Hingehört: Nick Cave And The Bad Seeds – „Lovely Creatures“


Künstler Nick Cave And The Bad Seeds

Lovely Creatures Nick Cave And The Bad Seeds Kritik Rezension

30 Jahre Bandgeschichte vereint „Lovely Creatures“ auf 3 CDs.

Album Lovely Creatures. The Best Of
Label Mute
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Als „perhaps the only post-punk-era artist who is able to stand shoulder to shoulder with the likes of Bob Dylan and Leonard Cohen“ bezeichnet Schriftsteller Kirk Lake den Helden dieser wunderschönen Werkschau in seinen Liner Notes. Wobei von „dem Helden“, Singular, eigentlich nicht die Rede sein sollte. Lake betont bei Nick Cave And The Bad Seeds sehr klar den gerne vergessenen Teil, der nach dem „&“ kommt, die Bedeutung der Gruppe, deren Schaffen bedeutender ist als die Summe der einzelnen Teile, auch wenn der Frontmann daran als „architect, instigator, whip-wielding lion-tamer“ gehörigen Anteil hat.

Das gilt insbesondere, weil der Australier letztlich die einzige Konstante dieses Kollektivs ist. Das Booklet von Lovely Creatures. The Best Of zeigt insgesamt 15 Bad Seeds, inklusive Nick Cave. Martyn Casey, Blixa Bargeld, Mick Harvey und Warren Ellis haben dabei wahrscheinlich am deutlichsten ihre Spuren gelassen. Doch der ständige Wandel ist ein Wesenselement dieser Band und trägt dazu bei, dass sie sich als „one of the most exciting, volatile and instinctually progressive group of musicians of the past thirty years“ profilieren konnte, wie Lake schreibt.

Das galt schon zu Beginn: Nach dem Ende der Vorgängerband Birthday Party, die (auch wenn die Musiker selbst diese Bezeichnung nie mochten) gerne als „kings of gothic rock“ bezeichnet wurden, siedelte sich die Band zunächst in London an. Das 1984 erschienene Debütalbum war ein sehr bewusster Bruch mit dem früheren Output. Es folgten die wilden Berliner Jahre inklusive einer sehr ausgeprägten Vorliebe für Heroin, später wurden die Bad Seeds etwas ruhiger und langsamer. Ungefähr ab The Boatman’s Call (1997) dominierte Nick Cave das Oeuvre sehr deutlich, bis etwa ab 2004 wieder mehr Input der (erneut umformierten) Band deutlich wurde, inklusive elektronischer Einflüsse.

Lovely Creatures wählt eine andere Einteilung in Karriereabschnitte, zeigt diese Entwicklung aber dennoch auf. Die erste CD widmet sich den Jahren 1984 bis 1993. Der Auftakt From Her To Eternity klingt noch heute wie ein Schock: Das ist Avantgarde, die Gitarre ist nicht als solche zu erkennen, das Schlagzeug klingt, als werde es von seiner eigenen Besessenheit gespielt, Nick Cave singt dazu aus der Perspektive eines Voyeurs. Die nächsten zwei Stücke leben seine Obsession für Elvis aus: Beim Cover von In The Ghetto singt er nicht nur das Lied von Elvis Presley, er referenziert zugleich das Leben des King Of Rock’N’Roll, samt seiner Hybris, die dazu führte, dass er aus dem Wolkenkuckucksheim von Graceland aus ein Lied über das Ghetto zu machen wagte. Tupelo behandelt die Geburt von Elvis, und zwar wild, fies und irre.

Was Nick Cave And The Bad Seeds allein auf dieser ersten CD an Vielfalt bieten, ist kaum zu glauben: The Carny ist in der Nähe von Zwölftonmusik, in Stranger Than Kindness liegt der Fokus eindeutig eher auf „Strange“ denn auf „Kindness“. Scum ist vielleicht die Musik, die Kulturpessimisten befürchtet hatten, als sie die ersten Gehversuche des Rock’N’Roll verdammten. Unter all dem Wahnsinn von The Mercy Seat steckt tatsächlich Struktur, sogar Eingängigkeit – es klingt wie eine Beichte, im letzten möglichen Moment vor der Hinrichtung. Was aus Deanna spricht, ist kein verschämtes Begehren wie bei Diana von Paul Anka, sondern die ungezügelte, sogar bedrohliche Kraft männlicher Lust.

The Ship Song wird ein so mächtiges, unwiderstehliches und würdevolles Liebeslied, weil es nicht von blauäugiger Verliebtheit oder blindem Taumel der Euphorie getrieben ist, sondern weil Zweifel darin stecken und weil es um die Wunden weiß, die man in der Liebe davontragen kann. The Weeping Song interpretieren Nick Cave And The Bad Seeds als Dialog zwischen Vater und Sohn (oder Gott und Gläubigem), wobei Nick Cave in die eine und Blixa Bargeld in die andere Rolle schlüpft. Der Song hat eine sehr ursprüngliche Kraft, als stamme er aus Afrika oder von den Bewohnern einer kargen Bergregion. Dass Papa Won’t Leave You, Henry wie ein Kinofilm wirkt, bevorzugt wie einer von Quentin Tarantino, liegt nicht nur an dem Text voller starker Bilder, sondern auch an der opulenten, brodelnden, atemlosen Atmosphäre. Straight To You ist eine Endzeit-Prophezeiung, aber Nick Cave schafft es, das fast wie ein Liebeslied klingen zu lassen.

Und dann sind da noch zwei Lieder, die auf die vielleicht wichtigste Kontinuität bei Nick Cave And The Bad Seeds verweisen, nicht nur auf der ersten CD der Lovely Creatures, sondern quer durch ihre ganze Karriere. „It was through the blues that Cave found a way to deal with idea of God in all of His glory and hideous cruelty“, hat Lake erkannt. Was damit gemeint ist, zeigt zum einen Up Jumped The Devil: Es ist die Lebensgeschichte eines Verdammten, Nick Cave erzählt sie nicht gerade stolz, aber auch nicht als Bitte um Vergebung, sondern bloß mit pechschwarzem Realismus. Erschreckend an I’m Gonna Kill That Woman, einem Cover von John Lee Hooker, ist zum anderen nicht nur die karge Soundlandschaft, sondern auch, wie glaubwürdig diese Ankündigung eines Mordes klingt.

Das zweite Jahrzehnt der Bandgeschichte, also den Zeitraum von 1994 bis 2003, nimmt die zweite CD von Lovely Creatures in den Fokus. Auch hier gibt es manchmal lupenreinen (Red Right Hand), manchmal schwer malträtierten Blues (People Ain’t No Good singt er nicht nur aus tiefster Überzeugung, sondern aus leidvoller Erfahrung), am deutlichsten zeigt vielleicht das angeblich innerhalb einer Viertelstunde komponierte und aufgenomme Stagger Lee die Liebe von Nick Cave And The Bad Seeds zur Pose, zum Topos und zur Historie.

Auch die Vielfalt der Einflüsse beeindruckt wieder: God Is In The House lässt allein durch die brüchige Stimme erahnen, dass hier keinesfalls von einer Epiphanie die Rede sein kann, denn das klingt nicht erhaben, sondern überanstrengt. Loverman gerät gifitg, fies und disparat – diese Attribute gelten nicht nur emotional, sondern auch im Sound. Come Into My Sleep enthält gut versteckte Latin-Elemente, die für einen faszinierenden Groove sorgen. So wie Into My Arms klingt es wahrscheinlich, wenn Agnostiker den Gospel singen. Shoot Me Down ist Existenzialismus in Noten: Nick Cave weiß ganz eindeutig, wie nah die absolute Hingabe am Tod ist. (Are You) The One That I’ve Been Waiting For? ist so großartig romantisch, weil es nicht nur an der Liebe zweifelt, sondern auch an der eigenen Fähigkeit zu lieben, wie man das von Leonard Cohen kennt.

Überhaupt diese Liebeslieder: In der Zeile „She’s nobody’s baby now“ aus dem fast gleichnamigen Lied steckt eine Verlorenheit, die Cave definitiv nachfühlen kann. Do You Love Me? ist so kaputt und bedrohlich, weil er schon ahnt, dass diese Liebe vielleicht bloß eine Lüge ist, auch wenn er trotzdem gerne daran glauben will. Ein Lied wie Love Letter ist eigentlich viel zu schön für jemanden, der so gerne auf die hässlichen Seiten des Lebens blickt, He Wants You klingt hingegen, als könnte nichts so einfach sein wie die Liebe.

Nicht zuletzt findet sich hier auch das unvergleichliche Where The Wild Roses Grow, das Duett mit Kylie Minogue. Die Konstellation von „die Schöne und das Biest“ mag im Rückblick klassisch wirken, war aber damals extrem gewagt und hat sich letztlich als Boost für die Karriere von beiden erwiesen. „In many ways the idea of an internalized war between vice and virtue, between good and evil, represents not so much the lyrics of Cave’s songs, though he certainly has addressed those themes, but the sound of the Bad Seeds themselves“, schreibt Kirk Lake in den Liner Notes, auch dieser in puncto Verkaufszahlen größter Wurf der Band bestätigt diese These.

Bis zu den Lovely Creatures des Jahres 2013 reicht der Blick auf der dritten CD dieses Best Of. Auch hier gibt es die Urform aller Düstermusik, etwa im Higgs Boson Blues, der den im Titel erwähnten Genre sowohl im Sound als auch im Thema alle Ehre macht. Das pechschwarze Night Of The Lotus Eaters ist Musik mit so wenig Kenntnis von Glück und Hoffnung, dass sie eigentlich nur in jahrelanger Einzelhaft entstanden sein kann, oder in der Musik-AG einer psychiatrischen Anstalt für besonders schwere Fälle. We No Who U R wird todtraurig und unversöhnlich, Jesus Of The Moon entpuppt sich als Hohelied auf die eigenen Rastlosigkeit, im noisigen Hiding All Away ist alles ist aus der Ordnung – wenn der Chor am Ende „There is a war coming“ singt, könnte darin fast ein wenig Vorfreude stecken.

Auch hier findet man einige unerwartete Verwandtschaften und Einflüsse. Das elegische Jubilee Street wirkt fast ein bisschen weggetreten und ist genauso nahe an The Velvet Underground wie an Bob Dylan. Breathless fängt an wie eine besoffene Tex-Mex-Kappelle und bleibt auch danach auf sehr kurzweilige Art etwas neben der Spur. Dig, Lazarus, Dig!!! hat, man mag es kaum glauben, nicht nur viel Groove, sondern auch Humor. More News From Nowhere, in dem der Sänger den Geistern seiner diversen Ex-Freundinnen begegnet, ist archetypisch für alles, was Rockmusik ausmacht und zugleich unverkennbar Nick Cave.

There She Goes, My Beautiful World hat eine packende Nervosität, Dringlichkeit und Kraft, Nature Boy beeindruckt zugleich mit Schwung, Energie und Eleganz, Babe, You Turn Me On ist enorm sexy, gerade weil es so hilflos ist und so sehr Rettung benötigt. In O Childen singt Nick Cave wie der Führer einer sehr verwirrten Sekte, die einen Weg zur Erlösung mit besonders vielen Fallstricken verspricht. Die Musik von We Call Upon The Author könnte aus der Steinzeit sein, so primitiv ist sie, der Text hingegen ist unverkennbar akademisch. Push The Sky Away schließlich könnte man fast für ein Requiem halten: „The sun is rising for me“, singt Nick Cave – beinahe, als müsse er sich dafür entschuldigen.

Der eingangs erwähnte Vergleich zu Bob Dylan und Leonard Cohen erweist sich angesichts der Lovely Creatures auch deshalb als treffend, weil Nick Cave And The Bad Seeds sich den ganz großen Themen widmen, und zwar auf ebenso ungewöhnliche wie intelligente Weise. „For Cave, God became a metaphor, the gatekeeper of the liminal, precarious portal that exists between life and death, the physical world and the void“, umschreibt Lake den Ausgangspunkt dieser besonderen Perspektive. Ein noch stärkares Leitmotiv machen diese drei großartigen CDs allerdings ebenfalls deutlich: Wut. SIe ist bei Nick Cave And The Bad Seeds die treibende Kraft, aus der erst ein Text und dann Musik wird.

Video

Website

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.