ABAY – „Love And Distortion“


Künstler ABAY

ABAY Love And Distortion Kritik Rezension

Als Quartett haben ABAY ihr zweites Album aufgenommen.

Album Love And Distortion
Label Lovers And Friends
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Schon nach dem ersten Album von ABAY, das vor zwei Jahren erschien, hätte man wetten können: Diese Band wird nie eine schlechte Platte machen. Natürlich konnte man da auch auf die Blackmail-Vorgeschichte von Sänger Aydo Abay setzen, aber auch davon abgesehen machte das Debüt Everything’s Amazing And Nobody Is Happy klar, wie gut diese Band ihr Metier beherrscht, wie genau sie ihr eigenes Terrain erschlossen hat.

Man hätte aber auch wetten können: Ein spektakuläres Album wird es von ABAY auch nie geben. Dafür klang das Debüt zu sehr nach „Komm, wir schaukeln noch ein bisschen in unserer Komfortzone“, nach „Für einen richtigen Beruf sind wir jetzt auch zu alt, also wurschteln wir uns halt noch ein paar Jahre so durch“ und nach „Ich weiß, wie Indierock geht und muss mir keinen Kopf machen.“ Genau mit dieser Erwartung liegt man allerdings falsch. ABAY haben ein spektakuläres Album gemacht. Es heißt Love And Distortion und erscheint heute.

Schon die ersten Takte sorgen für diesen Eindruck: Der Auftakt Land Of Silk And Money ist sofort packend und einnehmend. Als man schon befürchtet, der Refrain könne dieser umwerfenden Strophe nicht gerecht werden, pulverisiert er innerhalb weniger Sekunden diesen Verdacht. Der Schlussteil macht aus einem sehr guten Song dann einen besonderen. Stop The Fever beginnt heavy und wird dann sehr reif und sehr überzeugend. Die Single Lucid Peel ist ebenso souverän und bietet zudem die beste Zeile des Albums („I’m stepping out of the suicide machine“) und ein sehr spektakuläres Finale. Love klingt wunderbar wehmütig, verträumt und romantisch – wie sollte es auch sonst sein bei diesem Titel.

Die Gründe für den Qualitätssprung auf Love And Distortion könnten vielfältig sein. Erstens sind ABAY jetzt zu viert. Zu Aydo Abay und Gitarrist Jonas Pfetzing, die seit 2012 zusammen spielen, sind Johannes Juschzak (Schlagzeug) und Dennis Enyan (Bass) als neue feste Mitglieder hinzugestoßen. Zweitens hat sich die Band weitere talentierte Unterstützung an Bord geholt, sowohl in der Mitwirkung des fast unfehlbaren Produzenten Olaf Opal als auch bei den Gastmusikern Chris Stiller (Tasteninstrumente), Christoph Clöser (Bohren & der Club Of Gore, Saxofon) und Eva Briegel (Juli, Backing-Vocals). Drittens scheint, und das könnte der entscheidende Grund sein, der eigene Anspruch gestiegen zu sein. Vieles war auch auf der ersten Platte achtbar, manchmal mehr als das. Aber eine Mentalität von „Passt schon, ist doch gut so“ scheint es nun bei ABAY nicht mehr zu geben. Stattdessen wirken fast alle Songs, als seien sie so lange verfeinert worden, bis aus „okay“ tatsächlich „beeindruckend“ wurde.

Dass es dafür gar keine Wunderdinge braucht, sondern tatsächlich bloß große Konsequenz und kompositorisches Talent, zeigt sich auf Love And Distortion gleich mehrfach. Das schwungvolle I Am The Believer macht alles richtig, was man in diesem Genre richtig machen muss und hat zugleich die nötige Eigenständigkeit, wobei sich die Keyboardmelodie als Geheimwaffe entpuppt. Rhapsody In Red, das wohl jedem gefallen wird, der mal irgendwann im Leben eine Ausgabe der Visions in der Hand hatte, setzt auf die prototypische Hymnen-Dramaturgie: beschauliches Klavier, dann kraftvoller Rock, dann Orchesterklänge – aber das alles kommt genau im richtigen Moment und in genau der richtigen Dosis. Lemonade ist der vielleicht ambitionierteste Moment der Platte. Der komplexe Rhythmus hat Latin-Anleihen, das Klavier gibt die Struktur vor, die Gitarre grätscht herein, aber selbst ein Saxofonsolo integriert sich in diesen Sound sehr überzeugend.

Ganz makellos ist Love And Distortion freilich nicht geworden. Gumo lässt der Melancholie, die hier in fast allen Lieder zumindest als Spurenelement steckt, mehr Raum, verliert dabei aber zwischendurch (spätestens im Gitarrensolo) etwas den Fokus. Der recht plakative Album-Abschluss In Transit wird zwar nicht wirklich plump, hätte aber trotzdem etwas weniger Wiederholungen und etwas mehr Ideen brauchen können.

Dem stehen allerdings genug Volltreffer gegenüber, zu denen auch Plastic gehört. Das Lied zitiert im Refrain Bobby Brown von Frank Zappa und dann noch diverse andere Songs. Es geht wohl um die Musik als Trost für den Moment, in dem klar wird, wie viel im eigenen Leben schief gelaufen ist. Auch wegen dieser Thematik passt ein Prädikat, das man hier gleich mehrfach vergeben will: Der beste Placebo-Song seit mindestens 15 Jahren.

Muskeln statt Kunststoff gibt es im Video zu Plastic.

Website von ABAY.

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