Buzzcocks – „Another Music In A Different Kitchen“


Künstler Buzzcocks

Buzzcocks Another Music In A Different Kitchen Review Kritik

Das Debütalbum der Buzzcocks wird zum 40. Geburtstag neu aufgelegt.

Album Another Music In A Different Kitchen
Label Domino
Erscheinungsjahr 1978
Bewertung

Benannt haben sich die Buzzcocks bekanntlich nach der Überschrift „It’s the buzz, cock“, mit der das Magazin Time Out eine Rezension zur sechsteiligen Fernsehserie Rock Follies (über eine fiktive weibliche Rockgruppe) versehen hatte. Die Wiederveröffentlichung ihres ersten Albums Another Music In A Different Kitchen zum 40. Jubiläum zeigt allerdings: Als Bandname hätte auch Blue Balls bestens gepasst – die englische Entsprechung des schönen deutschen Begriffs „Samenstau“.

Die Band wurde 1976 in Bolton von Pete Shelley und Howard Devoto gegründet. Sie hatten im selben Jahr das legendäre Konzert der Sex Pistols in der Lesser Free Trade Hall in Manchester organisiert und waren auch selbst dort aufgetreten. Bald sollten sie selbst zu führenden Vertretern des englischen Punk werden, vor allem für Freunde von Punk in einer besonders gewitzten Ausprägung und mit einem Händchen für Melodien. Die Kraft, die ihre ersten Veröffentlichungen am meisten prägt, ist allerdings die sexuelle Frustration. Das war schon auf der EP Spiral Scratch aus dem Dezember 1976 offenkundig, es ist auch dem im März 1978 erschienenen Another Music In A Different Kitchen deutlich anzumerken (Gründungsmitglied Howard Devoto war da schon ausgestiegen), ebenso wie dem zweiten Album Love Bites, das die Buzzcocks danach innerhalb eines halben Jahres ebenfalls schon im Kasten hatten.

Zu den Bedürfnissen, die in I Need (das unfassbarer Weise auch ein Bass-Solo enthält) aufgezählt werden, zählen Sex (an erster Stelle), später auch Drogen, Geld und Nahrung, schließlich auch Zuneigung („I need you to love me back“). Zu Beginn von No Reply hört man das Freizeichen eines Telefons, das niemand abnehmen will, als ultimative Metapher für das unerwiderte Begehren, das auch danach in diesem Song artikuliert wird. Get On Our Own enthält die sehr dringliche Einladung: Wollen wir nicht irgendwo hingehen, wo wir unter uns sind? „Think of all the things that you and me could do / if we get on our own“, lautet das Versprechen, am Ende steht ein seufzendes „Ah“, natürlich keines der Erlösung, sondern des Bedauerns.

Fiction Romance zeigt, wie problemlos hier auch die Fantasie (oder Bilder aus Zeitschriften) zum Anlass für Lust werden kann. „My love battery wants to charge you“, singt Pete Shelley in Love Battery, in dem die Kraft der Anziehung so groß und das Verlangen so schwer zu beherrschen zu sein scheinen, dass man sich lieber nicht in die Position der Frau begeben möchte, die er hier begehrt, so absolut und durchaus bedrohlich klingt das. Den Hinweis, dass die Buzzcocks ihre eigene Plattenfirma „New Hormones“ genannt haben, braucht es da fast gar nicht mehr.

Für die Wiederveröffentlichung wurde Another Music In A Different Kitchen von den Originalbändern remastered, die von Dezember 1977 bis Januar 1978 mit Produzent Martin Rushent in den Olympic Studios in London aufgenommen worden waren. Die damalige Besetzung bestand aus Pete Shelley (Gesang, Gitarre), Steve Diggle (Gitarre, Gesang), Steve Garvey (Bass) und John Maher (Schlagzeug). Mit A Different Kind Of Tension sollten die Buzzcocks im Jahr darauf noch ein drittes Album vorlegen, bevor sich die Band 1981 trennte und schließlich 1989 wieder zusammenfand.

Was den durchaus anhaltenden Appeal der Buzzcocks ausmacht, verdeutlicht hier schon der erste Song, Fast Cars. Die Gitarren machen Alarm, das Schlagzeug sorgt erstaunlicherweise nicht für Ordnung, sondern eher für Chaos, der Gesang klingt so, wie man sich eine angenehme Stimme genau nicht vorstellt. Die schöne Zeile „I hate fast cars“ hat in den vergangenen 40 Jahren natürlich auch nichts von ihrer Gültigkeit verloren. You Tear Me Up hat von allen elf Liedern dieser Platte am meisten Kraft und Aggressivität, der Song wird zu einem der seltenen Momente auf Another Music In A Different Kitchen, in denen man wirklich problemlos Pogo tanzen könnte.

Nicht weit davon weg ist Moving Away From The Pulse Beat mit sehr muskulösen Drums, einer Gitarre nahe an Zerstörungswut und einem Sound, der zum Ende hin immer bedrohlicher wird. Bei Sixteen muss man ein oft strapaziertes, hier aber vollkommen zutreffendes Bild bemühen: Das Schlagzeug klingt wie Maschinengewehr-Salven, und Gitarre und Bass tun es ihm gleich. I Don’t Mind kann nicht nur als einer der vielen Schlachtrufe von Punk durchgehen, das Stück wird auch eines von etlichen Beispielen für das melodiöse Talent der Band. Autonomy ist komplex, kreativ und kampfeslustig – alles will hier zum Aufruhr anstacheln, ob Gesang, Gitarre oder Schlagzeug.

So viel Kraft und Energie auch heute noch in diesen Liedern stecken, so ist das doch nur ein Teil des Buzzcocks-Geheimnisses. Der zweite Teil ist eine Finesse, die man gerade im Punk (in dieser Ära ebenso wie danach) nur sehr selten finden konnte. Another Music In A Different Kitchen ist so gut, weil es offensichtlich in seinen Themen und direkt in seinen Botschaften ist, aber nicht plump in der Umsetzung.

Die Buzzcocks spielen Autonomy live.

Homepage der Buzzcocks.

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