Interview mit Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen


Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen Interview

Sänger Carsten Friedrichs (rechts) und Keyboarder Gunther Buskies (Mitte) hätten lieber über Fußball geredet. Foto: Tapete Records/Stefan Malzkorn

Natürlich wollen Musiker am liebsten über ihre Musik reden. Spannender als mit Standardauskünften wie „So war das neulich im Studio“, „Deshalb haben wir diesen Albumtitel gewählt“ oder „Nächstes Jahr kommt die neue Platte“ ist es im Interview aber oft, wenn man sich über Umwege der Musik nähert und damit den Personen, die sie machen. Deshalb habe ich für Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen drei Umschläge mit Fragen vorbereitet aus Nicht-Musik-Themenkomplexen. Auf dem ersten Umschlag steht „Politik“, auf dem zweiten „Freundschaft“, auf dem dritten steht „Gesundheit“. Sänger Carsten Friedrichs und Keyboarder Gunther Buskies, die ich in der Garderobe vor ihrem Konzert in Leipzig treffe, wollen am liebsten über Fußball reden (vielleicht liegt es daran, dass im Kühlschrank mit dem Catering einige Dosen Red Bull stehen). Sie entscheiden sich dann aber für das Thema Freundschaft. Also legen wir los und reden über Nachbarschaftshilfe, Facebook und die elementare Bedeutung des Cooler-als-die-anderen-Seins. Und wir entwickeln die Idee für einen neuen Song mit der Kernfrage: Warum gehst du nicht mehr ans Telefon?

Muss man befreundet sein, um eine gute Band bilden zu können?

Carsten Friedrichs: Die Geschichte lehrt uns ja, dass es nicht so ist. Die Ramones beispielsweise kamen bekanntlich nicht so gut miteinander aus. Trotzdem waren sie eine gute Band, da sind wir uns wohl einig. Auch Brian Jones war ja für seine Kollegen bei den Rolling Stones kein ausnehmender Sympath, er hat sich ja sogar mit klebrigen Fingern in der Bandkasse bedient. Aber gute Musik haben die zusammen trotzdem gemacht.

Könntet ihr euch vorstellen, zu den eigenen Bandkollegen nur ein professionelles Verhältnis zu haben? Also jeden Abend mit Leuten auf der Bühne zu spielen, mit denen ihr nicht gerne auch ein Bier trinken, ins Stadion gehen oder in den Urlaub fahren würdet?

Friedrichs: Ich glaube schon. Wenn das auf der künstlerischen Ebene gut funktioniert, wäre das kein Problem. Aber natürlich hätte ich mehr Lust darauf, mit Freunden in einer Band zu spielen.

Gunther Buskies: Bei mir ist es vielleicht ein bisschen anders. Ich will schon sehr genau wissen, wie jemand als Person tickt und ob er zu mir passt. Oder ob ich jemanden nicht ausstehen kann. Ich quetsche die Leute dann aus und nerve so lange, bis ich das herausgefunden und vielleicht auch erkannt habe, warum ich jemanden nicht ausstehen kann. Dafür haben wir in der Band sogar einen Fachbegriff geschaffen: „Rumgunthern“. (lacht) Ich denke, eine gewisse Grundsympathie sollte schon vorhanden sein in einer Band. Es müssen nicht alle beste Kumpels sein, aber man hängt eben viel aufeinander rum und kommt auch immer wieder in Stresssituationen. Das ist auf jeden Fall leichter zu meistern, wenn man sich einigermaßen gut leiden kann.

Was wäre, wenn ihr eure Erfahrung im Musikgeschäft zugrunde legt, wahrscheinlicher: Man packt fünf Fremde in eine Band und sie werden zu Freunden. Oder man packt fünf Freunde in eine Band und sie werden zu Fremden?

Friedrichs: Das kommt sicher auf die Leute an. Eine Band ist da auch wie eine Bande, und spannend wird es meist spätestens dann, wenn es eine Beute zu verteilen gibt. Wenn Erfolg da ist und richtig viel Geld ins Spiel kommt, gibt es schneller Stunk. Wenn kein Erfolg da ist, hält man eher zusammen.

Buskies: Ach deswegen verstehen wir uns so gut! (lacht)

Ist es für euch als Fans und Hörer einer Band wichtig, dass sie wie eine Gang wirkt?

Friedrichs: Ja. Als Pop-Fan wünscht man sich so etwas. Ich denke da an den Beatles-Film Hi-Hi-Hilfe, wo sie alle in einem Haus wohnen, wie eine verschworene Einheit, fast wie Brüder. Das hat die Beatles, neben ihren tollen Songs, dem Harmoniegesang und diesen coolen Frisuren ja noch toller gemacht. Und auch andere Bands haben das geschafft, durch diese Gang-Identität noch interessanter zu wirken: Madness, die Ramones, Music Machine.

Würdest du bei solchen Bands gerne wissen, ob sie wirklich gute Kumpels sind? Oder erhält man als Fan im Zweifel lieber die Illusion aufrecht?

Friedrichs: Da würde ich lieber bei meinem Wunschbild bleiben. Es ist ja Popmusik, da geht es immer auch um Fantasiewelten und um ganz viel Projektion.

Seid ihr als gewöhnliche Gentlemen gut im Pflegen von Freundschaften? Wie lange reicht eure älteste Freundschaft zurück?

Friedrichs: Meinen ältesten Freund hatte ich seit der 5. Klasse, aber er hat vor fünf Jahren den Kontakt abgebrochen. Ich weiß nicht, warum. Wahrscheinlich bin ich nicht so der soziale Typ.

Buskies: Bei mir ist es auch ein Freund aus der 5. oder 6. Klasse, wir haben den Kontakt erst vor kurzem wieder aufleben lassen. Diese ganz lange bestehenden Freundschaften sind allerdings im Alltag nicht die wichtigsten, da stehen mir Leute näher, die ich noch nicht so lange kenne. Aber es ist bei diesen alten Freunden schön zu wissen, dass man anrufen kann, sich vielleicht einmal im Jahr besuchen und dann keine lange Anlaufphase braucht.

Gibt es einen Freundschaftsdienst aus der jüngeren Vergangenheit, der euch in Erinnerung geblieben ist?

Friedrichs: Ich drücke mich jedenfalls immer, wenn jemand Hilfe beim Umzug braucht. Ich bin ein schlimmer Mensch. (lacht) Aber wenn ich eine alte Frau als Nachbarin hätte, die mich fragt, ob ich für sie einkaufen kann, dann mache ich das natürlich. Also bin ich vielleicht doch nicht ganz so schlimm.

Glaubt ihr an Facebook-Freundschaft? Würdet ihr jemanden als echten Freund betrachten können, den ihr nur online kennt?

Buskies: Ich denke, dass am Anfang schon eine persönliche Begegnung stehen muss. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich auf irgendwelche Nachrichten antworte und daraus eine so intensive Kommunikation entsteht, dass sich eine Freundschaft entwickelt, die dann nur in der Online-Welt existiert. Aber Facebook ist eine sehr gute Möglichkeit, um Freundschaften aufrecht zu erhalten, gerade bei Menschen, die öfter mal den Wohnort wechseln. Da kann ich mit Facebook den Kontakt regelmäßiger und auch intensiver pflegen. Oder auch Leute wiederfinden, die man aus den Augen verloren hatte.

Friedrichs: Ich will da gar nicht drumherum reden: Aus Sicht der Band ist mir das Feedback bei Facebook schon sehr wichtig. Einen Daumen zu kriegen, ist das geilste. Nach jedem Konzert schauen wir, ob es neue Fans oder Kommentare gibt. Und wenn uns ausnahmsweise etwas Lustiges einfällt, dann antworten wir auch. (lacht)

Würdet ihr zustimmen, dass Freundschaft zumindest indirekt ein wichtiges Thema in euren Songs ist? Es geht ja zumindest häufig um Werte wie Loyalität und Zusammenhalt, oft auch um ein Wir-Gefühl oder sogar um ein Wir-gegen-die-anderen-Gefühl.

Friedrichs: Abgrenzung ist auf jeden Fall ein wichtiges Thema. Ich grenze mich gerne ab, wenn ich die Texte schreibe, und dann mache ich mich eben auch mal über den Musikgeschmack und die Klamotten anderer Leute lustig. Das kommt einfach daher, dass ich mich gut finde, und die Musik oder Klamotten von anderen eben nicht so gut. Eigentlich ist das ja das A und O in der Popmusik, oder zumindest in der Subkultur. „Wir sind anders als die anderen“, „Wir sind cooler als die anderen“, das sind natürlich ganz zentrale Aussagen. Letztlich gehört dazu auch die Idee, etwas Eigenes zu machen, das man selbst gut findet. Auch wenn dann vielleicht nicht jeden Abend 300 Leute zum Konzert kommen. Wahrscheinlich ist das die Quadratur des Kreises: Jeder Mensch hat gerne Erfolg, auch wir hätten gerne immer eine volle Hütte. Vielleicht könnten wir auch irgendeinen Elektrokram machen, mit dem das funktioniert. Aber wir machen unsere Musik, weil wir genau das machen wollen. Weil wir wir sind. Und damit immer auch das Außenseitertum zu feiern, ist im Indiepop ja fast schon der übliche Ansatz.

Es geht also um Zusammenhalt zwischen den coolen Leuten und Abgrenzung gegenüber den weniger coolen, letztlich also um Beziehungen zwischen Gruppen. Ist Freundschaft, als Beziehung zwischen zwei Menschen, schwieriger in Poptexte zu fassen?

Friedrichs: Vielleicht. Mir fallen jedenfalls wenig Lieder ein, die das wirklich gelungen umgesetzt haben.

Buskies: Carsten könnte so einen Text bestimmt hinbekommen. Ich glaube aber, dass es grundsätzlich leicht schief gehen kann, wenn man ein Lied über Freundschaft schreibt. Vor allem läuft man Gefahr, dass man völlig humorbefreit irgendeinen Zusammenhalt glorifiziert. Obwohl wir alle wissen und erlebt haben, dass Freundschaften nicht ewig halten.

Friedrichs: Irgendwann gehen die Leute einfach nicht mehr ans Telefon.

Buskies: Das wäre doch ein guter Ausgangspunkt für einen Text: Warum gehst du nicht mehr ans Telefon?

Friedrichs: Packen wir es an!

Habt ihr Freunde, die ihr besonders gerne als Kritiker oder Korrektiv für die eigene Musik heranzieht, wenn ihr an neuen Ideen arbeitet?

Friedrichs: Auf jeden Fall. Andreas Dorau und Bernd Begemann, zwei befreundete Musiker aus Hamburg, fallen mir da ein. Die haben einen exzellenten Geschmack und haben auch selbst schon viele gute Songs gemacht. Wenn die eine Idee gut finden, dann ist sie auch gut.

Wie läuft das ab? Du rufst sie dann an mit einer Textidee? Oder spielst ihnen ein Demo vor, wenn sie zu Besuch sind?

Friedrichs: Nein, ich belästige sie natürlich nicht mit meinen blöden Skizzen. Das sind dann schon Ideen in einem ausgereifteren Stadium. Da bin ich ja, auch wenn das vielleicht eklig klingt, erst einmal selbst mein bester Freund. Und auch mein schärfster Kritiker. Wenn ich selbst an einer Idee zweifle, gebe ich das gar nicht weiter, auch nicht innerhalb der Band. Das wäre ja das Schlimmste: Man hat einen schlechten Text, den die anderen aber gut finden oder der wegen der tollen Musik dazu keinem auffällt. Und dann wird das Ganze womöglich noch ein Hit… (lacht)

Als letzte Frage eine kleine Bilanz: Ihr kommt viel herum und trefft viele Menschen, habt aber auch ein unstetes Leben und vielleicht auch Neider. Habt ihr durch die Musik insgesamt mehr Freunde gewonnen oder mehr Freunde verloren?

Buskies: Ich denke, wir haben mehr gewonnen. Vielleicht hat das auch mit der Art unserer Musik zu tun: Wir machen ja keine Songs, mit denen wir rumstänkern, und wir sind auch kein HipHop-Act, der erst einmal alle dissen muss, um sich einen Namen zu machen. Wir sind unterwegs und verbreiten meistens gute Laune. Da ist es nicht so schwer, Freunde zu finden und auch mit Kollegen gut klarzukommen.

Friedrichs: Ich bin ein lausiger Buchhalter. Aber ich würde auch sagen: Wir haben eindeutig mehr Freunde gewonnen.

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