Durchgelesen: Peter Handke – „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“


Aus der Wirklichkeit gibt es kein Entrinnen. Auch nicht für Torleute.

Autor Peter Handke
Titel Die Angst des Tormanns beim Elfmeter
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1970
Bewertung ***1/2

Im ersten Moment scheint dies ein Bericht übers Burn-Out-Syndrom zu sein, bevor irgendjemand diesen Begriff überhaupt kannte. Ein ehemaliger Fußballprofi streift durch Wien, und sein einziges Gefühl scheint zu sein: Er ist satt, er hat alles erlebt, nichts kommt ihm mehr erstaunlich, originell oder sehenswert vor.

Beinahe aus Langeweile wird er in gleich zwei Mordfälle verwickelt, und gerade da wird deutlich: Woran er verzweifelt, ist nichts anderes als die Wirklichkeit und ihre Unausweichlichkeit. Er leidet an der eigenen Ohnmacht, aber nur durch eine grenzenlose Übersteigerung des Selbst. Er erkennt andere Menschen gar nicht mehr als solche, noch die alltäglichste Wahrnehmung erscheint ihm wie speziell für ihn gemacht.

Die Unbegreiflichkeit der eigenen Tat wird so zur Unbegreiflichkeit der eigenen Existenz. Und zu Paranoia.

Beste Stelle: „Selbstverständlich, das Haus vor ihm war einstöckig, die Fensterläden waren festgehakt, auf den Dachziegeln lag Moos (auch so ein Wort!), die Tür war geschlossen, darüber stand: Volksschule, hinten im Garten hackte jemand Holz, es musste der Schuldiener sein, richtig, und vor der Schule stand natürlich ein lebender Zaun, ja, es stimmte, es fehlte nichts, nicht einmal der Schwamm unter der Tafel drinnen im finsteren Schulzimmer und die Schachtel mit den Kreidestücken daneben, nicht einmal die Halbkreise draußen an den Mauern unter den Fenstern, zu denen es eine Zeichenerklärung gab, die bestätigte, dass es sich um Fensterhakenschrammen handelte, es war überhaupt, als bekäme man von allem, was man sah oder hörte, bestätigt, dass es aufs Wort stimmte.“

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