Hingehört: Candelilla – „Camping“


Künstler Candelilla

Candelilla Camping Kritik Rezension

Zwischen München und Hamburg entstanden die Songs von „Camping“.

Album Camping
Label Trocadero
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Candelilla sind „mehr interdisziplinäres Kollektiv als bloße Rockband“, schreibt Andreas Specht im Pressetext zu diesem am Freitag erscheinenden Album. Wie zutreffend das ist, beweist Camping auf ganzer Linie: Videos und Booklet (gestaltet von Ena Oppenheimer) sind hier eigene Kunstwerke, viele der Texte würden auch in einen Gedichtband passen. Wer da den unangenehmen Geruch von Kunstkacke wittert, liegt nicht komplett daneben, dennoch ist das dritte Album des Quartetts eine höchst interessante Angelegenheit, die genau aus dem Widerstreit des scheinbar Primitiven mit dem Kultivierten seine Spannung bezieht.

Einem Lied wie Ruhig draußen beispielsweise merkt man an, wie sehr es eine Kopfgeburt ist; reizvoll ist es dennoch, weil es zugleich einen Hauch von Offenheit und „Alles kann passieren“ verströmt. Auch Atmen kann als prototypisch für diese Platte gelten: Der Song besteht fast nur aus Attitüde und Aggressivität, demonstriert zudem die Lust auf Provokation und Innovation, die Candelilla ausleben. Ergebnis dieser Triebkräfte kann einmal ein Track wie Tier sein, der die pure Energie von Punk erkennen lässt, oder ein höchst abstraktes Stück wie Pool, das auch in die mittlere Schaffensphase von Blur gepasst hätte.

Das Ringen mit der Körperlichkeit spielt in den Songs von Camping eine große Rolle, die Möglichkeiten, die ein Körper uns gibt (inklusive Sex), aber auch die Beschränkungen, die er uns auferlegt (inklusive Sterblichkeit). Mira Mann (Bass, Gesang), Lina Seybold (Gitarre, Gesang), Rita Argauer (Klavier) und Sandra Hilpold (Schlagzeug) spüren dem etwa in Intimität nach. Der These, dass es im Post-Privatsphäre-Zeitalter keine kleinen Momente der innigen, vertrauten, geheimen Nähe mehr gibt, setzen sie eine Aufzählung entgegen von immerhin 63 Dingen, die alle eine Ausprägung von Intimität sein können. „Ein Versprechen“ gehört ebenso dazu wie „eine Pause“ oder, besonders schöner Gedanke, „ein Coversong“. Hand lebt von der großen Bestimmtheit in Mira Manns Gesang. Die Zeile „Berühre meine Hand“ ist hier nicht nur ein Imperativ, sondern ein Kommando.

Wüste wird einer von etlichen Songs mit klugen Metaphern für die Freuden und Fallstricke der Zweisamkeit, die Musik dazu könnte man sich von Austra ebenso vorstellen wie von Bloc Party. Wenn in Trocken und staubig die Zeile „Endlich Herbst, Baby“ erklingt, spricht daraus ein stolzer Geist der Verweigerung. Beim Sound von Transformer muss man an die B-52s denken – nicht nur, weil hier plötzlich auf Englisch gesungen wird.

Steve Albini, der am Vorgänger mitgearbeitet hat, haben Candelilla diesmal zwar nicht verpflichten können, sondern die neuen Lieder stattdessen zwischen München, wo die Band gegründet, und Hamburg, wo die Platte aufgenommen wurde, erschaffen. Ziemlich einzigartig ist Camping dennoch geworden – auch, weil es den Hörer fordert. Nicht alles auf diesem Album ist Konzept, es gibt durchaus Momente, die organische gewachsen scheinen oder spontan entstanden sein könnten. Aber alles ist Ernst und Strenge. Spaß und Entertainment sind (vor allem für die Konzerte von Candelilla, die es im April wieder geben wird, darf man das annehmen) nicht ausgeschlossen, aber keinesfalls intendiert.

Candelilla spielen Trocken und staubig live in Karlsruhe.

Im April gibt es reichlich Candelilla live:

15.04.17 München, Milla (Record Release Show)
19.04.17 Dresden, Ostpol
20.04.17 Leipzig, Spnkelue
21.04.17 Berlin, Berghain Kantine
22.04.17 Hamburg, Golem
24.04.17 Erfurt, Frau Korte
25.04.17 Frankfurt, Klapperfeld Ex-Gefängnis
26.04.17 Nürnberg, MUZ
27.04.17 Karlsruhe, Kohi
28.04.17 Saarbrücken, tba.
29.04.17 Schorndorf, Manufaktur

Candelilla bei Facebook.

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