Hingehört: Saint Etienne – „Home Counties“


Künstler Saint Etienne

Home Counties Saint Etienne Kritik Rezension

Von einem Tag in den „Home Counties“ erzählen Saint Etienne.

Album Home Counties
Label Heavenly
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Als „Home Counties“ bezeichnet man die Bezirke, die unmittelbar an London grenzen, aber nicht dazugehören. Es ist die Gegend, wo Großbritannien vielleicht nicht am größten, aber wohl am britischsten ist. Die Menschen dort mögen es geregelt und sind inmitten ihrer behüteten Beschaulichkeit natürlich umso gieriger auf ein bisschen Klatsch und Exzentrik. „Umland“ wäre die deutsche Entsprechung, und genau dort liegt die Heimat von Saint Etienne, die ihren neunten Longplayer zu einem Konzeptalbum über die Home Counties gemacht haben.

Ganz konsequent pendelten Sarah Cracknell, Pete Wiggs und Ben Stanley jeden Tag mit dem Zug zu den Aufnahmen in London, die unter Leitung von Produzent Shawn Lee stattfanden. Diese Aufmerksamkeit fürs Detail und diese Betonung von Authentizität sind zwei der Stärken des Albums. Die Idee verweist aber auch auf eine Schwäche von Home Counties: Saint Etienne verlieren sich hier manchmal in Manierismen. Statt Songs besonders großartig zu machen, scheint es ihnen hier oft genügt zu haben, sie stilecht zu machen.

Out Of My Mind und After Hebden sind Beispiele dafür: Das klingt nett, aber auch nach Schema F. Die Zwischenspiele mit Ausschnitten aus dem BBC-Radioprogramm helfen zwar dabei, das Konzept des Albums (ein Tag in den Home Counties) zu strukturieren, gehen insgesamt aber ebenfalls zu Lasten des Spannungsbogens. Auch die Lyrics profitieren keineswegs vom Sujet: “Always young and free / underneath the apple tree”, heißt es in Underneath The Apple Tree – das wäre vielleicht sogar als Text für Roxette zu fluffig. Auch deshalb nähert sich der Song (trotz der Glam-Rock-Gitarre gegen Ende) einer Persiflage.

Fans des Trios werden hier freilich vieles finden, was sie an Saint Etienne schätzen: Something New erzählt von einem Mädchen, das sich nachts ins Haus schleicht, weil es noch viel zu jung ist, um so lange feiern zu gehen. Das Lied beginnt mit einer Gitarre, die sehr jangle ist, einer Orgel, die sehr warm ist, einer Stimme, die sehr schön ist, und einem Beat, der sehr sachte ist. Alles ist da von den typischen Zutaten, allenfalls die Reihenfolge, in der die Instrumente ihren Auftritt haben, vermag zu überraschen.

Take It All In ist ebenfalls klassisch Saint Etienne, mit Train Drivers In Eyeliner beweisen die Engländer, wie sagenhaft hübsche Lieder sie nach wie vor hinbekommen können, auch das sehr stimmige Unopened Fan Mail ist ein Highlight. Whyteleafe führt vor Augen: Zu den Stärken von Cracknell, Wiggs und Stanley gehört von je her nicht nur Schönklang, sondern auch Storytelling.

Immerhin ab und zu gibt es in den Home Counties aber auch ungewohnte Klänge. Magpie Eyes zeigt erstmals einen Hauch von Entschlossenheit, auch in Heather heißt der Hebel, mit dem Saint Etienne ihre Ambitionen umsetzen wollen: Mini-Aggressivität. What Kind Of World integriert etwas TripHop und rückt zugleich in die Nähe etwa von Moloko, Church Pew Furniture Restorer wird funky und schmissig, sodass man an die frühen Cardigans denken kann. Auch der Quasi-Rausschmeißer Sweet Arcadia gehört in diese Reihe: Sarah Cracknell singt nicht, sondern spricht fast acht Minuten lang, das ist (trotzdem) sehr spannend.

Insgesamt funktioniert Home Counties aber deutlich besser als geschmackvolle Milieustudie denn als tolles Pop-Album. Leider gehen die Songs von Saint Etienne diesmal selten den Schritt von okay zu gut, noch seltener den Schritt von gut zu umwerfend.

Eindeutig Umland: Das Video zu Magpie Eyes.

Website von Saint Etienne.

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