Hingehört: Peter Perrett – „How The West Was Won“


Künstler Peter Perrett

Peter Perrett How The West Was Won Kritik Rezension

Peter Perrett legt als 65-Jähriger sein erstes Soloalbum vor.

Album How The West Was Won
Label Domino
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

„Grundsolide“ ist nicht unbedingt ein Attribut, das Künstler gerne für ihre Musik in Anspruch nehmen. Es klingt langweilig, berechenbar, nach Durchschnittsware. Es ist trotzdem die Einschätzung, die vielleicht am besten auf Sweet Endeavour zutrifft, das viertletzte Lied auf How The West Was Won. Durch den Kontext wird „grundsolide“ aber im Falle von Peter Perrett geradezu spektakulär. Besagtes Stück gewinnt seinen Charme nämlich gerade daraus, dass es gar nicht viel mehr sein will als grundsolide: eben kein Kracher für die ganze Welt, sondern ein spezieller Song für sehr besondere Leute. Vor allem aber ist es, wie alles auf diesem heute erscheinenden Album, das Lied eines Überlebenden.

Peter Perrett war einst Frontmann bei den Only Ones (1976–1981), nach dieser Zeit hat er sich vor allem ausgiebig seiner Drogensucht gewidmet. Dass der Engländer, der angeblich zwischen seinem 1996er Album Woke Up Sticky und der Only-Ones-Reunion im Jahr 2007 fast gar keine Musik gemacht hat, mehr als 40 Jahre nach Gründung seiner ersten Band überhaupt noch einmal eine Platte vorlegen würde, sogar eine so gute wie How The West Was Won, hätten wohl nicht einmal seine treusten Fans erwartet.

Wie viel Biss, Drive und Humor der mittlerweile 65-Jährige noch hat, beweisen die zehn Stücke, aufgenommen mit Produzent Chris Kimsey in den Londoner Konk-Studios von Ray Davies, sehr eindrucksvoll. Hard To Say No lässt an die Last Shadow Puppets denken, nicht nur im Hinblick auf die Atmosphäre, sondern auch wegen seines Händchens für clevere Zweizeiler. Troika zeigt, wie schön ein gebrochenes Herz klingen kann, wenn man sich als geistiger Vater der Libertines fühlen darf. Der Man Of Extremes nimmt soziale Ungerechtigkeit ins Visier und würde mit reichlich Coolness, Jangle und Sehnsucht nach Freiheit auch ein gutes Vorbild für Tom Petty abgeben.

C Voyeurger besingt den Glauben an Liebe, Treue und Glück, der gerade deshalb so besonders klingt, weil Peter Perrett weiß, wie unwahrscheinlich all das ist. Das Lied hat er seiner Frau Zena gewidmet – und sie war es auch, die den Anstoß zu How The West Was Won gab. Denn sie stellte im Sommer 2015 eine kleine Tour auf die Beine, die den Gatten daran erinnerte, was für ein enthusiastisches Publikum er etwa in London, Manchester, Amsterdam und Bristol hat – und obendrein noch viel Kritikerlob bekam.

Es waren auch diese Reaktionen, die ihn aus seiner Lethargie erweckten. „Es gibt diesen Mythos rund um die Muse“, sagt Peter Perrett. „Ich glaube nicht, dass es eine Muse gibt, die auftaucht und verschwindet – es ist schlichtweg eine Frage, ob man wirklich etwas tun möchte. Wenn ich Gitarre spiele, kann ich nicht anders, als Songs zu schreiben. Früher oder später spiele ich eine Akkordfolge, bei der mir eine Melodie in den Kopf kommt. Es geht in erster Linie nur darum, überhaupt einen Grund zu finden, zur Gitarre zu greifen.“

Das tut er auf diesem Album auch im weiteren Sinne mit Familienunterstützung: Sein Sohn Jamie spielt die Leadgitarre, der zweite Sohn Peter Jr. ist am Bass zu hören. Was sie können, zeigen sie beispielsweise im gewagten Something In My Brain (ganz gesund hört sich dieses „Something“ eindeutig noch immer nicht an) oder im Rausschmeißer Take Me Home, wo die Gitarre verdeutlicht, wie groß der Schmerz ist, der wohl dieses Heimweh ausgelöst hat. Am besten kommen sie im psychedelischen, mehr als sechs Minuten langen Living In My Head zur Geltung. Diesen Song hat Jamie auch mitkomponiert. „Normalerweise denken Menschen, wenn Musiker ihre Kids mit in die Band nehmen, an Vetternwirtschaft. Aber Freunde haben mir gesagt, dass sie kaum glauben können, wie viel Gefühl meine Kinder für meine Musik haben“, sagt der stolze Papa. „Es muss in ihren Genen liegen.“

Der Mutter seiner Kinder setzt er mit An Epic Story ein wunderbares Denkmal: Es ist ein Liebeslied, das man in seiner Bedingungslosigkeit für ironisch halten könnte, wüsste man nicht, dass Peter Perrett seit 48 Jahren (damals war er 17) mit dieser Frau zusammenlebt. Im ebenso wunderbaren Titelsong zeigt er seine andere, angriffslustige Seite: How The West Was Won behandelt in feinstem Country-Sound ein paar der amerikanischen Verfehlungen wie Genozid, die absurde Vergötterung von talentfreien Berühmtheiten, Terrorgefahr und Waffenwahn. Seine Zeile „God knows, I love America“ könnte nach solchen Strophen nicht zynischer sein.

Man muss bei einem Mann, der seit 1980 hier erst sein zweites Album vorlegt, vorsichtig sein mit Prognosen in Richtung „zweiter Frühling“. Aber reichlich Material für weitere Platten ist allein schon aus den Sessions für How The West Was Won vorhanden, beteuert Peter Perrett. Und von Heroin oder Crack will er sich seine Schaffenskraft auch nicht mehr rauben lassen: „Drogen sind so langweilig. Musiker schmücken sich heutzutage mit ihrem Drogenkonsum wie mit Medaillen, aber für mich gehen Musik und Drogen überhaupt nicht zusammen. Man muss sich für eins von beiden entscheiden. Und für mich gibt es von jetzt an nur Musik.“

Auch grundsolide, und sehr schick: das Video zu An Epic Story.

Website von Peter Perrett.

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