Biester


Film Biester

Biester Review Kritik

Sophie (Sandrine Bonnaire, rechts) freundet sich mit Jeanne (Isabelle Huppert) an.

Originaltitel La cérémonie
Produktionsland Frankreich
Jahr 1995
Spielzeit 111 Minuten
Regie Claude Chabrol
Hauptdarsteller Isabelle Huppert, Sandrine Bonnaire, Jean-Pierre Cassel, Jacqueline Bisset, Virginie Ledoyen, Valentin Merlet
Bewertung

Worum geht’s?

Sophie hat lange als Haushälterin für eine ältere Dame gearbeitet. Als das nicht mehr möglich ist, findet sie schnell eine neue Anstellung: Sie fängt als Dienstmädchen bei Familie Lelievre an, die mit einer Fabrik für Konserven zu Reichtum gekommen ist und in einem großen, einsam gelegenen Haus lebt. Dort kümmert sie sich fortan um Ordnung und Sauberkeit, zudem bekocht sie das Ehepaar Georges und Catherine sowie den Sohn Gilles und gelegentlich auch die Tochter Melinda, die als Studentin meist nur am Wochenende zu Besuch kommt. Als die Familie eine Woche lang in den Urlaub fährt und sie etwas weniger zu tun hat, freundet sie sich mit der Postbotin Jeanne an. Sie verbringen immer mehr Zeit miteinander, Sophie lädt ihre Freundin auch regelmäßig zu sich ein. Insbesondere für den Herrn des Hauses ist die vorlaute Jeanne, die er schon lange im Verdacht hat, auf dem Postamt regelmäßig seine Briefe zu öffnen, aber ein rotes Tuch, er erteilt ihr Hausverbot. Sophie bleibt trotzdem in Kontakt mit ihrer Freundin und findet in ihr eine wichtige Unterstützung, als auch sie mit der Familie aneinander gerät: Mit etlichen Tricks hat sie lange Zeit verbergen können, dass sie nicht lesen und schreiben kann. Als ihr Geheimnis ans Licht kommt und sie aus gekränktem Stolz aggressiv agiert, eskaliert die Lage.

Das sagt shitesite:

Biester basiert auf dem Roman Urteil in Stein von Ruth Rendell. Dieses Buch wiederum ist vage an eine wahre Begebenheit im Jahr 1933 angelehnt. Die filmische Umsetzung zeigt als eines der letzten Werke von Claude Chabrol viel von dessen typischer Ästhetik. Sein Lieblingsthema, der Blick auf die Bourgeoisie, steht auch hier im Mitelpunkt. Als Markenzeichen können auch seine Vorliebe für Doppelbödiges und ein nüchterner, fast dokumentarischer Blick auf das Geschehen gelten. Das Besondere an diesem Film ist die Balance zwischen einer schockierenden Brutalität, die man eher von Quentin Tarantino erwarten würde, und einem Stil, der voll und ganz in der Tradition des französischen Kinos steht.

Getragen wird das von einem Ensemble mit vielen ambivalenten Figuren. Georges gehört dazu als vermeintlich großherziger pater familias, dessen Fürsorge auch die Hausangestellte einschließt, die er bei der ersten Verfehlung aber doch kündigt. Noch mehr gilt das für Melinda, die Sophie immer wieder ermutigt, sich nicht wie eine Sklavin behandeln zu lassen und ihr gelegentlich auch Unterstützung anbietet, im entscheidenden Moment aber nicht mit ihr paktiert, sondern sie verrät. Am stärksten ist aber das Frauenduo, dem der deutsche Verleih den Titel Biester gegeben hat. Beide haben eine dunkle Vergangenheit, beide sind Außenseiterinnen: Sophie ist anscheinend integriert in den Haushalt, aber nicht auf Augenhöhe. Jeanne lebt schon viele Jahre im Ort, hat dort aber nie richtig Anschluss gefunden. Doch ihre Verbindung, ihr Interesse aneinander und ihre Solidarität entstehen vielmehr aus ihrer Gegensätzlichkeit: Jeanne ist neugierig, unternehmungslustig, und exzentrisch. Sophie hingegen, herausragend gespielt von Isabelle Huppert, ist ein Dienstmädchen wie aus dem Bilderbuch: fleißig, diskret, fügsam. Zu Beginn des Films reagiert sie durchweg ausweichend und unbestimmt auf Fragen zu ihrer Person, ihrer Vergangenheit oder ihren Vorlieben, jede zweite Antwort ist „Habe verstanden“ oder „Ich weiß nicht.“

Fast könnte man meinen, sie habe gar keinen eigenen Charakter, und genau diesem Missverständnis unterliegen die Lelievres. Biester bietet in keinem Moment ein Indiz dafür, worin die Leistung dieser Familie bestehen sollte, die ihren großbürgerlichen Status rechtfertigen könnte – oder ihnen das vermeintliche Recht gibt, Sophie wie ein Objekt zu betrachten. Schon bevor sie ihre Stelle überhaupt antritt, scherzen ihre künftigen Arbeitgeber, was wohl die richtige Bezeichnung für ihre künftige Tätigkeit sein wird. Der Vater will wissen, ob sie kochen kann, der Sohn ist neugierig, ob sie gut aussieht. Als sie schließlich bei ihnen ist, wird sie immer wieder – in Abwesenheit – beurteilt. Es wirkt wie ein Produkttest, bei dem sie vergessen, dass es sich nicht um einen Roboter, sondern um einen Menschen handelt.

Claude Chabrol macht daraus einen Film, in dem verletzter Stolz eine noch wichtigere Triebfeder für Aufbegehren wird als die Ungerechtigkeit im Klassenkampf. Geschickt baut er Bezüge ein, die nie überstrapaziert werden, etwa zum Fernsehen, das für die Analphabetin Sophie zum Zufluchtsort und zur einzigen Möglichkeit wird, der Realität zu entfliehen, sodass sie in ihrem Zimmer immer wieder beinahe katatonisch dasitzt und Gameshows oder Seifenopern schaut, während die Fabrikantenfamilie einen gemeinsamen Abend vor dem TV-Gerät (natürlich wird eine Mozart-Inszenierung geschaut) wie einen Festakt inszeniert. Biester wird spannend, obwohl über lange Zeit nichts Aufregendes passiert, und entpuppt sich als Psychogramm, fast ohne dass hier jemand tatsächlich verbal Einblick in sein Innenleben geben würde. Mit seiner kühnen Pointe macht der Film dann deutlich: Es gibt Verbrechen, die aus Bosheit begangen werden, und solche aus Notwendigkeit – und es gibt welche, die sich genau dazwischen befinden.

Bestes Zitat:

„Ich räume dann auf.“

Der Trailer zum Film.

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