Durchgelesen: David Guterson – “Ed King”

David  Guterson macht "Ed King" zum Ödipus für das Internet-Zeitalter.

David Guterson macht "Ed King" zum Ödipus für das Internet-Zeitalter.

Autor David Guterson
Titel Ed King
Verlag Hofmann und Campe
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

Mit Wunderknaben kennt sich David Guterson aus. Manche halten ihn selbst für einen. Gleich mit seinem ersten Roman Schnee, der auf Zedern fällt landete der Amerikaner 1994 einen weltweiten Bestseller. Auch sein neustes Werk verkauft sich blendend, zumindest in Deutschland. Diesmal ist seine Titelfigur ein Wunderknabe: Ed King.

Ed King ist der Sohn von Walter Cousins, einem 34-jährigen Versicherungsstatistiker und Familienvater, und Diane Burroughs, seinem 15-jährigen Au-Pair-Mädchen, das aus England in die USA gekommen ist. Die Affäre ist eher von Neugier als von Leidenschaft getrieben. Als Diane schwanger wird, herrscht auf beiden Seiten die blanke Panik. Danach gibt es zwischen Walter und Diane nur noch Verbitterung.

Walter will Diane erst zur Abtreibung drängen. Dann versteckt er sie in einem Ferienhaus, schließlich soll sie das Kind zur Adoption freigeben. Doch die Mutter flieht mit dem Neugeborenen und setzt es schließlich vor der Tür wildfremder Leute aus. Niemand weiß von den wahren Eltern des Babys.

Von da an verfolgt David Guterson die Spur seiner Figuren. Walter versucht, wieder in sein bürgerliches Leben zurückzukehren. Diane will ihre Jugend genießen und das Beste aus ihrer Schönheit machen. Und der gemeinsame Sohn wächst in einer jüdischen Familie auf, die ihn adoptiert, ohne ihm etwas davon zu sagen. Ed King wird erst zur Sportskanone, dann zum Rebell und Frauenhelden, schließlich zum Mathematik-Genie und Software-Krösus.

Es gibt große Sprünge in dieser Handlung, die 1962 beginnt und bis in die Zukunft reicht. Immer wieder lässt Guterson eine seiner Figuren aus den Augen, um sie dann wieder in den Plot zurückzuholen. Doch das schadet dem Buch keineswegs. Denn der Autor hat eine Ausgangssituation geschaffen, aus der gerade wegen dieser Auslassungen ein feines Geflecht aus Beziehungen, Sehnsüchten und Schuldgefühlen erwachsen kann.

Der Leser weiß schon aus dem Klappentext, dass Guterson hier eine Neuinterpretation des Ödipus-Mythos geschrieben hat, doch das nimmt Ed King nichts von seiner Spannung. Wie Walter seinen Fehltritt scheinbar ignoriert, wie Diane versucht, die Lücke in ihrem Leben mit Oberflächlichkeiten zu füllen, und wie Ed sein Leben in die Hand nimmt, ohne etwas von seiner Herkunft zu ahnen, das ist fein konstruiert.

Dabei profitiert Ed King auch davon, dass sich Guterson kein Urteil anmaßt, obwohl bezeichnenderweise keine seiner Figuren als besonders anständig gelten kann. Dazu passt seine enorm nüchterne Sprache, die auch dann keinen Anflug von Poesie bekommt, wenn eine der vielen erotischen Szenen erzählt wird. Egal, ob es um Sex mit einer Minderjährigen geht, um Mord, Betrug oder Erpressung: Der Autor begegnet seinen Protagonisten immer mit einem hohen Maß von Verständnis.

Als nach knapp 300 Seiten der verhängnisvolle Sex zwischen Ed und Diane bevorsteht, auf den der Plot so lange hingearbeitet hat, unterbricht er die Handlung plötzlich, wechselt auf eine Meta-Ebene und spricht den Leser direkt an mit einer Reflexion über Moral. Das ist ein netter Kunstgriff, der dem Leser noch einmal zum Luftholen kommen lässt, bevor das schier atemlose Finale ansteht.

Nur ein Manko hat Ed King: Gelegentlich wirkt das Buch, als hätte sich Guterson, der den Erfolg seines Debütromans bisher nicht wiederholen konnte, ein wenig zu sehr nach dem Etikett «great American novel» gesehnt. Der Roman erzählt nichts anderes als die jüngere Geschichte der USA. Am Beginn sind gerade die Nachkriegsjahre überwunden, am Ende, irgendwo in der Mitte unseres Jahrzehnts, wird Ed King zu Science Fiction. Elvis, Vietnam und Kennedy sind vertreten, es gibt unmissverständliche Anspielungen auf Steve Jobs oder Bill Gates.

Guterson will offensichtlich möglichst viele der großen Themen unserer Zeit in dieses Buch packen, von der Patientenverfügung über Schönheits-OP-Wahn bis zur Allmacht der Suchmaschinen. Dazu kommen auch noch Anspielungen auf diverse Bücher, Filme oder Lieder und ein kleiner Trick, mit dem sich Guterson selbst in die Handlung schummelt. Das ist mitunter doch ein bisschen viel des Guten, denn nicht immer wirken die Volten seiner Handlung dann noch plausibel.

Trotzdem ist Ed King ein gelungener, sehr unterhaltsamer Roman. Das Buch wird Zeitgeschichte, Sozialsatire und Sinnsuche zugleich. Irgendwo zwischen dem Streben nach Glück, einer guten Dosis Neoliberalismus und der unvermeidlichen Gottesfürchtigkeit versuchen die Figuren hier, ihren Weg zu gehen, und sie werden bitter bestraft, sobald sie von diesen Leitlinien abweichen. Damit zeigt Ed King wohl auch, dass der Mythos des American Dream mindestens so mächtig ist wie der von Ödipus.

Bestes Zitat: „Für mich ist ein adoptiertes Kind ähnlich wie ein Jude, versteht ihr? Ohne eigenes Land, weil er zwei Länder hat, sein Heimatland und das Gelobte Land. ,Nächstes Jahr in Jerusalem’ – vielleicht sagt ein Adoptivkind das Gleiche, vielleicht denkt es, dass irgendetwas fehlt, dass immer irgendetwas nicht stimmt oder nicht ganz passt und dass es eine unerklärliche Sehnsucht empfindet.“

Diese Rezension gibt es auch auf news.de.

Durchgelesen: Natascha Sagorski – “Don’t Call It Pussy”

Hilfe für verzweifelte Männer verspricht Natascha Sagorski in "Don't Call It Pussy".

Hilfe für verzweifelte Männer verspricht Natascha Sagorski in "Don't Call It Pussy".

Autorin Natascha Sagorski
Titel Don’t Call It Pussy
Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **

„Auf der einen Seite wollt ihr, dass wir immer gut aussehen, auf der anderen Seite sollen wir aber kein Geld dafür ausgeben. Das passt doch irgendwie nicht zusammen, oder?“ Das ist eine typische Frage von Natascha Sagorski. Die Autorin, auch als Fernsehkolumnistin bei ProSieben bekannt, geht in ihrem Buch Don’t Call It Pussy – 33 Dinge, die Männer endlich über Frauen lernen sollten, den kleinen Missverständnissen und großen Katastrophen zwischen den Geschlechtern nach. Im Alltag, im Beruf und im Bett.

Sagorski, bisher im selben Verlag als Autorin von Krasse Abstürze (einem Buch über die Vielfalt und Peinlichkeit von Filmrissen) und Schuhe, Taschen, Männer (Frauen erzählen über ihr liebstes Accessoire) in Erscheinung getreten, richtet sich damit erstmals in erste Linie an ein männliches Publikum. Besonders an die Gruppe der männlichen Spezies, die endlich verstehen will, wie Frauen ticken und was sie vielleicht schon immer falsch gemacht hat. In ihren Recherchegesprächen für das Buch habe sie „von so vielen Frauen Horrorstories gehört, dass mir erst richtig klar wurde, wie viele hilfsbedürftige Typen da draußen rumlaufen müssen“, erklärt die 27-Jährige im Interview mit news.de ihre Motivation.

Mit Don’t Call It Pussy verspricht sie nun Antworten und Lebenshilfe. Man muss schon reichlich verzweifelt sein, um daran wirklich zu glauben. Schließlich macht sich Sagorski nicht die Mühe, ihre Thesen mit wissenschaftlichen Studien zu untermauern oder wenigstens ein paar passende Umfragen zu Rate zu ziehen. Stattdessen erzählt die Münchnerin von ihren eigenen Erfahrungen, von Freundinnen und ihrer Interpretation der weiblichen Natur an sich. Das ist zwar nicht besonders substantiell, aber dafür dann immerhin mitten aus dem Leben – oder eben gut ausgedacht.

Schnell entwickelt Don’t Call It Pussy dadurch aber auch den Charakter, den auch Frauenzeitschriften haben: Hier gibt es das weibliche Gegenstück zum Stammtisch, also Klischees und Zoten satt. Das fängt beim Titel an. „Pussy“ als Bezeichnung für das weibliche Geschlechtsteil ist ein Killer für jede Beziehung. Sagorski selbst nennt die Vagina in ihrem Buch „unsere kleine Freundin da unten“, und ansonsten empfiehlt sie Paaren selbst erfundene, individuelle Kosenamen.

Nachhilfe fürs Bett gibt es auch in einigen anderen Kapiteln (die übrigens durchweg durch sehr schlau ausgewählte Zitate eingeleitet werden). Die Bandbreite von Don’t Call It Pussy ist aber deutlich größer als es der Titel vermuten lässt. Der lernwillige Mann erfährt, was wirklich dahintersteckt, wenn Frauen rasend eifersüchtig sind (sie fürchten nicht nur, betrogen zu werden, sondern verachten auch die andere Frau, die sich einbildet, Chancen bei ihrem Partner zu haben). Sagorski erklärt, warum vergebene Männer nicht merken, wenn sie angeflirtet werden – und was für Probleme das mit sich bringen kann. Sie hat ein bisschen Anleitung für die Praxis zu bieten (kein Bier beim ersten Date!) und interessante Einblicke in die weibliche Psyche (nach einem One-Night-Stand haben Frauen das spontane Bedürfnis, so schnell wie möglich mit ihrer besten Freundin zu telefonieren).

Vor allem aber macht Don’t Call It Pussy auf erschreckende Weise deutlich, wie sehr sich moderne Frauen (oder zumindest solche, deren Leben sich in erster Linie inmitten der Münchner Schickeria abspielt) mit dem Weltbild von Sex And The City identifizieren – oder sich gar über diesen Lebensstil definieren. Immer wieder gibt es Handtaschen, Cocktails, Tratsch – dieser oberflächliche Materialismus nervt sehr schnell sehr gewaltig.

Auf der anderen Seite macht er die Schwarz-Weiß-Malerei, die in diesem Quasi-Beziehungsratgeber Prinzip ist, mitunter auch erst erträglich. Sagorski inszeniert sich selbst als Klischee-Frau, die nicht einparken kann, Schuhe liebt und Fußball hasst. Und immerhin versieht sie ihre 33 Kapitel immer wieder mit einem Schuss Ironie und einer guten Dosis Übertreibung.

Trotzdem ist Don’t Call It Pussy durchaus ernst gemeint als Beitrag für eine bessere Verständigung zwischen Männern und Frauen. Nicht zuletzt betont die 27-Jährige, dass sie keineswegs eine Männerhasserin ist. Sie will dem starken Geschlecht einfach nur helfen, noch toller zu werden.

Bestes Zitat: „Was Manolo Blanik für uns ist, war Steve Jobs (möge er in Frieden ruhen) wohl für euch. Ich habe zumindest selten etwas gesehen, das einen Mann derart in Verzückung geraten lassen kann wie ein iPad. Und dabei hat es nicht einmal Brüste.“

Eine Kurzversion dieser Rezension gibt es auch bei news.de – mit vielen Tipps aus dem Buch.

Durchgelesen: Franziska Gerstenberg – “Spiel mit ihr”

Mit viel Feingefühl wagt sich Franziska Gerstenberg in "Spiel mit ihr" an pikante Themen.

Mit viel Feingefühl wagt sich Franziska Gerstenberg in "Spiel mit ihr" an pikante Themen.

Autorin Franziska Gerstenberg
Titel Spiel mit ihr
Verlag Schöffling & Co.
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ****

So ist das also. Angeblich entfremdet das Internet ja vom Leben, dem Sinnlichen, der Realität. Bei Reinhard ist es umgekehrt. Er hat sich gerade scheiden lassen, nun findet er im Netz sein wahres Ich: Pornoseiten öffnen dem 50-jährigen Anwalt die Augen über ungeahnte Spielarten der Sexualität. Auf Dating-Portalen findet er willige Frauen, mit denen er seine neu entdeckte Lust ausleben kann.

Eine davon ist Kristine, mit der Reinhard seine Erfüllung in immer neuen Rollenspielen gefunden zu haben scheint. Doch die alleinerziehende Mutter sucht nicht nur sexuelle Abenteuer, sondern auch einen Vater für ihre Tochter Emma. So wird aus der Affäre eine seltsame Dreiecksbeziehung – bis Emma verschwunden ist.

Das ist die Ausgangssituation für Spiel mit ihr, den ersten Roman von Franziska Gerstenberg. Man könnte in Versuchung geraten, der Autorin allzu geschicktes Kalkül vorzuwerfen: Nach zwei preisgekrönten Bänden mit Erzählungen wagt sie sich nun erstmals an die verkaufsträchtigste literarische Form. Und sie würzt ihr Romandebüt mit einer satten Dosis Erotik und greift zudem Trendthemen wie Pornographiesierung, Spieltheorie und Partnerbörsen auf.

Glücklicherweise ist Franziska Gerstenberg viel zu begabt, um solcherlei Verdacht lange im Raum stehen zu lassen. An keiner Stelle macht die 33-jährige Autorin den Fehler, das Konventionelle mit dem Normalen zu verwechseln. Genau deshalb kann sie selbst mit delikaten Themen wie Sado-Maso oder Kindesmissbrauch höchst sensibel umgehen. Alle Protagonisten des Romans sind faszinierend authentisch, alle werden sehr behutsam eingeführt und niemals gibt es in Spiel mit ihr eine explizite moralische Wertung – allenfalls Sympathie für alle Figuren.

Das erstaunt vor allem, weil sich hier nach und nach ein knallharter Machtkampf entwickelt. Alle Figuren in diesem Roman sind einsam, doch sie versuchen nicht, das mit Verständnis oder Wärme zu überwinden, sondern setzen auf Härte. Beim Spielen geht es ums Siegen und Besiegen – diese Idee wird hier in aller Konsequenz vor Augen geführt. Sie eint auch die seltsamen und doch nicht unrealistischen Pärchen, die es in Spiel mit ihr gleich reihenweise gibt: Reinhard will Kristine beherrschen, die will wiederum ihre Tochter im Griff haben, die Sechsjährige versucht derweil, einen seltsamen Nachbarn um den Finger zu wickeln.

Aus dieser Konstellation erwächst eine erstaunliche Spannung, die vor allem der geschickten Konstruktion des Romans zu verdanken ist: Trieb und Lust können hier jederzeit zuschlage, auch im unpassendsten Moment – mit grausamen Folgen.

Bestes Zitat: „Liebe allein ist doch eine Illusion, da fehlt die biologische Erfüllung. Sexualität löst das Versprechen ein, das man sich in einer Beziehung gibt. Nein, mehr noch: Durch die Lust wird das Versprechen erneuert.“

Diese Rezension gibt es auch bei news.de.

Durchgelesen: Christoph Fasel – “Samuel Koch. Zwei Leben”

Ein gebrochener Mann ist Samuel Koch nach seinem Sturz bei Wetten Dass.

Ein gebrochener Mann ist Samuel Koch nach seinem Sturz bei Wetten Dass.

Autor Christoph Fasel
Titel Samuel Koch. Zwei Leben
Verlag Adeo
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

Sie nannten ihn „Amazing Joe“. Er war berühmt für seine spektakulären Zaubertricks, und nun wollte er noch eins draufsetzen: Joseph W. Burrus ließ sich im Jahr 1990 lebendig begraben. Doch sein eigens für diesen Trick gebauter Spezialsarg hielt der Belastung nicht stand. Der Zauberer starb mitten in seiner Performance.

Auch Steve Irwin liebte die Gefahr. Der Tierfilmer aus Australien, bekannt als „Crocodile Hunter“, kam 2006 ums Leben, als er sich bei Dreharbeiten zu nah an einen Stachelrochen wagte und ins Herz gestochen wurde. Ebenfalls vor laufenden Kameras starb der Wrestler Owen Hart im Jahr 1999. Er hatte sich für seinen Weg in den Ring etwas besonders Spektakuläres ausgedacht. Weil die Technik versagte, stürzte er aus 24 Metern Höhe vom Hallendach der Kemper-Arena in Kansas City auf ein Ringseil.

Sie alle forderten das Risiko heraus. Sie alle liebten den Nervenkitzel. Sie alle wollten ihre Furchtlosigkeit beweisen – vor einem möglichst großen Publikum. Auch Samuel Koch wollte das, als er am 4. Dezember 2010 bei Wetten Dass? antrat und mit Sprungfedern an den Füßen per Salto über fünf fahrende Autos hüpfen wollte. Auch bei ihm endete der Wagemut in einer Tragödie. Doch Samuel Koch hat, anders als Burrus, Irwin oder Hart, überlebt. Er kann seine Geschichte erzählen. Das führt dazu, dass bei ihm neben dem Schock, der Bestürzung und dem Kopfschütteln als unmittelbar Reaktionen noch etwas Neues dazukommt: Mitleid.

Es ist bewegend, wenn Samuel Koch in seiner gerade erschienenen Autobiografie Zwei Leben schildert, welch unmenschliche Schmerzen er erdulden musste nach dem Unfall, bei dem sich der damals 23-Jährige zwei Halswirbel gebrochen hat. „Gefühlt habe ich stundenlang um Hilfe gerufen, doch ich hatte keine Stimme. Ich rang nach Luft“, umschreibt er seine Ohnmacht an einer Stelle.

Es ist schockierend, wenn der Leser erfährt, wie schwer ihm der Alltag fällt. „Ich finde, dass Tetraplegie gegen das Grundgesetz verstößt. Denn ich musste erkennen, dass die Würde des Menschen sehr wohl antastbar ist“, fasst er beinahe flapsig den Horror des Alltags als Gelähmter zusammen, der vom Zähneputzen über Shopping bis hin zu Stürzen mit dem Rollstuhl reicht.

Zwei Leben macht klar: Hier hat das Schicksal auf denkbar brutale Weise zugeschlagen. Ein junger Mann wurde in der Blüte seines Lebens an seinem verletzlichsten Punkt getroffen. Samuel Koch war nach dem Sturz in Düsseldorf ein gebrochener Mann, nicht nur im Wortsinne. Er ist trotzdem einer, der die Hoffnung nicht aufgibt. Selbst wenn sich der Unfall nicht live vor einem Millionenpublikum ereignet hätte, wäre das Stoff für ein spannendes Buch und das Porträt einer faszinierenden Persönlichkeit.

Denn vor allem erzählt Zwei Leben die Geschichte des Kampfs zwischen Körper und Geist. Samuel Koch, Leistungsturner, Energiebündel, Draufgänger, nutzte seinen Geist ein ganzes Leben lang, um seinen Körper zu neuen Höchstleistungen anzuspornen. „Eigentlich waren Saltos seine natürliche Fortbewegungsart“, sagt seine Mutter, als sie im Buch von der behüteten Jugend des Jungen erzählt. Als „blonden Kraftkerl mit unerschütterlichem Selbstvertrauen“, nimmt ihn Thomas Gottschalk bei der ersten Begegnung wahr, wie der Moderator in seinem eindrucksvollen Vorwort zu Zwei Leben schreibt.

Nach dem Unfall kehrt sich dieses Verhältnis um: Der Körper fordert plötzlich Unmenschliches vom Geist. Samuel Koch muss sich mit der Tatsache abfinden, dass er vom Hals ab abwärts gelähmt ist. Als „Löwe im Käfig“ wird er im Buch gleich zweimal sehr treffend geschildert. Er ist kein athletischer Sunnyboy mehr, sondern der berühmteste Rollstuhlfahrer Deutschlands – oder, wie er es selbst in der Einleitung schreibt, ein „23-jähriger Typ, der noch nichts erreicht hat außer den Tiefpunkt seines Lebens“. Trotzdem will er in dieser Situation nicht die Hoffnung auf Genesung und Lebensfreude fahren lassen.

„Ein grotesker Kontrast zu dem Training, das ich früher als Turner absolviert habe. Doch jetzt geht es um viel mehr als die nächste Übung, den nächsten Wettkampf. Ich kämpfe um mich selbst. Um die Erhaltung und Erweiterung dessen, was ich noch sein kann. Um Freiheit und Selbstbestimmung“, bringt Samuel Koch diese Parallele selbst zur Sprache. Wie quälend dieser Kampf für ihn sein muss und wie unwirklich er sich auch knapp anderthalb Jahre nach seinem Sturz noch anfühlen muss, dass ist die wahre Geschichte dieses Buches.

„Manchmal habe ich einen solchen Bewegungsdrang, dass es sich wie eine Panikattacke anfühlt – wie Platzangst im eigenen Körper, der einbetoniert erscheint“, schreibt Samuel Koch. Es ist fast perfide schmerzhaft, wenn er sich erinnert, dass er früher kleine Wehwehchen immer am liebsten mit Sport kuriert hat („Bewegung war meine Medizin für alles“), und nun erkennen muss, dass er sich nicht mehr bewegen kann und dass es womöglich keine Medizin gibt, die daran etwas ändern wird. „Er wollte alles, und konnte fast nichts mehr“, fasst ein Arzt das Dilemma zusammen, in dem der 23-Jährige zu Beginn der Reha steckt. Man erkennt am Ende der Lektüre dieser gut 200 Seiten, wie viel Bitterkeit, wie viel Überwindung darin stecken muss, wenn der Gelähmte sagt: „Mein Körper ist einfach ein Langweiler und Waschlappen geworden.“

Ähnlich klare Worte findet Samuel Koch gemeinsam mit Co-Autor Christoph Fasel immer wieder. Es nötigt Respekt ab, wenn man liest, mit wie viel Kraft und Demut sich der junge Mann in seine Situation findet. Er lässt zwar Wut und Angst erkennen, sogar Selbstekel. Aber es gibt in Zwei Leben kein Selbstmitleid. Samuel Koch ist pragmatisch, nicht pathetisch, und das macht ihn bei aller Tragik der Ereignisse zu einem so sympathischen Erzähler.

Noch etwas trägt dazu bei: Es gibt keine Vorwürfe. „Es gibt keine individuelle Schuld, keinen bestimmten Umstand, der mich auf den Wagen prallen ließ, der von meinem Vater gesteuert wurde“, lautet die Antwort auf die quälende Frage nach dem “Warum ich?”. Selbst wenn er beschreibt, wie schwierig die Behandlung war und zwischen den Zeilen andeutet, dass andere Entscheidungen der Ärzte vielleicht zu besseren Ergebnissen geführt hätten („In den ersten Wochen hat sich ‚Murphy’s Law’ an mir total ausgetobt: Ich hatte das Gefühl, dass alles, was schiefgehen konnte, schiefgegangen ist.“), dann wird niemand dafür an den Pranger gestellt.

Stattdessen gibt es Dank für die beeindruckende Welle der Solidarität und den Zusammenhalt in der Familie nach dem Unfall. An einigen Stellen ist sogar Platz für Humor, auch wenn der mitunter etwas makaber daher kommt. „Nehmt mich doch mit!“, ruft Samuel Koch seinem Bruder aus dem Rollstuhl heraus zu, als der mit ein paar Freunden schwimmen gehen will. „Ihr könnt ja nach mir tauchen.“ Ein Foto zeigt ihn bei einer Mottoparty der Krankenschwestern in der Schweizer Reha-Klinik im Superman-Outfit – in Anspielung auf Christopher Reeve.

Auch schon ganz am Beginn schimmert diese Eigenart durch. Zwei Leben sei „ein Buch für Rollstuhlfahrer, für Nichtrollstuhlfahrer und für solche, die es werden wollen“, schreibt er da. Das zeigt: Samuel Koch kann wieder lachen. Er ist dabei, einen neuen Inhalt für sein neues Leben zu finden, und er hat die Hoffnung nicht aufgegeben. Damit beweist er viel mehr Mut als in einem Salto über ein fahrendes Auto jemals stecken könnte.

Bestes Zitat: „Wenn man Grenzen nicht überschreitet, entwickelt man sich nicht weiter.“

Diese Rezension gibt es mit vielen spannenden Fakten aus der Autobiografie von Samuel Koch auch bei news.de.

Durchgelesen: Moritz Netenjakob – “Der Boss”

Mit "Der Boss" macht Moritz Netenjakob genau da weiter, wo "Macho Man" aufgehört hat.

Mit "Der Boss" macht Moritz Netenjakob genau da weiter, wo "Macho Man" aufgehört hat.

Autor Moritz Netenjakob
Titel Der Boss
Verlag KiWi
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

Beinahe muss man da einen Minderwertigkeitskomplex vermuten. Die Männer, die einen großen Teil dazu beigetragen haben, das deutsche Fernsehen deutlich witziger zu machen, können aus diesem Verdienst einfach keine Genugtuung beziehen. Es muss mehr sein. Etwas Seriöses. Hochkultur. Oder wenigstens: ein Buch.

Das hat einen einfachen Grund: Leute zum Lachen zu bringen, die faul im Fernsehsessel hocken, gilt hierzulande als nicht allzu prestigeträchtig. Humor unterliege in Deutschland «einem allgemeinen Banalitätsverdacht», sagt Karin Knop, Autorin des Buches Comedy in Serie, im Gespräch mit news.de. «Wir haben eine enorme Beliebtheit der Comedyangebote im Fernsehen, diskutieren aber nach wie vor den Niveauunterschied zwischen High- und Low-Culture respektive Kabarett und Comedy. Das scheint mir in anderen Ländern deutlich unaufgeregter gehandhabt zu werden.»

Womöglich ist das der Grund, warum viele Fernseh-Autoren den Schritt in die Belletristik wagen. Tommy Jaud, einst für die Pointen bei der Harald Schmidt Show oder Anke Engelkes Ladykrachern zuständig, ist diesen Weg gegangen und hat mit Vollidiot, Resturlaub oder Hummeldumm abgeräumt. Ralf Husmann, der Erfinder von Stromberg, schreibt seit 2008 ebenfalls Romane. Und auch Moritz Netenjakob ist diesen Weg gegangen: Der Kölner war Chefautor von Sat.1-Wochenshow und Switch, doch der Versuchung, den eigenen Namen vielleicht einmal im Bücherregal zu sehen, konnte auch er nicht widerstehen.

Der Plan ging perfekt auf: Moritz Netenjakobs erster Roman Macho Man stand monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste, mit dem Nachfolger Der Boss knüpft er nun nahtlos an seinen Erfolg an.

Das meint nicht nur die Verkaufszahlen: Der Boss macht auch in der Handlung genau da weiter, wo Macho Man aufgehört hatte. Daniel (Werbefuzzi, Allergiker, Einzelkind aus Intellektuellen-Haushalt) hat sich in Aylin (ohne nähere Berufsbezeichnung, Traumfrau, mit türkischer Großfamilie als Anhang) verliebt und kann sein Glück kaum fassen. Nun gilt es, die Hochzeit zu planen und, als wäre das nicht schon stressig genug, sich als liberales, überkorrektes Weichei in eine Familie voller Alphatiere, Tabus und Intrigen einzufügen.

«Du bist der Boss» erfährt Daniel ganz zu Beginn des Buches über die Konzeption dieser Beziehung – und er hat reichlich Schwierigkeiten, diesem Anspruch gerecht zu werden. «Ich kann langsam nicht mehr. Ich will endlich verheiratet sein. Wenn man die Hochzeit einfach überspringen könnte, wär’s mir auch recht», muss er bald genervt eingestehen.

Kein Wunder: Er hat plötzlich Onkel Abdullah in der Wohnung sitzen, dessen Begeisterung für Trabzonspor nur noch von der Lautstärke seines Schnarchens übertroffen wird. Er muss eine Cousine seiner Verlobten kurzerhand zur Praktikantin machen, obwohl sie in der Firma nichts leistet, als sämtliche Kollegen zu Farmville-Junkies zu machen. Und er muss seiner Mutter beibringen, dass sie den Eltern der Braut lieber nichts von ihren lesbischen Affären in wilden 68er-Zeiten erzählen sollte.

Es ist eine der Stärken von Der Boss, dass der Roman einige der Figuren und Eigenheiten von Macho Man wieder aufgreift, ohne jedoch die Kenntnis des Vorgänger-Buches vorauszusetzen. Wer Moritz Netenjakob hier erstmals begegnet, hat keinerlei Einbußen im Hinblick auf Humor oder Verständnis zu befürchten.

Wer schon zu den Fans des Kölners zählt, der übrigens ebenso wie seine Hauptfigur mit einer Türkin verheiratet ist, wird allerdings viele freudige Déjà-vu-Momente haben: Daniel sammelt als Erzähler grundsätzliche Erkenntnisse am liebsten in Listen, wenn eine Entscheidung ansteht, dreht er sich mit Sicherheit erst einmal minutenlang im Kreis, und immer wieder spielt er auf Filme und Fernsehsendungen an.

Es gibt noch weitere Anknüpfungspunkte zur TV-Vergangenheit des Autors: Der Boss setzt gelegentlich auf die Techniken von Fernsehhumor der besseren Sorte. Es gibt einen sehr flotten Wechsel der Schauplätze, ein paar Running Gags und vor allem die Methode, wichtige Wendepunkte der Handlung geschickt immer weiter hinauszuzögern (sogar typografisch, wie in Kapitel 19, das aus nur acht Wörtern besteht).

Das ist wunderbar leichtfüßig erzählt und über weite Strecken auch erstaunlich spannend, auch wenn Der Boss am Ende an Schwung verliert. Netenjakob wirkt dabei manchmal wie ein Autor, der selbst nicht witzig ist, aber einen untrüglichen Blick für das Witzige hat. Der Humor dieses Romans erwächst deshalb auch nicht so sehr aus der Sprache, sondern aus einer Unmenge an komischen Szenen, schrägen Figuren und unmöglichen Gedankensprüngen. Und natürlich aus dem Mix, der auch im Fernsehen wunderbar funktioniert: Beziehungsprobleme à la Mario Barth treffen auf Multikulti-Vorurteile im Stile von Kaya Yanar.

Im Feuilleton wird man damit wohl nach wie vor seine Probleme haben. Aber dass gegen ein Schmunzeln, einen Lachanfall oder einen Schenkelklopfer auch dann nichts zu sagen ist, wenn man statt der Fernbedienung gerade ein Buch in der Hand hat, das sollten nach den TV- nun auch die Literaturkritiker allmählich akzeptieren.

Bestes Zitat: «Familie ist Terrorherrschaft auf genetischer Grundlage.»

Quelle:
Nachrichten -
Medien Nachrichten -
Moritz Netenjakob – Der Macho Man soll unter die Haube

Durchgelesen: Stefan Schultz – “Wer lacht, hat noch Reserven”

Stefan Schultz beweist mit "Wer lacht, hat noch Reserven": Stromberg gibt es nicht nur im Fernsehen.

Stefan Schultz beweist mit "Wer lacht, hat noch Reserven": Stromberg gibt es nicht nur im Fernsehen.

Autor Stefan Schultz
Titel Wer lacht, hat noch Reserven
Verlag KiWi
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

«Büro ist Krieg und Krieg ist immer ungerecht.» Diese unsterbliche Spruchweisheit stammt von einem, der es wissen muss: Bernd Stromberg. Als Abteilungsleiter der Capitol-Versicherung versetzte er bei Pro7 in fünf Staffeln seine Kollegen, Kunden und Vorgesetzten in Angst und Schrecken – und sorgte beim Fernsehpublikum für reichlich Lacher.

Mittlerweile ist gar ein Stromberg-Kinofilm in Arbeit. Zum Erfolgsrezept gehört, wie nah das Treiben in der Capitol-Versicherung am real existierenden deutschen Büroalltag ist. Dafür liefert nun Stefan Schultz einen weiteren Beweis. Er hat für Wer lacht, hat noch Reserven echte Chef-Sprüche gesammelt und kommt zu der Erkenntnis: Wir leben in einer Stromberg-Republik.

Schultz, im Hauptberuf Wirtschaftsredakteur bei Spiegel Online, hat dabei mit seinen Usern zusammengearbeitet. Tausende Arbeitnehmer kamen seinem Aufruf nach, die Weisheiten und Gemeinheiten ihrer Chefs einzuschicken. Schultz hat sie für das Buch zusammengestellt, ergänzt um kurze Kommentare.

Das ist ein großes Lesevergnügen, durchaus vergleichbar mit dem Spaß, der Lehrersprüche zu einem festen Bestandteil von Abizeitungen gemacht hat. Auch hier erwächst der Humor oft aus der Tatsache, dass der ach so eloquente Boss völlig schiefe Sprachbilder benutzt, dass der allmächtige Vorgesetzte seine eigene Unfähigkeit offenbart oder dass der Chef treffsicher und gnadenlos die Schwächen seiner Mitarbeiter ins Visier nimmt.

Mitunter wirkt Wer lacht, hat noch Reserven zwar arg wahllos zusammengestellt, was vor allem deshalb ärgerlich ist, weil hier ja ohnehin schon die Leser den größten Teil der Arbeit für den Autor geleistet haben (das Schultz damit die skrupellose und gut getarnte Untätigkeit einiger Chefs persiflieren will, muss bezweifelt werden). Neben den Chef-Sprüchen gibt es nämlich thematisch mehr oder weniger passende Zitate von historischen Figuren und aktuellen Prominenten. Dazu kommen ein Interview mit Stromberg-Erfinder Ralf Husmann und am Ende plötzlich zwei Ratgeberkapitel mit Tipps zur Selbstverteidigung gegen fiese Chefs.

Aber dank des Ansatzes, mehr zu bieten als nur schockierende, entlarvende oder amüsante Aphorismen, wartet das Buch auch mit ein paar ernsthaften und lesenswerten Hintergründe zur Arbeitswelt auf. Schultz ergründet, was Steve Jobs zu einem so vorbildlichen Chef machte. Er macht deutlich, warum viele Chefs so schlecht aufs Führen ihrer Mitarbeiter vorbereitet sind. Er lässt einen Psychologen erklären, warum es normal und sogar gut für die Firma ist, wenn der Chef ein Angeber ist, der sich selbst überschätzt. Und er liefert spannende Zahlen über das Ausmaß, in dem Angestellte längst innerlich gekündigt haben – und welchen wirtschaftlichen Schaden das anrichtet.

Das Highlight bleiben trotzdem die Einblicke in die Abgründe deutscher Büros. Am Ende der Lektüre von Wer lacht, hat noch Reserven, muss man sicher sein: Dort herrschen nicht Motivation, Fairness und Kollegialität, sondern Sexismus, Inkompetenz und Arroganz. Das Arbeiten in der Stromberg-Republik ist der blanke Horror. Und manch ein Angestellter wird womöglich froh sein, wenn der Chef selbst die Kündigung in einen Kalauer verpacken möchte: «Kommen Sie doch bitte mal in mein Büro. Es ist auch das letzte Mal.»

Bestes Zitat: «Wir machen jetzt einen Meinungsaustausch. Sie kommen mit Ihrer Meinung in mein Büro und gehen mit meiner wieder raus.»

Eine leicht gekürzte Version dieser Rezension mit einer Auswahl der fiesesten Chef-Zitate gibt es auch bei news.de.

Durchgelesen: Nicol Ljubić – “Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit!”

Wir sind Deutsche, und wir schreiben Deutsch, stellen 17 Autoren in "Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit" klar.

Wir sind Deutsche, und wir schreiben Deutsch, stellen 17 Autoren in "Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit" klar.

Herausgeber Nicol Ljubić
Titel Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit!
Verlag Hoffmann und Campe
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **1/2

«Fremde im eigenen Land.» So könnten sich einige Deutsche fühlen, wenn die Zuwanderung in die Bundesrepublik ungebremst weitergehe, schrieb Thilo Sarrazin in seinem umstrittenen Bestseller Deutschland schafft sich ab. Diese These aus dem Spätsommer 2010 war die Initialzündung für den Sammelband Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit!

Denn das Sarrazin-Buch und die danach tobende Debatte um Migration und Integration begeisterte nicht nur die konservativen Stammtische und die Redaktionen von Polit-Talkshows. Auch die Migranten horchten auf, vor allem solche mit deutschem Pass. Als «Fremde im eigenen Land» mussten sich viele von ihnen jetzt auch fühlen, spätestens seit Sarrazin. Denn sie sind Deutsche – aber plötzlich schien das keiner mehr zu merken.

Nicol Ljubić hat deshalb die Beträge von 17 Schriftstellern zusammengetragen, die in irgendeiner Form ausländische Wurzeln und dennoch unsere Staatsbürgerschaft haben. Sie alle haben genug davon, ständig erklären zu müssen, dass man beides sein kann: Migrant und Deutscher. Dass man sogar Bücher auf Deutsch schreiben kann, auch wenn man Kiyak, Özdogan oder Stanišić heißt.

«Ja, ich schreibe selbst. Und Deutsch ist leider die einzige Sprache, die ich akzentfrei spreche. Allerdings heiße ich Nicol Ljubić und bin in Kroatien geboren, was viele Deutsche nach wie vor zu verwirren scheint. Deswegen bezeichnen sie Menschen wie mich als Deutsche mit Migrationshintergrund. Und von denen gibt es ziemlich viele im Land: neun Millionen. Gewöhnt hat man sich offenbar noch nicht an sie», erklärt Herausgeber Ljubić seine Motivation für Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit! Lena Gorelik, eine der 17 Autoren, brachte es unlängst bei einer Lesung im Rahmen der Leipziger Buchmesse noch prägnanter auf den Punkt, als sie die Sarrazin-Diskussion thematisierte: «Ich fühle mich sehr gemeint.»

Dabei stehen nicht nur die Fragen nach Heimat, Herkunft und Identität im Zentrum. Immer wieder geht es auch um die Sprache. Übersetzungen spielen eine Rolle, der noch bewusstere Vorgang des Schreibens vor dem Hintergrund einer möglicherweise gezielt gewählten (und nicht zufällig durch Geburt gegebenen Mutter-)Sprache. Ljubić erlaubt sich in seinem eigenen Beitrag gar den Witz, in die Rolle seines eigenen Ghostwriters zu schlüpfen, der in Wirklichkeit die preisgekrönten Texte verfasse.

Auch an diesem Schwerpunkt hat Thilo Sarrazin seinen Anteil, der angeblich mangelnden Integrationswillen ja immer wieder mit fehlenden Sprachkenntnissen von Migranten zu belegen versuchte. Die 17 Autoren drehen den Spieß nun um: Der in bester Sarrazin-Manier höchst provokante Titel Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit! prangt auf einem Einband, der dem deutschen Reisepass nachempfunden ist. Gemeint ist damit natürlich nicht die Feindlichkeit gegen Ur-Deutsche. Sondern die gegen Zugewanderte, die nun auch Deutsche sind.

Beinahe wie ein Running Gag zieht sich der Satz «Sie sprechen aber gut Deutsch!» durch die 17 Beiträge. Die Autoren bekommen ihn immer wieder zu hören – und mit ihm den Beweis, dass sich die Deutschen wundern, wenn ihnen in der Realität einmal das begegnet, was von ihnen doch so vehement eingefordert wird, nämlich ein gut integrierter, unsere Sprache beherrschender Mensch mit ausländischen Wurzeln.

Fast alle der hier versammelten Autoren beklagen, dass sie penetrant in die Migranten-Schublade gesteckt werden. Viele von ihnen beschreiben ihr Scheitern beim Versuch, auf die vielen Facetten von Identität, Biografie und vor allem Literatur hinzuweisen. Dabei ist Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit! der beste Beleg für dieses Argument.

Die Beiträge sind fast durchweg sehr privat, aber höchst vielfältig (was auch eine schwankende Qualität zur Folge hat). Da wundert sich die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller über den Begriff «ausländische Mitbürger», der sie an das Vokabular des rumänischen Geheimdiensts erinnert, der sie in ihrem Heimatort einst verfolgte. Da erzählt Selim Özdogan, wie er vom Rap zur Literatur kam. Christine Bredenkamp erklärt, warum sie sich als Halb-Schwedin als «Luxus-Ausländerin» fühlen darf. Claudia Rusch macht deutlich, wie ähnlich die Prinzipien von Diskriminierung sind, auch wenn es in ihrem Fall nur eine Ostdeutsche trifft. Petra Reski greift ebenfalls diesen Ansatz auf – bloß dass bei ihr die Eltern, die aus Schlesien und Ostpreußen fliehen mussten, nicht als «echte» Deutsche akzeptiert werden. Elisabeth Blonzen lässt in ihrem ebenso poetischen wie erschütternden Beitrag Die blonde Mütze all die Ohnmacht deutlich werden, die ein kleines Mädchen einfach nur wegen seiner Hautfarbe spüren kann.

Trotz der unterschiedlichen Ansätze: Fast allen Beiträgen (bis auf zwei Texte sind alle extra für diesen Band geschrieben worden) gemein ist der Schatten von Thilo Sarrazin. Wie sehr sein Buch das Gefühlsleben von Migranten verändert hat, wird immer wieder deutlich. «Die Debatte war nicht neu, die Emotionalität aber, mit der sie geführt wurde, hat nicht nur mich erschreckt. Sie wurde ohne Rücksicht geführt auf all die Menschen, die längst in diesem Land ihre Heimat gefunden haben, auch wenn sie selbst oder ein Teil ihrer Vorfahren hier nicht geboren wurden», schreibt Ljubić im Vorwort. In Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit! reichen die Reaktionen von amüsiert bis empört, von pragmatisch bis beleidigt. Gleich mehrere Autoren betonen, dass sie sich bis zu dieser Debatte in der Bundesrepublik zuhause gefühlt haben, seitdem aber mit anderen Augen auf dieses Land blicken.

Auch diese Verwirrung spiegelt sich in der Sprache wider. Der Sammelband hat reichlich seltsame Begriffe wie «Altheimatverständnis», «Anpassungsunmut», «Inlandsausländer», «Menschheitsuniversalismus», «Nicht-Biodeutscher», «Volkscharakter», «Identitätsmanagement» oder «Dritte-Wahl-Deutscher» zu bieten. Sie alle zeigen: Wir haben nach wie vor keinen Begriff gefunden für das, was doch seit Jahrzehnten rund um uns herum Alltag ist. Auch das beweist, wie weit wir in der Integrationsdebatte noch von Normalität entfernt sind.

Bestes Zitat: «Deutsch ist die Sprache, in der ich schreiben kann, keine andere. Das ist meine sprachliche und auch sonstige Heimat, Verzeihung.» (Zsuzsa Bánk in ihrem Beitrag Nicht alle Ungarn sind verrückt)

Eine leicht gekürte Version dieser Rezension gibt es auch bei news.de.

Durchgelesen: Michael Moore – “Here Comes Trouble”

Schonungslos und witzig ist Michael Moore auch in seiner Autobiografie.

Schonungslos und witzig ist Michael Moore auch in seiner Autobiografie.

Autor Michael Moore
Titel Here comes trouble. Mein Leben als Querschläger
Originaltitel Here comes trouble. Stories from my life
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***1/2

«Guten Tag, Mr. Moore. Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihren weiteren Lebensweg und bete für diejenigen, die Sie werden ertragen müssen.» Diesen Abschiedsgruß bekommt Michael Moore schon als Teenager bei seinem Rauswurf aus dem Priesterseminar zu hören. Der Satz sollte sich als prophetisch erweisen für den Werdegang der notorischen Nervensäge. Michael Moore stellt unbequeme Fragen und macht dann den Mund auf, wenn alle anderen es vorziehen zu schweigen. Er war schon immer so, und er ist stolz darauf. Das ist die wichtigste Botschaft seiner gerade erschienenen Autobiografie Here Comes Trouble – Mein Leben als Querschläger.

Michael Moore war immer dagegen. Er hat Filme gemacht gegen die Globalisierung (Roger & Me), gegen die Waffenlobby in den USA (Bowling For Columbine), gegen den Irakkrieg (Fahrenheit 9/11) oder gegen das perverse Treiben auf den Finanzmärkten (Kapitalismus, eine Liebesgeschichte). In seinen Büchern (Stupid White Men, Volle Deckung, Mr. Bush) hat er gegen die Verlogenheit seiner Landsleute polemisiert. Er ist damit zum Held der weltweiten Linken und zum Posterboy des Antiamerikanismus geworden, zum Oscar-Preisträger und Bestsellerautor. Aber er hat sich damit ansonsten keine Freunde gemacht, sondern stattdessen seinen Namen ganz oben auf die Todeslisten rechter Spinner gesetzt.

Wie sehr er unter all den Anfeindungen und dem Image als Landesverräter leidet, macht sein neues Buch unmissverständlich deutlich. Gleich zu Beginn fragt er sich ganz ohne Ironie, warum er überhaupt noch am Leben ist, obwohl er nach seiner Rede gegen George W. Bush bei den Oscars 2003 jahrelang der meistgehasste Mann in einem schießwütigen Land wie den USA war.

Das wirkt zunächst ein bisschen arg selbstverliebt und widersprüchlich. Schließlich ist Michael Moore ein beflissener und gekonnter Selbstdarsteller. Auch der treffende Titel und das knallige Cover seiner Autobiografie beweisen das. Er sucht die Aufmerksamkeit, er liebt die Provokation – und es ist entsprechend gewagt, wenn er nach einem gut kalkulierten Skandal plötzlich über Aufmerksamkeit von der Sorte schimpft, die niemand haben möchte, und sich als Quasi-Märtyrer im Kampf für die Wahrheit inszeniert.

Doch schon bald wird klar, wie sehr der Autor und Filmemacher unter dem Leben als Staatsfeind Nr. 1 gelitten hat. Er bekam professionellen Personenschutz, verließ jahrelang kaum mehr das Haus und musste um sein Leben bangen – und er kann all dies auch mit dem Abstand von ein paar Jahren noch immer nicht fassen. «Wegen eines Films wollte jemand mein Haus in die Luft sprengen? Früher hätte man deshalb einen Leserbrief geschrieben», meint er an einer Stelle.

Wie nachhaltig diese Phase auf ihn gewirkt hat, ist kaum zu überschätzen. Moore wünscht sich in Here Comes Trouble zumindest zwischen den Zeilen, er könne die Oscar-Rede ungeschehen machen, weil sie ihn zur Zielscheibe von Terror gemacht hat. Und er fährt auch sonst einen ungewohnten Kuschelkurs. Ganz oft wirkt das Buch wie das krampfhafte Bemühen eines Missverstandenen um Richtigstellung. Immer wieder stellt der Autor heraus, dass er Amerika nicht hasst, sondern nur deshalb so oft zum Nestbeschmutzer wird, weil ihm das Land so sehr am Herzen liegt.

Beinahe könnte man meinen, der 57-Jährige wolle sich mit den verschiedenen Episoden aus seinem Leben als All American Boy empfehlen: Er war Pfadfinder und Messdiener, er ist glühender Baseballfan und wollte katholischer Priester werden. Er ist ein guter, sogar stolzer Amerikaner – das soll unzweifelhaft die Botschaft sein. Auch für seine Sehnsucht nach der guten alten Zeit und die ständige Warnung, alles gehe den Bach runter, gibt es nur ein Wort, auch wenn man dieses bisher nie mit Michael Moore in Verbindung gebracht hätte: konservativ.

Erfreulicherweise ist er trotzdem nicht milde geworden. Auch in Here Comes Trouble nimmt er kein Blatt vor den Mund. Er legt auch keinen Wert darauf, sich selbst zu schonen, sondern ist schmerzhaft offenherzig: der erste feuchte Traum, das erste verpatzte Date – all das thematisiert er bereitwillig. Michael Moore macht sogar Witze darüber, dass seine Mutter eine Fehlgeburt hatte, bevor er dann auf die Welt kam.

Was es in Here Comes Trouble – Mein Leben als Querschläger hingegen kaum gibt, sind Hintergründe zu seinen Werken. Auf seine Bücher und Filme geht Moore fast gar nicht ein, kein einziges Kapitel kommt einem «Making Of» seiner größten Erfolge gleich. „Dokumentarfilme mochte ich nicht, also schaute ich mir kaum welche an. Sie kamen mir wir Medizin vor, wie Rizinusöl, wie Filme, ich ich anschauen sollte, weil sie gut für mich waren. Doch die meisten waren langweilig und vorhersehbar, selbst wenn ich mit ihren politischen Inhalten übereinstimmte“, gesteht Moore sogar. Umso mehr macht diese Autobiografie aber den Mut und die Motivation deutlich, die hinter diesen Werken stecken. Das Buch zeigt, wie früh, wie intensiv und wie nachhaltig Michael Moore politisiert wurde in einer Ära, die von Debatten um Vietnamkrieg, Umweltschutz, Frauen- und Bürgerrechte geprägt war.

Dabei sind diese 400 Seiten keine abgehobene Lebensbeichte oder dröge Faktensammlung. Here Comes Trouble ist, wie man das von Michael Moore kennt, ein sehr amüsantes Buch. Nicht nur als Lektüre für seine Fans, sondern auch als humorvolle amerikanische Zeitgeschichte. Wenn Michael Moore, ein Niemand aus einer Kleinstadt in Michigan, plötzlich einen Anruf von John Lennon bekommt, die erschreckende Nähe seines Filmemacher-Lehrmeisters zu George W. Bush bemerkt, als Knirps im Aufzug eine zufällige Begegnung mit einem leibhaftigen Kennedy hat, hautnah dabei ist bei einem Terroranschlag 1985 am Flughafen in Wien, Ronald Reagan auf einem Friedhof in Deutschland einen Streich spielt oder seine persönliche Beziehung zur Hiroshima-Bombe entdeckt, dann kommt diese Lebensgeschichte wie ein kaum zu fassender, hochgradig unterhaltsamer Schelmenroman daher. Immer wieder stolpert dieser Mann in Fettnäpfchen, die nicht selten historische Bedeutung haben. Here Comes Trouble ist dabei so relevant, witzig und rührend, dass es Michael Moore erscheinen lässt wie den Realität gewordenen Forrest Gump.

Bestes Zitat: „Nixon beging so abscheuliche Kriegsverbrechen, dass wir heute noch unter den Folgen zu leiden haben. Wir verloren unseren moralischen Kompass und haben ihn nie wiedergefunden. Wir wissen nicht mehr, wann wir die guten und wann wir die Terroristen sind. In der Geschichte ist unser Niedergang schon besiegelt, und das Urteil der Geschichte wird lauten, dass er mit Vietnam und Nixon begann. Vor Vietnam gab es unglaublich viel Hoffnung. Seit Nixon kennen wir nur noch den permanenten Krieg.“

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Durchgelesen: Hélène Grémillon – “Das geheime Prinzip der Liebe”

Krieg, Liebe und die Suche nach Identität - das sind die großen Themen in "Das geheime Prinzip der Liebe".

Krieg, Liebe und die Suche nach Identität - das sind die großen Themen in "Das geheime Prinzip der Liebe".

Autor Hélène Grémillon
Titel Das geheime Prinzip der Liebe
Originaltitel Le confident
Verlag Hoffmann und Campe
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ****1/2

Als wäre nicht schon alles schlimm genug. Camille hat gerade ihre Mutter bei einem Autounfall verloren. Die Beziehung mit ihrem Freund steckt in der Krise. Und jetzt muss sie sich auch noch durch Berge von nichtssagenden Beileidsbekundungen kämpfen.

Unter den Kondolenzschreiben findet sich ein mysteriöser Brief. Ein gewisser Louis erzählt darin von seiner tragischen Liebe zu Annie. Diese Annie, eine junge Malerin, trägt ein Kind für ihre wohlhabende Gönnerin aus. Der gut gemeinte Plan entzweit die einstigen Freundinnen, führt zu Misstrauen und Hass.

Camille wundert sich über diesen Brief und glaubt an eine Verwechslung. Doch das Schreiben ist eindeutig an sie adressiert, und weitere Briefe von Louis folgen. Camille ist zunächst bloß neugierig und fasziniert von der Liebesgeschichte. Louis wird für sie zu einem Vertrauten (Le confident, heißt der Originaltitel des in Frankreich schon 2010 erschienenen Romans). Nach und nach ahnt sie aber, dass sie selbst eine Rolle in dieser Erzählung spielt. Schließlich fragt sie sich: Welche der Figuren bin ich?

Mit ihrem Debüt, das in ihrer französischen Heimat ein Bestseller war und nun auch auf Deutsch vorliegt, hat Hélène Grémillon (Jahrgang 1977) einen famos komponierten Roman vorgelegt. Die Handlung von Das geheime Prinzip der Liebe springt hin und her zwischen dem Paris des Jahres 1975, in dem Camille lebt, und dem Frankreich des Zweiten Weltkriegs, in dem sich Louis und Annie zurechtfinden müssen.

Auch die Erzähler wechseln fast unmerklich, ebenso wie die Identitäten der Figuren unklar sind und die Beziehung, die Camille womöglich zu ihnen hat. Briefe, Tagebücher und Manuskripte spielen eine große Rolle und machen die Figuren ganz oft selbst zu Lesern, die nicht so recht schlau werden aus dem, was sie lesen, oder für die das Gelesene eine existenzielle Erschütterung bedeutet.

Mit dieser Methode wird eine rührende, immer wieder überraschende Geschichte erzählt, in der fast jede Figur ein Geständnis abzulegen hat. Wie weit die Liebe gehen kann, die Leidenschaft, die Selbsttäuschung – diese Fragen stehen im Mittelpunkt. Gemeint ist damit die romantische Liebe. Es geht aber viel mehr noch um die Mutterliebe, um die Grenzen von Pflichtgefühl, Fürsorge, Biologie. Das Kind, das die eine zur Welt gebracht hat und das die andere für sich beansprucht, wird vom vollendeten Beweis der Freundschaft zweier Frauen zum zerbrechlichen Mittelpunkt all ihren Neides und all ihrer Eifersucht. “Wir waren wie zwei Feindinnen, die vergeblich die Achillesferse der anderen suchten. Im Grund hatten wir dieselbe, aber wir konnten sie nicht nutzbar machen, ohne uns selbst ins Unglück zu stürzen”, beschreibt Hélène Grémillon ihr Dilemma.

Opfer werden hier zu Tätern, Randfiguren zu Protagonisten. Das Beste an Das geheime Prinzip der Liebe ist, dass man all dies verraten kann, ohne dem Leser deshalb das Vergnügen an dieser Familiensaga zu nehmen. Denn das Buch ist nicht nur eine hoch romantische Geschichte voller Intrigen und Pointen. Wenn sich Camille auf die Suche nach Louis macht, um endlich zu erfahren, welches Geheimnis hinter seinen Briefen steckt, dann ist dieser Roman auch so spannend, dass man ihn kaum mehr aus der Hand legen kann.

Bestes Zitat: “Die Liebe ist ein geheimnisvolles Prinzip, ihr Ende noch viel mehr. Man weiß vielleicht, warum man liebt, aber niemals, warum man nicht mehr liebt.”

Durchgelesen: Wolfgang Schuller – “Die deutsche Revolution 1989″

Wo ist eigentlich der Osten? Das muss man sich bei "Die deutsche Revolution 1989" nicht nur im Titel fragen.

Wo ist eigentlich der Osten? Das muss man sich bei "Die deutsche Revolution 1989" nicht nur im Titel fragen.

Autor Wolfgang Schuller
Titel Die deutsche Revolution 1989
Verlag Rowohlt Berlin
Erscheinungsjahr 2009
Bewertung **

Die DDR war schon immer ein Steckenpferd von Wolfgang Schuller, auch wenn sein eigentliches Metier die Alte Geschichte ist. Der gebürtiger Berliner hat „über die Jahre, ob es gerade Mode war oder nicht, die düstere Wirklichkeit dieses Staates ins Licht gestellt“ und „die dauerhafte Fortexistenz des staatssozialistischen Systems früh bezweifelt“, lobte ihn einst die FAZ.

Letzteres ist, um es vorweg zu nehmen, keine gute Voraussetzung für dieses Buch. Die deutsche Revolution 1989 ist in mehrfacher Hinsicht ein seltsames Werk, es krankt aber vor allem an der Distanz des Autors zu seinem Thema. Natürlich sollte man einen gebührenden Abstand bei einem Sachbuch zunächst positiv empfinden. Aber hier geht es um Ereignisse, die jedem Deutschen in Erinnerung sind, die unser Land, die Welt und Millionen von Biografien verändert haben. Der Herbst 1989 brachte eine „Revolution, die in kürzester Zeit scheinbar Unerschütterliches zum Einsturz brachte“, wie er zu Beginn ganz richtig schreibt. Dabei ging es um Mut und Angst, um Zusammenhalt und Misstrauen, um euphorischen Jubel und existenzielle Verzweiflung. Mit anderen Worten: Der Zusammenbruch der DDR war ein hoch emotionaler Prozess. Bei Wolfgang Schuller wirkt er klinisch und kalt.

Als der Umbruch in seiner chronologischen Darstellung Fahrt aufnimmt, wird zwar auch der Autor zumindest ein bisschen mitgerissen. Aber bewegend sind selbst dann nicht seine Gedanken, sondern die Schilderungen von Augenzeugen oder von Demonstranten, die “zugeführt” wurden oder misshandelt. Ansonsten wirk Schuller weitgehend, als würde er das Leben und Wirken seiner Landsleute wie mit dem Seziermesser untersuchen, streng desinfiziert, ohne Schicksale, Menschen, Gefühle.

Die DDR wirkt hier wie ein Land, das der Autor nur aus Büchern kennt. Das liegt auch daran, dass er fast ausschließlich mit Akten als Quellen arbeitet und nicht etwa, wie etwa Florian Huber in Meine DDR, auf Gespräche mit Zeitzeugen setzt.

Es liegt aber vor allem an seiner Überheblichkeit. Das, was die FAZ als „frühe Zweifel“ am DDR-System bezeichnet, schimmert hier immer wieder durch. Auch da sollte man zunächst meinen: Ein kritischer, skeptischer Blick kann nicht schädlich sein für eine historische Betrachtung. Aber Schullers „Ich habe es immer gewusst“ zwischen den Zeilen ist auf Dauer eine nervtötende Position. Vor allem unterstellt sie, der Untergang der DDR sei zu jedem Zeitpunkt unvermeidbar gewesen, als sei die Geschichte in diesem Punkt vorgeschrieben (was ja paradoxerweise die Geschichtsbetrachtung des Marxismus ist). Dabei räumt der Historiker doch selbst ein (wenn auch erst auf Seite 95), dass „die Entwicklung (…) offen war und nicht notwendig in einer Revolution enden musste…”

Womöglich ist es auch das unverhohlene Genießen seines Triumphs beim Eintreffen der Prognose, die zu einigen handwerklichen Schwächen führt. Den Parforceritt durch die Gründungsjahrzehnte der DDR kann man verzeihen, schließlich soll es in Die deutsche Revolution 1989 um das Ende des Staates gehen, nicht um seinen Beginn. Aber Schuller wird auch wiederholt arg pauschal, ungenau (Fußnoten finden sich leider erst im Anhang, nicht unmittelbar an den Belegstellen) und immer wieder sogar tendenziös. Das reicht bis in die Sprache hinein: Wenn es um Verfehlungen der DDR gibt, wird der sonst so nüchterne Ton plötzlich blumig. Dann ist von “nackter Gewalt” die Rede oder von “mörderischen Umweltsünden”.

Es gibt aber auch gravierendere Übertreibungen. Schuller spricht von “furchtbaren Straßenschlachten” in Dresden und belegt das mit einem Protokoll der Volkspolizei, in dem dann lediglich steht, dass “teilweise Steine geworfen” wurden. In Magdeburg spricht er gar von “Bürgerkrieg auf den Straßen”, der sich dann darin ausdrückt, dass Hundestaffeln zum Einsatz kommen und eine junge Frau “auf die Ladefläche eines mit laufendem Motor bereitstehenden Lastwagens” geworfen wurde, der dann auch noch “sofort mit ihr abfuhr”. Die Parteiausschlüsse Anfang 1990 (zu diesem Zeitpunkt nicht mehr aus der SED, sondern mittlerweile aus der PDS) vergleicht Schuller mit den stalinistischen Säuberungen, die aber weitaus rabiatere Mittel kannten.

Wundern muss man sich auch über andere Stellen: Sehr treffend stellt Schuller das Überwachungssystem als perfide und omnipräsent dar. Man könne “nicht häufig genug daran erinnern, dass es sich keineswegs um harmlose, letztlich beliebige Proteste handelte. Sie waren vielmehr gegen eine machterprobte, harte, die ganze Gesellschaft durchdringende Diktatur gerichtet. Sie waren staatsfeindlich und gefährlich und wurden von starken Gemütsbewegungen getragen”, schreibt er ganz richtig. Trotzdem behauptet er anderswo, es sei kein politischer Akt gewesen, wenn Menschen in der ersten Phase des Umbruchs mit Parolen wie “Stasischweine” oder “Freiheit! Menschenrechte!” durch die Städte zogen. Es sei lediglich „die völlig überzogene und fast panische Reaktion der Staatsmacht selbst [gewesen], die diese kleinen Manifestationen nicht nur aufwertete, sondern überhaupt erst zu politischen Aktionen machte”, meint er allen Ernstes. Fraglich ist auch die Sichtweise, den Kommunismus als rein sowjetisches Phänomen darzustellen. Vor allem in den Vor- und Nachkriegsjahren war er auch in (West-)Deutschland eine verbreitete politische Strömung mit regem Zuspruch und reellen Erfolgsaussichten.

In hohem Maße diskutabel ist auch der Titel des Buchs. Dass das Ende der DDR eine Revolution war, stellt Wolfgang Schuller nicht einen Moment lang infrage, obwohl das in der Forschung durchaus umstritten ist. Im Gegensatz zum etablierten Terminus will er die Revolution auch nicht “friedlich” nennen (weil das für seinen Geschmack nach “harmlos” klingt), sondern “gewaltfrei”. Nicht zuletzt ist Die deutsche Revolution ein in gewisser Weise anmaßender Titel, denn korrekt müsste es heißen: Die ostdeutsche Revolution.

Dass Schuller auf diese Genauigkeit verzichtet, ist leicht zu erklären. Der Historiker, der übrigens am 3. Oktober geboren ist, entpuppt sich hier als großer Patriot. An einer Stelle sieht er sich sogar genötigt, den Text der Nationalhymne abzudrucken. Wenn er die Vorgänge in den einzelnen Regionen der DDR beschreibt, verweist er immer wieder auf die “stolze Geschichte”, die landschaftlichen Reize “wundervoller thüringischer Residenzstädte” oder das Vogtland als “schöne, wirtschaftlich tüchtige Region mit [hört, hört!] eigener Geschichte und eigener Identität”.

Auch dieser Rückgriff auf die Geschichte vor der Existenz der DDR, für den natürlich auch Luther und Goethe herhalten müssen und bei dem Schuller gerne bis ins Mittelalter blickt, soll ganz offensichtlich die historische Einheit Deutschlands unterstreichen – und lässt im Umkehrschluss die DDR wie und lästige Episode erscheinen.

Nicht zuletzt ist diese Igitt-Perspektive und Hybris problematisch, weil sie negiert, dass es Menschen gab, die diesen Staat gelebt, sogar geliebt haben. Für sie war er nicht Forschungsobjekt, Feind oder historisches Unikum, sondern Heimat und Lebenswelt.

Freilich hat Die deutsche Revolution 1989 auch seine Stärken. An erster Stelle ist dabei der Ansatz zu nennen, den Blick mit sehr viel aufwendiger Quellenarbeit immer wieder auch in die Provinz zu richten. Gerade dort wird die unerwartete Dynamik des Geschehens deutlich, gerade dort treten die Gefahren und Widrigkeiten vor Augen, mit denen der Widerstand zu kämpfen hatte. Zudem wird dadurch klar, wie putzig am Beginn der Bewegung die Forderungen waren, die erhoben wurden. „Demokratische Kontrolle” der Stasi wurde de verlangt (nicht etwa ihre Abschaffung), das Ende des Wehrkundeunterrichts an den Schulen oder die Wiederzulassung der sowjetischen Zeitung Sputnik. Fast nie wird gefordert, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Das zeigt einerseits die Identifikation mit der DDR, die auch in Teilen der Opposition vorhanden war. Dass zu Beginn des Jahres 1989 kaum jemand wagte, freie Wahlen oder gar die Wiedervereinigung zu verlangen, führt andererseits vor Augen, wie sehr der Staat nach 40 Jahren bereits das Denken seiner Menschen prägte. Wenn man vom Ende her auf den Umbruch blickt und weiß, welche Dynamik das Geschehen dann entwickelt hat, ist es im höchsten Maße erstaunlich, mit welch bescheidenen Ansprüchen und mit wie wenig Hoffnung auf Zuspruch und Akzeptanz die einzelnen Oppositionsbewegungen begannen.

Schuller arbeitet dabei die Bedeutung der KSZE als Hoffnungsträger heraus, und er führt Theater und Kirche (der Name Joachim Gauck kommt übrigens nur zweimal vor, immerhin gibt es aber eine Kurzbiographie im Anhang) immer wieder eindrucksvoll als treibende Kräfte heraus.

Vor allem aber glänzt er bei Betrachtungen der Staatsführung. Schuller spricht von “Realitätsverlust des Politbüros”, und er geißelt sehr gekonnt die Fixierung auf Erich Honecker, der noch ein Stück weltfremder war als der Rest der Führungsriege. “Honecker war offenbar überzeugt, der Pomp und das Feuern aus allen Rohren der staatlichen Propaganda könnten alles andere übertönen, und gab sich ganz dem Rausch des inszenierten Dröhnens hin”, schreibt er über den 40. DDR-Jahrestag am 7. Oktober 1989. In Plauen gingen zeitgleich die Massen auf die Straße, und Schuller ist zumindest im Fall der SED-Bonzen gut in der Lage, sich in ihre ideologische Unbeweglichkeit hineinzuversetzen: “Die Konterrevolution war da. Aber was sollte man jetzt machen?”

Sehr gut zeichnet er auch nach, wie eine Phase der „hilflosen Resignation” auf dem Höhepunkt der Proteste (in der die Parteiführung immerhin erkannte, „die Alleinherrschaft nicht durch nackte Gewalt behaupten beziehungsweise wiederherstellen zu können.”) übergeht in Versuche, sich der stürmischen Entwicklung anzupassen. “Die Demonstranten begannen, die Entwicklung zu bestimmen, und die unsicher gewordene Partei versuchte, den Anschluss zu finden. Vergeblich.” Schuller hat gute Argumente für seine These, dass es gerade die Versuche der SED waren, in der Wendezeit wieder Fuß zu fassen, die im Volk die Ausrichtung nach Westen und den Wunsch nach Wiedervereinigung verstärkten. Ohne diese Bedrohung durch eine Restauration der SED-Macht hätte sich die Opposition womöglich stärker auf Erneuerung und Reform einer eigenständigen DDR konzentriert, was ja am Beginn der Protestbewegung das Ziel war.

Lesenswert sind auch Schullers Gedanken über die Frage, warum der Umbruch eine Revolution ohne Helden war. Da finden sich dann doch ein paar Passagen, in dem er seine Landsleute auf der anderen Seite der Mauer zumindest auf Augenhöhe sieht. Der Autor macht sich gerne lustig über die abenteuerlichen technischen Bedingungen bei der Arbeit der Opposition, auch über Rechtschreibfehler in Flugblättern. Aber er stellt auch den persönlichen Mut heraus, den Tausende an vielen Orten in der DDR an den Tag gelegt haben: “Immer noch musste man Angst haben. Angst davor, niedergeknüppelt zu werden, Angst vor dem spurlosen Verschwinden in MfS-Gefängnissen. Wer auf die Straße ging, tat das, obwohl er allen Grund hatte, sich zu fürchten.”

Dennoch bleibt der Eindruck, dass diese Monographie ganz viele Dimensionen ausblendet. Die Revolution erscheint bei Schuller oft rückwärtsgewandt, wie getrieben von der Sehnsucht nach der Wiederherstellung eines alten (Normal-)Zustands. Diese Sehnsucht war aber keineswegs der Ausgangspunkt des Umbruchs, sie ist allenfalls eine persönliche Sehnsucht des Autors. Er verkennt, wie gründlich das DDR-System ideologisch gearbeitet hat und wie wenig insbesondere junge Leute, die ja die treibenden Kräfte des Umbruchs waren, mit Begriffen wie “Thüringen” oder gar “Schlesien” anfangen konnten (und wollten). Ihnen ging es nicht um Restauration, sondern darum, die Gegenwart und Zukunft zu gestalten.

Bestes Zitat: “Karl Marx hatte auch hier wirklich recht, nur, wie so oft, nicht im Sinne der staatssozialistischen Exegeten, sondern genau umgekehrt: Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift. Dagegen war die Parteidiktatur machtlos.”