Robbie Williams, Waldbühne, Berlin


Robbie Williams Berlin Waldbühne Konzert Kritik

Nur eins hat dieser Mann, hier bei der Show in Knebworth, für seine Konzerte im Sinn: Heavy Entertainment. Foto: Universal Music

Das darf nicht wahr sein. Da steht dieser Typ auf der Bühne und füllt, schon am zweiten Abend in Folge, die wahrscheinlich renommierteste Konzertlocation in der Hauptstadt des Landes. Er hat null Charisma, eine dünne Stimme und lauter belanglose Lieder. Und er gilt trotzdem als größter männlicher Popstar unserer Zeit.

Natürlich rede ich nicht von Robbie Williams heute Abend in der Berliner Waldbühne. Ich rede von Ed Sheeran im Wembleystadion. Der Vergleich des 43-Jährigen aus Stoke-on-Trent mit dem 26-Jährigen aus Hebden Bridge ist nämlich ein sehr erhellender: Ed Sheeran sieht aus wie ein Trottel, hält sich aber augenscheinlich für ziemlich unfehlbar, und kommt selbst auf die größten Bühnen der Welt gerne nur mit einer akustischen Gitarre und Effektgeräten. Robbie Williams sieht aus wie ein Popstar, weiß genau um seine Schwächen, Neurosen und Niederlagen, und bietet eine Riesen-Show. Das ist tatsächlich, nicht nur im Vergleich zum seichten Unterhaltungsprogramm, das man von Ed Sheeran bekommt, Heavy Entertainment.

Der Abend beginnt (pünktlich zum Auftritt hat der Regen aufgehört, der zuvor noch das güldene Jäckchen von Erasure-Sänger Andy Bell im Vorprogramm und davor ganz Berlin durchnässt hatte) mit einer Nationalhymne. Darin wird noch einmal erinnert, dass Robbie Williams großartig singen und selbstverständlich auch rappen kann, ein Pfundskerl ist und nicht zuletzt untenrum bestens bestückt.

Zugleich zeigt schon diese Hymne reichlich Selbstironie und einen sehr freimütigen Umgang mit den eigenen Fehltritten: Das Flop-Album Rudebox wird eigens erwähnt, ebenso die einstigen Drogeneskapaden und der niemals erreichte Durchbruch in den USA. Schon bevor die Stimme von Michael Buffer, dem berühmtesten Boxkampfansager der Welt, dann die Hauptattraktion des Abend ankündigt, ist klar: Den 22.000 Zuschauern in der Waldbühne steht Selbstüberhöhung genauso bevor wie Albernheiten, Nostalgie und Seelenstriptease. Das einzige, was Robbie Williams während der folgenden knapp zwei Stunden wirklich ernst nimmt, ist der Wille, sein Publikum zu unterhalten.

Er kommt auf die Bühne in einem Kilt, der aussieht, als sei er aus einem Heineken-Sonnenschirm hergestellt, und einer Lederweste, die aussieht, als sei sie einst für Russell Crowe als Gladiator geschneidert worden, bis man merkte, dass er nicht reinpasst. Begleitet wird er, um im Bild zu bleiben, von einer Legion von Tänzerinnen, die zunächst mit Helmen und Handschuhen das Boxkampf-Motiv aufgreifen, später dann immer weniger Stoff am Leib haben. Was Robbie drunter trägt, verrät er auch sehr schnell durch Heben seines Kilts: einen Schlüpfer mit Tigermotiv, den man für 25 Euro auch am Merchandisingstand erwerben kann.

Sein Gesang ist makellos, die Ansagen natürlich ebenso unterhaltsam wie die Musik. Robbie Williams erinnert an Take-That-Höhepunkte und -Fehltritte (er stimmt Never Forget und Back For Good ebenso an wie Sure), beteuert die Liebe zu Frau und Kindern (nachdem er gefragt hat, wie viele Mütter im Publikum sind, und dann spekuliert, bei wie vielen davon er etwas damit zu tun haben könnte) und gönnt sich ein ausgiebiges acappella-Call-and-Response-Spiel mit den Fans, bei dem er unter anderem Hits von Bon Jovi, The Human League, Ini Kamoze oder Tina Turner kurz anstimmt und dann die Textsicherheit des Publikums testet.

Das Set ist natürlich auch mit reichlich Highlights aus dem eigenen Repertoire gespickt: Let Me Entertain You kommt als zweites (The Heavy Entertainment Show macht erwartungsgemäß den Auftakt), She’s The One wird herzallerliebst, Angels gibt es als Zugabe, selbst Nicht-Singles wie Monsoon (vielleicht wetterbedingt in die Setlist aufgenommen) funktionieren blendend.

Zu einem wirklich besonderen Abend wird das Konzert in Berlin aber durch die Coverversionen. Frank Sinatras My Way, bei dem die üppige Bläsersektion auf der Waldbühne glänzen darf, ist noch erwartbar. Schon Sweet Caroline von Neil Diamond, das er gemeinsam mit seinem Papa auf einem Sofa anstimmt, fällt aber eindeutig nicht mehr in diese Kategorie, ebenso wie Something Stupid: Statt Nicole Kidman wählt Robbie als Duettpartnerin eine Dame namens Natascha aus dem Publikum, die dann mit ihm singen darf – verziert mit einer Schweinchenmaske, aus der nie die richtigen Textzeilen, schon gar nicht in den richtigen Tonhöhen, sondern nur unflätiges Grunzen herauszubekommen sind. Schließlich erfährt sogar das lange ungeliebte Freedom, einst erste Solo-Single von Robbie Williams, seine Rehabilitation, inklusive einer Huldigung an George Michael.

Es sind solche Momente, die glauben lassen, dass Robbie Williams am Tourleben, um dessen schrecklichen Einfluss auf seiner körperliche und geistige Gesundheit er bestens weiß, vielleicht doch ein wenig Gefallen gefunden hat – oder dass er mittlerweile ein noch besserer Schauspieler geworden ist. Man darf hoffen, dass er die Sache mit dem Heavy Entertainment noch eine Weile durchzieht, denn an der Zeile aus seiner selbsterdachten Robbie-Williams-Nationalhymne gibt es nach dieser Show keinen Zweifel: But when all is considered / he still rules the throne.

Jemand hat die Höhepunkte des ersten Abends in Berlin zusammengeschnitten.

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