Hingehört: Jesca Hoop – „Memories Are Now“


Künstler Jesca Hoop

Memories Are Now Jesca Hoop Kritik Rezension

„Memories Are Now“ ist das fünfte Album von Jesca Hoop.

Album Memories Are Now
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

„I won’t blame my parents for clinging to the good word / in hopes that it makes sense of it all / and believing in a story like it was the Bible / when it was just a tale made tall“, singt Jesca Hoop in The Coming, dem letzten Lied dieser gestern veröffentlichten Platte. Es ist ein wunderbarer Schlusspunkt für Memories Are Now, das fünfte Album der Kalifornierin. Schon die Gitarre im Intro ist selbstvergessen und wehmütig, die folgenden Strophen zeugen dann von nichts weniger als existenzieller Verzweiflung an der Welt, dem Glauben und allem, was ihr als Tochter einer Familie von Mormonen einst als Orientierungshilfe mit auf den Weg gegeben wurde.

Religion ist auch in anderen Liedern ein wichtiges Thema für Jesca Hoop, an erster Stelle ist da Songs Of Old zu nennen. Der Sound klingt darin uralt; als nähme das Lied den Kummer der Postmoderne vorweg, bevor es überhaupt eine Industrialisierung gab. Im Text erfährt ein Mädchen davon, dass der Glanz ihrer Glaubensgemeinschaft auch darauf beruht, dass anderswo Menschen ausgebeutet und Kulturen zerstört werden. “Religion is one of those things that wells up, and takes over, and shows itself in dangerous ways when it’s out of balance“, hat Jesca Hoop erkannt.

Daraus spricht nicht nur der Wille, sich mit dem Kern der Dinge auseinanderzusetzen, den Jesca Hoop in ihrer bisherigen Laufbahn permanent bewiesen hat. Viel mehr noch macht Memories Are Now deutlich, dass die 41-Jährige gewillt ist, auch das zu hinterfragen, was vermeintlich einmal den Kern ihres Wesens und Weltbilds bilden sollte – nicht aus pubertierender Rebellion heraus, sondern mit dem Ziel, eine wirklich eigenständige Position zu erlangen. Es ist dieser Wille zur Emanzipation und Unabhängigkeit, der das Album am deutlichsten prägt.

Das gilt nicht nur für die Texte, sondern auch für ihren Ansatz als Songwriterin: Memories Are Now klingt ebenso ungewöhnlich wie ausgereift, es verzichtet fast vollständig auf vertraute Formen und schafft es durch seine Intensität doch, eine große Anziehungskraft zu entwickeln. Die Produktion von Blake Mills (Alabama Shakes, Laura Marling, John Legend) setzt dabei auf weitgehende Reduktion: Was diesen Songs ihren Zauber verleiht, ist nicht (Studio-)Technik, sondern Ideen. Jesca Hoop braucht offensichtlich nicht mehr als eine Besenkammer und eine Handvoll Instrumente aus dem Hausgebrauch, um packende Ergebnisse zu erzielen.

Das verdeutlicht etwa der Titelsong am Beginn des Albums: In Memories Are Now hören wir etwas, das erst nach Bassgitarre, dann nach Fender Rhodes klingt, jeweils verfremdet, dazu eine vor allem im Refrain äußerst eindringliche Stimme mit der beinahe kämpferischen Bitte: „Go, find another heart to ruin!“ So wird eine enorme emotionale Wirkung mit ganz wenigen Mitteln erzielt. Pegasi bietet nur Gitarre und Gesang, und alles darin wird auf so schlichte Weise schön und edel wie die zentrale Zeile des Lieds: „When we’re in love / we’re alive.“ Auch The Lost Sky hat diese Unbedingtheit in Text und Arrangement: „When we said ‚I love you‘ / I said these words ‘cause they are true“, beteuert Jesca Hoop zu einem faszinierenden Picking auf der Konzertgitarre; sie singt das Stück durchweg zweistimmig, als würde sie von ihren eigenen Schatten und Dämonen verfolgt.

Der Gesang ist auf Memories Are Now immer unmittelbarer Ausdruck, klar und konzentriert, ohne sich jedoch auf ein oder zwei Facetten einschränken zu lassen. Unsaid beweist das: Der Track wäre durch seinen ungewöhnlichen Takt und das aus dem Rahmen fallende Arrangement nahe am Chaos, würde er nicht vom Gesang zusammengehalten. Auch Animal Kingdom Chaotic (das Stück handelt von der Bequemlichkeit, sich hinter Computern und Algorithmen zu verstecken, statt selbst Verantwortung zu übernehmen, mit dem Drohnenkrieg als brutalstem Beispiel) ist hoch originell hinsichtlich Percussions, Gesang und Gitarrenarbeit. In der dezenten Country-Atmosphäre von Simon Says zeigt Jesca Hoop die Vielfalt ihrer Stimmfarben, von gelassen über kratzbürstig bis zu flehentlich.

Meisterhaft ist auch das Spiel mit der Grammatik in Cut Connection. Ist dieser Songtitel eine Aufforderung, also als Imperativ verwandt? Oder ein Lamento über etwas, das bereits geschehen ist, und zwar gegen ihren Willen, also ein Partizip? Nicht nur aus dieser Frage bezieht der Song eine enorme Spannung, am Ende klingt er mit der stoischen Trommel und den ineinander verwobenen Stimmen des Chorgesangs wie eine Beschwörung.

Fiona Apple hat darin übrigens einen Gastauftritt an der Mundharmonika. Sie setzt damit die Reihe der sehr namhaften Kollegen fort, mit denen Jesca Hoop bereits zusammengearbeitet hat (auch Musiker von Elbow, The Police, Shearwater oder zuletzt Sam Bean von Iron & Wine gehören dazu). Memories Are Now beweist allerdings: Den Ritterschlag durch besonders prominente oder erfolgreiche Gäste braucht die Musik von Jesca Hoop längst nicht mehr. Ihre Lieder zeigen so viel Individualität und Kreativität, dass sie sich nicht an Trends und Vorbildern orientieren muss.

Auf faszinierende Weise reduziert ist auch das Video zu Memories Are Now.

Website von Jesca Hoop.

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