Durchgelesen: Joachim Bessing – “Tristesse Royale”

"Tristesse Royale" ist ein Feuerwerk des Geistes.

“Tristesse Royale” ist ein Feuerwerk des Geistes.

Autoren Joachim Bessing, Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg, Benjamin von Stuckrad-Barre
Titel Tristesse Royale
Verlag List
Erscheinungsjahr 1999
Bewertung

Als Tristesse Royale im Herbst 1999 auf den Markt kam, da war die Reaktion in erster Linie: Hass. Das lag zunächst an der anmaßenden Herangehensweise. Drei Tage lang diskutierten Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg, Benjamin von Stuckrad-Barre und Joachim Bessing (damals alle im Alter zwischen 25 und 35) im Berliner Hotel Adlon. Ihr Ziel war es, zum Abschluss des Treffens „ein Sittenbild unserer Generation modelliert zu haben“, wie Herausgeber Joachim Bessing im Vorwort formuliert.

Ein bisschen Palaver, angereichert um coole Songzitate, an dessen Ende die Erklärung für die Lage des Landes steht: Dieser Ansatz musste provozieren. Erst recht, weil die Autoren so versnobbt daherkamen. Und schließlich auch, weil sie das Diktat des perfekten Stils einforderten – und sich entsprechend angreifbar machten.

Nur wenige erkannten in dem Werk das Zukunftsweisende. Iris Radisch (Die Zeit) war eine davon. Sie erkannte im popkulturellen Quintett „Dandys der Postmoderne, aber vielleicht auch Abgesandte eines neuen Zeitalters, das Michel Houellebecq in seinem Roman Elementarteilchen groß und einfach das ‘nachmetaphysische’ nennt”. Das ist eine Interpretation, die sich bei der heutigen Lektüre immer wieder bestätigt. Tristesse Royale, von der Frankfurter Rundschau zum zehnten Jubiläum als „Höhepunkt und wohl auch Schlusspunkt der so genannten Popliteratur in Deutschland“ geadelt, ist eine messerscharfe Bestandsaufnahme und stellenweise sogar prophetisch.

Joachim Bessing beispielsweise erkennt, knapp zehn Jahre vor dem Zusammenbruch der Lehman Brothers, die Ausgangssituation für die Finanzkrise: „Wir gehen einfach davon aus, dass Geld immer da ist. Wir wissen, dass es nicht zu Ende geht. Wenn alle Karten gesperrt werden und American Express dir Briefe schreibt, erfährt man für einen Moment die Bedeutung des Geldes. Aber dieser Moment ist kurz, und es geht immer weiter.“

Er ist es auch, der beim Fantasieren über einen Popkünstler-Prototyp der Zukunft das Modell Lady Gaga vorwegnimmt: „Das wäre ja das beste Verschwinden. Wie Andy Warhol, Doppelgänger zu bezahlen, sein Äußeres ständig komplett verändern zu lassen, oder die Fotos und Filme und Artikel, die es über dich gibt, dauernd zu manipulieren – alles in alle Richtungen zu verzerren, zu verschieben und auch verschwinden zu lassen.“

Auch die Reflexionen über den Wandel im Journalismus und der Arbeitswelt beweisen einen genauen Blick für die wichtigsten Strömungen, die Wirkungsmacht der Kräfte, die dabei am Werke sind, und die Dimensionen, in denen scheinbar kleine Trends die Gesellschaft prägen können. Das, was bei ihnen noch „neue Berufe“ heißt, wird wenig später die „Generation Praktikum“ sein (und noch ein bisschen später die Digitale Bohème).

Freilich muss man betonen: Tristesse Royale ist stets zukunftsweisend, allerdings ohne es sein zu wollen. Es gibt in diesem Buch keine Spur von erwachsener Tatkraft, sondern schon eher pubertäres Schwadronieren, dem durchaus auch Elemente des Angebens, des Konkurrierens und Spintisierens innewohnen. Am Konkreten, gar Politischen, ist den Autoren wenig gelegen. Man merkt ihnen an, wie sehr sie des 20. Jahrhunderts überdrüssig sind, aber sie sind weit davon entfernt, eine Utopie als Gegenmodell zu entwickeln oder Reformen anzuregen. Sie haben schlicht keine Lust, sich anzustrengen. Und sie haben erkannt, dass es im Zweifel weniger die Bundestagswahlen sind, die unser Leben prägen, als vielmehr der Plattenschrank. Nirgends wurde zuvor in Deutschland so gut erklärt, was Pop ist, wie er entsteht und wie er unsere Gesellschaft durchdringt.

Alles ist Langeweile für diese fünf Autoren, alles ist Ironie, trotzdem nehmen sie ihre Sujets todernst. Kracht, Nickel, von Schönburg, von Stuckrad-Barre und Bessing liefern ein Feuerwerk des Geistes, ebenso von Popkultur wie vom Bildungsbürgertum geprägt. Sie reflektieren, analysieren und philosophieren und zeigen so letztlich: Bei allem Verfall und Niedergang, den sie attestieren, bestimmt letztlich dennoch die Kultur das Leben und das Selbst.

Dass diese Analyse auch noch eine hoch unterhaltsame Lektüre wird (selbst 14 Jahre später noch) belegt: Ihre Exzellenz begründet sich auf Geschmack, Stil und nicht zuletzt auf Intelligenz. Sie gefallen sich natürlich als Snobs, Yuppies und Dandys. Die richtige Marke für Hemden und Anzüge wird hier mit derselben Selbstverständlichkeit und Nonchalance diskutiert wie der Einfluss von Spindoctors auf die Politik oder die Chancen, die ein weiterer Weltkrieg bieten könnte.

Nur einen Megatrend erkennen die Autoren erstaunlicherweise nicht: die Kraft des Marketings, die vielen der in Tristesse Royale besprochenen Phänomene und Widersprüche zugrunde liegt. Doch auch ohne diese Quelle zu benennen, werden die Folgen seziert, mit der erstaunlichen Erkenntnis, die auch heute noch unser Leben prägt: Die Realität ist nicht nur im Erleben flüchtig, sondern schon in ihrer Entstehung. Sie ist manipulierbar, sie kann geschaffen werden, einfach so aus dem Nichts (also: dem Marketing) heraus.

Bestes Zitat: „Du kannst dich nicht mehr für eine bestimmte Sache entscheiden, sondern nur noch für die Menschen, die einer Meinung über diese Sache sind. Egal welcher.“ (Benjamin von Stuckrad-Barre)

Durchgelesen: Max Monnehay – “Dorf der Idioten”

"Dorf der Idioten" ist ein sehr origineller Protest gegen die Konvention.

“Dorf der Idioten” ist ein sehr origineller Protest gegen die Konvention.

Autor Max Monnehay
Titel Dorf der Idioten
Originaltitel Géographie de la bétise
Verlag Eichborn
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Literarische Figuren, die Pierrot heißen, gibt es seit fast 500 Jahren. Bei Molière kommt ein Pierrot vor, bei Gustave Flaubert und bei Ludwig Tieck. Einem Pierrot wie dem von Max Monnehay ist man aber noch nie begegnet: In Dorf der Idioten, ihrem zweiten Roman, ist Pierrot kein bemitleidenswerter Clown, sondern ein charismatischer Sektenführer.

So kann man ihn zumindest bezeichnen, als er eines Tages beschließt, einen Ort zu gründen, der schrägen Vögeln wie ihm vorbehalten bleiben soll. Den Dorfdeppen, den Außenseitern, den Idioten. Dank einer reichen Erbschaft kauft er ein Grundstück mit verlassenen Häusern und wirbt per Zeitungsanzeige für seine Idee. Sein Aufruf stößt auf enorme Resonanz: „Pierrot hatte einer ganzen Gemeinde, die bis dahin nicht einmal gewusst hatte, dass sie eine war, eine Prise Hoffnung verabreicht. An jenem Abend hatte in jedem französischen Dorf ein Idiot den Kopf erhoben. Überall im Land hatten Männer und Frauen ihre Zugehörigkeit entdeckt. In wenigen Minuten hatte ein einziger Mensch ein ganzes Volk geschaffen“, schreibt Monnehay.

In ganz Frankreich holt Pierrot also seine Gesinnungsgenossen ab. Der erste, den er aufsammelt, ist Bastien, der in den 25 Jahren seines Lebens bisher fast nichts als Demütigung erlebt hat, bis zum Erbrechen satt ist von Enttäuschungen und zum Ich-Erzähler des Romans wird. 71 andere Interessenten kommen danach noch dazu und bilden das Reservat der Sonderlinge.

Die Einwohner im Dorf der Idioten genießen es, plötzlich nicht mehr wegen ihrer Macken begafft und verspottet zu werden und gestalten sich ein Leben nach ihren eigenen Regeln, ein beinahe paradiesisches Gemeinwesen. Das Dorf gilt für den Rest der Welt erstaunlicherweise nicht als obskures Ghetto, sondern als derart verheißungsvoll, dass es immer neue Bewerber gibt, die ebenfalls einziehen wollen – doch um aufgenommen zu werden, müssen sie vorher nachweisen, dass sie wirklich richtig dumme Deppen sind, und nicht bloß Simulanten. Auch dank dieses besonderen Idiotentests herrscht im Dorf fast perfekte Harmonie. Bis Bastien einen folgenschweren Fehler macht.

Die Utopie vom Leben im Dorf ist sehr originell, noch spannender ist in diesem Buch aber die Frage, wie und warum die Einwohner dorthin gelangt sind. Max Monnehay geht sehr geschickt der Dynamik von Beziehungen und den Mechanismen von Abgrenzung und Gruppenidentitäten auf den Grund. „Wir suchen in dem anderen nicht nur das, was wir mit ihm gemeinsam haben könnten. Nein, wir suchen bei ihm die Unterschiede, die uns vom Rest der Menschheit trennen und die wir mit ihm gemeinsam haben“, schreibt sie an einer Stelle.

Als Idioten wurden ihre Figuren in ihrem alten Leben belächelt, weil sie das Wahre und das Glück suchen und sich nicht bloß mit der Simulation davon begnügen oder gar mit Selbsttäuschung. Nach dem Aufruf von Pierrot lassen sie alle die Ruinen ihres Lebens zurück, ihren Frust und ihre Verzweiflung und entwickeln im Dorf das Gefühl, vielleicht jetzt erst in einer Welt angekommen zu sein, in der nicht alles leer und fremd ist.

Monnehay, Jahrgang 1981, findet sprachlich eine wunderbare Form für diese Fabel: Dorf der Idioten ist wie mit großen Augen geschrieben, einem staunenden, hungrigen, aber nicht naiven Blick auf das Leben. Es gibt viele kurze Sätze und eine ganz einfache Sprache. Nicht selten wird es auch derb, dann ergeht sich der Ich-Erzähler in Kraftausdrücken und einer Aggressivität, die manchmal auch zur Folge hat, dass der Leser direkt angesprochen und wegen seiner Vorurteile oder Assoziationen zur Rede gestellt wird.

Zwischendurch gibt es immer wieder die Definitionen banaler Begriffe, die Bastien aus einem riesigen Wörterbuch seiner Mutter zitiert, als wolle er beweisen: Ich habe etwas begriffen, ich kann etwas begreifen. Einzelne Sätze tauchen mehrfach in diesem Roman auf, sodass sie wie kleine Weisheiten in einem einfältigen Leben erscheinen.

All das macht Dorf der Idioten zu einem sehr originellen und unterhaltsamen Roman, zudem zu einem riesigen Protest gegen die Konvention. Max Monnehay zeigt nicht zuletzt auch: Intelligenz ist bei weitem nicht bloß Veranlagung, sondern ein soziales Produkt, das Fürsorge, Bildung und Menschlichkeit als Voraussetzungen benötigt, also all die Dinge, die diesen Idioten zeitlebens verwehrt wurden von ihrer Umwelt – also von uns. Was natürlich die Frage aufwirft, wer die wahren Idioten sind.

Bestes Zitat: „Es heißt, man könne sich nicht totschämen. Das ist falsch. Scham ist der hinterhältigste Mörder, den es gibt. Sie nagt an deinem Ego, zehrt es auf, Stück für Stück, bis nichts mehr von dir übrig bleibt als grenzenlose Verachtung für die eigene Person.“

Durchgelesen: John Grisham – “Home Run”

Seine Leidenschaft für Baseball lebt John Grisham in "Home Run" aus.

Seine Leidenschaft für Baseball lebt John Grisham in “Home Run” aus.

Autor John Grisham
Titel Home Run
Originaltitel Calico Joe
Verlag Heyne
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Man sollte meinen, John Grisham habe sich seinen großen Traum schon erfüllt. Er war knapp zehn Jahre lang als Anwalt tätig, aber er wollte lieber ein Schriftsteller sein, der Justizthriller schreibt. Das hat er geschafft. Mehr als 250 Millionen Mal haben sich seine Bücher wie Die Firma oder Die Akte seitdem verkauft.

Ein Wunsch blieb trotz allem unerfüllt: Als kleiner Junge wollte John Grisham gerne eine Karriere als Baseballprofi einschlagen, am liebsten bei den St. Louis Cardinals. Diese Fantasie lebt er nun ebenfalls als Schriftsteller aus: mit Home Run, seinem neuen Roman.

Aus Sicht des Autors ist die Kompensation gelungen. «Niemals zuvor hatte ich beim Schreiben so viel Spaß», sagte er kürzlich in einem Interview. Aus Sicht des Lesers ist Home Run ebenfalls ein Treffer. Grisham überzeugt auch in der eher ungewohnten Materie. Der Roman ist weitaus entspannter und unspektakulärer als seine großen Bestseller, aber eine rührende Geschichte über Väter und Söhne und über die (amerikanischen) Werte, die der Sport manchmal besser zum Ausdruck bringt als jedes andere Element unserer Kultur

Sein Ich-Erzähler ist Paul Tracey, Programmierer aus Santa Fe, verheiratet, Vater zweier Töchter. Als kleiner Junge war er ein riesiger Baseballfan, wie Millionen andere Amerikaner auch. Seine Beziehung zum Baseball ist aber eine ganz besondere: Pauls Vater, Warren Tracey, war Profispieler in der höchsten Liga. Er hinterließ kaum bleibenden Eindruck in den Annalen dieser Sportart, bis auf ein Detail: Im Jahr 1973 warf er einen Ball auf seinen Gegenspieler Joe Castle, damals ein gefeiertes Talent. Castle trug eine schlimme Kopfverletzung davon, die seine Karriere beendete – und zugleich die Liebe von Paul Tracey zum Baseball.

Die Konstellation basiert lose auf der wahren Geschichte von Ray Chapman (1891-1920), dem einzigen Spieler in der Geschichte des Baseballs, der jemals durch einen Treffer getötet wurde. Im Gegensatz zu ihm ist Joe Castle aber kein Routinier, sondern ein Senkrechtstarter – so unwiderstehlich, dass selbst der kleine Paul Tracey zum Fan wird, obwohl er doch eher seinen Vater anfeuern sollte. Den Aufstieg des Neulings in der Liga erzählt John Grisham beinahe minutiös, mit der Baseball-typischen Vorliebe für Statistiken. Für alle, die Schwierigkeiten haben, den Spielberichten mit all ihren Fachbegriffen zu folgen, hat er vernünftigerweise auch eine kleine Regelkunde verfasst, die sich am Ende seines Buches findet (aber eigentlich an den Anfang gehörte).

Schon die Figur des Joe Castle wäre reizvoll genug für einen lesenswerten Roman, doch Grisham reichert Home Run um mindestens zwei weitere Dimensionen an. Zum einen ist da die Beziehung von Vater und Sohn: Kurz nach seinem fatalen Wurf verließ Warren Tracey die Familie, seitdem hat er kaum noch Kontakt zu seinem Sohn. Nun liegt er im Sterben, der Krebs lässt ihm nur noch wenige Wochen, um ein paar Dinge zu klären, die in seinem Leben schief gelaufen sind.

Zum anderen hat sich Paul Tracey in den Kopf gesetzt, dass sein Vater Joe Castle noch einmal gegenüber treten und ihn nach mehr als 30 Jahren um Verzeihung bitten soll. Er will beide besuchen und die Möglichkeiten dafür ausloten, wohlwissend, dass dies zugleich eine Reise in seine eigene Vergangenheit wird, in ihre Schwärmereien und Traumata. Aus der Frage, ob zumindest eine dieser Versöhnungen gelingen wird, bezieht Home Run letztlich seinen Reiz und wird zu einer spannenden Geschichte über Neid und Loyalität, Fairness und Vergebung.

Beste Stelle: „Das Geräusch, wenn ein Baseball aus Leder auf einen Schlaghelm aus Kunststoff trifft, ist unverkennbar. (…) Es ist kein scharfer Knall, sondern eher so, als würde ein stumpfer Gegenstand auf eine harte Oberfläche treffen. Es ist ein furchtbares Geräusch, doch wenn man es hört, denkt man sofort, dass der Helm schwere Verletzungen verhindert. Aber das Geräusch, als Joe getroffen wurde, was anders. Was wir hörten, war der dumpfe Aufschlag eines Baseballs, der Fleisch und Knochen zermalmt. Zuschauer, die nahe genug am Feld saßen, um das Geräusch zu hören, sollten es nie wieder vergessen. Ich konnte es hören. Und heute höre ich es immer noch.“

 

Durchgelesen: Tony McCarroll – “Die Wahrheit über Oasis”

Auch nach seinem Rausschmiss bleibt Tony McCarroll ganz eindeutig Fan von Oasis.

Auch nach seinem Rausschmiss bleibt Tony McCarroll ganz eindeutig Fan von Oasis.

Autor Tony McCarroll
Titel Die Wahrheit über Oasis – Mein Leben als Drummer für Oasis
Originaltitel Oasis – The Truth
Verlag Iron Pages
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung

“Beschissener Drummer. Beschissene Frisur. Beschissenes Outfit.” Mehr als diese drei Sätze hatte Noel Gallagher nicht übrig für Tony McCarroll, nachdem er ihn gerade aus der Band geworfen hatte. Der frischgebackene Ex-Schlagzeuger von Oasis war zu diesem Zeitpunkt längst derlei Komplimente gewohnt. Er wurde von seinen Bandkollegen während des Videodrehs für Live Forever lebendig begraben. Als Noel Gallagher in einem Radiointerview in den USA von einem Hörer gefragt wurde, ob er jemals eine Penisverlängerung in Betracht ziehen würde, antwortete er: “Oasis haben schon eine Penisverlängerung. Den Drummer.” Und als McCarroll sich für den Rausschmiss mit einer Einmalzahlung von läppischen 550.000 Pfund abspeisen ließ, kam zu all diesen Beleidigungen auch noch der Ehrentitel als “der dümmste Mensch im Popgeschäft” (The Sun) hinzu.

Angesichts solcher Anekdoten ist es einerseits ein Wunder, dass Tony McCarroll es überhaupt bis 1994 in dieser Band ausgehalten hat. Andererseits ist es nur allzu verständlich, dass er sich seinen Frust von der Seele schreiben will, die Möglichkeit einer Rechtfertigung sucht. Die Wahrheit über Oasis – Mein Leben als Drummer für Oasis ist genau dies, und obendrein ein spannender Einblick für allem in die frühen Jahre der erfolgreichsten britischen Rockband der vergangenen 20 Jahre.

Zwischen den Zeilen steckt in diesem Buch überall der Frust, die Reue, der stumme Aufschrei von einem, der vollkommen unverhofft am unendlichen Rausch des Glücks teilhaben durfte, aber letztlich doch mit dem Gefühl zurückbleiben musste, zu kurz gekommen zu sein. Tony McCarroll, der offiziell gefeuert wurde, weil er als Schlagzeuger einfach nicht gut genug für die schnell wachsenden musikalischen Ambitionen von Oasis war, versucht in diesem Buch niemals, sich als meisterhaften Musiker zu inszenieren. Aber er betont dennoch, dass sein Anteil am Aufstieg von Oasis (zu deren Gründungsmitgliedern er – im Gegensatz zu Noel Gallagher – schließlich gehörte) keineswegs gering zu schätzen und vor allem zu respektieren sei. “Erwartet nicht den gemeinen Rundumschlag eines zurückgewiesenen Musikers”, schreibt er im Vorwort. “Ihr sollt einen ehrlichen Entwicklungsbericht von Oasis und ein Verständnis für die Fallstricke des Lebens erhalten – besonders diejenigen, die das Rockgeschäft auslegt.” Immer wieder betont er, dass er die Wahrheit berichtet, die der Buchtitel verspricht.

Die Wahrheit über Oasis – Mein Leben als Drummer für Oasis trägt wenig dazu bei, das Image vom etwas tumben Schlagzeuger abzustreifen, der zu blöd war, das Manchester-Äquivalent eines Sechsers im Lotto vernünftig zu genießen. Die Sprache ist manchmal arg hölzern, gelegentlich zielt McCarroll bei seinen Retourkutschen unnötig weit unter die Gürtellinie und auch die oft alberne deutsche Übersetzung (auf die Idee, das altertümliche “Schnarrtrommel” statt “Snare Drum” zu verwenden, muss man erst einmal kommen; und von “grenzgeilen Melodien” würde wohl auch kein halbwegs ernsthafter deutschsprachiger Musikjournalist mehr schwärmen) und das schlampige Lektorat tragen dazu bei.

Faszinierenderweise zeigt sich Tony McCarroll in diesem Buch aber in erster Linie noch immer als Fan von Oasis. Bonehead preist er als “genialen Musiker”, die herausragende Bedeutung von Liam Gallagher als Frontmann schätzt er völlig richtig ein. “Zudem brachte Liam die Songs ziemlich markig rüber, womit er den Rest von uns beinahe völlig überstrahlte”, schreibt er über einen der ersten Liveauftritte. “Immerzu schoss das Publikum sich auf ihn ein, sogar während der Proben. Wenn er seine Zeilen mit aufsässigem Blick ins Mikro näselte, fühlten sich die Leute gleichzeitig umgarnt wie angegriffen, beeindruckt und beunruhigt.”

Auch Noel Gallagher, der erst später zur Band stieß und während des kometenhaften Aufstiegs von Oasis immer mehr zum Peiniger des Drummers wurde, erfährt hier durchaus respektvolle Würdigungen. McCarroll zeigt sich zutiefst enttäuscht von Noel als Mensch, trotzdem bringt er in diesem Buch immer wieder unverhohlene Bewunderung für ihn als Musiker auf. Die Beziehung der beiden Männer, die spätestens dann zum Psychokrieg wurde, als Oasis ihren Plattenvertrag in der Tasche hatten und Label-Boss Alan McGee sofort die Inthronisierung von Noel als Band-Diktator einleitete, ist hier sicherlich parteiisch, aber sehr spannend nachgezeichnet. Für McCarroll gibt es den “alten” Noel, mit dem er Fußball spielte und durch die Straßen Manchesters zog. Ihn beschreibt er als großen Kumpel, als Beschützer und Autorität. Als Bandleader wurde daraus der “neue Noel”, ein asozialer Egomane.

Neben diesem Konflikt lebt das Buch vor allem von seinen vielen Anekdoten aus der Zeit, als Oasis zunächst noch Nobodys und dann für eine ganze Weile die heißeste Rockband des Planeten waren. McCarrolls Biographie ist durchaus typisch für eine Jugend im Manchester der 1970er und 80er Jahre und für das Milieu, aus dem auch der Rest der Band kam. Fußball und Schlägereien waren angesagt, The Smiths und die Stone Roses. Kurz vor dem Durchbruch mit der Band hat McCarroll, der schon als Teenager Vater einer Tochter geworden war, noch in einer Fleischerei gearbeitet und war dort unter anderem mit dem Entsorgen von Augen, Hirnen und Geschlechtsteilen befasst. Auch mehrere andere Oasis-Mitglieder hatten interessante Nebenjobs: Sie wuschen zeitweise die Autos von Manchester-United-Spielern, unter anderem von David Beckham und Eric Cantona. Für Oasis-Insider sind solche Informationen natürlich Manna, genauso wie die vielen bisher unveröffentlichten Fotos aus den Jahren 1984 bis 1994, die Geschichten von der Beinahe-Schlägerei mit East 17, die überraschende Anekdote, dass ausgerechnet Blur ihnen bei einem Auftritt 1994 in San Francisco vom Bühnenrand aus zusahen und die Geschichte, in der Noel und Liam sich an der kanadischen Grenze um einen Staubsauger stritten.

Auch mit Blick auf die Musik liefert Die Wahrheit über Oasis – Mein Leben als Drummer für Oasis durchaus Erhellendes. An erster Stelle ist hier der große Einfluss zu nennen, den die frühen Sessions mit The Real People in Liverpool offensichtlich auf die Band ausübten. Nicht zuletzt entlarvt McCarroll zumindest ein bisschen auch den Mythos von Oasis. Ein nicht geringer Teil des Rabaukentums der wilden Jahre sei inszeniert gewesen, schreibt er, vor allem bei Noel und vor allem nach dem Tip von Alan McGee, Oasis sollten das ultimative Rock’N'Roll-Leben propagieren, um Schlagzeilen zu machen und die Verkäufe anzukurbeln.

Das Buch zeigt zwar auch, dass es wenig Anstiftung brauchte, wenn man geborene Chaoten und Unruhestifter wie Bonehead in der Band hat. Aber McCarroll illustriert mehr als glaubhaft, wie formbar die Band in ihren Anfangsjahren noch war, und wie sehr sie wusste, dass sie auch von ihrem Image lebt. Zu diesem Image gehörte nicht zuletzt das Credo von der Gang, dem Männerbund, der zusammenhält wie Pech und Schwefel und gemeinsam durch dick und dünn geht. Dieses Versprechen war für den Erfolg von Oasis fast genauso entscheidend wie die Killersongs von Noel Gallagher oder die einmalige Stimme von Liam. Es ist wohl genau das, was Tony McCarroll fast 20 Jahre nach seinem Rauswurf noch immer so bitter aufstößt: Oasis gründeten sich auf Loyalität – und genau die wurde ihm verwehrt.

Die beste Stelle ist Tony McCarrolls Kommentar zum Ausstieg von Noel Gallagher bei Oasis: “Dass er Verbalattacken als einen der Gründe für die Auflösung vorschiebt, ist nichts weniger als lächerlich. Jahrelang pflegte er selbst, seine Mitmenschen mit Füßen zu treten. Hatte sich da wer an seiner eigenen Bitterkeit verschluckt?”

Durchgelesen: Sascha Reh – “Gibraltar”

"Gibraltar" ist zugleich ein Wirtschaftskrimi und ein Familienroman.

“Gibraltar” ist zugleich ein Wirtschaftskrimi und ein Familienroman.

Autor Sascha Reh
Titel Gibraltar
Verlag Schöffling
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Wenn man es ein bisschen genauer betrachtet, bemerkt man schnell: Ein Botenbericht ist eine ziemlich plumpe Methode, um eine (zeitlich oder räumlich) weit entfernte Handlung in eine andere Handlung zu integrieren. Shakespeare hat das gerne gemacht und irgendeinen Postillon vom Ausgang einer Schlacht berichten lassen, deren Verlauf er nun einmal schlecht auf der Bühne nachspielen lassen konnte. Aber subtiler wird dieser Trick dadurch trotzdem nicht.

Sascha Reh macht es sich noch einfacher. Sein zweiter Roman Gibraltar beginnt mit einem Zeitungsartikel aus dem April 2010. Auf sieben Seiten fasst der Beitrag die Vorgeschichte zusammen und stellt die wichtigsten Protagonisten des Romans vor, der 450 Seiten später auch wieder mit einer Zeitungsmeldung enden wird. Wer nun glaubt, der preisgekrönte Autor hätte angesichts dieses zunächst einfallslos wirkenden Einstiegs jegliches Geschick für Konstruktion und Erzählen verloren, könnte nicht falscher liegen.

Sprachlich bietet der Roman ein außergewöhnliches Niveau: Einige Metaphern und sprachliche Bilder sind so gut, dass es sich gelohnt hätte, rund um sie herum einen ganzen Absatz zu erfinden, damit sie Teil der Handlung werden können (manchmal scheint der Autor tatsächlich so zu verfahren). Doch selbst ohne solche Finessen wäre Gibraltar ein spannender, vielschichtiger, schlauer Roman, der auch noch den Mut hat, das dominierende Thema dieses Jahrzehnts zu behandeln: die Bankrottisierung der Welt durch das Finanzwesen.

Dass Sascha Reh, geboren 1974 und hoch gelobt für sein Debüt Falscher Frühling (2010), seinen Text mit einem journalistischen Beitrag beginnen lässt, erweist sich schnell als kluger Schachzug: Die Methode sorgt nicht nur für eine sehr kompakte Einführung in die Handlung, nach der man dann umso schneller ins Geschehen eintauchen kann. Der Einsatz seiner intermedialen Technik verweist auch gleich auf eines der Probleme der Finanzkrise: Sie kann sich, wenn überhaupt, nur medial vermittelt begreifen lassen. Und selbst Fachleute wie Wirtschaftsjournalisten haben Probleme, die Zusammenhänge zu durchdringen und in irgendeiner Form konsistent wiederzugeben.

Wie komplex die Finanzwelt ist, zeigt Gibraltar immer wieder und Sascha Reh, bisher nicht als Wirtschaftsfachmann aufgefallen, bedankt sich am Ende seines Buchs ausführlich bei allen, die ihm das nötige Hintergrundwissen vermittelt haben für einen Roman, der in der Welt des großen Geldes spielt. Man muss aber als Leser kein Finanzexperte sein, um der Handlung folgen zu können. Denn der Autor setzt auf eine konsequente Personalisierung, die der Materie nicht nur viele Facetten verleiht, sondern auch eine emotionale Dimension.

Der Ausgangspunkt ist das Sterbebett von Johann Alberts. Der Bankier hat ein Vermögen erwirtschaftet und zählt zur haute volée von Berlin. Dann hat er einen Schlaganfall – ausgerechnet in dem Moment, als sein Lebenswerk einzustürzen droht: Bernhard Milbrandt, sein engster Mitarbeiter, hat bei gewagten Spekulationen das Kernkapital des traditionsreichen Bankhauses aufs Spiel gesetzt und ist seitdem spurlos verschwunden.

Thomas, der Sohn des Bankiers, macht sich auf die Suche nach Milbrandt. Er war einst selbst auf dem Weg zum Finanzjongleur, war dann aber angeekelt von der Bankenbranche und stieg aus. Er versuchte sich als Psychotherapeut und verdient nun sein Geld mit telefonischer Lebensberatung, bei der seine Kunden ausgerechnet meist aus der Finanzbranche kommen.

Mit der Welt hat er ebenso gebrochen wie mit dem Vater. Dennoch setzt er sich nun für die Familie und ihr Unternehmen ein. Sein Antrieb ist eine Mischung aus Pflichtgefühl und der Ahnung, dass dies womöglich die letzte Chance sein könnte, eine Dankbarkeit zu beweisen, von der er selbst nicht weiß, ob sie angebracht ist angesichts der zerrütteten Verhältnisse im Hause Alberts. „Er trauerte noch nicht, und es erschreckte ihn, nicht zu wissen, ob er dazu fähig sein würde, wenn es so weit war“, umschreibt Reh seinen Gemütszustand am Sterbebett des Vaters. „Auch seine Mutter würde es wohl nicht tun. Sie würde so allein sein, wie sie schon immer gewesen war. Sie würde wie ein Astronaut, dessen Verbindungsleine zum Shuttle gekappt worden war, durch den Rest ihrer Jahre schweben.“

Um den Mann zu finden, der die Bank um riesige Beträge geprellt hat, macht sich Thomas auf den Weg nach Spanien, wo Milbrandt wahrscheinlich untergetaucht ist. Begleitet wird er von Valerie, einer jungen Frau, die einst bei ihm in psychotherapeutischer Behandlung war. Bald erfährt Thomas, dass sie die Stieftochter von Milbrandt ist. Von solchen Überraschungen hat Gibraltar gleich einige zu bieten. Die Verwicklungen und Beziehungen wirken am Anfang noch arg plötzlich und unglaubwürdig wie in einem Groschenroman, nach und nach aber überzeugend und letztlich sogar filigran.

Reh erzählt abwechselnd die Geschichte der einzelnen Akteure, den Weg zum Ruin der Bank ebenso wie zur Krise in den zwischenmenschlichen Beziehungen seiner Figuren. Gibraltar wird so zugleich ein Wirtschaftskrimi und ein Familienroman, und es ist mehr als beeindruckend, wie sich der Autor ebenso in eine schizoide 23-Jährige hineinversetzen kann wie in einen Patriarchen an der Schwelle des Todes.

Auch aus der Sicht von Bernhard Milbrandt wird das Geschehen betrachtet. Sascha Reh erliegt dabei erfreulicherweise nicht der Versuchung, aus dem Investmentbanker den Bösewicht zu machen. Es gibt in Gibraltar keine Antworten auf die Frage, welche Gründe die Finanzkrise hat, und es gibt erst recht keine Schuldigen. Der Hasardeur Milbrandt weiß, dass seine Geschäfte verwerflich sind. Bei einer Party erlaubt er sich die winzige Andeutung eines Schuldeingeständnisses. „Ich kaufe billig Handgranaten ein und ziehe die Sicherungssplinte. Dann verkaufe ich sie möglichst teuer weiter. Wer die Granaten noch hat, wenn sie explodieren, hat verloren.“ Als er schließlich so etwas wie Paranoia entwickelt, ergreift er die Flucht – nicht aus Gier oder Egoismus, sondern aus Angst vor sich selbst und der (Finanz-)Welt, von der er umgeben ist.

Das Beste an Gibraltar ist die Verflechtung dieser Figuren, ihrer Lebenswege und ihrer jeweiligen Rolle im Millionendebakel. Reh setzt dabei beispielsweise auf Rückblenden, die in keiner Weise typografisch als solche gekennzeichnet sind und die sich völlig unvermittelt mit dem Jetzt der erzählten Zeit abwechseln. Vergangenheit und Gegenwart rasen förmlich aufeinander zu, die Fehler der einen bringen die Gewissheiten der anderen zum Einsturz.

»Es ist eine feinschmeckerische Freude, mit der Sascha Reh den Panzer der Figuren aufknackt. Er fegt die Lügen weg, macht das Hässliche, Gemeine sichtbar, entlarvt verrottete moralische Werte und verlogene Beziehungen«, hat Susanne Plecher in der Sächsischen Zeitung ganz richtig erkannt. Wenn das Ensemble am Ende der Handlung wieder in Berlin versammelt und Johann Alberts gestorben ist, dann kann man keinen der Protagonisten bemitleiden, aber auch keinen verachten. Sie alle blicken auf ihr Leben zurück und stellen fest, dass sie nichts haben. Was sie nicht bemerken: Sie könnten einander haben – aber das lassen sie nicht zu.

Bestes Zitat: „Was hier gehandelt wurde, dachte er plötzlich konsterniert, waren Zahlen; es repräsentierte nichts. Die Substanz der Bank besaß nicht einmal den Gehalt eines Gedankens oder einer Idee, sondern bestand in nichts als Zahlenfolgen, die ihren Wert nur prahlerisch behaupteten, anstatt ihn durch irgendeine Referenz belegen zu können. Was hier unter Werten verstanden wurde, war geschichtslos und letztlich läppisch. Und nun standen jene erwachsenen Männer, die dieses absurde Spiel ernstlich zu ihrem Beruf gemacht und zu denen er einst gehört hatte, um einen Monitor herum und bestaunten, ratlos wie Kinder, Zahlen.“

Durchgelesen: Frank Spilker – “Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen”

Der Debütroman von Frank Spilker lebt von Atmosphäre und Sound.

Der Debütroman von Frank Spilker lebt von Atmosphäre und Sound.

Autor Frank Spilker
Titel Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen
Verlag Hoffmann und Campe
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Hach, die Sache mit dem Erwachsenwerden. War wohl noch nie einfach, und ist auch nicht leichter geworden, seit man mit 44 noch Chuck’s tragen, mit 67 noch Mutter werden und mit 69 ½ noch in einer Rockband singen kann. Besonders heftig wird einem das immer dann klar, wenn plötzlich alle wollen, dass man seine Rechnungen bezahlt.

So geht es auch Thomas Troppelmann. Für die Hauptfigur (der Begriff „Held“ wäre für jemanden wie ihn wirklich denkbar unangemessen) in Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen geht es schon eine Weile stetig bergab. Seine Freundin Andrea hat ihn verlassen, die Kumpels wundern sich immer öfter über ihn, sein Grafikbüro ist pleite. Er funktioniert nicht mehr: „Es ist, als würde sich alles auflösen. Zerbröseln, zerfallen, wie auch immer.“ Als ihm das klar wird, ergreift er die Flucht, ohne zu wissen, wo er eigentlich hin will.

Frank Spilker macht aus dieser Ausgangssituation einen sehr gelungenen Debütroman, der vor allem von seiner lässigen Atmosphäre und – wen wundert’s bei einem Autor, der bisher vor allem als Frontmann der Hamburger Band Die Sterne bekannt war – seinem Sound lebt. Die Stammkneipe als Ersatz-Zuhause, der ruiniöse Idealismus der sogenannten Kreativen, die heimelige Miefigkeit beim Besuch der Eltern in der Provinz: All das ist wunderbar eingefangen und entpuppt sich nach und nach als Last, die Thomas Troppelmann wenn schon nicht abschütteln, so doch wenigstens begreifen will.

Das Unmerkliche ist ein wichtiges Thema in Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen. Es lief lange Zeit ganz gut für den Erzähler, aber jetzt ist er auf dem Weg zum Loser (oder sogar schon dort angekommen). Wann begann der Niedergang? Wann haben sich Möglichkeiten plötzlich in Verpflichtungen verwandelt? Woher kommt die Scham beim Blick aufs eigene Leben – aus der Erwartungshaltung, die die anderen aufbauen, oder aus dem Eingeständnis an sich selbst, dass man es versaut hat?

In den schlimmsten Momenten hat der Erzähler das Gefühl, im Boden zu versinken, gleich mehrfach. Nicht immer ist damit Angst verbunden, mitunter erscheint ihm diese Option auch reizvoll. Verstärkt werden seine Zweifel zudem durch Passagen, die erst wie Halluzinationen wirken, sich dann aber als Kindheitserinnerungen entpuppen. In ihnen sucht er schließlich so etwas wie den Schlüssel – nicht zum Glück, aber zum Verständnis für sein eigenes Leben.

Bestes Zitat: „Vernunft, das ist doch nichts anderes als die ödeste Realität.“

Durchgelesen: Michael Mary – “Ab auf die Couch”

Mit seiner eigenen Zunft geht Michael Mary in "Ab auf die Couch" hart ins Gericht.

Mit seiner eigenen Zunft geht Michael Mary in “Ab auf die Couch” hart ins Gericht.

Autor Michael Mary
Titel Ab auf die Couch. Wie Psychotherapeuten immer neue Krankheiten erfinden und immer weniger Hilfe leisten
Verlag Blessing
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Im Mai ist es wieder soweit. Dann erscheint DSM-5. Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich die neuste Ausgabe eines Leitfadens, der Diagnosen für psychische Erkrankungen versammelt. Mit anderen Worten: In dieser Liste wird definiert, was als krank gilt – und was, im Umkehrschluss, als geistige Gesundheit gelten kann.

Wenn das Werk, an dem seit 1994 gearbeitet wird, endlich vorliegt, werden viele mit dem Kopf schütteln. Binge-Eating, also das exzessive Nahrung-In-Sich-Hineinstopfen, wird darin beispielsweise als Krankheitsbild anerkannt, ebenso wie eine Launenfehlregulationsstörung. Auch für Internetsucht wurde das diskutiert, aber letztlich verworfen. Diese Entscheidung hat weit reichende Folgen:  Denn die Aufnahme in DSM-5 bedeutet auch, dass die gesetzlichen Krankenkassen für die Behandlung der jeweiligen Krankheit aufkommen müssen.

Michael Mary wird zum Start von DSM-5 ganz vorne stehen im Chor der Zweifler, und er wird aus vollem Halse protestieren. Der Psychotherapeut aus Hamburg meint nicht nur, dass die Psychobranche seit Jahren fleißig neue Krankheiten erfindet und prächtig daran verdient, dass sie ganz normale Sorgen in krankhafte Phänomene umdeutet. Er hält auch nichts davon, die menschliche Psyche in Schubladen oder Listen zu unterteilen. Die Kernthese seines neuen Buchs Ab auf die Couch lautet: Psychotherapie ist etwas anderes als Medizin. Sie ist keine Wissenschaft, sondern eine Kunst. Behandeln ist nicht möglich, sondern nur begleiten. Psychotherapeuten sind keine Operateure der Seele mit Erfolgsgarantie, Schablonen, Richtlinien und Handbücher sind unbrauchbar.

„Die Psychotherapie befasst sich nicht mit Dingen, nicht mit Fakten, nicht mit Ursachen – sondern mit unüberschaubaren Zusammenhängen und hat dazu nur begrenzte Mittel zur Verfügung. Ein Psychotherapeut kann seinem Klienten kommunikative Angebote machen; und dass der Einzelne diese annimmt und Sinn darin findet, darauf muss der Therapeut hoffen, aber darauf zählen kann er nicht“, betont er.

Sein Buch zeigt auf, wie weitgehend dieser Grundsatz missachtet wird. Sein erster Vorwurf: Der Patient (den Begriff lehnt er ab und spricht lieber von „Klienten“) spielt im heutigen System der Psychotherapie quasi keine Rolle mehr. Statt einer individuellen Therapie, die genau auf seine Stimmungen zugeschnitten ist, gibt es immer häufiger nur noch Standardmethoden. Die Therapeuten sind gezwungen, sich auf gerade einmal drei verschiedene Ansätze zu beschränken, weil nur diese drei von den Krankenkassen bezahlt werden. Diagnosen werden nach der Erfahrung des Autors deshalb zunehmend willkürlich und letztlich nur erstellt, um den Anforderungen der Bürokratie zu genügen. Ist der Betroffene nun psychotisch oder depressiv? Letztlich sei das egal, solange die Diagnose nur im DSM-5 enthalten ist.

Mary, der unter anderem den Bestseller 5 Lügen, die Liebe betreffend geschrieben hat, propagiert einen anderen Ansatz, und zeigt am Ende des Buches etliche Alternativen zur heute gängigen Praxis auf: Der Therapeut solle sich auf genau das Problem konzentrieren, mit dem der Klient zu ihm gekommen ist, völlig offen in der Wahl seiner Methoden sein und zudem berücksichtigen, dass die meisten Probleme ihre Lösung bereits in sich tragen.

„Psychotherapie leistet etwas, was weder Medizin noch Psychiatrie leisten können. Sie befasst sich mit den nicht verallgemeinerbaren Dingen: mit der Individualität eines Menschen, mit seinen Besonderheiten, mit jenen Merkmalen und Merkwürdigkeiten, die aus ihm erst ein Individuum machen“, legt er zu Beginn von Ab auf die Couch dar. Das sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, doch dieser Grundgedanke ist offenbar so weit aus dem Fokus der Disziplin gerückt, dass er in seinem Buch immer wieder darauf hinweist.

Sein zweiter Vorwurf: Es werden reichlich Patienten/Klienten behandelt, bei denen das gar nicht nötig wäre. Die im Prinzip beruhigende Botschaft von Mary lautet: Wir sind ganz normal. Dass viele Menschen an sich selbst zweifeln und Probleme haben, ihr seelisches Gleichgewicht zu halten, Probleme zu bewältigen oder Sinn in ihrem Leben zu finden, hat längst nicht zu bedeuten, dass sie alle in Behandlung gehören. Sehr gekonnt zeigt Mary auf, dass die Komplexität der modernen Welt dazu führt, dass quasi jeder Mensch aus mehreren Ichs besteht, zwischen denen er je nach Anforderung der jeweiligen Alltagssituation wechselt. Mary sieht uns als „Identitäts-Chamäleons“ und betont: „Es gibt in der modernen Welt keinen Charakter und keinen Sinn- und Verhaltensmodus mehr, an dem sich durch alle Lebensbereiche hindurch festhalten lässt.“

Dass zwischen diesen verschiedenen Ichs mitunter Reibungen entstehen, ist in seinen Augen längst kein Grund dafür, einen Therapeuten aufsuchen zu müssen. „Die Persönlichkeit ist multipel – psychische Probleme gehören heute dazu“, lautet eine Zwischenüberschrift des Buchs. Was bloß eine Krise ist, wird aber in vielen Fällen zur Krankheit gemacht. Auch die Pharmabranche, die für jede Sorge die passende Pille im Angebot verspricht, trage dazu bei, dass die Psychotherapie mehr und mehr „dem Marktgesetz der Expansion“ folge. „Ein Volk, so kann man ohne Übertreibung sagen, wird psychopharmakologisch angefüttert, indem man schon Kinder an Psychopillen heranführt“, schreibt er.

Mitunter ist es ein wenig ermüdend, wie sehr Mary in diesem Buch auf seinen beiden Kernthesen herumreitet. Die Hälfte, sogar ein Drittel des Umfangs von gut 250 Seiten hätte auch genügt, um seine Botschaft rüberzubringen. Allerdings erkennt er auch so viele Dimensionen, die von der Schematisierung und Ökonomisierung der Psychotherapie betroffen sind, dass es verständlich erscheint, wie häufig er auf die Probleme hinweist – letztlich unterstreichen die Redundanzen seines Buchs die Bedeutung seiner Kritik. Glaubwürdigkeit gewinnen seine Argumente auch dadurch, dass er mit der eigenen Zunft hart ins Gericht geht und etlichen Psychotherapeuten Gier und Arroganz vorwirft. Zudem präsentiert er in Kästen immer wieder Zahlen, Erfahrungsberichte und Beispiele.

Wiederholt wendet er sich auch gegen den Vormarsch der Evidenzbasierung, die mittlerweile auch die Psychotherapie erreicht hat. Folgt man seinem Ansatz, dass es in der Psychotherapie kein Ursache-Wirkungs-Prinzip gibt, sondern bloß Zusammenhänge, dann sind Erfolgsmessungen und Effektivitätskontrollen in der Tat fragwürdige Ansätze. Mary plädiert für „Ergebnisneutralität“, und das bedeutet: „Ich weiß nicht, wie deine Psyche beschaffen ist, ich weiß nicht, was gut für dich ist, ich weiß nicht, wie die Lösung deines Problems aussehen wird, aber ich bin durchaus bereit, mich mit dir auf die Suche danach zu machen – und ich erkenne deine Lösung an, ganz gleich, was ich davon halte.“

Allerdings muss bei diesem Ansatz auch die Frage erlaubt sein: Wenn bei der Psychotherapie keine Erfolgskontrolle möglich ist, wie soll man dann die Finanzierung durch die gesetzlichen Krankenkassen, also durch die Solidargemeinschaft, rechtfertigen? Mehr noch: Woher kommt die Legitimation der Disziplin, wie unterscheidet sie sich von Scharlatanerie, wenn sie nicht in der Lage ist, ihre eigene Wirksamkeit zu beweisen?

Mary hat Antworten auf beide Fragen, auch wenn sie nicht ganz befriedigend sind. Die Finanzierung durch die gesetzlichen Krankenkassen lehnt er ab, er sieht darin (und in der damit verbundenen staatlichen Aufsicht) sogar den Grund für viele Fehlentwicklungen innerhalb der Psychotherapie. Für die Frage nach der Wirksamkeit verweist er darauf, dass Psychotherapie eben nicht mit wissenschaftlichen Standards gemessen werden kann, sondern als „Kunst“ zu betrachten sei.

Umso spannender geraten seine Ausführungen zum Nutzen psychischer Störungen. Wenn die Gesellschaft plötzlich ein Phänomen wie „Burn Out“ diskutiert (das übrigens nicht als Diagnose im DSM-5 enthalten sein wird), dann werden damit Fehlentwicklungen thematisiert, für die Lösungen gefunden werden müssen. „In der individualisierten Welt können massiv auftretende psychische Symptome die Funktion sozialer Auflehnung übernehmen“, meint er sogar. So könne man Depression, Erschöpfung oder Ängste als Absage an Leistungsdruck, die Fixierung auf das materielle Leben oder das Verschwinden sozialer Kontakte interpretieren – einen „Aufstand der Psychen“.

Das ist der wichtigste Appell von Ab auf die Couch, weil er weit über den Bereich der Psychotherapie hinausreicht: Die gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit müssen sozial gelöst werden – nicht zu Krankheiten von Einzelnen umgedeutet, die dann therapeutisch behandelt werden sollten.

Bestes Zitat: „Im Zuge der Vorarbeiten für dieses Buch habe ich mit etlichen Psychotherapeuten diskutiert, die ihren Beruf zum Teil seit dreißig Jahren ausüben. Keiner war in der Lage, mir klar und nachvollziehbar den Unterschied zwischen Psychosen, Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen und deren Unterformen und Überschneidungen zu erläutern. Um trotz der individuellen Vielfalt der Probleme den Klienten in eine Diagnose-Schublade zu stecken, müssen die Therapeuten für ihre Gutachten Bücher in die Hand nehmen, damit sie den theoretischen und bürokratischen Vorgaben gerecht werden und den Krankenkassen keinen Grund liefern, die Behandlung abzulehnen.“

Durchgelesen: Nathan Wolfe – “Virus”

Die Bedrohung durch Pandemien wächst, lautet das Fazit von "Virus".

Die Bedrohung durch Pandemien wächst, lautet das Fazit von “Virus”.

Autor Nathan Wolfe
Titel Virus. Die Wiederkehr der Seuchen
Originaltitel The Viral Storm. The Dawn Of A New Pandemic Age.
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung

Es ist wieder soweit. H7N9 heißt der Code, der weltweit Ärzte, Patienten und Wissenschaftler in Aufregung versetzt. Im Osten Chinas sind offiziell 45 Menschen mit diesem neuartigen Vogelgrippe-Erreger infiziert, 10 von ihnen starben bereits. Virus-Alarm.

Warum Mikroorganismen immer wieder zur tödlichen Gefahr werden können, erklärt Nathan Wolfe in seinem aktuellen Buch Virus – Die Wiederkehr der Seuchen. Er liefert darin nicht nur spannende Einblicke in die Biologie. Der Virologe, der an der US-Eliteuniversität Stanford forscht und vom Time-Magazine in die Liste der einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt aufgenommen wurde, macht auch deutlich, wie groß die Bedrohung ist. Die moderne Welt liefert „perfekte Bedingungen für einen Virensturm“, schreibt er. An anderer Stelle wird er noch deutlicher: „Mikroorganismen werden immer stärker in der Lage sein, uns krank zu machen, Menschen zu töten, die Wirtschaft ganzer Regionen zu zerstören. Sie werden für die Menschheit gefährlicher sein als die heftigsten Vulkanausbrüche, Wirbelstürme oder Erdbeben, die wir uns vorstellen können.“

Wolfe blickt auf die menschliche Evolution und die Entwicklung des Immunsystems. Er verweist auf die verheerende Wirkung, die gefährliche Viren in der Geschichte bereits gehabt haben (wie die Influenza-Pandemie von 1918, die wahrscheinlich mehr Todesopfer forderte als sämtliche Kriege des 20. Jahrhunderts zusammen) und arbeitet auch heraus, was im Kampf gegen Pandemien falsch läuft, beispielsweise bei den Gesundheitsbehörden.

Sehr anschaulich erklärt Wolfe, wie Pandemien entstehen. Entscheidend sind dabei zwei Faktoren: Wie tödlich ist das Virus? Und wie schnell kann es sich ausbreiten? Die Vogelgrippe war bisher (nur) sehr tödlich, die Schweinegrippe breitete sich (nur) sehr schnell aus. Ein Erreger, der beide Eigenschaften in sich vereint, könnte ein globaler Killer werden. Die Viren verändern sich ständig, passen sich dem Menschen an oder übernehmen Erbgut von anderen Virentypen. Eine Mutation in einem der bekannten Viren könnte ausreichen, um zur einen Eigenschaft auch die andere hinzukommen zu lassen.

Wolfe macht in Virus – Die Wiederkehr der Seuchen aber auch deutlich, dass Viren keineswegs nur schädlich sind. Er zeigt auf, wie unvorstellbar groß die unvorstellbar kleine Welt der Mikroorganismen in Wirklichkeit ist. „Nehmen wir zum Beispiel den menschlichen Körper. Nur ungefähr eine von jeweils zehn Zellen zwischen Ihrem Scheitel und Ihrer Sohle ist menschlich – die anderen neun gehören zu den Bakterienmassen, die unsere Haut bedecken, sich in unserem Magen tummeln und in unserem Mund gedeihen. Wenn wir an die Vielfalt der genetischen Informationen ‚an Bord’ denken, kann man nur eine von jeweils 1000 genetischen Informationseinheiten auf und in uns als menschlich bezeichnen. Die Gesamtzahl der bakteriellen und viralen Gene übersteigt die Zahl der menschlichen Gene bei weitem“, führt er beispielsweise aus. Mikroorganismen spielen eine wichtige Rolle für das weltweite Ökosystem und den menschlichen Organismus – beides Aspekte, die gerade erst in Ansätzen erforscht sind. Nicht zuletzt werden Viren auch medizinisch genutzt: für Impfstoffe (längst nicht nur für Infektionskrankheiten, sondern auch für chronische Krankheiten) oder zur Virotherapie.

Immer wieder macht Wolfe deutlich, wie vielfältig diese Mikrowelt ist und wie schwierig das ständige Wechselspiel zwischen Virus, Wirt und Immunsystem zu durchschauen ist. „Reihte man sämtliche irdische Viren Kopf an Schwanz aneinander, so würde die resultierende Kette einer Schätzung zufolge 200 Millionen Lichtjahre weit reichen, also bis weit über den Rand der Milchstraße hinaus“, illustriert er die Dimensionen.

Solche Vergleiche zeigen, wie gut es ihm gelingt, die komplexe Materie anschaulich zu erklären. Virus ist eine durchaus amüsante, sogar spannende Lektüre. Einmal schildert Wolfe einen Ausbruch, ohne Ort und Zeit zu nennen, und unterstreicht damit gekonnt: Seuchen sind ein ewiges, zeitloses, globales Problem. Wenn Wolfe einige seiner Forscherkollegen vorstellt, liefert er oft kurze Charakterisierung mit und verrät auch ein paar der Spleens der jeweiligen Wissenschaftler, das macht die Materie angenehm menschlich. Und er berichtet, nicht ohne eine gewisse Eitelkeit, von seinen Forschungsreisen in entlegene, unberührte Regionen der Welt, die ihm den Spitznamen «Indiana Jones der Virologie» eingebracht haben.

Wolfe liegt das Lesevergnügen am Herzen, ohne dass es jedoch jemals seine Botschaft in den Schatten drängen könnte. Und die besteht in einer eindeutigen Warnung: Die Bedrohung nimmt zu. Die meisten Viren stammen aus Wildtieren und springen, meist bei unmittelbarem Kontakt mit deren Blut und Organen, auf den Menschen über. Früher passierte das, wenn der Mensch auf die Jagd ging. Heute sind vor allem Landwirte und Fleischer gefährdet (auch die meisten der H7N9-Erkrankten in China fallen in diese Kategorie).

Ist ein Virus dann von Mensch zu Mensch übertragbar, kann es sich durch die globalen Handels- und Reisewege heute rasant verbreiten. „Die Mobilitätsrevolution hat eine einzige, engvernetzte Welt hervorgebracht – einen gigantischen Mischkessel für Infektionserreger, die früher isoliert an Ort und Stelle geblieben wären“, betont Wolfe. „Fest steht, dass eine ständig zunehmende Vernetzung von Mensch und Tier ein perfektes Szenario für den Ausbruch neuer Pandemien geschaffen hat“, lautet sein Fazit.

In der Tat kann einem bei der Lektüre mitunter angst und bange werden. Die Frage ist offenbar nicht, ob ein globales Killervirus entsteht, sondern bloß wann. Wolfe ist aber keineswegs daran gelegen, Untergangsszenarien zu malen oder Panik zu schüren. Er setzt auf Prävention. Ziel müsse es sein, nicht nur auf Pandemien zu reagieren, sondern die Ausbreitung gar nicht erst zuzulassen, lautet seine Empfehlung. Mit der von ihm begründeten Global Viral Forecasting Initiative, die neben der Beobachtung von Patienten in Kliniken beispielsweise auch Abfragen in Suchmaschinen und Social Media auswertet, beschreitet er genau diesen Weg.

Das ist die letztlich beruhigende Erkenntnis von Virus: Die Technologien, die das Risiko einer schnellen Ausbreitung von gefährlichen Seuchen in der modernen Welt deutlicht erhöht haben, liefern zugleich auch die Mittel, um Pandemien rechtzeitig erkennen, bekämpfen und sogar vorhersagen zu können.

Bestes Zitat: „Wir leben in einer Welt, die voller Risiken für neue Pandemien steckt. Zum Glück leben wir auch in einem Zeitalter, das über die Werkzeuge verfügt, ein globales Immunsystem aufzubauen. Unsere große, aber simple Vorstellung ist, dass wir auf dem Gebiet der Pandemieprognose und –prävention viel mehr tun sollten und könnten. Aber wirklich kühn ist die Vorstellung, dass wir einen Punt erreichen können, an dem wir so erfolgreich sind, dass wir die ‚letzte Seuche’ melden – einen Zeitpunkt, an dem es uns so gut gelingt, Pandemien im Vorfeld zu entdecken und zu stoppen, dass dieser Begriff völlig aus unserem Sprachschatz verschwinden wird.“

Durchgelesen: David Wagner – “Leben”

Eine zweite Chance bekommt der Ich-Erzähler in "Leben".

Eine zweite Chance bekommt der Ich-Erzähler in “Leben”.

Autor David Wagner
Titel Leben
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Ein Geschenk, ein echtes, das diese Bezeichnung auch verdient, kann es nur ohne die Erwartung auf eine Gegenleistung geben, behauptet der französische Philosoph Jacques Derrida. Eine solche „Gabe“ in Reinform sei aber praktisch gar nicht möglich, meint er.

Der Ich-Erzähler in Leben kennt diese Theorie, doch er liefert den lebendigen Beweis, dass sie nicht stimmt. Denn er hat ein Geschenk ganz ohne Gegenleistung erhalten: eine Spenderleber. Ein neues Leben. Er weiß nicht, was er damit anfangen soll. Und er weiß erst recht nicht, ob er ein solch wertvolles Geschenk überhaupt verdient hat.

David Wagner macht aus dieser Situation in seinem 14. Buch, für das er kürzlich mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, eine poetische, rührende Reflexion über Hoffen und Bangen, über das, was zwischen Leben und Tod liegt.

Die Handlung, aufgeteilt in 277 Miniaturen, beginnt mit einer Notoperation. Der Ich-Erzähler leidet, wie Wagner, an Autoimmunhepatitis. Seine Leber wird von seinem eigenen Körper nach und nach zerstört. Eines Abends spuckt er Blut, landet im Krankenhaus und kann dem Tod gerade noch einmal von der Schippe springen. Besserung ist allerdings nicht in Sicht: Sein Zustand wird immer schlechter, bis sich durch das Spenderorgan die Möglichkeit einer nachhaltigen Genesung bietet.

Fast den gesamten Roman über liegt der namenlose und rund 40-jährige Ich-Erzähler im Krankenhaus. Er beschreibt die Routinen des Klinikalltags und erzählt die Leidensgeschichten, die ihm seine Zimmernachbarn ungefragt auf die Nase binden. Er schwelgt in Erinnerungen an unbeschwerte Zeiten und denkt gelegentlich an seine dreijährige Tochter. Und er geht noch einmal die Geschichte seiner eigenen Krankheit durch, die ihn mehr als sein halbes Leben begleitet und entsprechend geprägt hat. „Ich nehme meine Medikamente seit dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fünfundzwanzig Jahren, morgens, mittags und abends, und nehme die Medikamente gegen die Nebenwirkungen der Medikamente. Manchmal, bilde ich mir ein, kann ich die pharmakologische Symphonie meiner Medikamente in mir rauschen hören – wie die zusammenspielen, was für ein herrlicher Lärm“, heißt es an einer Stelle.

Leben profitiert enorm davon, mit welcher Detailgenauigkeit und Sachkenntnis hier die medizinische Seite der Handlung behandelt wird. Zwischendurch gibt es sogar Auszüge aus der Krankenakte, dazu Hintergründe zu Medikamenten oder zur historischen Entwicklung von Behandlungsmethoden.

Frappierend ist vor allem, wie authentisch das Leben als Krankenhauspatient beschrieben wird, das der Erzähler (und wohl auch der Autor) aus jahrelanger eigener Anschauung kennt. Die schmerzhafte Abkopplung von der Umwelt gehört dazu, die manchmal auch wie eine Befreiung von allen Sorgen des Alltags wirken kann. Und die kleinen Abweichungen von der Monotonie, die dann plötzlich zu etwas Besonderem werden: die Berührung durch eine Schwester, eine uralte Zeitschrift, die sich im Fensterbrett findet, der Baum vor dem Fenster, der ein bisschen Abwechslung bietet. All das erscheint ihm auch dann „wie absurdes Theater“, wenn er längst nicht mehr unter den bewusstseinsverändernden Nachwirkungen einer Narkose leidet.

Die Beschreibung von Orten und Routen, auf die David Wagner in Leben immer wieder setzt, bildet einen eindrucksvollen Kontrast dazu. Alle Wege, selbst für banale Besorgungen, beschreibt der Erzähler ganz genau, mit Straßennamen und dem Hinweis auf Brücken oder Büdchen am Straßenrand. Einerseits ist das natürlich eindeutig Kompensation dafür, dass sein Lebensraum nun wochenlang auf die Größe eines Bettes beschränkt ist. Andererseits steckt darin womöglich die Botschaft: Es geht nicht nur um das Ziel, sondern auch um den Vorgang des Hingelangens. Dieser Gedanke schimmert, gepaart mit einer guten Dosis Zweifel, auch dann durch, wenn der Erzähler in seiner Fantasie viele seiner Fernreisen noch einmal durchmacht: War das alles eitel, verschwendete Zeit? Oder war es der Sinn, der Inhalt seines Lebens?

Diese existenzielle Frage wird in David Wagners Buch auch ganz explizit gestellt. Leben hat formal ein paar Überraschungen zu bieten (es gibt nach etwa einem Drittel plötzlich eine Sammlung skurriler Todesfälle, später eine halbe Seite lang immer bloß den ständig wiederholten Satz „Ich warte.“, schließlich ausführliche Betrachtungen über Schlafmangel im Kapitel Die müde Giraffe). Aber sein eigentlicher Wert liegt in der philosophischen Ebene.

Zwei Fragen stehen dabei besonders im Zentrum. Die erste ist das Problem der Identität. Der Körper wird in diesem Buch zur Sache, fremd, ein Versuchsfeld – nicht nur für die Ärzte, sondern auch für den Erzähler selbst. Er zweifelt an seinem Ich, auch wegen der Wirkstoffe der Tabletten, die ihn seit Jahren am Leben erhalten. „Bin ich der, der ich bin, überhaupt nur durch die schleichende Vergiftung? (…) Bin ich der, der ich zu sein glaube, nur durch die Medikamente? (…) Sind mein Fühlen, meine Wahrnehmung, chemisch induziert? Bin ich vielleicht gar nicht der Mensch, der ich zu sein glaube, weil die Medikamente, die ich schon so lange, seit so vielen Jahren nehme, mich zu einem anderen machen? Ist das, was ich fühle und zu sein glaube, nur das Ergebnis einer Krankheit? Ein Krankheitszustand?“

Noch akuter, bohrender wird dieser Zweifel nach der Organtransplantation. Wer ist der Spender? Wie viel von ihm lebt jetzt in mir? Bin ich dadurch ein anderer? Natürlich kann es auf diese Fragen keine Antworten geben, und zur Ungewissheit des Erzählers kommen nagende Schuldgefühle. Ein anderer ist gestorben, nur deshalb kann ich leben – diese Konstellation ist emotional kaum zu bewältigen und stürzt ihn in eine tiefe Sinnkrise.

Die Sorge, er könne das neue Leben nicht verdient haben, wird verstärkt dadurch, dass der Erzähler schon immer Todesfantasien hatte, vor allem in der Pubertät. „Ich erinnere mich aber, dass ich damals lieber tot sein wollte als lebendig, weil ich mir das Totsein viel leichter vorstellen konnte als das Leben, dieses Leben, das vielleicht, vielleicht aber auch nicht, noch vor mir lag. Ich hatte ja keine Ahnung, was ich damit anfangen sollte. Und wo. Und mit wem. So viele, viel zu viele Möglichkeiten. Ich konnte mir viel leichter vorstellen, nicht mehr dazusein, als irgendetwas zu werden. Zu leben ist ja viel komplizierter, als tot zu sein.“

Spätestens damit wird die zweite zentrale Frage des Buches klar: Was ist Leben? Was macht es aus? Worin besteht sein Wert? Womit haben wir es verdient? Auch darauf findet der Erzähler, welch Wunder, keine Antwort. Dafür entwickelt er zumindest eine Ahnung dafür, was sein eigentliches Problem sein könnte: Es ist letztlich dasselbe öde Leben, mit all seinen Problemen, Sorgen, Enttäuschungen und Ungewissheiten, das ihn erwartet – auch nach der Transplantation.

Daraus erwächst für den Leser auch die Erkenntnis und Mahnung: Das Leben bekommt man geschenkt. Ungefragt, unvorbereitet, ohne die Möglichkeit, sich dafür zu bedanken oder die Annahme des Geschenks zu verweigern. Das Leben kann ganz schnell vorbei sein, und wenn es soweit ist, sollte man besser etwas Sinnvolles damit angestellt haben. Das gilt für die zweite Chance, die man vielleicht durch eine Spenderleber bekommt. Es gilt aber auch schon für die erste Chance, die für jeden von uns mit der Geburt beginnt.

Bestes Zitat: „Dabei müsste ich doch so dankbar sein, unendlich dankbar. Ich müsste so dankbar sein, wie es dankbarer nicht geht. Das Problem mit der Dankbarkeit, die ich eigentlich empfinden müsste: Sie müsste viel, viel größer sein.“

Durchgelesen: Sean Wilentz – “Bob Dylan und Amerika”

In "Bob Dylan und Amerika" erscheint der Musiker beinahe selbst als Historiker.

In “Bob Dylan und Amerika” erscheint der Musiker beinahe selbst als Historiker.

Autor Sean Wilentz
Titel Bob Dylan und Amerika
Originaltitel Bob Dylan In America
Verlag Reclam
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung

“Well, the world of research has gone berserk / too much paperwork.” Man weiß das bei ihm nie so genau, aber mit diesen Zeilen aus dem Song Nettie Moore (vom 2006er Album Modern Times) nahm Bob Dylan womöglich all jene auf die Schippe, die sich allzu emsig der Aufgabe verschrieben haben, sein Leben und sein Werk zu erforschen. „Dylanologen“ nennt man diese Spezies.

Sean Wilentz ist ein Exemplar davon. Sein Werk Bob Dylan und Amerika liegt jetzt auf Deutsch vor, und darin untersucht der Historiker, der an der Universität Princeton lehrt und bisher beispielsweise zur Geschichte der Reagan-Ära publiziert hat, wie sehr Bob Dylan von seinem Heimatland beeinflusst ist und wie sehr der Songwriter umgekehrt die amerikanische Kultur geprägt hat. Es geht dem Autor darum, „Dylans Werk in seinen breiteren historischen und künstlerischen Kontext zu stellen. Voraussetzung dafür war, Dylan als einen Künstler zu erkennen, der zutiefst eingestimmt ist auf die Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie die Geschichte Amerikas und seiner Kultur“, betont Wilentz zu Beginn seines Buches. Das ist ein ebenso überraschender wie ambitionierter Ansatz – und könnte ein typisches Beispiel für einen Dylan-Forscher sein, der übers Ziel hinausschießt.

Doch Bob Dylan und Amerika ist weit davon entfernt. Was Wilentz abliefert, dürfte stattdessen selbst „His Bobness“ in Erstaunen versetzen: Das Buch ist einerseits eine faszinierende Kulturgeschichte, andererseits eine kenntnisreiche Analyse von Dylans künstlerischem Selbstverständnis. Man kann sich durchaus vorstellen, wie Bob Dylan in diesem Buch über die Wurzeln seines eigenen Schaffens liest und erkennt: Die hier entdeckten Verbindungslinien, Kontinuitäten und Bezüge hätte ich vielleicht selbst nicht alle bemerkt – doch sie sind vollkommen schlüssig.

Wilentz ist durchaus berufen für eine Betrachtung dieser Art. Zum einen kommt er aus Greenwich Village, wo seine Familie eng mit der Folkszene der 1960er Jahre verbunden war, er erlebte den Aufstieg Dylans also aus nächster Nähe mit. Schon als 13-Jähriger besuchte er sein erstes Bob-Dylan-Konzert, es war die legendäre Show in der New Yorker Philharmonic Hall am Halloween-Abend 1964.

Zum anderen ist der 52-Jährige unverhohlener Bewunderer von Bob Dylan. Er gilt als inoffizieller Haus-Historiker von Dylans offizieller Webseite und verfasste im Auftrag des Künstlers beispielsweise die Liner Notes zum Album Love And Theft (2001).

Auch wegen dieser intensiven Verbindung ist Bob Dylan und Amerika als Einsteigerbiografie nicht geeignet. Wilentz setzt viel voraus, überspringt etliche Abschnitte in Dylans Leben und Karriere. Aber er trifft eine sehr geschickte Auswahl von Schlüsselmomenten. Und er schafft es, anhand von Verweisen auf Wegbegleiter, Lektüre oder Milieus die Einflüsse aufzuzeigen, die Bob Dylan offensichtlich ganz entscheidend geprägt haben.

Auf allseits bekannte Eckpfeiler wie Woody Guthrie oder die Folkbewegung in Dylans frühen Jahren geht Wilentz nur sporadisch ein. Ihm geht es viel eher darum, überraschende Verbindungslinien aufzuzeigen. So stellt er Aaron Copland als wichtigen Einfluss heraus, der während der Great Depression in den 1930er Jahren in seine klassische Musik auch Elemente von Folk und Country einfließen ließ. Wilentz arbeitet heraus, wie Minstrelsongs aus 1850er Jahren in Dylans Werk ihre Spuren hinterlassen haben (er nennt Dylans künstlerische Methode sogar mehrfach einen „modernen Minstrelstil“), ebenso wie französische Kinofilme und japanische Krimis. Großen Raum nimmt die Auseinandersetzung Dylans mit den Autoren der Beat Generation ein, vor allem mit Allen Ginsberg.

Wilentz hat intensiv recherchiert und für die biographische Untermauerung seiner Thesen auch teils obskure Quellen, Briefe oder Rezensionen aufgetrieben. Am besten ist er aber, wenn er über Musik schreibt wie im Kapitel „Dunkelheit“ oder den hellsichtigen und hoch informativen Betrachtungen zu den Sessions für Blonde On Blonde. Seine Kenntnisse gehen so tief, dass er es anhand eines einzigen Liedes (Delia) schafft, über zig Seiten zu erklären, wie sich Bob Dylan um das Jahr 1990 herum künstlerisch wieder neu belebte.

Die Verbindung zwischen Biographischem und Kreativem findet Wilentz in Dylans Arbeitsweise. Beinahe ebenso sehr wie als Poet und Komponist erscheint Dylan in diesem Buch selbst als Historiker. Er springt durch die Zeitalter, er fühlt sich überall zuhause, er hebt letztlich den Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf, attestiert Wilentz: „In einem Dylan-Song mögen wir das Jahr 1927 oder 1840 schreiben, wir mögen uns in biblischen Zeiten befinden – wir befinden uns immer zugleich im Jetzt. Dylans Genie beruht nicht einfach auf der Kenntnis all dieser Zeitalter nebst ihrer Klänge und Bilder, sondern auch auf seiner Fähigkeit, in mehr als einer Ära gleichzeitig zu schreiben und zu singen.“

Der Autor sieht Dylan (wie Walt Whitman, Herman Melville oder Edgar Allan Poe) in einer Tradition, „die das Alltägliche in Amerikas Symbolen und im Alltag das Symbolische sieht und dann Geschichten darüber erzählt. Einige von diesen handeln, wenn man will, buchstäblich von Amerika, aber alle sind sie in Amerika entstanden, aus all seinen Rätseln, seiner Mystik, seinen Hoffnungen, seinem Schmerz.“

Was Dylan macht, kann in den Augen von Sean Wilentz als die Definition einer uramerikanischen Herangehensweise gelten: Er puzzelt und sampelt, er sammelt Ideen auf, die er dann „bis zur Unkenntlichkeit transformiert“, er spielt mit seinem Image. Dylan ist ein Schmelztiegel, vielleicht die Blaupause für alle Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie virtuos und vor allem konsequent und bewusst er das tut, zeigt Wilentz akribisch auf und liefert so erstaunlich einleuchtende Antworten auf die Fragen, denen Bob Dylan am liebsten notorisch aus dem Weg geht: Was ist die Botschaft? Was ist dir wichtig? Woran sollen wir uns halten? Wohin geht die Reise?

Erfreulicherweise ist Wilentz trotz dieser Schlussfolgerung, die aus Dylan nichts weniger als einen popkulturellen Amerika-Universalphilosophen macht, und seiner anderen Huldigungen für Dylan nicht übertrieben unkritisch. Er sieht bereits im frühen Bob Dylan einen „Künstler, dessen schöpferische Phantasie die selbst der kompetentesten Folk-Songwriter seiner Zeit weit übertraf“ und stellt überzeugend heraus, wie es Dylan in den folgenden Jahren geschafft hat, völlig neu (und zu großen Teilen aus sich selbst heraus) zu definieren, was Rock’N’Roll alles sein kann. Aber er erkennt auch das Problem, das in Dylans Stil und Methode liegt: Dylan wird vor allem gefeiert als Autor bedeutender Texte. Dieses Buch zeigt aber mehrfach auf, dass bei einigen Songs seine Autorschaft ebenso fragwürdig wie die Bedeutung des Liedes unklar ist.

Dylan zitiert und kompiliert, nicht nur in seinen Texten, sondern auch in der Komposition, aber er formuliert mit dieser Methode Aussagen über das Heute. Es ist somit mitunter ganz wörtlich zu nehmen, wenn Wilentz zu einem Schluss kommt, dem man nach der Lektüre dieses Buchs kaum noch widersprechen kann: „Er macht sich die Gegenwart zu eigen, indem er sich die Vergangenheit zu eigen macht.“

Bestes Zitat: „So sehr sie an die Collagen der Modernen erinnerte, Dylans Methode zielte nicht einfach nur auf Anspielungen ab, sondern auf etwas ganz anderes, etwas, das ganz wesentlich für sein jüngstes Werk war: eine empathischere, zuweilen riskante Auflösung der Unterschiede zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie der zwischen hoher und niederer Kunst, zwischen wissenschaftlich und populär, vertraut und exotisch, und das unter der Maßgabe, sich in dieser Disziplin scheinbar mühelos zu bewegen.“