Hingehört: Joe Goddard – „Electric Lines“


Künstler Joe Goddard

Electric Lines Joe Goddard Kritik Rezension

Joe Goddard sieht „Electric Lines“ als erstes richtiges Soloalbum.

Album Electric Lines
Label Domino
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Als den „Ort, an dem ich am glücklichsten bin“, bezeichnet Joe Goddard sein Tonstudio in Shoreditch. „In diesem Kellerbunker, abgeschnitten von der Außenwelt, wo ich mit den Synthesizern herumbasteln kann – das ist mein natürlicher Lebensraum“, sagt der Mann, der bisher sechs Alben mit Hot Chip gemacht hat, auch schon zwei mit den 2 Bears und jetzt sein zweites Solowerk vorlegt.

Dazu passt der Name der Platte: Als Electric Lines bezeichnet Goddard all die bunten Kabel, mit denen sein Eurorack-Synthesizer verbunden ist. Er spielt damit aber auch auf all die verschiedenen Genres elektronischer Musik an, die in seinem Sound verschmelzen. „Ich habe das Gefühl, dass dies ein gutes Resümee von allem ist, auf das ich hingearbeitet habe“, sagt er. „Ich hatte das Gefühl, dass ich mich erstmals mit Herz und Seele einem Soloalbum widmen wollte. Entstanden ist es aus dem Blickwinkel eines Londoners, der mit der Clubkultur aufgewachsen ist und ein sehr bewegtes musikalisches Leben in dieser Stadt geführt hat.“

Zu seinem Image als Frickler passt etwa das instrumentale Lasers, ebenso wie Truth Is Light, das vertrackt in der Methode ist, aber effizient in der Wirkung. Der Technosound von Children Of The Sun vermittelt diese dezente Art von Energie, die sein Markenzeichen ist: unaufdringlich und trotzdem extrem tanzbar.

Electric Lines beweist aber auch, dass Joe Goddard nach wie vor ein exzellentes Händchen für Pop hat. Als Beispiel können die beiden Tracks gelten, die von Jess Mills gesunden werden: Ordinary Madness ist komplex zu Beginn, um dann pünktlich zum Refrain extrem einnehmend zu werden. Das programmatische Music Is The Answer beweist als Abschluss des Albums, dass eine Hymne auch melancholisch sein darf.

Top Of The Pops habe ich immer dann geliebt, wenn eine interessante Band dich förmlich umgehauen hat. Die Momente, wenn Fremdartigkeit es an die Spitze der Charts schaffte. Popmusik aus den Randzonen ist immer mit die beste“, erklärt Joe Goddard, und wie gut er selbst solche Songs hinbekommt, wissen nicht nur New Order, die Chemical Brothers oder Franz Ferdinand, in deren Diensten er schon produziert oder geremixt hat.

Nothing Moves könnte auch zu Air passen, zeigt aber zugleich, dass seine Stimme mittlerweile vielleicht ebenso ein Markenzeichen ist wie seine Fähigkeiten im Studio. „When I close my eyes / I can see everything“, heißt die Botschaft. Die Ballade Human Heart unterstreicht eine weitere Qualität: Wenige Künstler können so viel Gefühl und Intimität in Computermusik bringen wie Joe Goddard; sogar die Roboterstimme am Ende klingt plötzlich rührend, wenn sie behauptet: „Nothing breaks my heart.“ Auch in Lose Your Love, das die Platte eröffnet, steckt reichlich Gefühl, bis sich der Track in ein durchgeknalles Synthie-Solo stürzt. Home erweist sich als Deep House auf fast schulbuchmäßige Weise, gesungen von Daniel Wilson.

Im Titelsong Electric Lines thematisiert Goddard seine Lust an der Tonspielerei auch im Text, singt von „work in progress” und dem „sound of adventure”. Das Lied klingt wie die Einsamkeit eines Computerchips, zugleich bricht der Musiker damit mit dem Klischee vom detailversessenen Kopfmenschen. Vielmehr beweist er auch auf dieser Platte (und mit den oben genannten Schlagworten), dass er den Wert von Spontaneität und Unmittelbarkeit sehr genau kennt. „Diese Worte bringen meine Gefühle über das Album auf den Punkt. Musizieren auf höchst intuitive, verspielte und natürliche Art und Weise. Dem ersten Gedanken folgen. Erst gar nicht versuchen, professionell und perfekt zu sein. Manchmal muss man von dem Demo überzeugt sein, weil es am beseeltesten und emotionalsten ist.“

Die Elektronik hat auch im Video zu Music Is The Answer eine prominente Rolle.

Website von Joe Goddard.

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