Hingehört: Milky Chance – „Blossom“


Künstler Milky Chance

Milky Chance Blossom Kritik Rezension

Milky Chance jagen auf „Blossom“ nicht ihrer Hitformel nach.

Album Blossom
Label Vertigo
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Man darf da wohl von Klasse sprechen. Im Jahr 2013 landeten Milky Chance, basierend auf dem Überraschungserfolg ihrer Musik bei YouTube, mit Stolen Dance einen Nummer-1-Hit in mehreren Ländern. Auch die folgenden Singles Down By The River und Flashed Junk Mind sowie das dazugehörige Debütalbum Sadnecessary sorgten für Furore. Heute legen sie nun den Nachfolger Blossom vor – und in keinem Moment dieser Platte versuchen Clemens Rehbein und Philipp Dausch, ihrem Hitrezept nachzujagen.

Am deutlichsten zeigt das vielleicht Stay, kurz vor der Halbzeit des Albums. Das Lied hat eine sehr ähnliche Akkordfolge wie Stolen Danke, auch den leicht ramponierten Sound und dezenten Beat, der zum Markenzeichen der Band aus Kassel geworden ist. Aber Stay klingt aber kein bisschen so, als sei es auf Trittbrettfahren aus, sondern vollkommen verschlafen. Wenn ein Hit strahlend und glamourös ist, dann sieht dieser Song aus, als sei er gerade aus dem Bett gekommen und hätte sich noch nicht einmal die Zähne geputzt.

Es ist diese unbedingte und authentisch wirkende Entspanntheit, die Blossom so reizvoll macht. Ego kommt leichtfüßig und mit einer großen Selbstverständlichkeit daher, Doing Good ist dank seiner guten Dramaturgie sehr souverän, Cold Blue Rain reichert den typischen Slacker-Sound von Milky Chance mit einer Mundharmonika an. Die Gitarrenmelodie und erst recht die Atmosphäre von Heartless hätten auch Laid Back glücklich gemacht, wenn die neuerdings auf Folktronica setzen sollten. Und Losing You klingt, als hätten Clemens Rehbein und Philipp Dausch tatsächlich vier Jahre lang Sommerferien gehabt, statt eine anstrengende Tournee mit mehr als 350 Auftritten auf drei Kontinenten.

Dabei hat die ausgiebige Konzertreise das Album durchaus geprägt. „Als Künstler regt es deine Kreativität an, wenn du einfach in einen Bus steigen und an einen neuen, unbekannten Ort fahren kannst. Aber man muss auch irgendwo Wurzeln schlagen“, sagt Clemens Rehbein, der inzwischen Vater einer Tochter geworden ist. Im ebenfalls sehr lässigen Titelsong Blossom singt er über „den veränderten Blick aufs Leben“, wenn man ein Kind hat. „Du willst alles zusammenhalten. Du willst Musiker sein, aber auch ein guter Vater“, sagt er.

Das Album lebt, wie schon der Vorgänger, von seiner Stimme, die nach wie vor kein bisschen nach Nordhessen klingt, und einer sehr stimmigen Atmosphäre. Beweis dafür sind unter anderem die beiden Bonus-Tracks: Am Schluss gibt es Cold Blue Rain und Alive noch einmal akustisch, nur mit Gesang und Gitarre, aber auch diese Versionen haben denselben Charakter wie der Rest des Albums. Gelegentlich meint man zwar, auch wegen der beträchtlichen CD-Länge von 67:22 Minuten, bei Milky Chance ein Schema F erkennen zu können. Doch für Abwechslung sorgen beispielsweise kreative Percussions wie in Clouds, Reggae-Elemente wie in Firebird, ein plötzlich prominentes Klaver im passend betitelten Piano Song oder ein stärkerer Fokus auf dem Rhythmus wie in Peripeteia oder Alive, das man durch sein cooles Zusammenspiel von Bass und Tamburin mit etwas Fantasie sogar „tanzbar“ nennen könnte.

Dass das Duo dabei nur selten in die Nähe von Radiotauglichkeit kommt, dürfte die Plattenfirma eher beunruhigen als die Fans. Bad Things entspricht noch am ehesten den klassischen Hit-Anforderungen, weil es etwas schwungvoller als der Rest des Albums und zudem mit der Gaststimme von Izzy Bizu verziert ist. Auch die Vorab-Single Cocoon gehört zu den energischeren Momenten. Es geht darum, „in einer bestimmten Situation zu sein, zu versuchen, damit zurechtzukommen und herauszufinden, was und warum man es getan hat“, sagt Clemens Rehbein. Der Kokon sei zugleich auch ein Ort, „an dem du du selbst sein kannst und nicht abgelenkt bist. An dem du einen Gang runterschalten und über dich selbst nachdenken kannst“. Blossom ist für die Hörer genau solch ein Rückzugsgebiet geworden – und zeigt zugleich, wie wohl sich Milky Chance in ihrer ganz eigenen Komfortzone fühlen.

König Midas scheint auch eine Tochter gehabt zu haben, deutet das Video zu Cocoon an.

Website von Milky Chance.

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