Hingehört: Frànçois And The Atlas Mountains – „Solide Mirage“


Künstler Frànçois And The Atlas Mountains

Solide Mirage Frànçois And The Atlas Mountains Kritik Rezension

„Solide Mirage“ wurde in Brüssel aufgenommen.

Album Solide Mirage
Label Island
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Drei Städte auf drei Kontinenten waren entscheidend für die Entstehung von Solide Mirage, das morgen erscheinende vierte Album von Frànçois And The Atlas Mountains.

Die erste davon ist Brüssel. Dort lebt Frontmann Frànçois  Marry mittlerweile, ebenso wie einige andere Mitglieder der Band, die während der vorangegangenen Platten Plaine Inondable (2009), E Volo Love (2011) und Piano Ombre (2014) etliche Umbesetzungen durchlaufen hat. Dort wurde das neue Album, produziert von Ash Workman (Metronomy), auch aufgenommen.

Der Umzug in die EU-Zentrale war ein bewusster Schritt, sagt Marry: “I wanted to escape a bit from the pastoral environment and from the contemplation that had rocked my previous albums to plunge me into a stiffer, harder, dirtier, split city. Find the urban, the concrete, the chaos. In a night city”, erzählt er. In Brüssel fand er all dies: “The night, its lights, its sparklings and the music which accompany them: the electronic music here is important, it is a very digital city. A treasure trove, which moves in all directions, full of fantastic places: it often gets compared to a modern Berlin.”

Die zweite Stadt, die einen wichtigen Einfluss auf Solide Mirage ausübte, war Kairo. Dort endete die Reise, die Frànçois And The Atlas Mountains vor zwei Jahren nach Afrika geführt hatte. Ergebnis der vielen neuen Eindrücke war nicht nur die EP L’Homme Tranquille, sondern auch die Erkenntnis, wie kraftvoll und unmittelbar Musik nach wie vor sein kann. “We discovered a youth eager for music, in particular the Egyptian youth, which had made the revolution two years earlier”, erinnert sich Frànçois  Marry. “We thought a little bit naively that all our slightly African grooves, the exotic, oriental bits in our music were going to be our footbridge towards this public. The shock was that the tracks which worked best were the rock ones, the most direct ones, like Tour de France. That sent me back to my youth, to the honesty which I could have when I was 14 years old, when the intention was more important than the shape. There is something punk, direct, immediate, solid and rough in this approach.”

Dieser Erinnerung spürte er schließlich auch in Los Angeles nach, dem dritten prägenden Ort für Solide Mirage. Modemacher Hedi Slimane hatte die Band dorthin eingeladen, und Marry stürzte sich vor allem in die Punk- und Grunge-Szene von L.A. Die Energie und Überzeugung, die er in dieser Musik (wieder-)entdeckte, nahm er sich zum Vorbild. “I really wanted zero affectation, to avoid any latest fad, any illumination. I wanted to cut back to the intention and the desire, to concentrate on speech, on simple, uncluttered musical proposals. I got back to sincerity. I learnt not to be afraid of simplicity and obvious fact. One can gain a lot by getting to the point.“

Man hört der Platte die neue Entschlossenheit von Frànçois And The Atlas Mountains an – selbst dann, wenn man kein Französisch versteht. Schon der Auftakt Grand Dérèglement ist unverkennbar rockig. Vor allem die Ausgelassenheit des Refrains ist überzeugend, der in seiner leicht gebremsten Euphorie an Yalta Club denken lässt. Ganz ähnlich gerät später Jamais Deux Pareils: Auch hier bleibt alles vorsichtig, nicht zuletzt die faszinierende Schlagzeugarbeit, dennoch tänzelt der Song unverkennbar zwischen Reggae und Funk. Mit Abstand am energischsten wird Bête Morcelée: Das ist auf jeden Fall Rock, auch zum Punk fehlt nicht viel.

Die Kampfeslust von Frànçois And The Atlas Mountains beschränkt sich dabei keineswegs auf den Sound. Viele Texte sind – auch da spielen die Erfahrung in Afrika und den USA eine wichtige Rolle – engagiert, kritisch, aktivistisch. “It is delicate to speak about politics in songs, but it is inevitable when you write in moments like these. I have an attraction to abstract poetry but I realized that it had become a head-in-the-sand technique. (…) Do we want to escape from the real world and create a musical frenzy or do we want to cry out that there are things which concern us all, of which we have to all be conscious? Both can go hand in hand: it is an example of this idea of association between the solid and the mirage”, erklärt Marry seinen Ansatz, der zugleich für die Wahl des Albumtitels ausschlaggebend war.

In Liedern wie dem traurigen Rausschmeißer Rentes Écloses passt das wunderbar, in anderen Momenten bietet die Schönheit der Musik einen faszinierenden Kontrast zum Inhalt: Apocalypse à Ipsos klingt mit seiner tollen Melodie nicht wie der Weltuntergang, sondern wie das Elysium. Im lässigen 100.000.000 stecken die Seligkeit und Soundverliebtheit von Phoenix und die Verspieltheit von Vampire Weekend, aber nicht deren Punch. Perpétuel Eté wird extrem elegant und schwelgerisch, auch dank der von Owen Pallett arrangierten Streicher.

Tendre est l’amé ist tatsächlich sehr sanft und zeigt, dass sich die Entschlossenheit dieser Band manchmal auch auf subtile Weise offenbaren kann: Die Stimme von Frànçois Marry ist (auch) hier nicht besonders, trotzdem hört man die Freude am Singen und die Bereitschaft, den Rest des Lieds in den Dienst dieses Gesangs zu stellen. Après Après hingegen macht von allen Songs am meisten deutlich, dass hier ein kreativer Geist am Werk ist, der manchmal sogar Gefahr läuft, sich selbst zu überholen.

Frànçois And The Atlas Mountains sind auch auf Solide Mirage weiterhin eigenwillig und originell. Aber das Bestreben, ihre oft sehr kunstvollen Kompositionen stärker in der Welt zu verankern, tut der Band hörbar gut. Erst recht, wenn die richtige Einstellung dahinter steht, die Frànçois Marry so zusammenfasst: “It is necessary to stand out, to impose our values. If we do not, others with less humanist values will.”

Das Video zu Grand Dérèglement scheint Party und Revolution zu vereinen.

Website von Frànçois And The Atlas Mountains.

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