Bonnie „Prince“ Billy – „When We Are Inhuman: Live 2018“


Künstler Bonnie „Prince“ Billy, Bryce Dessner, Eigth Blackbird

Bonnie Prince Billy When We Are Inhuman: Live 2018 Review Kritik

Julius Eastman ist die prägende Figur für „Bonnie Prince Billy When We Are Inhuman: Live 2018“.

Album When We Are Inhuman: Live 2018
Label MCA
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Bryce Dessner ist ein ziemlich umtriebiger Kerl. Er spielt Gitarre bei The National, schreibt Filmmusik und komponiert modern-klassische Werke, die etwa von Los Angeles Philharmonic oder im Metropolitan Museum of Art und der Elbphilharmonie aufgeführt werden. Außerdem hat er das MusicNOW-Festival in Cincinnati ins Leben gerufen, dessen Kurator er ist.

Will Oldham alias Bonnie „Prince“ Billy war schon 2014 dort eingeladen, vier Jahre später trat er wieder auf. Bryce Dessner machte ihn aus diesem Anlass mit der Minimal-Musik von Julius Eastman (1940-1990) vertraut. Der kann durchaus als Geistesverwandter gelten: ein hochmusikalischer Außenseiter, Wegbegleiter etwa von John Cage und Arthur Russell. Eastman schrieb (wohlgemerkt für Klavierquartett!) Stücke mit Titeln wie Evil Nigger, Gay Guerrilla oder Crazy Nigger und starb so vergessen von der Szene, in der er einst geachtet war, dass erst neun Monate nach seinem Tod ein Nachruf erschien.

Für das MusicNOW-Festival nahm sich Bonnie „Prince“ Billy einiger seiner Werke an, dazu spielte er ein paar eigene Songs in neuen Arrangements, die von der Minimal-Ästhetik Eastmans inspiriert waren. Er wurde begleitet von der Band Eighth Blackbird, in der Bryce Dessner die Gitarre spielte. Das Ergebnis ist auf dem morgen erscheinenden When We Are Inhuman: Live 2018 dokumentiert und es zeigt sowohl, wie offen Oldham für das fremde Material ist, als auch, wie gut es zu seinem eigenen künstlerischen Credo passt. Die Zusammenarbeit mit Eighth Blackbird sei gewesen, „als sei man gemeinsam in einem Haus voller Gespenster eingesperrt“, sagte er nach dem Konzert.

Sein eigenes Beast For Thee eröffnet die Platte mit Percussions als Fundament und Antrieb, schönen Streichern und seiner Stimme, die hier für nichts so sehr zu stehen scheint wie für Sensibilität. Im folgenden Down In The Willow Garden setzt das Klavier die Akzente, eine Frauenstimme kommt hinzu und ein paar schräge Elemente, die zu Tom Waits passen würden. Das Ergebnis wirkt wie eine etwas windschiefe, aber sehr einladende Hütte irgendwo in den Appalachen. Etwas konventioneller klingt die neue Version der Eigenkomposition New Partner. Sie lebt neben der Atmosphäre vom innigen Gesang, die Zeile „I’ve got a new partner riding with me“ unterstützen die Percussions durch Rhythmus wie Pferdetraben – und natürlich bekommt sie durch die metaphysische Anwesenheit von Julius Eastman noch eine zusätzliche Facette.

Underneath The Floorboards (die Vorlage stammt von Sufjan Stevens) inszenieren die Kollaborateure gespenstisch, nach einer Minute mit Horrorfilm-Sounds à la Blair Witch Project entfalten sich dann Klavier, Cello und Schönheit. One With The Birds könnte eine klassische, ergreifende Klavierballade sein, aber die Instrumente machen dafür viel zu ungewöhnliche, teils kapriziöse Dinge. When Thy Song wäre in dieser Interpretation wie gemacht für Sutras von Donovan, der Gesang in Banks Of Red Roses ist so sehnsuchtsvoll und besonders, dass es fast keine Instrumente brauchte, um diese Stimmung zu unterstreichen. Mehr als eine Viertelstunde nimmt zum Abschluss Eastmans Stay On It ein, das quasi als klassisches Streicherquartett beginnt und sich dann durch den Einsatz von Klavier und Schlagzeug hin zu einem wilden Geheul entwickelt.

Das ist nicht nur für Fans von Bonnie „Prince“ Billy eine Entdeckung, sondern zelebriert vor allem ein Ethos, das die Kunst an erste Stelle setzt. Julius Eastman schrieb 1977 ein Stück für Geige, Bläser und Klavier namens If You’re So Smart, Why Aren’t You Rich? Sein jüngst neu entdeckter Einfluss, der sich nun auch auf When We Are Inhuman: Live 2018 entfaltet, zeigt, dass er reich war, ebenso wie es Bryce Dessner und Will Oldham sind: reich an Kreativität, Schaffensdrang und der Überzeugung, dass die Welt nichts wert wäre ohne Musik.

Ein Audio-Eindruck von Beast For Thee.

Website von Bonnie „Prince“ Billy.

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