Amour Fou


Film Amour Fou

Amour Fou Kritik Review

Heinrich (Christian Friedel) will mit Henriette (Birte Schnöink) in den Tod gehen.

Produktionsland Österreich, Deutschland, Luxemburg
Jahr 2014
Spielzeit 96 Minuten
Regie Jessica Hausner
Hauptdarsteller*innen Christian Friedel, Birte Schnöink, Stephan Grossmann, Sandra Hüller, Sebastian Hülk, Peter Jordan, Katharina Schüttler
Bewertung

Worum geht’s?

Preußen, 1811: Heinrich von Kleist ist ein Dichter mit einigen Achtungserfolgen, doch er hadert mit den gesellschaftlichen Zuständen seiner Zeit. Zwar findet er Anerkennung in den Salons des Adels und vermag es nicht zuletzt meisterhaft, seiner inneren Zerrissenheit auch in seinem literarischen Werk Ausdruck zu verleihen, doch letztlich sieht er keine Möglichkeit mehr für sich, noch irgendwie glücklich zu werden. „Mir ist im Leben nicht zu helfen“, lautet seine Erkenntnis. Er beschließt, sich das Leben zu nehmen, will diesen Schritt aber noch mit einer Geste maximaler Hingabe verbinden: Er sucht eine Frau, die mit ihm in den Tod geht. Seine Cousine Marie, zu der er ein inniges Verhältnis pflegt, lehnt seinen Einladung zum gemeinsamen Selbstmord ab. Mehr Gehör findet er bei Henriette Vogel, die er bei einer Abendgesellschaft kennenlernt. Auch sie ist zunächst empört von dem Vorschlag, schließlich hat sie einen liebevollen Ehemann und eine kleine Tochter. Als bei ihr allerdings eine tödliche Krankheit diagnostiziert wird und sie ahnt, dass ihr beträchtliche Leiden bevorstehen, willigt sie ein.

Das sagt shitesite:

Mit großem handwerklichen Können erzählt Amour Fou aus den letzten Lebensmonaten des Heinrich von Kleist, doch so recht scheint sich der Film nie entscheiden zu können, was er überhaupt sein will. Gegen ein Biopic spricht unter anderem die Tatsache, dass hier zwar teilweise mit historisch verbürgten Dialogen (die etwa Briefwechseln entnommen sind) und einer sehr aufwendigen Ausstattung gearbeitet wird, zugleich der Name „Kleist“ kein einziges Mal erwähnt wird.

Auch die Erinnerung an die enorme Sensibilität dieses Autors für die Friktionen seiner Ära, die man als Motivation für diesen Film vermuten könnte, erfolgt allenfalls halbherzig. Er setzt die Freiheit seiner Poesie gegen das Korsett des gerade beginnenden Biedermeiers, er zieht das eigene kritische Denken dem bequemen Gehorchen seiner Standesgenoss*innen vor, er stellt die Kröfte, die er in seiner Seele spürt, über die jegliche Individualität zukleisternden Routinen seiner Zeit. All dies geschieht vor dem Hintergrund einer Zeitenwende. Die französische Revolution wirkt weiter nach, auch in Preußen, wo im Jahr zuvor Königin Luise gestorben ist, soll der Adel ein paar Privilegien verlieren und sogar Steuern zahlen, um den Staat vor dem Bankrott zu retten. Auch Kleists eigener gesellschaftlicher Status ist mehr als bedroht. All das wird hier auch erwähnt oder angedeutet, doch all dieser innere Druck und all diese äußeren Spannungen führen in Amour Fou nicht einmal zu einem Brodeln unter der Oberfläche. Alles bleibt ernst, steril und starr, die Figuren sind trotz des sehr namhaften Ensembles hölzern, die Dialoge entwickeln mit ihrer altmodischen Sprache manchmal einen (hoffentlich gewollten) trockenen Humor.

Natürlich kann man argumentieren, dass diese Strenge, die sich auch im Kostüm und in der Kameraarbeit zeigt, bewusst die Konventionen der Zeit spiegelt. Aber dieser Ansatz macht es schwer bis unmöglich, mit den Figuren mitzufühlen oder gar mitzufiebern und mitzuleiden. Statt der Leidenschaft, die der Titel suggeriert, gibt es Künstlichkeit, als sollte das Publikum unbedingt merken, dass dies eine andere Epoche ist, mit ganz anderen moralischen Maßstäben und nicht zuletzt ein inszeniertes Werk, das keineswegs mit der historischen Wahrheit oder irgendeiner anderen Form von Realität zu verwechseln ist. Letztlich kann hier auch nicht von einer Amour Fou im herkömmlichen Sinne die Rede sein, also einer alles verzehrenden Liebe, für die man keinerlei Kompromisse zu machen bereit ist. Denn Henriette ist für Heinrich nur die zweite Wahl, nachdem ihm seine Cousine einen Korb gegeben hat. Für sie wiederum ist die Idee des Selbstmords (und damit die Entscheidung, ihren Ehemann und ihre Tochter im Stich zu lassen) erst denkbar, als sie von ihrer Krankheit erfährt, und ihre Bewunderung und Faszination für Heinrich gilt eher dem Dichter als dem Mann.

Nicht zuletzt ist Heinrichs Plan mindestens so sehr eine fixe Idee wie der Ausdruck einer existenziellen emotionalen Krise, er ist ebenso eitel wie mutig. Seiner übersteigerten Vorstellung von Liebe und Hingabe will er ein Denkmal bauen, dem schwärmerischen Charakter seiner Literatur soll eine Entsprechung von maximaler Härte an die Seite gestellt werden. Aus dem Todesbund mit Henriette spricht keine Liebe, sondern der Wunsch nach Kontrolle und Macht. Dass Amour Fou damit auch eine interessante Gender-Facette hat (die Perspektive der Frauen nimmt genauso viel Raum ein wie die Todessehnsucht des berühmten Dichters), wird leider nur angdeutet, ebenso wie andere aktuelle Bezüge, etwa die Bedeutung von Mental Health oder die Unfähigkeit einer Gesellschaft, sich neuen Entwicklungen anzupassen, Reformen zuzulassen, Widersprüche zu artikulieren und Konflikte auszutragen. Der Film verschenkt die Chance, diese Aspekte in den Mittelpunkt zu stellen, und offensichtlich geschieht das ganz bewusst. Amour Fou will seine Protagonist*innen nicht zum Leben erwecken, sondern lässt sie wie eingefroren in einer sorgsam in Szene gesetzten Vergangenheit.

Bestes Zitat:

„So ist das öfter: Man denkt, man möchte leben, und möchte doch sterben.“

Der Trailer zum Film.

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