Hingehört: Phantom – „MMXII“


Künstler Phantom

Phantom MMXII Kritik Rezension

Elektronik und Emotionen paaren Phantom auf „MMXII“.

Album MMXII
Label VILD
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

„How does it feel / not to feel a thing?“, fragen Phantom gegen Ende ihres heute erscheinenden Debütalbums MMXII im Track Not To Feel. Sie sprechen damit ein häufiges Problem des Genres an, in dem sie zuhause sind: Electronica beschränkt sich gerne auf technische Finesse, auf eine ausgefeilte Ästhetik und möglichst noch zwei bis drei Zutaten, die so etwas wie Innovation verkörpern können. Dass diese Musik nicht nur den Kopf (oder die Füße) erreicht, sondern auch den Bauch (oder das Herz), gelingt deshalb oft nicht; in etlichen Fällen ist es wohl auch gar nicht angestrebt.

Bei Phantom aus Helsinki ist das anders. In besagtem Track haben sie sich zwar eine wenig zu sehr in die Zeile von der reizvollen/bedrohlichen Möglichkeit, frei von Emotionen zu sein, verliebt und können im Sound wenig bieten, was ähnlich faszinierend wie dieser Gedanke wäre. Ansonsten zeigen Sängerin Hanna Toivonen und Produzent Tommi Koskinen auf MMXII aber, dass gerade im Gefühl die Stärke ihres Elektropops besteht. Zu einem erst verschüchterten, verwaschenen und dann etwas kraftvolleren Beat singt Hanna Toivonen in Intro + Lost von einem besessenen Herzen, und genau diese geisterhafte Anmutung hat der Track auch, der das Album eröffnet. Das folgende Shadows bekommt tatsächlich einen Sound aus der Halbwelt. Die Single Kisses verbreitet einen spannenden Kontrast zwischen äußerst entspanntem Gesang und einem Beat, der zwischen extrem nervös und gar nicht da wechselt.

Als „die finnischen Portishead“ wurden Phantom von BBC6 angepriesen, auch Goldfrapp wären eine passende Parallele. Die Verwandtschaft zu Bonobo, mit dem das Duo bereits auf Tour war, ist auch nicht allzu schwer zu erkennen. Überall gilt: Die Werkzeuge sind digital, aber das Ergebnis sollte den Hörer niemals kalt lassen. Das gelingt auch deshalb meist, weil Phantom oft erstaunlich traditionelle Rezepte wählen. Dance ist im Prinzip eine klassische Ballade mit etwas Beat-Dekor, das sich am Ende in den Vordergrund kämpft. Auch die Single Scars, der Song, mit dem die Finnen etliche Blogs auf sich aufmerksam machen konnten, ist im Herzen eine Klavierballade, da können die Beats aus dem Rechner noch so sehr versuchen, etwas Club-Atmosphäre und Coolness herbeizubumtschaken. Albuquerque, der sehr reduzierte und sehr schöne Schlusspunkt von MMXII, passt ebenfalls in diese Kategorie.

Passend dazu fehlt der Kitzel hier manchmal gerade dann, wenn es besonders innovativ werden soll. Die Wortschöpfung Empotence ist originell, die dazugehörige Musik allerdings nicht so sehr. Auch Smoke bleibt etwas lahm. Und Over zeigt ein Problem auf, das Phantom mit diesem Debüt nicht komplett in Vergessenheit bringen können: Die Stimme ist schön, die Musik ist interessant, aber es wird keine einmalige künstlerische Vision dahinter erkennbar.

Aus den Linien von Unknown Pleasures kann man auch einen ganzen Clip machen, zeigt das Video zu Scars.

Website von Phantom.

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