Gesang ist grandios. Stay klingt, als hätten sich En Vogue zum heimlichen Date mit Daft Punk verabredet. Das ebenso mondäne wie melancholische Love And Money lässt erkennen, was wohl passiert wäre, wenn Lana Del Rey in Bristol aufgewachsen wäre.

Nach eigenen Angaben streben Pockson und Matthews, deren Musik in einem selbstgebauten Studio im Südwesten Londons entsteht, nach einer „combination of soulful vocals with minimal, textural and contemporary beats combined with flashes of RnB and blues influence“. Dass dabei nicht bloß Durcheinander und ungewollte Stilbrüche herauskommen, sondern Individualität und Klasse, ist eine der größten Stärken von Another River. Der Titelsong illustriert das wunderbar und erweist sich als ein derart klassischer Track, dass er ebenso in den Siebzigern zu Carole King wie in den Neunzigern zu Mary J. Blige oder heute zu Beyoncé gepasst hätte. Dieses Element der Zeitlosigkeit und Kontinuität inmitten von Veränderungen gab übrigens auch den Ausschlag für die Wahl des Albumtitels, erklären Alpines: „We feel like rivers represent a journey, we are all on our own journey in life. We also felt that the metaphor of water was fitting for the body of songs on this record as many of the lyrics touch upon emotional healing and across time water has always been seen as a restorative element.“

In Take Me To The Water taucht dieses Bild wieder auf, das Lied beweist, dass Alpines nicht nur hübsch klingen können, sondern auch kraftvoll und sogar bedrohlich. Auch Mutual hat nichts von „wir frickeln ein bisschen im Studio herum und dann singst du was dazu“, wie man das bei unzähligen vergleichbaren Acts erdulden muss; vielmehr strahlt das Lied eine große Ernsthaftigkeit aus. Motionless ist extrem reduziert und lässt im Soundgewand fast nur Fender Rhodes und ein bisschen Bass zu, wird dadurch aber umso intensiver. In How It Hurts muss man keine Silbe Englisch verstehen, um zu erkennen, was mit diesen Worten gemeint ist.

Der Schlusspunkt Under The Sun fasst die Qualitäten von Alpines, die als Einflüsse beispielsweise The XX, Brian Eno und Prince benennen und schon im Vorprogramm von Florence And The Machine und Bonobo auf der Bühne standen, noch einmal zusammen: Das Lied ist nüchtern betrachtet eine patente Ballade, untermalt von ein bisschen Geplucker. So schlicht dieses Rezept in der Theorie klingt, so meisterhaft und ergreifend wird es auf Another River umgesetzt.

Auf Intensität setzt auch das Video zu Heaven.

Alpines bei Facebook.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.