Hingehört: Single Mothers – „Our Pleasure“


Künstler Single Mothers

Our Pleasure Single Mothers Kritik Rezension

„Our Pleasure“ ist das zweite Album der Single Mothers.

Album Our Pleasure
Label Big Scary Monsters
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Alleinerziehende Mütter haben es fürwahr nicht leicht. Die Armutsquote bei Alleinerziehenden (von denen 90 Prozent Frauen sind) liegt in Deutschland bei über 40 Prozent. Kürzlich zeigte eine Studie, dass sie überproportional oft von Altersarmut betroffen sind – laut einer Umfrage gehen schon heute zwei Drittel der alleinerziehenden Frauen im Alter von 30 bis 50 davon aus, später nicht von ihrer Rente leben zu können. Und jetzt kommt auch noch eine Punkband aus Kanada, nennt sich Single Mothers und fragt im zweiten Lied ihres heute erscheinenden zweiten Albums ohne eine Spur von Empathie: „Whatever happened to single mothers?“

High Speed heißt das Lied dazu, und neben der wenig einfühlsamen Attitüde ist auch seine Form typisch für die Songs auf Our Pleasure: Es gibt ein ungewöhnliches, aber kraftvolles Riff, der Gesang von Frontmann Drew Thomson ist fast gesprochen, die Atmosphäre steckt voller Hektik und Energie. Man kennt solche Zutaten etwa auch von Art Brut oder Bonaparte, aber bei Single Mothers wird Pop in keinem Moment die Tür geöffnet.

Die zehn Tracks auf Our Pleasure haben vielmehr durchweg eine sehr freie Form: Die Songstrukturen sind komplex, die Texte verzichten auf Reime. Wenig festgelegt ist auch die Besetzung der Band, wie Drew Thomson sagt: „Ich sehe Single Mothers mittlerweile als eine Art Fahrzeug, in dem ich gerne fahre oder ein Apartment, in dem mich verschiedene Freunde besuchen kommen und immer Kleinigkeiten für mich da lassen. Ein paar Bier, ein Shirt oder ein Poster an der Wand. Und all diese Dinge machen aus dem Apartment ein Zuhause oder eine Müllhalde. Es liegt an uns, das zu entscheiden.“

Long Distance ist das Lied, das diesen Ansatz vielleicht am besten verdeutlicht: Hier regiert der Übermut, alles fühlt sich halsbrecherisch an. Eindeutig steckt in diesem Song eine Struktur, aber da ist vor allem auch Wut. A-Ok bietet ebenfalls brennende Leidenschaft und unbändigen Stolz, aber auch die Bereitschaft (eigene) Defizite einzugestehen. Rollercoaster legt noch eine Schippe drauf und integriert etliche Stilelemente von Metal, aber nichts von dessen Großspurigkeit: So würde Bruce Dickinson vielleicht klingen, könnte er zu seinem Minderwertigkeitskomplex stehen.

Die eigenen Krisen und Komplexe sind ein gern genommenes Thema bei Single Mothers. „Are you fucking me or my body image?“, fragt Thomson beispielsweise in Bile und nimmt damit eine Oberflächlichkeit ins Visier, auf die er mit 99 Prozent Verachtung und 1 Prozent Bewunderung blickt. People Are Pets gönnt sich vor allem am Anfang und am Ende etwas Luft und Licht, was dem Song gut tut und zudem wichtig für den Spannungsbogen des Albums wird. Der Songtitel ist für ihn eindeutig keine These, sondern eine unumstößliche Wahrheit.

Im brachialen Well-Wisher, das man sich gut von Therapy? vorstellen könnte, ist der Sound noch etwas fieser als in den restlichen Stücken, der Gesang wird endgültig zum Geschrei – vielleicht, weil Thomson erkannt hat, wie verlogen und eitel das Metier der Well-Wisher ist. Die Single Undercover eröffnet das Album mit Seitenhieben auf religiöse Floskeln. Der Tonfall ist von Anfang an sarkastisch, die Leadgitarre versucht, noch giftiger zu sein als die Stimme. Der Refrain wird dann angedeutet hymnisch, aber es gibt kein Willkommen für den Hörer, kein Angebot zur Verbrüderung. Leash ist später etwas zugänglicher, vor allem aber sehr gut. Auch Bolt Cutters nimmt als Schlusspunkt von Our Pleasure etwas Eifer und Tempo herraus und fügt stattdessen Romantik und Herzschmerz hinzu. Das hat große Klasse und lässt beispielsweise an die Fountains Of Wayne denken.

Sonst bleiben fast alle Songs bis zu einem gewissen Grade sperrig, aber das ist Teil der sehr konsequenten Ästhetik von Single Mothers. Unterm Strich haben die Kanadier ein sehr leidenschaftliches, kreatives und eigenständiges Album hingelegt. Und der arg gebeutelten Bevölkerungsgruppe, nach der sie sich benannt haben, dann doch noch Ehre gemacht.

People Are Pets – das galt in allen Zeitaltern, glaubt man dem Video.

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