Blood Red Shoes, Conne Island, Leipzig


Zum gefühlt dreißigsten Mal waren Blood Red Shoes im Conne Island zu Gast.

Zum gefühlt dreißigsten Mal waren Blood Red Shoes im Conne Island zu Gast.

Rituale sind wichtig. Sie bringen Ordnung ins Chaos der Welt, sie vermitteln einen Eindruck von Halt und Orientierung. Zu den Ritualen der Blood Red Shoes gehört: Sie sind quasi permanent auf Tour. Sie legen immer einen Stopp in Leipzig ein („The East is where it’s at for us“, sagt Schlagzeuger Steven Ansell über die aktuelle Deutschlandtour, nachdem die Band tags zuvor in Dresden auf der Bühne gestanden hatte). Und zwar am liebsten im Conne Island (sie mögen den Laden so gerne, dass sie den örtlichen Veranstaltern diesmal sogar den letzten Song ihres Konzerts widmen). Zum gefühlt dreißigsten Mal stehen sie heute hier auf der Bühne, und – so viel sei verraten – es ist wieder ein Fest.

Denn zu den Ritualen der Blood Red Shoes gehört es nicht nur, dass Ansell seiner Bandkollegin Laura-Mary Carter irgendwann während der Show schelmisch einen Schluck von ihrem Getränk klaut (auch heute wieder). Sondern auch, dass es die beiden Engländer immer wieder schaffen, die elementare Frage zu pulverisieren, ob es nicht irgendwann langweilig wird, wenn nur zwei Leute mit nur zwei Instrumenten eine Musik spielen, die in dieser Form im Prinzip seit ungefähr 60 Jahren existiert.

Auch an diesem Abend im Conne Island in Leipzig hört man wieder das ungläubige Flüstern von Blood-Red-Shoes-Novizen: „Wow, und das machen die alles bloß mit Gitarre und Schlagzeug?“ „Aber hallo!“, will man ihnen zurufen, und zwar schon nach dem instrumentalen Auftakt Welcome Home (wie passend, auch wenn Steven Ansell trotz der zahlreichen Stippvisiten zuvor noch immer nicht richtig „Leipzig“ sagen kann und stattdessen zwischen „Laibsick“ und „Liebsich“ changiert).

Dabei ist der Abend nicht frei von Komplikationen. „It’s not my guitar night”, stellt Laura-Mary Carter fest, nachdem es erst in Red River (von der EP Water) Probleme mit den Effektpedalen gibt und sich dann bei Silence And The Drones (eins von zwei Liedern, das in Leipzig seine Live-Premiere erlebt) auch noch der Gitarrengurt verabschiedet. Ansell gönnt sich ein bisschen Schadenfreude angesichts der Erfahrung, dass in dieser Band normalerweise er für zerstörtes Equipment zuständig ist.

Die Gitarristin nimmt sich die Pannen offensichtlich mehr zu Herzen: Zu Beginn der Show schaut sie fast immer aufs Griffbrett, hat die Augen geschlossen oder lässt sie hinter ihren Haaren verschwinden. Für die Kommunikation mit dem Publikum – mit Worten und Blicken, während und zwischen den Songs – ist vor allem Steven Ansell zuständig. Er genießt diese Rolle ganz unverhohlen, und zeigt auch gerne seine liebste Schlagzeuger-Pose: Er reckt den rechten Drum Stick nach oben wie die Freiheitsstatue ihre Fackel.

Dass Laura-Mary Carter später in A Perfect Mess „Go on and disappear, yeah“ singen wird, bekommt da eine ganz besondere Konnotation. Doch das störrische Biest namens Gitarre zwingt sie selbstverständlich doch noch in die Knie, und je länger das Konzert im Conne Island dauert, desto öfter huscht ihr ein Lächeln übers Gesicht.

Zu zweit haben Blood Red Shoes genug Kraft, um eine Armee zu besiegen.

Zu zweit haben Blood Red Shoes genug Kraft, um eine Armee zu besiegen.

Sie hat allen Grund dazu: Spätestens ab An Animal, einem der Highlights vom aktuellen Album, ist es eine Show, die man nur noch mit offenem Mund verfolgen kann. Egal, wie oft man Blood Red Shoes schon erlebt hat: Hier beweisen Carter und Ansell, dass sie genug Power haben, um ganz alleine eine Armee (und alle Langeweile der Welt) in die Flucht schlagen zu können. Gleich darauf, nach einer knappen Stunde, gibt es bei This Is Not For You den ersten Crowdsurfer des Abends. Auch die Band braucht jetzt offensichtlich mehr Bewegung: Ansell klettert erst auf sein Drumkit, dann auf die Monitorbox, Carter lässt die Schüchternheit aus dem ersten Drittel des Konzerts vollends hinter sich und zeigt beeindruckend, dass auch eine Headbangerin in ihr steckt.

In Don’t Ask klingt sie wie Ein-Mann-AC/DC (pardon: Ein-Frau-AC/DC), Ansell klingt derweil wie Godzilla. Ohnehin spielt er auch an diesem Abend in Leipzig mit so viel Kraft, dass man sich beinahe wundert, dass sein Schlagzeug am Ende der Show immer noch (ungefähr) an derselben Stelle steht und ob all der Tritte und Schläge nicht längst ans andere Ende der Bühne gewandert ist. Colours Fade macht den Abschluss vor der Zugabe und wirft die Frage auf, warum „Bassmusik“ eigentlich ein Begriff ist, den die elektronischen Genres für sich okkupiert haben – er trifft angesichts der dröhnenden Wände des Conne Island eindeutig auch auf Blood Red Shoes zu, auch ganz ohne Bassgitarre.

Als Zugabe gibt es zunächst Light It Up, dann mit Far Away einen weiteren Song, den die Blood Red Shoes nach eigenem Bekunden noch nie live gespielt haben. Als Finale zelebrieren sie das brachiale Je me perds, und am Ende dieser knapp 90 Minuten will man nicht nur der Drummer sein oder die Gitarristin. Man will sogar das Schlagzeug sein oder die Gitarre.

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