Hingehört: Lal And Mike Waterson – „Bright Phoebus“


Künstler Lal And Mike Waterson

Bright Phoebus Lal Mike Waterson Kritik Rezension

Das 1972 erschienene „Bright Phoebus“ wird jetzt neu veröffentlicht.

Album Bright Phoebus (Deluxe Edition)
Label Domino
Erscheinungsjahr 1972
Bewertung

Wenn ein mehr als 40 Jahre altes Album neu aufgelegt wird, dann ist normalerweise von Bonustracks die Rede, von einem besonders sorgfältigen Remastering oder von einer ultimativen Würdigung eines absoluten Meilensteins. All das trifft auch auf Bright Phoebus zu, das ursprünglich 1972 von Lal und Mike Waterson veröffentlicht wurde und heute als Neuauflage aus dem Hause Domino erneut das Licht der Welt erblickt. In diesem Fall geht es aber, und das ist die Besonderheit, nicht um ein schnödes Cash-In mit einer Platte, die viele Fans in anderer Version ohnehin schon zuhause im Regal haben. Die Wiederveröffentlichung von Bright Phoebus macht vielmehr einen lange vergriffenen Semi-Klassiker wieder verfügbar.

Nur 2000 Exemplare waren von dem Album gepresst worden, das 1972 innerhalb einer Woche aufgenommen wurde. Das ist durchaus erstaunlich, schließlich war hier ein beträchtlicher Teil von Englands Folk-Prominenz am Werk: Lal, Mike und Norma Waterson, die wenige Jahre zuvor noch als The Watersons zusammen musiziert und Maßstäbe für das Genre gesetzt hatten, sind selbstverständlich dabei, ebenso Martin Carthy, Richard Thompson, Ashley Hutchings (Fairport Convention), Dave Mattacks, Tim Hart und Maddy Prior. Glaubt man der Legende, musste jeder einen Beitrag leisten, der damals das Haus in Hull betrat, wo Lal und Mike Waterson wieder gelandet waren, nachdem beide zunächst unabhängig voneinander an Songs gearbeitet hatten. “Lal and I dreamed our way through the recordings. It was magic”, hat sich Mike Waterson an die besondere Atmosphäre erinnert, bevor er 2011 starb. Lal Waterson war schon 1998 ihrem Krebsleiden erlegen.

Die Songs des Duos lassen leicht erkennen, warum das Album etwa Arcade Fire, Stephen Malkmus, Billy Bragg, Jarvis Cocker und Richard Hawley zu seinen Bewunderern zählt, und warum es trotz seiner geringen Auflage zu den prägenden Werken des Folk mit einer Neigung zum Düsteren avancierte. In Danny Rose beispielsweise erzählen Lal und Mike Waterson die Geschichte eines tragischen Schicksals, als hätte William Faulkner im Jahr 1936 einen Song geschrieben. Never The Same bietet eine tiefe Melancholie und zugleich eine ungewöhnliche Melodie, im Ergebnis ist ein sensibler Schöngeist wie Nick Drake diesem Song genauso nahe wie beispielsweise eine Destruktionskünstlerin wie Nico. Bei The Scarecrow glaubt man sofort, dass sich Menschen problemlos (und im Wortsinne) in eine Vogelscheuche verlieben können, wenn so romantische Charaktere am Werk sind wie hier.

Vieles hat eine Anmutung von Gemeinschaft und Kommune, old timey klang diese Musik eindeutig schon für die Zeitgenossen. Gelegentlich lässt Bright Phoebus aber auch erkennen, dass es ein Kind der sehr frühen Siebziger ist: Rubber Band ist ausgelassen und schräg, eines dieser Lieder, das ohne die Beatles (circa zu Zeiten der Magical Mystery Tour) undenkbar wäre. Der Text findet passend dazu immerhin ein paar ganz nette Varianten für das recht schlichte Wortspiel (es geht um eine Band aus Gummi, deren wichtigstes Instrument ein Gummiband ist). Magical Man vereint Storytelling, Hörspielelemente und einen beträchtlichen Groove. Shady Lady klingt, als würden The Mamas & Papas den Countryrock für sich entdecken.

Dazu gibt es natürlich auch lupenreinen Folk, auch wenn der etwa im Fall von Winifer Odd etwas zu schlicht und nahe am Klischee ist. Dem stehen allerdings Großtaten gegenüber wie Red Wine Promises (Erkenntnis: Sie sind schwer zu halten, auch und vor allem, wenn man sie sich selbst gegeben hat) oder der Titelsong. Bright Phoebus klingt sofort wie ein Klassiker, mit tollen Harmonien und einer sehr einnehmenden Atmosphäre von Zusammenhalt, Landleben und Natur, sodass schließlich ganz viel Kraft und Hoffnung in der Zeile „No more clouds, no more rain“ stecken.

In To Make You Stay wird spätestens, als mit großem Effekt der Bass einsetzt, klar, dass der Blick auf die Ursprünglichkeit des Lebens immer auch den Blick auf seine Unerbittlichkeit meinen muss. In Fine Horseman drängt die sehr dominante Stimme von Lal Waterson, die hier große Ähnlichkeit mit der von Melanie hat, problemlos die äußert filigrane Musik an den Rand.

Erhellend sind auch die 1971 entstandenen Demoversionen der Lieder, die auf der Deluxe Edition von Bright Phoebus auf einer Zusatz-CD versammelt sind. Child Among The Weeds zeigt exemplarisch, wie sehr bei diesem Duo trotz aller opulenten Arrangements doch Folk, vor allem die Gesangsmelodie, im Kern der Lieder steckt. Zu den Entdeckungen gehören auch Song For Thirza (eine Kindheitserinnerung an den Hund, der einst so ein wichtiger Gefährte war, voller Wehmut und Unschuld) und One Of Those Days (über die Natur, deren Gewalt man ausgeliefert sein kann, deren Schönheit man aber auch genießen, sich sogar als Teil davon fühlen kann), die beide nicht auf dem ursprünglichen Album enthalten sind. Vor allem zeigen diese Bonustracks die beträchtliche Weiterentwicklung zwischen den Demos und denendgültigen Versionen von Bright Phoebus. Und sie unterstreichen damit eine entscheidende Stärke von Lal und Mike Waterson: Sie waren keine Fundamentalisten, sondern hatten kein Problem damit, ihren Sound zugänglich zu machen.

Ein Fan-Video zu Bright Phoebus.

Website zum Album.

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