Hingehört: Hercules & Love Affair – „Omnion“


Künstler Hercules & Love Affair

Hercules & Love Affair Omnion Kritik Rezension

Hercules & Love Affair betrachten „Omnion“ als Konzeptalbum.

Album Omnion
Label Skint
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

„Es ist emotionale Dance-Pop-Musik“, hat Andy Butler vor ein paar Jahren im Interview mit mir die Essenz von Hercules & Love Affair auf den Punkt gebracht. Beim vierten Album liegt der Schwerpunkt nicht auf Pop und schon gar nicht auf Dance, sondern deutlich auf „emotional“. Der Kopf der Band geht sogar so weit, das am Freitag erscheinende Omnion als ein Konzeptalbum zu betrachten. „Dance Music hat mich dazu gebracht, mehr zu wollen“, sagt Andy Butler. „Manchmal kommunizierst du zum Beispiel auf der Tanzfläche mit anderen Menschen, ohne wirklich mit ihnen zu reden. Doch du willst dich trotzdem mit ihnen messen. Nicht alles im Leben ist so ernst, wie es manchmal scheint, doch dieses Hercules-Album gehört definitiv dazu.“

Im selben Gespräch hatte Andy Butler auch schon auf die Bedeutung der Texte verwiesen, die in seiner Musik deutlich wichtiger seien als bei vielen anderen Dance-Projekten. Beim damals aktuellen Album Blue Songs schimmerte das schon durch, ebenso beim folgenden The Feast Of The Broken Heart. Nie war dieser Aspekt allerdings so deutlich wie hier. Das originelle Lies (mit dem Gesang von Gustaph, einem langjährigen Wegbegleiter von Hercules & Love Affair) thematisiert „wie wir mit Desinformationen gefüttert und programmiert werden“, sagt Butler. Controller (mit Badwan Faris von den Horrors als Gastsänger) handelt davon, „von einer mächtigeren Instanz benutzt worden zu sein. Doch gleichzeitig spielt er natürlich auch auf die sexuelle Ebene an“, erläutert Mastermind Andy Butler, der passende Sound paart House-Elemente mit Eighties-Einflüssen und hätte gut zu OMD oder gar Frankie Goes To Hollywood gepasst.

Beinahe explizit politisch wird Are You Stil Certain? Den Gesang steuert Hamed Sinno bei, im Hauptberuf Frontmann der libanesischen Band Mashrou‘ Leila. Mit ihm sprach Andy Butler nach den Anschlägen im Bataclan und kurz darauf in Beirut lange Zeit über den westlichen Blick auf Muslime. „Mir wurde bewusst, dass ich einiges von ihm zu lernen hatte. Ich suchte nach einer Alternative zu all der Panikmache, also kaufte ich mir Bücher über den Islam und Islamophobie. Einige Monate später saßen wir gemeinsam im Studio und unterhielten uns über Spiritualität“, erzählt er. So kam dieser Track zustande mit einem weitgehend arabischen Text und einem sehr lebendigen, pulsierenden Sound.

Wer nun befürchtet, Hercules & Love Affair hätten das Feiern verlernt, liegt natürlich falsch. Rejoice (auch hier trägt mit Rouge Mary eine alte Bekannte den Gesang bei) passt wunderbar in die Disco, bietet Punch und Aggressivität. Es fehlt allerdings der himmlische Refrain, der Katharsis bringt. Das erweist sich als Grundproblem von Omnion: Die Zusammenstellung des Albums ist interessant, jedes Stück für sich genommen aber oft unspektakulär. Wild Child (wieder mit Rouge Mary) ist ein Beispiel dafür: Es wirkt fast, als wolle der Gesang die Musik motivieren, im Sinne von „Los, nun fangt doch auch endlich mal Feuer!“ My Curse And Cure (Gesang von Gustaph) macht nichts falsch, außer dass es so gewöhnlich bleibt. In Through Your Atmosphere lässt sich ein für dieses Album typisches Nebeneinander von Nervosität in der Musik und Gefälligkeit im Gesang (in diesem Fall wieder aus dem Mund von Badwan Faris) beobachten, die aber nie die erhoffte Symbiose eingehen.

Die Platte hat wenig Qualitätsgefälle, trotzdem ist es leicht, die herausragenden Tracks zu benennen – es sind die, denen man ihre Emotionalität am deutlichsten anmerkt. Dazu gehört das experimentelle Epilogue, inklusive eines achtköpfigen Mädchenchors. Auch der Titelsong gleich am Beginn von Omnion (mit Sharon Van Etten) passt in diese Reihe. Er beginnt verhuscht, erst nach 90 Sekunden kristallisieren sich ein Beat und eine Struktur heraus, aber der Track bleibt auch dann sphärisch. Ein weiterer Höhepunkt ist Running, gesungen von den isländischen Schwestern Elin, Elisabet und Sigga Eyþórsdóttir aka Sísý Ey. Der Song ist aus der Position eines Flüchtlings erzählt, dazu gibt es einen zappeligen Beat und erhabenen Gesang, was einen sehr spannenden Mix ergibt.

Dass Butler sich selbst als „hypersensitiv“ bezeichnet, lässt sich in etlichen Momenten des Albums erkennen. Fools Wear Clowns, das eine feine Dramaturgie hat, ist der deutlichste davon. Butler singt darin selbst. „Ich versuchte jemand anderen vor das Mikrofon zu bewegen. Doch alle, die das Stück hörten, weigerten sich. Sie sagten ‚Das ist so ein extrem persönlicher Song, es ergibt keinen Sinn, wenn ihn jemand anders außer Dir singt‘“, erzählt Andy Butler. Das Lied ist seine Entschuldigung an seine Familie für die Zeit, als ihm Party und Drogen wichtiger waren als die eigenen Mitmenschen und er kein Maß mehr kannte: „Meine Mutter und meine Schwester hatten Tränen in den Augen, als ich ihnen den Song kürzlich vorspielte.“

Den gesunkenen Spaßfaktor wiegen Hercules & Love Affair mit solcher Emotionalität auf, ebenso beeindrucken sie mit ihrem Eintreten für Toleranz, Vielfalt und Reflexion in einem Ausmaß, wie man es bei kaum einem anderen Dance-Act findet. „Manchmal wird ein Song in einem intensiven Moment geboren, der nichts mit Clubmusik zu tun hat“, weiß Andy Butler und betont: „Ich bin kein reiner Techno- oder Discohead.“ Den Beweis dafür hat er mit Omnion geliefert.

Auf dem Weg zu Gott scheint die Protagonistin im Video zu Omnion zu sein.

Website von Hercules & Love Affair.

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