Draufgeschaut: Soul Boy
| Film | Soul Boy |
| Produktionsland | Großbritannien |
| Jahr | 2010 |
| Spielzeit | 80 Minuten |
| Regie | Shimmy Marcus |
| Hauptdarsteller | Martin Compston, Felicity Jones, Russ Mountjoy, Jane Nichola Burley, Craig Parkinson |
| Bewertung | ![]() |
Worum geht’s?
Ein öder Job und kein Glück bei den Mädels: Der 17-jährige Joe hat nicht besonders viel Spaß im Stoke on Trent des Jahres 1974. Als er sich in Jane verliebt, kommt aber Spannung in sein Leben. Wie Joe herausfindet, feiert seine Angebetete regelmäßig im benachbarten Wigan wilde Disconächte und tanzt zu den neusten Soul-Hits. Nach einer kurzen Erkundungstour in den örtlichen Plattenladen ist auch Joe sofort Feuer und Flamme für diese Musik. Schon bald wird er ebenfalls Stammgast im Wigan Casino – aber um Jane zu beeindrucken, muss er beweisen, dass er ein echter Soul Boy ist.
Das sagt shitesite:
Ein famoser Northern-Soul-Soundtrack und tolle Tanzszenen sind die wichtigsten Gründe, um Soul Boy zu empfehlen. Es kommen aber noch mehr dazu: Der Fokus auf Pillen, Mädchen und Kassetten, der das Leben von Joe und seinem Freund Russ bestimmt, illustriert sehr schön, wie wenig sich am Dasein als Teenager im Norden Englands innerhalb der vergangenen 40 Jahre verändert hat (nämlich nur das Medium für Tonträger).
Martin Compston ist sehr überzeugend in der etwas seltsam konzipierten Rolle des Joe, der einst ein talentierter Eiskunstläufer war, aber auch für die eine oder andere Rauferei zu haben ist. Passend dazu wird das Tanzen im legendären Wigan Casino (1978 vom Billboard Magazine als beste Disco der Welt gekürt) für ihn sofort zum Wettbewerb, zum Sport und sogar zur Akrobatik. Auf der anderen Seite ist seine Sensibilität im Umgang mit seinen Kumpels, seinem Arbeitskollegen und nicht zuletzt natürlich mit der umschwärmten Jane mindestens ebenso groß wie sein Ehrgeiz.
Dazu wird Soul Boy, vielleicht sogar ohne das zu beabsichtigen, zu einer sehr schönen Erklärung dafür, wie eine gerade aufblühende Popkultur-Szene entsteht: Die Musik wird für die Eingeweihten zu einer eigenen, neuen Welt. Alles ist aufregend und sexy, und für die, die davon wissen, gibt es nichts Spannenderes und Wichtigeres, als Teil davon zu sein – und den Rest der Welt zugleich auszuschließen, durch subtile Codes, die genau festlegen, welche Klamotten, Tanzschritte und Lieder die richtigen sind.
Bestes Zitat:
“Jeder Tanz wurde irgendwann erfunden.”
Der Trailer zum Film:
Draufgeschaut: Striptease

Als Stripperin will Erin Grant (Demi Moore) Geld verdienen, um einen Sorgerechtsprozess finanzieren zu können.
| Film | Striptease |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 1996 |
| Spielzeit | 113 Minuten |
| Regie | Andrew Bergman |
| Hauptdarsteller | Demi Moore, Burt Reynolds, Armand Assante, Ving Rhames, Robert Patrick |
| Bewertung | ![]() |
Worum geht’s?
Ihren Job als Sekretärin beim FBI hat Erin Grant verloren, weil ihr Mann ständig mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Jetzt wird ihr auch noch das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter Angela streitig gemacht. Erin muss schleunigst eine Menge Geld verdienen, um sich einen Berufungsprozess leisten und ihre Tochter zurückbekommen zu können. Widerwillig nimmt sie einen Job als Stripperin an. Schon bald hat sie unter den Männern im Publikum viele Fans, und das scheint sich auszuzahlen: Der Kongressabgeordnete Dave Dilbeck ist geradezu besessen von Erin, nachdem er sie tanzen sieht. Doch dadurch gerät Erin, ohne es zu wissen, auch mitten in eine politische Affäre.
Das sagt shitesite:
Striptease ist so durch und durch unglaubwürdig, dass man Demi Moore nicht einmal die Fürsorge für ihre eigene Tochter abnimmt – ihr Filmkind Angela wird gespielt von ihrer echten Tochter Rumer Willis. Und man muss auch kein Chauvinist sein, um die Frage zu stellen, ob es wirklich 12 Millionen Dollar Gage wert war, dass diese Frau ein paar Mal ihre nackten Brüste zeigt.
Es gibt jede Menge unlustige Sprüche und wandelnde Klischees in Striptease, egal ob sie das White-Trash-Milieu umschreiben, die sabbernden Männer im Stripschuppen oder die eiskalten Bosse aus Politik und Wirtschaft. Die Figur des strunzdummen, korrupten und notgeilen David Dilbeck ist so abgedreht, dass man fast eine Persiflage vermuten muss, der durch die im wahrsten Sinne des Wortes irre Leistung von Burt Reynolds noch die Krone aufgesetzt wird.
Noch schlimmer ist aber, was für ein bizarres Durcheinander Striptease ist: Es gibt Fleischbeschau-Szenen, die denen in Showgirls in nichts nachstehen, Klamauk, ein Mutter-Tochter-Drama und dazu noch den Versuch, aus dieser Geschichte tatsächlich einen Politthriller zu machen. Und jeder einzelne dieser Bestandteile scheitert.
Bestes Zitat:
“Ich bin Arschtreter-Fetischist.”
Der Trailer zum Film:
Draufgeschaut: The Saddest Music In The World

Chester Kent (Marc McKinney) erhofft sich ein Preisgeld von Helen Port-Huntley (Isabella Rossellini).
| Film | The Saddest Music In The World |
| Produktionsland | Kanada |
| Jahr | 2003 |
| Spielzeit | 99 Minuten |
| Regie | Guy Maddin |
| Hauptdarsteller | Isabella Rossellini, Mark McKinney, Maria de Medeiros, David Fox, Ross McMillan, Louis Negin |
| Bewertung | ![]() |
Worum geht’s?
Winnipeg 1933: Die Welt steckt in der Wirtschaftskrise, doch Helen Port-Huntley hat eine brillante Idee, um den Bierabsatz ihrer Brauerei zu steigern und ihre Marke auch in den USA bekannter zu machen, wo bald die Prohibition fallen wird: Sie veranstaltet einen Wettbewerb, bei dem die traurigste Musik der Welt gesucht wird. Musiker aus aller Herren Länder strömen herbei, und das Bier fließt dabei ebenso in Strömen. Aus der Marketingaktion wird aber schon bald eine sehr persönliche Angelegenheit: Unter den Teilnehmern sind auch Fyodor Kent, der Helen einst einen Heiratsantrag machte, und sein Sohn Chester, mit dem Helen eine Affäre hatte.
Das sagt shitesite:
Wer Filme vor allem wegen ihrer ästhetischen Originalität schätzt, der muss die Werke von Guy Maddin lieben. The Saddest Music In The World ist da keine Ausnahme: Der Film sieht aus, als sei er locker 60 Jahre alt, ist voller Drama, reich an irrwitzigen Einfällen und kongenial ergänzt durch meisterhafte Musik. Es gibt viel Weichzeichner, schnelle Montagen, Spezialeffekte und funkelnde Lichter in diesem Film, ebenso wie gelegentliche bunte Passagen inmitten des schwarz-weißen Normalfalls. Das sorgt auch optisch für Einmaligkeit.
Helen Port-Huntley ist dabei die Figur, die alles zusammenhält. Es ist ein Hochgenuss, zu sehen, wie Isabella Rossellini die ebenso herrische wie verletzliche Brauereibesitzerin spielt, der seit einem Unfall beide Beine fehlen. Dass Fyodor Kent ihr als Liebesbeweis Prothesen aus Glas anfertigt und die Chefin die Bühne beim Wettbewerbsfinale dann ganz selbstverständlich mit Beinen betritt, die mit schäumendem Bier gefüllt sind, ist nur eines der schrägen Details in The Saddest Music In The World, die einerseits die fantastischen Möglichkeiten des Kinos zeigen, sich andererseits aber erstaunlich schlüssig in die Handlung fügen.
Der Konkurrenzkampf zwischen Fyodor, für den seine Liebe zu Helen längst zum Fetisch geworden ist, und Chester, der mit dem Preisgeld des Wettbewerbs ein Broadway-Musical finanzieren will und keine Skrupel kennt, um dieses Ziel zu erreichen, hat schnell Shakespear’sche Dimensionen. Das gilt umso mehr, als sich mit Roderick noch ein weiterer Sohn einschaltet, der seinem toten Kind und seiner verschwundenen Gattin nachtrauert und für seine Wahlheimat Serbien antritt. Sein Beitrag im Wettbewerb ist echter, niemals zu tröstender Schmerz – und kontrastiert entsprechend extrem mit den effektheischenden Inszenierungen, mit denen sein Bruder Chester für die USA ins Rennen geht.
The Saddest Music In The World wird so zu beinahe gleichen Teilen zu einem Drama, einem Märchen und einem Musical. Die Themen könnten kaum riesiger sein: Verstümmelung, Völkermord, Heimatlosigkeit, Krieg, die Einsamkeit der Großstadt, die perfide Macht der Kulturindustrie, tote Kinder – all das wird hier aufgegriffen oder wenigstens angedeutet. Und doch ist in jedem Moment klar, welche Kraft wirklich das schlimmste Leid der Welt erzeugen kann: die Liebe.
Bestes Zitat:
“Life is full of surprises: Take away those surprises and you got a pretty dull proposition.”
Der Trailer zum Film:
Draufgeschaut: Ein letzter Kuss

Carlo (Stefan Accorsi) zweifelt, ob er wirklich ein Leben an der Seite von Giulia (Giovanna Mezzogiorno) möchte.
| Film | Ein letzter Kuss |
| Produktionsland | Italien |
| Jahr | 2001 |
| Spielzeit | 115 Minuten |
| Regie | Gabriele Muccino |
| Hauptdarsteller | Stefano Accorsi, Giovanna Mezzogiorno, Martina Stella, Stefania Sandrelli, Luigi Diberti, Claudio Santamaria, Giorgio Pasotti, Marco Cocci, Pierfrancesco Favino |
| Bewertung | ![]() |
Worum geht’s?
Seit drei Jahren sind Carlo und Giulia zusammen. Als sie schwanger wird, bekommt Carlo kalte Füße: Ist das wirklich das Leben, das er will? Auch seine Freunde stellen sich diese Frage: Einer träumt von einer Weltreise, einer ist als frischgebackener Vater überfordert, einer will es noch einmal krachen lassen, bevor in wenigen Tagen seine Hochzeit ansteht. Auch Giulias Mutter gibt die Nachricht, dass sie demnächst Oma sein wird, zu denken. Sie will sich endlich entschließen, ihren Mann zu verlassen, mit dem sie schon seit Jahrzehnten nichts mehr verbindet.
Das sagt shitesite:
Die Handlung klingt einigermaßen banal und vor allem die Amerikaner haben mit Filmen wie Valentinstag oft genug bewiesen, wie schwierig es ist, sich mit einem großen Ensemble dem Wesen der Liebe anzunähern. Ein letzter Kuss fährt aber eine sehr überzeugende Strategie und wird so zu einer vorzüglichen Komödie mit großer Leichtigkeit und reichlich Esprit. Jede Figur entspricht hier einer Facette von amourösen Beziehungen: Leidenschaft, Familiensinn, Sex, Geborgenheit, Treue – all das wird thematisiert, ohne dass arg konstruierte Zusammenhänge notwendig wären.
Überall sind die Figuren umgeben von Erwartungshaltungen, ohne dass sich eine Möglichkeit zur Flucht eröffnet. Geschickt spielt Ein letzter Kuss mit der Frage, ob die Sehnsucht nach Freiheit, die Carlo und seine Freunde an den Tag legen, vielleicht nur die Angst vor Entscheidungen ist. Glaubwürdig und amüsant wirkt das vor allem dank sehr guter Schauspieler und spritziger Dialoge. Besonders clever ist der Handlungsstrang mit Julias Mutter, die das lebende Abbild der Zukunft ist, die von den Um-die-30-Jährigen befürchtet wird. Ihre Figur bewahrt Ein letzter Kuss nicht nur vor der Schublade der Liebesgeschichten mit jungen Erwachsenen, sondern zeigt letztlich auch die Universalität des Themas.
Bestes Zitat:
“Wir sind keine 20 mehr, aber wir sind auch noch keine 40. Mit 40 ist das Leben vorbei – das wussten wir schon immer.”
Der Trailer zum Film:
Draufgeschaut: Groupies bleiben nicht zum Frühstück
| Film | Groupies bleiben nicht zum Frühstück |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2010 |
| Spielzeit | 104 Minuten |
| Regie | Marc Rothemund |
| Hauptdarsteller | Anna Fischer, Kostja Ullmann, Inka Friedrich, Amber Bongard, Nina Gummich, Roman Knižka |
| Bewertung | ![]() |
Worum geht’s?
Als Austauschschülerin hat Lila ein Jahr in Texas verbracht. Jetzt kommt sie zurück nach Berlin und verknallt sich dort in den smarten Christopher. Der ist ebenfalls völlig hingerissen – in erster Linie von der Tatsache, dass Lila ihm völlig unbefangen begegnet. Denn als “Chriz” ist er der Sänger von Berlin Mitte, der heißesten Band der Stunde. Bloß Lila hat in der tiefsten amerikanischen Provinz vom Hype um die Gruppe nichts mitbekommen. Als ihr klar wird, mit wem sie da angebandelt hat, müssen beide erkennen: Die Welten vom normalen Mädchen und umjubelten Popstar sind nur schwer zu vereinen. Erst recht, weil Chriz sich vertraglich verpflichtet hat, Single zu sein.
Das sagt shitesite:
Nicht nur ein bisschen erinnert die Ausgangssituation von Groupies bleiben nicht zum Frühstück an den Plot von Notting Hill: Lila ist offensichtlich der einzige Teenager des Landes, der nichts vom Rummel um Berlin Mitte mitbekommen hat – und damit die Entsprechung des weltfremden Buchhändlers William Thacker (Hugh Grant). Chriz sehnt sich nach Normalität und erliegt der Verlockung von der möglichen Flucht aus all dem schönen Schein wie Hollywoodstar Anna Scott (Julia Roberts).
Im Gegensatz zu Notting Hill wird dieser Film aber kein Volltreffer. Groupies bleiben nicht zum Frühstück hat einen gewissen Charme, vor allem dank der beiden Hauptdarsteller. Auch die Figur von Lilas kleiner Schwester Luzy, die ein Harcore-Fan von Berlin Mitte und dementsprechend eifersüchtig auf Lila ist, erweist sich als Glücksgriff. Aber weder sind die restlichen Gags gelungen noch kann das todschicke neue Berlin mit den Reizen des pittoresken Notting Hill mithalten.
Groupies bleiben nicht zum Frühstück fehlt das kleinste bisschen Glaubwürdigkeit, und auch ein paar Dimensionen jenseits des Offensichtlichen wären dringend notwendig gewesen: Lila verwandelt sich nach dem ersten Treffen mit Chriz in ein Honigkuchenpferd, Chriz wird zum Grinsebär – viel mehr passiert dann nicht mehr. Dazu kommen erschreckend fantasielose Klischees über das Musikgeschäft. Und vor allem ein Soundtrack, in dessen Liedern noch mehr peinliche Klischees stecken als in dieser misslungenen Komödie.
Bestes Zitat:
“Keine Sorge: Die zertrümmern nur das Hotelzimmer wie jeden Abend.”
Der Trailer zum Film:
Draufgeschaut: Julia
| Film | Julia |
| Produktionsland | Frankreich |
| Jahr | 2008 |
| Spielzeit | 138 Minuten |
| Regie | Erick Zonca |
| Hauptdarsteller | Tilda Swinton, Saul Rubinek, Kate del Castillo, Aidan Gould |
| Bewertung | ![]() |
Worum geht’s?
Im Nachtleben von Los Angeles ist Julia eine Königin. Sie tanzt, sie flirtet, sie lässt sich Drinks spendieren. Sobald es Tag wird, muss sie sich allerdings der tristen Realität stellen: Sie ist eine exzentrische, deprimierte Alkoholikerin mit reichlich Schulden. Und sie hat gerade ihren Job verloren. Deshalb interessiert sie sich für den verwegenen Plan ihrer Nachbarin Elena: Die hat einen Sohn, den sie aber nicht sehen darf, und der bei seinem steinreichen Großvater lebt. Elena will den Jungen entführen und bittet Julia um Hilfe. Die sagt zu, hat für das Kidnapping jedoch ihre ganz eigenen Pläne: Sie bringt das Kind in ihre Gewalt und will ein saftiges Lösegeld erpressen.
Das sagt shitesite:
“Du bist nichts als eine chaotische, planlose, selbstmordgefährdete Alkoholikerin”, muss sich Julia ziemlich früh in diesem Film von ihrem besten Freund Mitch sagen lassen. Es ist eine sehr zutreffende Charakterisierung, in der zugleich der Schlüssel für den Reiz dieses Films liegt: Eine Frau, die völlig kaputt ist, sieht ein Verbrechen als letzten Hoffnungsschimmer, und muss dann erkennen, dass sie vielleicht doch nicht abgebrüht, verzweifelt und zynisch genug ist, um ihren Plan wirklich durchzuziehen.
Tilda Swinton spielt diese Frau mit sagenhafter Intensität. Mehr als zwei Stunden lang ist sie quasi permanent im Ausnahmezustand. Zuerst wirkt Julia, als entwickle sich hier ein lupenreines Säuferdrama à la Leaving Las Vegas, doch dann wird eine Mischung aus Thriller und Road Movie daraus, wenn die Entführerin mit dem Kind flüchtet, ohne ein echtes Ziel zu haben. Die beste Szene des Films spielt sich ab, als Julia und Tom erstmals in einem Motel übernachten: Sie kümmert sich um den verängstigten Jungen fast wie eine Mutter – mit dem einzigen Unterschied, dass sie maskiert ist und ihm permanent eine Pistole vor die Nase hält.
Erst als Kidnapperin wird Julia klar, dass sie bisher stets unfähig war, sich wie eine verantwortungsbewusste Erwachsene zu benehmen. Das Kind, das ihre Geisel sein soll, wird nach und nach ihr emotionaler Anker im Leben. Sie will diesen Jungen nicht nur benutzen, sondern beschützen. Wie Julia diese Erkenntnis langsam schwant und sie versucht, die Entführung zu einem moralisch halbwegs anständigen Ende zu bringen, ist das eigentliche Spannungsmoment in diesem Film.
Die Verlockungen durch Alkohol und Männer sind für sie zwar nach wie vor gelegentlich größer als die zwei Millionen Dollar Lösegeld, die sie verlangt. Aber die vielen Szenen von Julia, in denen es keinen Dialog gibt und in der man der Titelfigur ihre wortlose Verzweiflung und Fassungslosigkeit ansieht, sind ungemein beeindruckend. Dasselbe gilt für die Erkenntnis, die sich nach dem turbulenten Finale von Julia einstellt, als sie sich in Mexiko vollends in eine Sackgasse aus Betrug und Skrupellosigkeit manövriert hat: Die einzig zurechnungsfähige Person in diesem Film ist ein achtjähriger Junge.
Bestes Zitat:
“Ich habe niemanenden, ich betrinken mich, und ich werde alt.”
Der Trailer zum Film:
Draufgeschaut: Wo ist Fred?
| Film | Wo ist Fred? |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2006 |
| Spielzeit | 107 Minuten |
| Regie | Anno Saul |
| Hauptdarsteller | Til Schweiger, Alexandra Maria Lara, Jürgen Vogel, Anja Kling, Christoph Maria Herbst, Tanja Wenzel, Ramon Julia König, Pasquale Aleardi, Kurt Krömer |
| Bewertung | ![]() |
Worum geht’s?
Ausgerechnet der Tochter seines Chefs will Bauarbeiter Fred Küppers einen Heiratsantrag machen. Um sie für sich zu gewinnen, muss er aber nicht nur den künftigen Schwiegervater von sich überzeugen, sondern zunächst einmal Maras Sohn. Und Linus ist alles andere als pflegeleicht. Zum Geburtstag wünscht sich der Kleine einen handsignierten Basketball seines Lieblingsspielers Marcurio Müller. Der verschenkt zwar nach jedem Spiel tatsächlich einen solchen Ball, aber dummerweise nur an die behinderten Fans in der Halle von Alba Berlin. Fred setzt sich also in einen Rollstuhl, simuliert eine Behinderung und ergattert tatsächlich einen Ball. Dummerweise wird er genau deshalb als Hauptdarsteller für einen Werbefilm verpflichtet, mit dem der Verein seine Behindertenfreundlichkeit beweisen will. Fred muss also während der kompletten Dreharbeiten in der Rolle als Rollstuhlfahrer bleiben – und dieses Doppelleben stellt bald alles auf den Kopf.
Das sagt shitesite:
Auf eine plausible Geschichte kann man bei Wo ist Fred? keinen Wert legen, auch Tiefgang ist nicht zu erwarten. Das muss auch nicht sein: Wo ist Fred? will in erster Linie eine unterhaltsame Komödie mit gelegentlich gewagtem Sujet sein, und dank der souveränen Regie von Anno Saul (Kebab Connection), der äußerst prominenten Besetzung, amüsanter Figuren wie dem Terrorkind Linus oder dem Hardcorebasketballfan Ronnie Kimmel und einigen guten Gags gelingt das auch.
Dennoch ist Wo ist Fred? eine eher durchwachsene Angelegenheit. Zum einen kann sich der Film nicht entscheiden, ob er nun politisch korrekt oder frech sein will: Behinderte sind hier natürlich selbstbewusst und sensibel, werden gelegentlich aber dennoch bloß als Klischees behandelt und vorgeführt. Zum anderen sind die Frauenfiguren ziemlich schockierend: Mara könnte problemlos ein eigenständiges, erfülltes Leben führen, sehnt sich aber verzweifelt nach einem Ersatzvater für ihren Sohn. Die Filmemacherin Denise besteht zu 100 Prozent aus Rehäugigkeit und ihre Assistentin Vicky ist ein weitgehend sprachloses Sexsymbol.
Nicht zuletzt ist das Ende von Wo ist Fred? einigermaßen unbefriedigend: Nachdem sich der Simulant durchaus charmant von einer Notlüge zur nächsten gehangelt hat, wäre zum Schluss wenigstens ein bisschen mehr Boshaftigkeit und Strafe dafür angebracht gewesen. Das hätte auch deutlich besser zum Charakter dieses insgesamt soliden Films gepasst als ein Happy End für wirklich alle Beteiligten.
Bestes Zitat:
“Was für ‘ne Behinderung hat der eigentlich? – Ganz normal, Standard.”
Der Trailer zum Film:
Draufgeschaut: Liebe, Sex und Seitensprünge

Carlos (Murilo Benício), Tomás (Fábio Assunção) und
Miguel (Caco Ciocler, von links) haben Ärger mit den Frauen.
| Film | Liebe, Sex und Seitensprünge |
| Produktionsland | Brasilien |
| Jahr | 2004 |
| Spielzeit | 80 Minuten |
| Regie | Jorge Fernando |
| Hauptdarsteller | Murilo Benício, Caco Ciocler, Fábio Assunção, Malu Mader, Alessandra Negrini, Heloisa Périssé |
| Bewertung | ![]() |
Worum geht’s?
Seit zwei Monaten hatten Ana und Carlos keinen Sex mehr. Er hat nur noch das Buch im Kopf, an dem er gerade schreibt, und sie ist ziemlich genervt davon. Auch bei Andrea und Miguel, einem befreundeten Paar, das nebenan wohnt, läuft die Beziehung nicht rund: Sie steckt in einer Sinnkrise, seit sie nicht mehr als Model arbeitet, und ihr Ehemann reagiert darauf mit Wutausbrüchen. Dass ausgerechnet in dieser heiklen Phase noch unerwarteter Besuch ankommt, macht die Sache noch komplizierter: Bei Carlos schaut Tomás wieder vorbei, sein bester Freund – und zugleich der Ex von Ana. Miguel begegnet durch einen Zufall seiner ersten Liebe Claudia wieder und bringt sie ebenfalls mit nach Hause. Als die Streitereien kein Ende nehmen, haben Ana und Andrea schließlich die Nase voll, ziehen aus und suchen bei ihren Freundinnen Zuflucht. Es entsteht eine 3er-WG aus Ana, Andrea und Claudia und ein Männer-Pendant aus Carlos, Tomás und Miguel auf der anderen Straßenseite. Gemeinsam überlegen sie jeweils, warum Männer/Frauen nur so blöde/anstrengende/anziehende Geschöpfe sind, zu wem sie eigentlich gehören und wie sie vielleicht wieder zueinander finden können.
Das sagt shitesite:
Wenn man sich ausführlich zu Liebe, Sex und Seitensprünge äußern wollte, dann wäre eigentlich nur eine Liste der Mängel dieses Films denkbar: Charme, Timing, Esprit, Glaubwürdigkeit, Witz, Erotik, Relevanz – all dies müsste darauf stehen.
Über 80 Minuten findet man kein einziges Argument für die Daseinsberechtigung dieses brasilianischen Remakes eines mexikanischen Kinoerfolgs. Mit der Ästhetik und dem dramaturgischen Niveau einer Telenovela werden in Liebe, Sex und Seitensprünge reichlich Klischees ausgewälzt: Es gibt Schwangerschaften und Schlägereien, Autounfälle und alte Liebschaften, gluckenhafte Mütter und schwule Freunde. Alle fünf Minuten macht irgendjemand irgendwem eine Szene, ohne das dabei jemals so etwas wie Identifikation mit den Figuren oder gar Amüsement möglich wäre. In Brasilien nennt man so etwas wohl: asneiras.
Bestes Zitat:
“Ich will dir nicht zu nahe treten. Aber wenn ich mich mit einem Menschenaffen einlasse, habe ich nicht viel gewonnen. Da kann ich auch bei meinem Mann bleiben.”
Der Trailer zum Film:
Draufgeschaut: Radio Rock Revolution
| Film | Radio Rock Revolution |
| Originaltitel | The Boat That Rocked |
| Produktionsland | England/Deutschland/Frankreich |
| Jahr | 2009 |
| Spielzeit | 135 Minuten |
| Regie | Richard Curtis |
| Hauptdarsteller | Philip Seymour Hoffman, Bill Nighy, Kenneth Branagh, Nick Frost, Emma Thompson, Tom Sturridge, Jack Davenport, Rhys Ifans, Gemma Arterton, Katherine Parkinson, Chris O’Dowd, Rhys Darby, Tom Wisdom, Talulah Riley |
| Bewertung | ![]() |
Worum geht’s?
Carl ist gerade von der Schule geflogen und wird von seiner Mutter ausgerechnet in die Obhut seines Patenonkels Quentin gegeben, damit er zur Vernunft kommt. Besonders aussichtsreich ist diese Idee nicht: Quentin ist der Kapitän von Radio Rock und damit der Chef eines Piratensenders, der sein Hauptquartier auf einem Schiff bezogen hat. Weil die BBC sich im Jahr 1966 noch immer weigert, Rockmusik zu spielen, werden die musikhungrigen Briten an Land von der illustren Besatzung an Bord von Radio Rock mit Rock’N'Roll versorgt. Carl erkennt schnell, dass er mitten in eine Freakshow geraten ist. Und dann erklärt auch noch die Regierung dem erfolgreichen Piratensender den Krieg und will ihm das Handwerk legen.
Das sagt shitesite:
Fantastische Mode, fantastische Musik, fantastische Schauspieler: Radio Rock Revolution, das im Prinzip die Geschichte des wirklich existierenden Piratensenders Radio Caroline erzählt, ist ein wunderbarer Musikfilm. Das Schiff voller durchgeknallter DJs ist ein Tummelpaltz für all das, was Rock letztlich ausmacht: Freiheit, Individualismus, Sex, Enthusiasmus.
Wie schon in Tatsächlich Liebe schafft es Regisseur Richard Curtis, ein tolles Ensemble voller einzigartiger Figuren zusammenzustellen. Crazy Kevin, der unwiderstehliche Mark (der nie etwas sagt) und nicht zuletzt Minister Alistair Dormandy sind Charaktere, die man nicht mehr vergisst, wenn man sie einmal gesehen hat.
Immer wieder sind in Radio Rock Revolution auch die Hörer zu sehen, die auf dem Festland wie gebannt vor ihren Radios sitzen, längst nicht mehr so stocksteif wie die ehrwürdige BBC sich das einbildet (“Es ist Gesindel, vulgär, von unverantwortlichem Kommerz und ohne jede Moral”, lautet das ebenso geringschätzige wie zutreffende Urteil der Rundfunkchefs über die jungen Leute des Landes). Das sorgt nicht nur für wichtige Atempausen zwischen all den Rivalitäten, Streichen und Techtelmechteln, die sich im Käfig voller Narren an Bord abspielen. Es zeigt auch, wie sehr die Piratensender damals die britische Jugend, die Kultur, das Land geprägt haben. Sieht man ihr Glück, ihre Begeisterung und vor allem ihre innige Beziehung zum Medium Radio, dann kann man kaum anders als nostalgisch und wehmütig werden angesichts der flächendeckenden Katastrophen, die sich heute im Äther breit gemacht haben.
Radio Rock Revolution ist eine sehr unterhaltsame Liebeserklärung an die Musik und den Lifestyle der Sixties und an die Möglichkeit, gegen alle Regeln zu verstoßen. Letztlich ist der Film, und das ist der deutlichste Beweis für seine Klasse, genau so wie ein Piratensender: kindisch, provokant und sagenhaft witzig.
Bestes Zitat:
“Wir haben den Gipfel erklommen, Compadre, und der Weg nach unten ist verdammt lang.”
Der Trailer zum Film:
Draufgeschaut: Fremdgehen
| Film | Fremdgehen |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2010 |
| Spielzeit | 90 Minuten |
| Regie | Jeanette Wagner |
| Hauptdarsteller | Thomas Sarbacher, Antje Schmidt, Tanya Barut, Özgür Karadeniz |
| Bewertung | ![]() |
Worum geht’s?
Seit 30 Jahren sind Nikolas und Lilith zusammen. Gut situiert, mit einem Volvo in der Garage, Lebensversicherung und netten Freunden. Geordnete Verhältnisse. Dann sagt Nikolas die zwei Sätze, die alles auf den Kopf stellen: „Ich verlasse dich. Ich habe mich verliebt.“ Er hat eine Affäre mit Meriyem begonnen, der türkischen Putzfrau des Paares. Er verlässt Lilith und will mit Meriyem ein neues Leben anfangen. Doch die ist verheiratet, hat einen kleinen Sohn und einen herrischen Ehemann – bald stehen alle vor der Frage, ob sie die Tragweite ihrer Entscheidung richtig eingeschätzt haben.
Das sagt shitesite:
Der Titel dieses Fernsehfilms von Jeanette Wagner (Buch und Regie) erscheint zunächst falsch gewählt. Es geht in Fremdgehen nicht um Seitensprünge, um Affären und sexuelle Treue. Es geht nicht ums Betrügen, sondern ums Verlassen.
Trotzdem erweist sich der Titel dann nach und nach als treffend. Nikolas ist nur deshalb für ein Abenteuer zu haben, weil ihm seine eigene Frau fremd geworden ist. Diese Entfremdung ist es auch, die Lilith nach der Trennung mehr schmerzt als die Tatsache, dass sie betrogen worden ist. Sie verkriecht sich tagelang ins Bett und man weiß: Schockierend findet sie vor allem, dass die fehlende Nähe ihre Beziehung schon so lange geprägt hat – der Seitensprung hat nur dafür gesorgt, dass beide Eheleute ihre innere Distanz auch erkennen. Fremder, als sie im Taumel der Verliebtheit zunächst ahnen, sind sich schließlich auch Nikolas und Meriyem, als sie versuchen, ein gemeinsames Leben zu beginnen.
Alle drei sind hin- und hergerissen. Nikolas gibt sich mit Meriyem seiner Leidenschaft hin, fühlt sich aber auch für Lilith verantwortlich, die er im Stich gelassen hat und an die ihn viele Erinnerungen, vielleicht sogar noch ein paar Gemeinsamkeiten binden. Lilith weiß nicht, ob sie ihn zurück haben und um ihre Ehe kämpfen will, sie weiß nur, dass sie verletzt und einsam ist. Meriyem will aus ihrer Ehe fliehen, muss aber auch das Wohlergehen ihres Kindes berücksichtigen. Deshalb wird Fremdgehen ein Film des Schwankens – und des Schweigens.
Die fehlende Kommunikation ist es hier, die alle Konflikte immer größer werden lässt. Fremdgehen hat lange Passagen, in denen die Figuren wortlos bleiben, und darin zeigt sich wahlweise ihre Ohnmacht und ihre Entschlossenheit. “Ich habe immer gedacht, du verstehst mich, auch wenn ich nichts sage” – mit diesem Satz bringt Nikolas sowohl das Versprechen als auch das Dilemma seiner Ehe zum Ausdruck. Eindrucksvoll wird dieser Film auch, weil sich die Akteure nicht in Leidenschaft und Affekt verlieren, sondern immer wissen, welche Verantwortung sie füreinander haben. So gibt es einige Szenen von hoher Emotionalität, die dann abrupt enden und dadurch umso effektvoller werden.
Etwas störend (und zudem überflüssig) sind die fantastisch-esoterischen Elemente von Fremdgehen. Tiere tauchen auf (ein Hund, ein Reh, Pferde und eine Maus), befreundete Paare sind in ähnlichen Situationen, das Archaische wird ebenso überbetont wie die Geschlechterrollen. Trotzdem ist Fremdgehen ein feines Drama – lebensnah, eindringlich und famos gespielt.
Bestes Zitat:
“In ein paar Jahren bin ich 50 – und ich weiß nicht, wer ich bin.”
Es gibt leider keinen Trailer zum Film.






