Alan Vega – „Mutator“


Künstler*in Alan Vega

Alan Vega Mutator Review Kritik

Mutator ist das erste posthume Album von Alan Vega.

Album Mutator
Label Sacred Bones
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Es ist sehr bedauerlich und erstaunlich zugleich, dass Alan Vega – bis zu seinem Tod im Jahr 2016 eine prägende Figur sowohl für die elektronische Musik als auch für die Weiterentwicklung von Punk – diesen Einfall nicht selbst hatte. Mutator, wörtlich: der Veränderer, wäre auch ein guter Titel für eines seiner Alben zu Lebzeiten gewesen, ebenso wie beispielsweise für eine Autobiographie des gebürtigen New Yorkers.

Den Begriff haben nun seine regelmäßige Mitstreiterin Liz Lamere und Jared Artaud, die beiden treibenden Kräfte hinter diesem posthumen Album, gewählt. Lamere hat die hier zu hörende Musik in den Jahren 1995/96 gemeinsam mit Alan Vega erschaffen, Artaud hatte dessen letztes Album produziert, das 2017 veröffentlichte IT. Man muss in Mutator also keine Leichenfledderei befürchten, sondern kann davon ausgehen, dass das Archivmaterial in den behutsamen Händen von Vertrauten des verstorbenen Künstlers ist.

„Wir gingen in erster Linie ins Studio, um mit Klängen zu experimentieren, nicht um Platten zu machen“, erinnert sich Lamere an die Entstehungszeit dieser Klänge vor einem Vierteljahrhundert. „Ich spielte die Maschinen und Alan manipulierte die Sounds. Ich spielte Riffs, während Alan die Klänge veränderte, die durch die Maschinen liefen.“ Sie verweist darauf, dass Vega damals begeistert von HipHop war, ebenso wie von anderen Sounds, die er auf den Straßen von Brooklyn aufschnappte, was man dem Album in den Rhythmen und einigen Klängen, die Ähnlichkeit mit Industrial-Field-Recordings haben, auch anhört. Die acht hier vertetenen Stücke seien von Vega zudem auch keineswegs vor der Veröffentlichung verworfen worden – vielmehr sei er in dieser Phase seiner Karriere so produktiv gewesen, dass schon wieder das nächste Projekt anstand, bevor irgendjemand sich die Zeit nahm, die Ergebnisse dieser Sessions abzumischen und als Platte herauszubringen. Genau das haben Lamere und Artaud nun nachgeholt.

Trinity eröffnet das morgen erscheinende Album vor allem Stimmen, zumindest mit von Menschen erzeugten Geräuschen, auch wenn man die nicht immer unbedingt „Gesang“ nennen möchte. Fist wirkt, als würde Vega ein Gedicht rezitieren, im Hintergrund kann man ein paar Ambientflächen entdecken und den Gedanken, dass jemand in der Ferne vielleicht gerade versucht, eine Chemiefabrik hochzufahren. Das basslastige Muscles bestätigt ebenfalls, wie wichtig seine Stimme für den Charakter dieser Musik ist, noch mehr als das damals bei Suicide der Fall war.

Samurai klingt wie viele Momente auf Mutator zugleich sehr reduziert und sehr lebendig. Filthy hat mehr Aggressivität als der Rest der Songs und so etwas wie einen Ghostbusters-Alarm im Hintergrund, die Musik gewinnt ebenso wie die Vocals ihre Kraft aus dem Repetitiven. Nike Soldier offenbart tatsächlich eine militärische Komponente, vor allem in der Unbarmherzigkeit des Beats. Psalm 68 erweist sich erfreulicherweise nicht als Bibelstunde, sondern vertraut auf einen monotonen Bass, der von allerlei sphärischen Sounds umflattert wird. Breathe beschließt das Album, als sei Elvis experimentell geworden oder als hielte Nick Cave Narkotika nun auch in akustischer Form für reizvoll.

Mutator schlägt die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart“, ordnet Artaud das Album ein. „Wir haben das Gefühl, dass er sehr stolz darauf gewesen wäre, dass dieses verschollene Album heute veröffentlicht wird. In vielerlei Hinsicht wird seine Musik heute mehr denn je gebraucht.“ Wer da zustimmt, kann sich freuen: Im Archiv des Künstlers, bei Fans als der „Vega Vault“ bekannt, schlummern noch reichlich weitere bisher nicht veröffentlichte Aufnahmen.

Karaoke und Kruzifix treffen im Video zu Nike Soldier aufeinander.

Nachruf des Guardian auf Alan Vega.

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