Hingehört: Kraftklub – „Keine Nacht für niemand“


Künstler Kraftklub

Keine Nacht für niemand Kraftklub Kritik Rezension Philipp Weiser

Mut ist die wichtigste Zutat von „Keine Nacht für niemand“.

Album Keine Nacht für niemand
Label Vertigo
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Wow. Eine Reaktion mit diesen drei Buchstaben bekommt man selten hin, wenn eine Band ihr drittes Album veröffentlicht. Erst recht nicht, wenn es das dritte Album ist, das Platz 1 der deutschen Charts erreicht. Kraftklub schaffen mit dem gerade erschienenen Keine Nacht für niemand aber genau das. Und zwar, weil Felix Brummer, Karl Schumann, Till Brummer, Steffen Israel und Max Marschk genau das beweisen, was dem Vorgänger ein wenig gefehlt hatte: Mut.

Auf dem Papier klingen die Songs ähnlich wie die Sachen, die auf Mit K (2012) die deutsche Musikwelt in Flammen gesetzt und dann auf In Schwarz (2014) den Status von Kraftklub als klügste und wichtigste Rockband des Landes untermauert haben. Erneut sind unter der Regie von Produzent Philipp „Philsen“ Hoppen reichlich Tracks entstanden, denen man das simple Rezept „Discobeats und Hives-Riffs“ unterstellen könnte.

Aber schon eine oberflächliche Wahrnehmung von Keine Nacht für niemand zeigt: Die Chemnitzer sind auf ihrer neuen Platte nicht nur so vielseitig wie nie (wie groß ihr musikalischer Horizont ist, zeigt sich diesmal schon in den musikalischen und textlichen Referenzen, die von Ton Steine Scherben über Wu-Tang Clan und Beatles bis hin zu den Ärzten reichen). Sie sind auch so unberechenbar, wie man das von keiner anderen Band mit einem vergleichbaren Status hätte erwarten dürfen (vielleicht abgesehen von Knallköppen wie Deichkind, denen man Narrenfreiheit zugesteht). Praktisch jeder Song hat ein Element, das höchst gewagt ist und bei einer Band mit weniger Selbstvertrauen, geringerem Ehrgeiz oder einem deutlich nervöseren Management fast selbstmörderisch wirken könnte.

Beispiele? Leben ruinieren ist erstaunlich wenig heavy und dafür äußert funky – das könnte man sich 1:1 von Cro vorstellen. Die Single Fenster ist nicht nur engagiert, sondern integriert sogar Tagespolitik mit Themen wie Chemtrails-Spinnern, Lügenpresse-Vorwürfen oder dem Hass auf Eliten. Die Botschaft heißt: So lange du nur auf dich blickst, wirst du nichts verändern können, egal welche politische Agenda du verfolgst. Gemeinschaft, Humanität und Vernunft sind wichtig – diesen Gedankengang muss man erst einmal in einen Rock’N’Roll-Song integrieren können.

Die Idee, „Chemie“ sächsisch auszusprechen und so in die Nähe von „Shimmy“ zu bringen, einem seit knapp 100 Jahren nicht mehr modernen Tanzstil, kann eigentlich nicht gut gehen, funktioniert in Chemie Chemie Ya aber wunderbar. „Ich komm nicht mehr klar / kommst du mit?“, heißt die Frage angesichts von Drogen, die nicht mehr exzeptionell als High oder zur Partyoptimierung konsumiert werden, sondern zur Selbstverständlichkeit geworden sind oder zum Hilfsmittel, um das Nine-To-Five-Leben zu überstehen. Sie sind nicht Flucht aus dem Alltag, sondern Alltag.

Auch hier gelingt es der Band, das Lebensgefühl junger Menschen (also: ihrer Fans) nicht nur aufzunehmen, sondern auch zu hinterfragen, ohne dabei wie Oberlehrer daherzukommen. Der Song ist damit ein weiterer Beweis dafür, dass Kraftklub mit Abstand das Beste sind, was der Jugend dieses Landes in den vergangenen hat widerfahren können. In Am Ende mutet die Band ihrem Publikum sogar einen Gastauftritt von Sven Regener zu (der das Lied auch mitgeschrieben hat), einem Mann, der dreimal so alt ist wie der durchschnittliche Konzertbesucher von Kraftklub. Es geht in Am Ende um eine Besessenheit, deren Objekt nicht benannt wird. Eine Frau? Eine Droge? Ein Lied? Ausgerechnet diese Obsession wird am Anfang mit einem recht trägen Beat unterlegt, bevor doch noch ein Krawall entsteht, der dem emotionalen Inferno entspricht, das hier besungen wird.

Ähnlich funktioniert Fan von Dir, ein Vielleicht-Fußballsong, der nicht Triumph und Identität in den Vordergrund stellt, sondern den Zusammenhalt trotz der Niederlage, und den Lieblingsverein dabei ebenso verschweigt wie die Tatsache, ob es hier wirklich um Fußball (oder eine andere Sportart) geht. In die Kategorie „gewagt“ gehört auch ein Vierteljahr nach der Veröffentlichung weiterhin der Vorab-Song Dein Lied. Im Album-Kontext wird erst recht klar, wie waidwund Felix Brummer hier singt. Er ist emotional, verletzt und sonst nichts – das wirkt fast noch schockierender als der „Du verdammte Hure“-Refrain oder der Kontrast aus Hochkultur (das pompöse Orchesterarrangement) und Gosse (die Fäkalsprache).

Dass Kraftklub sich so etwas trauen, ist beeindruckend genug – was dabei herauskommt, ist fast durchweg spektakulär. Der Diss gegen diverse Rapper in Venus ist nur eine logische Entsprechung davon: Der Song ist nichts anderes als die Betonung der ultimativen Eigenständigkeit, mit der klaren Ansage: Wir definieren unsere eigenen Maßstäbe. Das gilt auch für Band mit dem K, die obligatorische Kampfansage zum Beginn des Albums. Der Track besteht aus fünf Teilen (zwei mehr, als heutzutage selbst bei Gitarrenbands Standard sind) und drei Monsterriffs (3 mehr, als heutzutage selbst bei Gitarrenbands Standard sind). Auch im Text lässt sich eine ordentliche Dosis Experimentierfreude erkennen: Die ironische Überhöhung, die man von Unsere Fans kennt, übertragen Kraftklub hier bis ins Religiöse. Sie zeigen damit zugleich, wie lächerlich es ist, Erlösung und Antworten ausgerechnet von einer Band zu erwarten, die manchmal nur BHs, Merchandisingverkäufe und W-O-D-K-A im Kopf hat.

Reichlich Selbstreferenzen stecken auch in Hausverbot (Chrom & Schwarz). Die Chemnitzer erklären dahin sicherheitshalber noch einmal, wie wichtig es ist, ab und zu infantil und uncool zu sein, wie viel Spaß die Eskalation machen kann und dass eine Nacht meist dann legendär wird, wenn man nicht an die Folgen denkt, selbst wenn das eine „Mitfahrgelegenheit in blau-weiß“ bedeuten sollte. Lustig ist das nicht nur, weil es als Partyrock so gut funktioniert (Kraftklub wandeln zu Beginn das Riff von Blurs Song 2 leicht um und sind auch noch dreist genug, darauf ein „Woo-hoo“ folgen zu lassen), sondern auch, weil man davon ausgehen kann, dass sie heute eher mit Angeboten belästigt werden, als Testimonials für irgendwelche Clubs herzuhalten, als dass ihnen tatsächlich irgendwo der Zutritt verwehrt werden könnte. Aber die Band betont auch hier die Augenhöhe mit dem Publikum: Wir sind genauso unvernünftige Deppen wie ihr, und wir nehmen lieber das Hausverbot als die Werbekohle.

Die Idee, sich stets als Teil der Fans zu fühlen, und zwar im Zweifel als Verlierer, die Trost und Aufmunterung in der Musik ihrer Helden suchen, kennt man von den Ärzten, und passend dazu werden die Berliner denn auch in Sklave zitiert. Sind „100 Jahre Vertragslaufzeit“ wirklich alles, was wir vom Leben erwarten und worüber wie unseren Wert definieren, fragen Kraftklub in diesem Song, auch das ist ein Beleg dafür, dass sie trotz Platin-Schallplatten nah dran sind am echten Leben. Sie wissen, wie groß der Druck zu Unterordnung und Erniedrigung in fast jedem ganz normalen Job ist, dem sie als Rockstars zwar nun entkommen sind, den sie aber nachfühlen können.

Selbst ein Glamrock wie Hallo Nacht als Absage an ein bürgerliches Leben wirkt von dieser Band nicht wie eine abgehobene Rockstar-Pose. Zwar wird das Nachtleben als natürliches Habitat besungen, aber nicht offensiv als Feier des Hedonismus, sondern defensiv als Selbstverteidigung und Flucht aus der Kacke der Welt, zum Wohle der eigenen geistigen Gesundheit. Vielleicht am besten bringt Liebe zu dritt die Wirkung von Keine Nacht für niemand zur Geltung: Darin stecken sehr viele gute Ideen und ein hoher Spaßfaktor (nach Zeilen wie „Wir gehen unter / doch ich sinke mit Stil / ich schlafe wenig / dafür trinke ich viel“ wird der Song beinahe zum Rave), vor allem aber ein klares Bekenntnis zur Selbstbestimmung: Für Kraftklub gibt es keine Kompromisse und keine Konventionen.

Das Video zu Sklave wird definitiv nie als Werbeclip der Bundesagentur für Arbeit dienen.

Website von Kraftklub.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.