Cat Power – „Wanderer“


Künstler Cat Power

Cat Power Wanderer Review Kritik

„Wanderer“ hat Chan Marshall selbst produziert.

Album Wanderer
Label Domino
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Im Zoo von Melbourne wird Cat Power im Rahmen ihrer laufenden Tour am 9. Februar 2019 spielen. Das ist nicht nur amüsant, weil sich Chan Marshall als Künstlernamen einen Begriff gewählt hat, in dem ein Tier erwähnt ist. Es ist auch bemerkenswert, dass ein Abstecher nach Australien für sie zur Normalität gehört, auch beim zehnten Album ihrer Karriere. Der Auftritt belegt, dass die 46-Jährige aus Atlanta weiterhin international gefragt ist und unterstreicht zugleich die Wahl des Albumtitels: Wanderer zeigt Cat Power als Vagabund, auf Pilgerschaft, in Bewegung.

„Dieses Album handelt von meiner Reise bis zu dem Ort, an dem ich jetzt bin. Es repräsentiert mein Leben und den Weg, den ich gegangen bin: von Stadt zu Stadt, mit meiner Gitarre, meine Geschichte erzählend, voller Referenzen zu Leuten, die das in den Generationen vor mir getan haben. Folksänger, Bluessänger, alles dazwischen. Sie waren alle Wanderer, und ich darf mich glücklich schätzen, zu ihnen zu gehören.”

Gleich dreimal wird das auf dem von ihr selbst produzierten Album auch in den Songtitel deutlich. Wanderer eröffnet die Platte als Acappella-Stück mit einer uralten Melodie wie aus einem Traditional. In Me Voy (übersetzt: Ich gehe) erzeugt sie eine packende Atmosphäre mit ganz wenigen Mitteln. Der Album-Schlusspunkt Wanderer/Exit, veredelt durch die Trompete von Nico Segal, erreicht eine Intensität wie Leadbellys mehr als 70 Jahre alte Version von Where Did You Sleep Last Night.

Diese Idee, als Wanderer stets im Moment zu stehen und doch Teil einer großen Tradition zu sein, findet sich in praktisch jedem Song – die Platte bekommt so eine Atmosphäre von Zeitlosigkeit, ohne retro zu sein. Das sehr sinnliche In Your Face würde gut auch zu Joni Mitchell passen. Robbin Hood könnte von einem Sixties-Folkie sein oder aus den Jahren der Great Depression stammen, nicht nur wegen des (glücklicherweise nicht überstrapazierten) Wortspiels von „Who robbin‘ who“.

“This recording is dedicated to the truth & those in the struggle”, hat Cat Power ins Booklet geschrieben, und natürlich ist auch dieses Element der Wanderschaft hier sehr präsent: Für sie ist es ein Weg, zu sich selbst und zur Wahrheit zu finden, zugleich will sie nicht leugnen, dass es manchmal auch eine Flucht ist. Horizon ist ein Lied, in dem das sehr deutlich zum Ausdruck kommt: Es geht um die Beziehungen zu Eltern und Geschwistern, die sich ständig wandelt und doch unser ganzes Leben über präsent bleiben wird – auch dann, wenn wir das nicht wollen oder wenn wir die Stabilität dieser Verbindung und gelegentlich auch die Tiefe dieser Zuneigung nicht auszudrücken vermögen. “You’re on the horizon / I’m on my way / you’re on the horizon / I’m headed the other way”, singt Cat Power. Die markante Klaviermelodie des Songs seht dabei für die Konstante der familiären Bindung, die irritierenden Stimmeffekte sind wohl Ausdruck der Irrungen und Wirrungen, die es innerhalb dieser Bindung eben auch stets gibt.

“You know there’s nothing like time / to teach you where you have been / and there is nothing like time / to give you things you can need”, heißt eine der Weisheiten in You Get, auch darin steckt ein Dualismus, denn sie blickt auf ihr Gegenüber mit einem Mix aus Vorwurf und Bewunderung, nicht nur in diesem Blues. Ein Höhepunkt von Wanderer, auch wenn der Titel gerade das Vermeiden von Bewegung einfordert, wird Stay, die Cat-Power-Version des 2013er Hits von Rihanna. “Ich liebe diese Tradition, Lieder neu zu interpretieren. Das ist eines der größten Komplimente, die man einem Künstler machen kann”, erklärt sie diese Vorliebe, die sie ja auch auf dem 2008er Album Jukebox schon reichlich ausgelebt hatte. Hier setzt ihre Coverversion nur auf Gesang, Klavier und sehr dezente Streicher (arrangiert von Patrick Warren) und klingt damit eher nach Carole King oder Tori Amos als nach einer R&B-Diva aus dem 21. Jahrhundert.

Das beste Lied auf Wanderer ist die erste Single. Woman, mit Backgroundgesang von Lana Del Rey, wird zu so etwas wie einer Unabhängigkeitserklärung, einer Feier der eigenen Stärken, die auch die eigenen Schwächen einschließt. „The doctor said I was not my past / he said I was finally free”, heißt einer der ersten Verse, am Ende steigern sich die beiden Stimmen geradezu hinein in diesen Schlachtruf von „I’m a woman, I’m a woman, I’m a woman, I’m a woman!“ Das ist nicht nur betörend und aktuell, sondern zeigt auch: Zumindest diese Position hat Cat Power auf ihrer Wanderschaft nicht nur gefunden und akzeptiert, sondern jetzt auch ins Herz geschlossen und auf ihre Fahnen geschrieben.

Wenig Bewegung gibt es im Video zu Woman. Trotzdem schön.

Website von Cat Power.

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