Hingehört: Verité – „Somewhere In Between“


Künstler Verité

Verité Somewhere In Between Kritik Rezension

Nach drei EPs legt Verité nun ihr erstes Album vor.

Album Somewhere In Between
Label Kobalt
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

„I’m in love with control“, singt Kelsey Byrne in Control, dem vorletzten Stück ihres Debütalbums Somewhere In Between. Das glaubt man sofort, so entschlossen sind die Tracks, die man bis dahin erleben durfte, und so fokussiert ist die gesamte Ästhetik, die sie für ihr Alias Verité seit 2014 entwickelt hat. Unabhängigkeit ist unzweifelhaft ihr zentrales Ziel.

Das deuteten schon die drei EPs der 27-jährigen New Yorkerin an, wobei vor allem die jüngsten Vorab-Tracks Somebody Else (ein Cover des Hits von The 1975), Phase Me Out und When You’re Gone für Aufsehen sorgten. Die beiden Letztgenannten finden sich auch auf Somewhere In Between, das heute veröffentlicht wird: Phase Me Out beeindruckt nach wie vor mit der Stimmakrobatik von Kelsey Byrne, die sich nicht eitel anfühlt und irgendwo zwischen Austra und Ellie Goulding einreihen lässt. Das sehr muskulöse Bass-Riff erdet den Song dabei trotz aller Chöre und Hochglanz-Beats. When You’re Gone zeigt, dass sich gerade aus dem Schmerz einer Trennung auch Selbstbewusstsein gewinnen lässt. „Ich brauche dich nicht“, heißt die Erkenntnis, und man hört in diesem Lied den Stolz, vor allem aber den Trotz, der im Formulieren solch einer Aussage steckt.

Auch da ist wieder das Streben nach Freiheit, das man auch Songs wie dem kurzweiligen Nothing anhören kann. „Nothing to do“ ist das Gefühl, das Verité darin besingt, und es zeigt sich: Das kann eben nicht nur Langeweile bedeuten, sondern auch Leichtigkeit, die Abwesenheit von Ballast. Selbst Freedom Of Falling, der Abschluss des Albums, stärkt diese Perspektive: Die Entscheidung, sich fallen zu lassen, ist hier letztlich auch ein Ausdruck von Emanzipation, denn es ist eine selbst getroffene Entscheidung.

Angesichts dieses Leitmotivs überrascht die Vielzahl der Mitwirkenden an Somewhere In Between ein wenig, denn man hätte sich bei Verité auch gut eine Einzelkämpferin vorstellen können. Stattdessen haben als Produzenten Liam Howe (Lana Del Rey, Ellie Goulding), Tim Anderson (Solange), Peter Thomas (Selena Gomez), James Flannigan und Zach Nicita mitgewirkt. Immerhin ein bisschen unbehaglich war der Sängerin dabei, bevor sich dann doch Vertrauen in die Fähigkeiten ihrer Mitstreiter einstellte, sagt sie: „Ich begab mich in all diese unterschiedlichen und ungemütlichen Situationen mit Menschen, mit denen ich noch nie zuvor gearbeitet hatte, und sagte ja zu neuen Sounds und Kollaborationen, ohne mir Sorgen darüber zu machen, wie am Ende alles zusammen finden würde.“

Die handwerkliche Expertise hört man der in New York, London und Los Angeles entstandenen Platte an. Die Musik in Death Of Me ist verspielt und trickreich. Die Erkenntnis aus einem Traum lautet: „You could be the death of me.“ Sie singt das ohne Angst vor dem Tod, aber auch ohne Sehnsucht danach. Der Sound von Need Nothing hat eine erstaunliche Aggressivität, was für einen spannenden Kontrast zur hübschen Stimme sorgt. Better beginnt acappella, fährt dann aber einen großen Beat auf, trotzdem offenbart das Lied eine Behutsamkeit, die aus dem Zweifel erwächst: Sind wir noch zusammen? Und sind wir noch gut füreinander?

In Bout You sind alle Instrumente digital, doch von Gefühl, Stimme und Kraft her ist dieses Lied eindeutig Soul. Verité stehe für Lieder, die „Fragmente meiner eigenen Erfahrungen als Mensch sezieren und auf außergewöhnliche Weise verdrehen“, sagt Byrne. „Ich spiele gerne mit den Stimmungen menschlicher Beziehungen, aber die Texte handeln mehr von meiner Beziehung zu der Welt und befassen sich mit Dingen wie Apathie und Langeweile.“

Freilich hat das Arsenal an Top-Produzenten auch seine Nachteile, denn in einigen Momenten klingt Somewhere In Between ein wenig arg vertraut oder nach Baukasten. Saint beispielsweise ist etwas leblos, woran auch der einigermaßen penetrante „Ohoho“-Refrain nichts ändern kann. Solutions zeigt ebenso, wie schnell das Konzept von halbwegs gewagtem Elektropop mit auffälliger Stimme und ernsten Texten beliebig oder sogar nervig werden kann, sobald ein Song etwas schwächer ist. Das Ungefähre und Unbestimmbare, von dem der Text im Titelsong handelt, fängt die Musik gut ein, allerdings ist das nicht unbedingt ein Gewinn.

Gerade gegen Ende schwächelt das Album damit, mit Floor kriegt Verité aber wieder die Kurve – weil in diesem Stück nicht nur eine sehr gute Produktion erkennbar wird, sondern auch Persönlichkeit.

Im Video zu Phase Me Out hat Verité Lust auf Zerstörung.

Website von Verité.

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