Bonaparte, Centraltheater, Leipzig 1


Bonaparte sind die Meister des digitalen Prinzips. Foto: Melissa Hostetler

Bonaparte sind die Meister des digitalen Prinzips. Foto: Melissa Hostetler

Man muss das wohl, ähm, levée en masse nennen. Schließlich spielen hier Bonaparte. Und was da im Centraltheater Leipzig passiert, schon beim ersten Song Do You Want To Party, das sieht von oben (also vom Rang auf das Parkett schauend) betrachtet aus wie ein Sturmlauf, ein Aufruhr, eine Revolution. Die Menschen erheben sich, pfeifen auf die gepolsterten Sessel und tanzen. Es ist eine so spontane Reaktion, ein so erhebendes Bild – da können die Proteste gegen Stuttgart 21 einpacken.

Natürlich gibt es wenige Bands, zu denen ein Aufstand wie dieser besser passen würde als Bonaparte, die in Leipzig heute Abend ihre aktuelle Zirkus-Tour beginnen. Denn Bonaparte predigen seit Jahren, dass nichts und niemand dem Willen zum Tanzen und zur Party im Wege stehen sollte. Und sie leben eine Philosophie vor, die dennoch Oberflächlichkeit und Spaßgesellschaft infrage stellt.

Das ist, dann doch wieder ähnlich wie bei Stuttgart 21, eine Botschaft, die in diesen Zeiten auf fruchtbaren Boden fällt. Ein System, das sich spätestens mit der Finanzkrise seiner Unantastbarkeit beraubt hat, stößt immer mehr Menschen so lange auf die Sinnfrage, bis sie eine blutige Nase haben (oder ein Dauerveilchen, wie es sich Sänger Tobias Jundt auf der Bühne schminkt). Bonaparte bestärken diese Gegenposition aber nicht nur durch ihre Musik. Sie bestärken sie paradoxerweise auch durch ihren Erfolg innerhalb dieses Systems.

Denn das Kollektiv um Vordenker Tobias Jundt ist auch der beste Beweis dafür, wie fahrlässig das System inzwischen mit Talent umgeht (nicht nur in der Kunst). Dass Pop-Revolutionäre wie Jundt, der verdammt virtuose Bassist Carlos oder die unvergleichlichen Tänzer womöglich niemals mit ihrer Kunst ein Publikum gefunden hätten, wenn sie sich nicht mehr oder weniger zufällig in Berlin kennen gelernt hätten, ist ein Skandal.

Denn auch an diesem Abend in Leipzig beweisen Bonaparte ihre Großartigkeit. Bis zu Ego nach einer knappen halben Stunde halten sie sich an die Setlist, mit der sie schon im Sommer bei den Festivals abgeräumt hatten. Doch danach ist alles noch einen Tick irrer, freier, wilder (zumal die Band vor der Show noch den Theater-Kostümfundus geplündert zu haben scheint). Beim Hit Anti Anti muss man bangen, dass der Rang aufs Parkett kracht, weil Tanzen hier automatisch zu Hemmungslosigkeit führt. Fly A Plane Into Me hat ein Moshpit (im Theater!) zur Folge, in dem die Menschen so glücklich aussehen, als würden sie dafür bezahlt. Und auch wenn man dem Kollektiv auf der Bühne inzwischen ein wenig Routine anmerkt, ist keine einzige Sekunde dieser Show langweilig.

Die Show pendelt zwischen Gogel Bordello meets Super Mario Brothers und Beastie Boys meet Monty Python. „Bonaparte ist nicht so sehr ein Sound, sondern vor allem eine besondere, aktuelle Herangehensweise, die gut in unsere Zeit passt“, hatte mir Sänger Tobias Jundt unlängst im Interview erklärt – und das wird bei ihrer Circus Show besonders deutlich. Es gibt Computer, die sich küssen. Es gibt Männer, die acht Unterhosen übereinander anziehen. Und Frauen, die nicht viel mehr tragen als Klebestreifen.

In einer kurzen Umbaupause werden Stummfilme gezeigt, dazu saugt ein Zimmermädchen minutenlang den Bühnenboden. Das mag einfach bloß Dadaismus sein. Aber man kann es (zumal nach der Pause eine Art Ragtime-Stück erklingt) auch als Sinnbild für die Methode Bonaparte verstehen: Diese Band saugt alles ein, ohne Berührungsängste. Nicht nur in ihren Texten, etwa im an diesem Abend besonders exorbitanten Blow It Up, besingen sie das digitale Prinzip. Sie wenden es auch an: Alles ist eine 0 oder 1, alles ist damit verfügbar, kopierbar, verwandelbar. „Wir bringen Versatzstücke in einen neuen Kontext“, nennt Tobias Jundt diese Arbeitsweise.

Der Abend in Leipzig ist Beleg dafür, wie wirkungsvoll, aufregend und unterhaltsam diese Methode sein kann. Nach knapp zwei Stunden Bonaparte inklusive zweier Zugaben ist sicher: Wer noch nie Rockmusik live auf der Bühne gesehen hat und an diesem Abend seine Initiation erlebte, der wird danach alle anderen Konzerte bloß noch langweilig finden können.

Bonaparte spielen Do You Want To Party live:

Bonaparte bei MySpace.


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