Hingehört: Puder – „Session Tapes 1 + 2“


Künstler Puder

Session Tapes 1 + 2 Puder Kritik Rezension

Alles am Stück, in kürzester Zeit: Das ist das Prinzip der „Session Tapes 1 + 2“.

Album Session Tapes 1 + 2
Label BMG
Erscheinungsjahr Pussy Empire
Bewertung

Erst ein einziges Album hat Catharina Boutari als Puder veröffentlicht, doch schon hat sie die Nase voll von diesem Format. Für ihr zweites Werk wollte die Hamburgerin einen ganz anderen Ansatz wählen. „Ich möchte Leute treffen, die ich musikalisch interessant finde, und mit ihnen innerhalb von zehn Tagen mindestens fünf Songs schreiben“, erklärt sie. Im Mai und September 2016 hat sie diese Idee in die Tat umgesetzt. Das Ergebnis gibt es jetzt (eben doch) als Album namens Session Tapes 1 + 2.

„Ich hoffe, dass es toll wird. Meine Befürchtung ist allerdings, dass mir überhaupt nichts einfällt“, sagt Boutari in einer Video-Doku zu den Aufnahmen. Diese Sorge wurde schnell zerstreut. Gemeinsam mit Gregor Hennig (Die Sterne, Rhonda, Me & My Drummer) und weiteren Mitstreitern bekam sie alleine in der ersten Session sechs Songs in fünf Tagen hin, dann gönnte sie sich noch einmal zwei Tage zum Proben und zwei Tage für die Aufnahmen. Sechs weitere Lieder entstanden bei der zweiten Runde. Das Ergebnis ist, wie schon das vor fünf Jahren erschienene Debütalbum, eigenständig und eigenwillig, gewinnt aber noch durch die Konzentration und Reduktion der Mittel, wie schon der spannende Auftakt Tokio Calling zeigt.

Der Versuch, ein paar Vergleichspunkte zu finden, um den Sound von Puder zu umreißen, ist schwierig. Zu sehr unterscheiden sich die einzelnen Stücke der Session Tapes, zu wichtig ist Boutari offensichtlich auch der Anspruch, sich jenseits aller Konventionen zu bewegen. Versuchen wir es dennoch: Mein Mädchen kann vereint Niedlichkeit und Biestigkeit, wie man das von Kate Nash kennt. Man braucht nur etwas Fantasie, um Naughty mit seinem abgefahrenen Rhythmus etwa im Universum von Nina Hagen verorten zu können. Bei Für immer und einen Tag trifft ein hartnäckiger Beat auf etwas viel Schönklang (da hat vielleicht die Schlager-Historie des Studio Nord in Bremen ihre Spuren hinterlassen), sodass man im Ergebnis an 2Raumwohung oder Rosenstolz denken kann.

Der Rest ist ebenso unkonventionell wie gewitzt. Puder integriert Jazz, Loops, Field Recordings und einige Instrumente Marke Eigenbau in ihren Sound. Geliebtes Ding mit seinem lustigen Bass und dem insgesamt sehr verspielten Arrangement ist ein gutes Beispiel dafür, ebenso Giganten: Der Sound ist in der Strophe recht aggressiv, die Melodie im Refrain hingegen hochgradig elegant, in Summe passt das perfekt zu einem Text über eine sehr besondere, vielleicht unzerstörbare Liebe. Sing für mich erweist sich als ein Bossa, in dem der Teufel steckt, Du behauptest Punk entpuppt sich als ein Quasi-Blues, der vielleicht die Suche nach einer Mitte thematisiert, die nur von „der Liebe der gewöhnlichen Herzen“ zum Ziel geführt werden kann.

In meinem Garten ist ein treffendes Beispiel für den harmonischen Mix aus englischen und deutschen Texten bei Puder, Raketenkinder, der vielleicht eingängigste Moment des Albums, zeigt ihr Talent für romantische und rätselhafte Sprachbilder. In Jackie erzählt sie die Geschichte von Jackie, der die Welt retten soll, aber beim Blick auf die Menschen nicht genug erkennen kann, was dieser Mühe wert wäre, im ungestümen Polaroid muss der Gesang dann nicht einmal mehr schön sein, sondern in erster Linie nachdrücklich.

„Ich will nie wieder anders Musik aufnehmen als so. Alle zusammen in einem Raum, und von Anfang bis Ende durch“, lautet das Fazit von Catharina Boutari über ihr Experiment. Angesichts der Spontaneität und Originalität der Session Tapes kann man ihre Zufriedenheit gut nachvollziehen. „Ich hätte nie gedacht, dass Songwriting so mühelos sein kann.“

Das Video zu Tokio Calling gewährt ein paar Einblicke in die Sessions.

Website von Puder.

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