Hingehört: Queen – „Live At Wembley Stadium“


Künstler Queen

Queen Live At Wembley Stadium Kritik Rezension

1986 spielten Queen zum letzten Mal in London.

DVD Live At Wembley Stadium
Label Emi
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Der Kontext: Fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem legendären Live-Aid-Konzert sind Queen wieder zu Gast im Wembley-Stadion. Die Benefiz-Show im Sommer 1985 hatte sich als so etwas wie ein Wendepunkt in der Geschichte von Queen erwiesen: Galten sie vorher bei manchen als eine Rockband auf dem absteigenden Ast, die den Sprung aus den Siebzigern in das neue Jahrzehnt nie so recht geschafft hat, wurde nach ihrem fulminanten Auftritt praktisch jedermann klar: Freddie Mercury, Brian May, Roger Taylor und John Deacon sind zusammen ein nationales Heiligtum und einer der spektakulärsten Live-Acts aller Zeiten.

Entsprechend problemlos war es, die Karten für gleich zwei Abende in Wembley am 11. und 12. Juli 1986 abzusetzen. Queen konnten es sich leisten, Größen wie INXS oder Status Quo als Vorgruppen zu verpflichten. Das kurz zuvor erschienene Album A Kind Of Magic war weltweit äußerst erfolgreich, zu den 26 Stationen der dazugehörigen Magic Tour (die beiden Termine in London lagen etwa in der Mitte) kamen mehr als eine Million Zuschauer. Queen beteuerten fast jeden Abend auf der Bühne, dass an den zuvor gestreuten Trennungsgerüchten nichts dran sei. Auch in Wembley (der Konzertmitschnitt stammt vom Samstag, am Freitag hatte es in Strömen geregnet) beginnen sie Who Wants To Live Forever mit einem Treueschwur: Wir werden uns nicht auflösen, sondern zusammenbleiben bis zum Tod. Sie sollten Wort halten: Queen blieben bis zum Tod von Freddie Mercury im Jahr 1991 zusammen. Die Magic Tour sollte allerdings ihre letzte in Originalbesetzung bleiben, die hier dokumentierte Show war ihr letztes Konzert in ihrer Heimatstadt.

Die Mode: Wie bei der Live-Aid-Show sind auch etliche der Outfits legendär geworden, die Freddie Mercury bei Live At Wembley Stadium getragen hat. Er beginnt das Konzert in weißer Hose, gelbem Jäckchen und Adidas-Schuhen, natürlich auch mit Schnauzbart und dem gekürzten Mikrostativ, das sein Markenzeichen geworden ist. Die Jacke muss bei Another One Bites The Dust (das deutlich macht, wie gut Queen auch beim gerade aufkommenden Rap zugehört haben) dran glauben, das T-Shirt bei Big Spender als erster Zugabe. Zu We Will Rock You (das an diesem Abend erstaunlich lahm bleibt) trägt er dann einen Umhang, bevor er schließlich zum krönenden Abschluss von God Save The Queen im vollen Ornat auf die Bühne kommt. Für diese Kostüme ist man nicht nur dankbar, weil sie so spektakulär sind, sondern auch, weil damit die gefürchteten Alltagsklamotten der Achtziger vermieden werden. Vor allem Bassist John Deacon zeigt, wie grausam die sein können: Er sieht am Anfang des Konzerts schon bescheuert aus und schafft es dann tatsächlich, sich mit jedem Outfit-Wechsel noch zu verschlechtern.

Die Band: Die ersten Worte, als Queen in Wembley auf die Bühne kommen, lauten „One man, one goal“, bevor dann One Vision lospeitscht. Es ist diese Fokussierung, die man der Band den ganzen Abend über anmerkt, also 28 Lieder und fast zwei Stunden lang. Seven Seas Of Rhye scheint sich vor lauter Spielfreude selbst in Brand gesetzt zu haben. In I Want To Break Free glänzt die Rhythmus-Sektion mit einem sehr guten Groove. Love Of My Life beweist nur mit Gesang und 12-saitiger Akustikgitarre, dass Queen nicht nur bombastisch sein können, sondern auch bewegend. Natürlich gibt es auch reichlich Angeber-Soli, aber die Show in Wembley gönnt sich auch etwas Spontaneität, vor allem im Medley von Rock’N’Roll-Coverversionen, das mit einem akustischen (You’re So Square) Baby I Don’t Care beginnt. Alle Bandmitglieder kommen dazu nach vorne und toben sich aus, Freddie Mercury tägt einen Polizei-Helm und Disney-T-Shirt. Als das Oldie-Medley rum ist und Bohemian Rhapsody erklingt, ist es endlich ordnungsgemäß dunkel in London, das zunächst in Schunkelekstase verfallene Publikum stört sich kein bisschen daran, dass es den „Galileo“-Part bloß als Playback auf leerer Bühne gibt, sondern flippt nur umso mehr aus, als Queen dann pünktlich zum „So you think you can stone me“ zurück sind.

Die Fans: Das Publikum hat natürlich einen bedeutenden Anteil an der Einzigartigkeit und dem historischen Wert dieses Abends. Als die Show beginnt, ist es noch taghell in Wembley, die Stimmung ist dennoch ekstatisch: Die Szenen in der ersten Reihe bei härteren Songs wie Tie Your Mother Down sind nicht zu unterscheiden von einem tatsächlichen Heavy-Metal-Konzert. Bei A Kind Of Magic haben die Fans reichlich Spaß mit den riesigen Aufblasfiguren, die dem Album-Artwork nachgebildet sind und durchs Stadion schweben. Bevor Under Pressure beginnt, dürfen sich die Fans minutenlang (und sehr lustig) gemeinsam mit Freddie Mercury warmsingen. Eindeutig der Höhepunkt der Euphorie ist Radio Gaga: Dieses Meer von Armen, das im Rhythmus mitklatscht, muss (trotz all der legendären Orgien und Eskapaden, die Queen während ihrer Karriere erlebt haben) eines der schönsten Dinge sein, die sie in ihrem Leben gesehen haben.

Das Bonusmaterial: Im Prinzip kann man die beiden 2003 erschienenen DVDs von Queen Live At Wembley Stadium per se für Bonusmaterial halten, denn DVD 1 bietet erstmals das komplette Konzert vom Samstag im Bild. Bisher waren die Aufnahmen nur gekürzt auf Video verfügbar. Auf der zweiten Scheibe gibt es knapp 30 Minuten der Show vom Freitag, auffällig sind die etwas besseren Outfits, das deutlich schlechtere Wetter und Freddie Mercury, der sich in seinen Ansagen ein paar besondere Extravaganzen leistet. Außerdem enthalten: etwa 15 Minuten Amateuraufnahmen von den Proben für die Tour, bei denen leider die Gespräche der Bandmitglieder zwischen den Songs, die wohl besonders erhellend gewesen wären, fast komplett rausgeschnitten sind. Dazu die Dokumentation A Beautiful Day, die interessante Blicke hinter die Kulissen des Konzerts liefert, etwa mit Statements vom Tourmanager oder Regisseur Gavin Taylor. Die Queen-Cam (das bedeutet: es gibt einzelne Songs, in denen die Kamera permanent nur auf ein Bandmitglied gerichtet ist) ist eine Spielerei, der Zeitrafferfilm vom Rückbau der Wembley-Zwillingstürme ist überflüssig, umso informativer ist die Doku Road To Wembley mit Interviews aus dem Jahr 2003. „One of the greatest moments for us. Playing Wembley was the pinacle“, sagt Brian May darin beispielsweise über das Konzert – die beiden DVDs geben ihm Recht.

Der Frontmann: Freddie Mercury begrüßt die überwiegend männlichen Fans in Wembley mit „Hello, my beauties“, auch danach sorgt seine Performance immer wieder für spannende Reibungen zwischen dem reichlich anwesenden, typischen Bier-und-Jeansjacke-Macho-Publikum und einem von eben diesen Fans bejubelten Frontmann, der so kapriziös, divenhaft und schrill auftritt, dass eigentlich spätestens nach dieser Show jedermann seine Homosexualität hätte klar sein müssen. Auch wenn er sich gelegentlich in Selbstironie übt (etwa in Crazy Little Thing Called Love, wenn er mehr schlecht als recht die Telecaster spielt), ist er der uneingeschränkte Zeremonienmeister. Jede Geste von ihm ist wie gemacht für diese große Bühne, bei allem Können der Band ist es doch sein Auftritt, der elektrisiert. Besonders deutlich wird das in den Passagen, in denen er nicht singt: Das Herumstolzieren am Bühnenrand, der Griff zum Bier im Plastikbecher, die Handtuchpause – all das ist Showbusiness, es steckt in jeder Zelle seines Körpers. Auch, wenn die Kamera ihn von hinten filmt, wird das deutlich: Es dürfte wenige Frontmänner geben, die noch so sehr wie eine Ikone aussehen, wenn man ihr Gesicht gar nicht erkennt.

Der Höhepunkt im Video: Radio Gaga, mit einem Meer aus 140.000 Armen.

Website von Queen.

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