Hundreds, Täubchenthal, Leipzig


Hundreds Konzert Live Leipzig Kritik Rezension

Das letzte Konzert der aktuellen Tour spielten Hundreds im Täubchenthal.

Mit dem Konzert im Leipziger Täubchenthal beschließen Hundreds ihre aktuelle Wilderness-Tour. 14 Konzerte haben Eva und Philipp Milner, gemeinsam mit ihrer Tour-Verstärkung Florian Wienczny, seit Anfang März gegeben.

Der Titel der Tour ist dabei zunächst hochgradig verwirrend: Von Wildnis findet sich hier keine Spur. Es wird viel Wein ausgeschenkt, die Sofas am Rand des Saals sind komplett belegt, die meisten Besucher sehen aus, als kommen sie frisch von der parallel stattfindenden Buchmesse (was eine gute Sache ist). Und als, um im Bild zu bleiben, Hundreds das letzte Kapitel ihrer Tour eröffnen, wird ebenfalls klar: Ein Konzert dieser Band hat nichts von „Wir gehen mal schnell auf die Bühne, machen ein bisschen Lärm, haben gemeinsam Spaß und schauen, was sich so daraus ergibt.“ Die Musik von Hundreds lebt davon, dass sie artifiziell ist und ihren Charakter als Kunst (im Sinne von Nicht-Natur) auch bereitwillig offenbart.

Die Bühne verbreitet ein azurblaues Licht, als die drei Musiker herauskommen, das dann bei der ersten Silbe des Gesangs von Wilderness gleißend weiß wird. Auch danach hat jeder Song seine eigene Farbe. Praktisch alles, was sich bei diesem Konzert abspielt, ist genau durchdacht, um den Effekt der Lieder zu verstärken. Wenn Eva Milner den Kopf nach links dreht und dann nach rechts, wenn die Silhouette ihres Schattens auf dem Backdrop tanzt, wenn sie im Nebel herumsteht mit dem nackten Rücken zum Publikum, wenn sie die Fans in Leipzig erst nach Fighter, dem dritten Song des Abends, begrüßt, wenn ausnahmsweise nicht nur 20 Prozent Hall auf ihrer Stimme sind, sondern gleich 40 Prozent – nichts davon ist Zufall, und schon gar nicht ist es unzivilisiert oder ungeordnet, wie man sich die Wildnis vorstellt.

Die Bilder, die während der Show auf die Bühne im Täubchenthal projiziert werden, zeigen nie Fotos oder naturalistische Darstellungen, sondern sind erkennbar Grafik, Gestaltung, das Werk eines kreativen Geistes. Einmal ist die Band selbst zu sehen, aber auch hier werden die Bilder mit einem Filter belegt, der Hundreds aussehen lässt wie Figuren in einem Science-Fiction-Zoo.

Das Täubchenthal erweist sich als sehr passende Location dafür („Obwohl es nicht diesen Theatercharme hatte, war es eine der schönsten Hallen auf der Tour“, hatte mir Eva Milner bereits nach einer Show an gleicher Stelle im Jahr 2015 im Interview erzählt). Und es ist sehr wohltuend, ein Konzert zu sehen, in dem so viel Konzept und Aufmerksamkeit für Details steckt – auch, weil die Musik von Hundreds an den entscheidenden Stellen eben doch das Lebendige, Organische, Menschliche in den Vordergrund stellt. Florian Wienczny, der in erster Linie für die Beats zuständig ist, bearbeitet neben reichlich Knöpfen und Reglern auch immer wieder mit echten Drum Sticks ein echtes Floor Tom, eine echte Hi-Hat und ein echtes Crash-Becken. Philipp Milner spielt ein Klavier, das gerade durch die oft elektronische Sound-Umgebung um so ursprünglicher klingt, und die Stimme von Eva Milner ist natürlich nicht nur echt, sondern geht auch an diesem Abend in Leipzig durch Mark und Bein.

Nicht zuletzt zeigen Hundreds live, wie vielfältig ihr Ansatz spätestens mit dem etwas düsteren Grundton des aktuellen Albums geworden ist: Wilderness meint eben nicht nur die Wildnis, der Bergiff kann auch für das Unentdeckte stehen, für den Willen, sich in neue musikalische Territorien vorzuwagen. Ein instrumentaler Rave etwa zur Hälfte des Konzerts wird somit ebenso ein Höhepunkt wie das direkt darauf folgende (und sehr ergreifende) Ten Headed Beast oder das sich direkt daran anschließende Our Past, das viel Eighties-DNA zeigt und am Ende vom Publikum in Leipzig mitgesungen wird.

Als letztes Lied des regulären Sets in Leipzig gibt es Happy Virus, es ist längst nicht der erste (und auch nicht der letzte) Song, bei dem es Szenenapplaus schon nach den ersten Tönen des Klaviers gibt. Die Zugabe beginnt mit einem Dank an die Crew und der Entschuldigung beim Lichtmann: „Stefan, du musst das Licht noch ein bisschen anlassen, die Tour ist doch noch nicht vorbei“, sagt Eva Milner. Bevor dann aber noch einmal Musik erklingt, muss Philipp allerdings erneut darauf hinweisen: „Kann mal jemand das Licht anmachen? Ich sehe nichts!“ So ist das eben, nachts in der Wildnis.

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