Hingehört: Bonaparte – „The Return Of Stravinsky Wellington“


Künstler Bonaparte

The Return Of Stravinsky Wellington Bonaparte Kritik Rezension

Auf seinem fünften Album kommt Tobias Jundt runter.

Album The Return Of Stravinsky Wellington
Label Bonaparte
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Cat Content, jetzt auch in Liedform! Diesen Vorwurf könnte man Hey (Is For Horses) machen, dem sechsten Lied auf dieser Platte. Der Song ist teilweise aus der Sicht einer Katze geschrieben und passt damit, ebenso wie der spinnerte Albumtitel The Return Of Stravinsky Wellington, zum durchgeknallten Image von Bonaparte. Exzentrik, Drogen, Spektakel, Sex – dafür stand die Musik von Mastermind Tobias Jundt. Davon ist auf seinem fünften Album wenig übrig geblieben. Es gibt auch auf diesem Werk noch Slogans, aber viel öfter gibt es Gefühle und, man wagt es kaum auszusprechen, sogar Ernsthaftigkeit. Und das klingt richtig gut.

Die Single Wolfenbüttel ist keineswegs eine Hymne auf die Heimatstadt des Jägermeisters, sondern erweist sich als Yacht-Rock-Ballade, einfühlsam und voller Intimität. Kinfolk ist im Kern ein Folksong, Melody X bezeichnet sich selbst sehr treffend als „worst case scenario lullaby“; die passende Form dafür ist eine zauberhafte Melodie, ein mitfühlender Gestus und ein hymnischer Sound, inklusive Streichern und Gospelchor.

„Das Geilste für mich ist aktuell, Emotionen abzubilden, dazu zu stehen, mich zu bekennen“, sagt Tobias Jundt, der sich einst als Party-Kaiser von Berlin voll und ganz dem Hedonismus verschrieben hatte. Nun zeigt er sich in Polyamory in Liebesangelegenheiten erstaunlich konservativ – und wundert sich selbst darüber. Einige Songs von The Return Of Stravinsky Wellington hat er gemeinsam mit seiner Frau geschrieben („Die Familie war immer schon da, jetzt ist sie noch mehr in den Mittelpunkt gerückt.“). In High Five In Your Face singt seine fünfjährige Tochter. Das Lied ist ästhetisch ausnahmsweise auf Krawall aus, mit seiner kratzbürstigen Kinderstimme, Surfgitarre, bombastischem Chor und einem Zitat aus Bruder Jakob.

Auch in In The Wash, bezeichnenderweise der schwächste Track der Platte, darf sich ein wenig das Chaos entfalten, das man bisher so an Bonaparte geschätzt hat. Ansonsten ist die Subversion in ein beinahe elegantes Gewand gekleidet wie in White Noize. Das Lied ist einnehmend und einlullend, man hört die Sehnsucht nach Abschalten und Ausblenden angesichts der Probleme, Überfrachtung und Entfremdung, die hier das Thema sind („My arm is growing tired / of waving the white flag“). Fast wirkt es, als wolle Jundt ein kleines bisschen Ohnmacht akzeptieren oder wenigstens den Eskapismus in Betracht ziehen, statt eine Revolte anzuzetteln und seiner Wut freien Lauf zu lassen, wie man das früher von ihm erwartet hätte.

Halfway House ist klug, kurzweilig und cool wie fast alle Momente des Albums, zudem ein gutes Beispiel für Bereicherung der Arrangements durch die Bläser, die auf The Return Of Stravinsky Wellington großzügig eingesetzt werden. „Meine bisherigen Platten waren vor allem für die Nacht konzipiert, diese passt nun zu allen Situationen des Lebens“, meint Tobias Jundt, und man muss ihm zustimmen.

Ein Song wie Fuck Your Accent dürfte Julian Casblancas neidisch machen: Das ist lakonisch, eingängig und perfide, nicht nur weil „I just want to fuck your accent“ bei dem Schweizer ein wenig wie „I just want to fuck you ass in“ klingt. „You only call me when you need something“, lautet der Vorwurf in Let It Ring, das dazugehörige Lied fängt gut den Mix aus Empörung, Stolz und Abhängigkeit ein, der in solch einer Beziehung steckt. Den Wunsch, sich daraus zu befreien und die heimliche Freude, wenn das Telefon dann doch wieder klingelt.

Das eingangs erwähnte Hey (Is For Horses) thematisiert letztlich, wie schnell Routine zur Monotonie werden kann, und wie viel erfreulicher deshalb eine unerwartet faszinierende Begegnung sein kann. Das gilt im Leben einer Katze wie beim Hören einer Platte. Und Bonaparte ist mit The Return Of Stravinsky Wellington eine sehr gelungene Überraschung geglückt. Die Musik von Tobias Jundt steckt weiterhin voller Ideen, aber er findet eine weniger sperrige Form für seine manchmal übersprudelnde Kreativität. Er setzt nicht mehr auf den grellen Effekt oder spontanen Gag, der oft auch erst im Kontext des Live-Spektakels richtig funktionierte, sondern präsentiert nun Songs mit deutlich mehr Halbwertszeit – und mit nicht für möglich gehaltener Schönheit.

Im Video zu Fuck Your Accent spielt Bela B. mit.

Homepage von Bonaparte.

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