Breivik macht die Medien zu Erfüllungsgehilfen


500 Journalisten sind vor Ort. Zehn Wochen lang wird verhandelt. An fünf Tagen wird Anders Behring Breivik im Gerichtssaal in Oslo die Möglichkeit bekommen, seine Sicht der Dinge darzulegen.

Schon jetzt ist klar: Der 77-fache Mörder wird diese Gelegenheit nicht nur nutzen, um sich zum Tathergang zu äußern. Er will auch seine rassistische Ideologie unters Volk bringen. Breivik wird diese Bühne nutzen, um sich als Held der rechten Szene zu inszenieren, als Mythos. Er wird damit das Leid der Opfer noch einmal vergrößern, alte Wunden aufreißen. Seine Aussagen im Prozess werden das sein, was die Bombe von Oslo und der Kugelhagel von Utøya ebenfalls für ihn waren: Werkzeuge im Kampf für ein menschenverachtendes Weltbild. Es steht zu befürchten, dass Breivik diesen Prozess genießen wird, der ihm so viel Aufmerksamkeit und Macht beschert.

Die Medien schaffen ihm ein riesiges Forum dafür und werden dabei zwangsläufig zu Breiviks Komplizen. Sie sind der Kanal, über den der Massenmörder zur ganzen Weltöffentlichkeit sprechen kann. Sollte man deshalb lieber nicht über die Verhandlung berichten? Auch für news.de habe ich mir diese Frage gestellt. Und entschieden, auf einen Boykott zu verzichten, und stattdessen reflektiert und sensibel zu berichten.

Zum einen spricht dafür, dass es ein riesiges öffentliches Interesse an dem Prozess gibt. Kommt Breivik ins Gefängnis oder in die Psychiatrie? Wie war er in der rechten Szene vernetzt? Hätte es eine Möglichkeit gegeben, sein Massaker zu verhindern? All das sind wichtige Fragen, auf die der Prozess womöglich die Antworten geben wird. Genau aus diesem Grund sind Gerichtsverhandlungen in der Regel öffentlich: Alle dürfen erfahren, was geschehen ist, wie ermittelt wurde und auf welchen Argumenten am Ende das Strafmaß beruht.

Zum anderen besteht die Möglichkeit, dass Breivik sich und seine Ideologie im Prozess selbst demaskiert. Seine Thesen werden in der rechten Szene auf Zustimmung stoßen, aber bei einem großen Teil der Öffentlichkeit wohl eher Fassungslosigkeit und Bestürzung auslösen. Wie weit rassistische Verblendung und rechter Terror gehen können – in diesen Punkten könnten die Verhandlungstage manch einem die Augen öffnen.

Vor allem aber steht über dem Prozess in Oslo nach wie vor die große Frage nach dem Warum. Es wird dem Gericht nicht gelingen, eine derart schockierende Tat nachvollziehbar erscheinen zu lassen. Aber mit einiger Sicherheit wird der Prozess Hinweise darauf liefern, was Breivik zu einer so kaltblütigen, so grausamen Tat getrieben hat. Im besten Fall kann das den Überlebenden und den Angehörigen der Opfer ein wenig Trost spenden – und uns allen helfen, aus dieser unfassbaren Tat unsere Lehren zu ziehen.

Diesen Kommentar gibt es auch bei news.de.

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