Hingehört: Real Estate – „In Mind“


Künstler Real Estate

In Mind Real Estate Kritik Rezension

„In Mind“ ist das erste Album von Real Estate nach der Umbesetzung.

Album In Mind
Label Domino
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

„Diese gottverdammten Musiker. Nie begreifen sie, welche Macht sie haben. (…) Sie saßen da, stimmten die Saiten, lächelten Josie an, unterhielten sich murmelnd über Tonarten und übers Wetter, während Josie das Gefühl hatte, gerade etwas gehört zu haben, das die absolute Macht besaß, ihr Leben zu rechtfertigen.“

Diesen Eindruck hat Josie, die Hauptfigur in Dave Eggers’ Roman Bis an die Grenze, als sie ein paar Musiker an einem Lagerfeuer in Alaska erlebt. Keinem davon ist klar, welche Wirkung die Musik auf diese Hörerin hat. Für die Menschen an den Instrumenten ist dieser Klang das Normalste der Welt, ursprünglich, spontan, gewachsen. Eben das, was sie gemeinsam tun. Für diese eine Person im überschaubaren Publikum ist es der Himmel.

Musik mit solcher Wirkung machen Real Estate seit 2009. Sie ist geprägt von einem großen Willen zur Schönheit, gepaart mit einem Hauch von Melancholie. Frontmann Martin Courtney singt sie mit einer Stimme mit genau dem richtigen Verhältnis aus Unschuld, Witz und Romantik. Lieder wie der eingängige Country-Flirt Diamond Eyes oder Saturday klingen nicht, als hätte sie jemand komponiert und dann gemeinsam mit seinen Kollegen schrittweise verbessert, sondern als seien sie schon immer da gewesen, von Anfang an perfekt, in einer Welt, in der immer Frühsommer, immer Wochenende und immer Kalifornien ist.

“I think there’s an earnestness to what we do. It’s coming from a truthful place of human experience, but it’s also kind of raw. It evokes something for people“, erklärt sich Bassist Alex Bleeker diesen Effekt. „Even though we are often dissecting subject matter that seems super normal and undramatic, it’s also relatable. We all grew up with this common, cookie-cutter kind of American suburban experience and we can’t help but write about that. I think there aren’t a lot of people who actually write about that in a very forthright way.”

Mit Real Estate (2009), Days (2011) und Atlas (2014) hat sich die Band aus New York immer mehr Respekt und immer mehr Fans erspielt. Das Ziel für die vierte Platte In Mind war früh klar: keine Revolution, aber Weiterentwicklung. “We’re never looking to overhaul anything in a huge way. But we do want to grow and explore new territory and use the studio in a different way. We didn’t want to change anything arbitrarily, but it felt good to reach out into some more exploratory space while still holding on to what makes us Real Estate in the first place”, umreißt Alex Bleeker diesen Ansatz. Wenn das Ziel war, die Essenz der Band zum Ausdruck zu bringen, dann ist In Mind vollends gelungen.

Darling eröffnet den Reigen mit der vertrauten Gitarrenseligkeit, die einst vielleicht von den Byrds erfunden wurde und dann über Bands wie Crowded House bis ins Heute getragen wurde. Martin Courtney erzählt darin vom ungeduldigen Warten, aber sehr viel scheint ihm das nicht auszumachen, so positiv ist dieser Song. Auch das extrem hübsche White Light, einer der schwungvollsten Momente von In Mind, und Stained Glass zählen zu den Höhepunkten in der Karriere von Real Estate: Das Schlagzeug von Jackson Pollis ist etwas energischer, der Kontext noch mehr Pop, der Refrain himmlisch, was den Sound in die Richtung von Fountains Of Wayne rücken lässt.

Same Sun klingt ein wenig wie Beck beim Schäfchenzählen und verweist mit Zeilen wie „Where does one thing ever end and the next begin? / I do not wish to retrace the steps I’ve taken / All that matters now is where I’m going“ auf das wichtigste Thema des Albums: Erwachsenwerden, Zuversicht in die eigene Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, Vertrauen in den Glauben, dass das Leben auch nach den aufregenden Jahren von Sturm und Drang noch etwas zu bieten hat.

“I feel like it takes touring a record for a few months and playing the songs over and over for me to really start understanding my own lyrics,” sagt Martin Courtney, der mittlerweile Vater von zwei Kindern ist. “But so much of this record feels like it has to do with my concerns about taking care of my family. I will often walk my wife and kids to the library and then just go out on my own, wandering around the town for three or four hours and writing the lyrics in my head. We certainly never thought this would be our lives, but now that it is, we all want to protect that and nourish it and keep it safe. I think maybe that’s what this record is about.”

Die Möglichkeit zur Weiterentwicklung haben Real Estate dabei auch musikalisch beim Schopfe ergriffen, als Gitarrist und Gründungsmitglied Matt Mondanile sich 2015 aus der Band verabschiedete. “It just seemed like a good moment to move in a slightly different direction“, sagt Martin Courtney. „The idea of bringing in a stranger seemed too weird, but I wasn’t interested in recording as a four-piece and having some hired gun come out to play shows with us. In the end asking Julian Lynch, who we’d already been playing with and we’ve known since high school, to join the band made the most sense. He felt like a full-time member of the band already.” Ähnliches gilt für Keyboarder Matt Kallman, der das neue Lineup komplettiert: Er hatte schon auf Atlas und der folgenden Tournee mitgespielt.

Gemeinsam mit Produzent Cole M.G.N. (Snoop Dogg, Julia Holter) haben die neuen Bandmitglieder wohl ihren Anteil daran, dass man In Mind zwar keine Experimente, aber doch neue Elemente anhört. Holding Pattern integriert etwas Psychedelik und viel Westcoast-Sound, Time wartet mit einem Latin-Beat auf, Two Arrows ist typisch für die langen instrumentalen Passagen auf In Mind. Besonders gerne legen Real Estate auch diesmal noch eine zusätzliche Gitarrenspur über ihre Stücke, dann noch eine, dann noch eine – aber nicht, um mit Virtuosität zu protzen, sondern weil es dem Sound zugute kommt. Serve The Song heißt schließlich ein Lied auf dieser Platte, übrigens das mit den schönsten Harmonies des Albums.

„Daydream the whole night through” (aus After The Moon) ist die Zeile, die In Mind am besten zusammenfasst: Alles ist hingehaucht, der Gesang in viel Hall versteckt, das Schlagzeug mit dem Besen gestreichelt. Am Ende klingt es kurz, als hätten sich Real Estate selbst schwindlig gesäuselt.

Viel klassischer geht es nicht (bis das Pferd kommt): das Video zu Darling.

Website von Real Estate.

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