Interview mit Denis Scheck

Denis Scheck wünscht sich mehr Literatur im TV. Foto: Das Erste
Denis Scheck (Jahrgang 1964) ist der vielleicht gefürchtetste Literaturkritiker Deutschlands. In seiner Fernsehsendung druckfrisch prüft er monatlich, was lesenswert ist und was direkt ins Altpapier wandern kann. Seit seinem Studium der vergleichenden Literaturwissenschaft und Zeitgeschichte arbeitet er zudem als Literaturagent und Übersetzer. Zum Start der Buchmesse 2013 verrät er im Interview nicht nur seine persönlichen Highlights in Leipzig. Er schätzt auch die Wahrscheinlichkeit einer Literatursendung auf RTL2 ein, blickt auf den digitalen Wandel im Literaturbetrieb und erklärt, warum Bücher noch immer genauso wichtig sein können wie Popsongs.
Herr Scheck, hinter Ihnen dürften aufregende Tage liegen. Wie haben Sie sich gefühlt als Literaturpapst in einer Zeit, in der ein richtiger Papst erst noch gewählt werden musste?
Scheck: Ach, wissen Sie: Literaturpapst, das ist eine frivole Anmutung, das bin ich nicht. Literaturkritik ist ein chorisches Unternehmen, in dem man sich aus den verschiedenen Ansichten möglichst internationaler Kritiker vielleicht ein bisschen Orientierung über die 90.000 Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt zusammen suchen kann. Ich würde mich niemals als Papst titulieren. Ich bin bestenfalls ein stellvertretender Bischof oder so etwas.
Dennoch gibt es sicher wenige, die das literarische Geschehen hierzulande so gut überblicken wie Sie. Welche Trends erkennen Sie beim Blick auf die Leipziger Buchmesse und das Buchjahr 2013?
Scheck: Trends auszumachen ist viel eher eine Sache, die der Literaturwissenschaft gebührt als der Literaturkritik. Zumal sich solche Trends erst im Abstand von 30, 40 Jahren erkennen lassen. Dann bekommt das Gesicht eines Zeitalters ehrliche Kontur. So etwas in der Zeit selbst auszurufen, ist immer problematisch. Da kommt man dann zu Worthülsen wie „Popliteratur“ oder „Fräuleinwunder“. Das würde ich ungern machen. Ich benutze statt „Trend“ viel lieber den Begriff „Syzygie“, ein Wort, das unanständig viele Ys und Zs enthält und deshalb unter dem Buchstaben S immer ganz am Ende in Enzyklopädien steht. Eine Syzygie in der Astronomie ist eine Reihung von Himmelskörpern, Planeten, aber auch Gestirnen, die mit einer gewissen Beständigkeit und einer gewissen Zufälligkeit eintritt. Eine solche Syzygie in diesem Frühjahr ist zum Beispiel, dass es drei ausgezeichnete Zukunftsromane gibt, zwei davon aus deutscher Feder.
Welche meinen Sie?
Scheck: Der große Reinhard Jirgl, Büchnerpreisträger, hat mit Nichts von euch auf Erden einen Roman geschrieben, der aus dem 25. Jahrhundert erzählt. Er beschreibt eine Zeit nach den solaren Kriegen, eine Invasion der Erde von Marsmenschen und erzählt von einer Zeit, in der Bücher für Bücher geschrieben werden. Hannes Stein hat mit Der Komet einen sehr lustigen Roman geschrieben, der eine Parallelwelt entwirft, in der es weder einen Ersten noch einen Zweiten Weltkrieg gegeben hat, sondern in der sämtliche europäische Monarchien weiterhin regieren. Der Mond wurde von den Deutschen unter der Führung von Wernher von Braun besiedelt und in ein einziges Las Vegas verwandelt, mit einem Sechstel der bekannten Schwerkraft auf der Erde.
Und der Dritte im Bunde?
Scheck: Ist der Katalane Pablo Tusset. Er schreibt in Oxford 7 über einen Studentenaufstand, der in unserem Sonnensystem tobt. Hat mir sehr imponiert.
Auch wenn sich erst in der Rückschau erkennen lassen wird, welche Strömungen das Jahr 2013 geprägt haben: Welche Trends versuchen die Verlage derzeit zu setzen?
Scheck: Da hat sich nicht allzu viel verändert. Da ist zum einen die Ausbeutung von auf anderen Feldern erworbener Prominenz, also Schauspielerbücher, Sportlerbücher, Politikerbücher et cetera. Es gibt sicherlich eine Tendenz zu den Frivolitäten der Autobiografie. Es gibt es eine Tendenz – Charlotte Roche macht es möglich – zur Unterbietung irgendwelcher Schamgrenzen. Es gibt eine Tendenz zum frivolen Kochbuch. Ich bin der Meinung, dass in keinem Buch-Genre so viel Missbrauch getrieben wird wie mit dem Kochbuch, in dem die ewig gleichen Rezepte von einigen prominenten Fernsehnasen ewig gleich wiederholt und unters Volk gestreut werden.
Der Konstanz bei den Inhalten scheint eine rasante Veränderung in der Gestalt des Mediums entgegen zu stehen. Die Digitalisierung hat auch im Buchmarkt mit E-Books, Tablets oder Autoren, die ihre Werke ohne Verlag, direkt über Amazon verkaufen, einen Wandel ausgelöst. Was erwarten Sie davon?
Scheck: Der Druck, den die elektronischen Publikationsmöglichkeiten auf das Gutenberg-Medium Buch ausüben, wird dazu führen, dass sich Bücher viel eher ihres Gewands, ihrer Gestalt vergewissern müssen. Deshalb sehe ich zum Beispiel mit Vergnügen „Die andere Bibliothek“ mit ihrer inoffiziellen Olympiade der deutschen Buchhersteller. Das zeigt: Die Bücher werden immer schöner. Ich freue mich sehr auf die von Judith Schalansky bei Matthes & Seitz angekündigte Buchreihe, insbesondere auf den Band von Korbinian Aigner.
Auf der Frankfurter Buchmesse wurde der digitale Wandel im Buchmarkt mit dem Schlagwort „Urknall“ zusammengefasst. Für wen wird sich durch diesen „Urknall“ denn am meisten verändern? Für die Autoren, für die Verlage, für die Buchhändler oder für das Publikum?
Scheck: Ich finde, wir dürfen uns da kein X für ein U vormachen lassen. Wir interessieren uns als Literaturkritiker und als ernstzunehmende Schriftsteller in erster Linie für Literatur – und weniger für das jeweilige Speichermedium. Das elektronische Buch hat zunächst einmal zur Folge, dass das Taschenbuch unter Druck gerät. Ich glaube, das Taschenbuch muss sich neu positionieren, neu rechtfertigen. Da die meisten Taschenbücher dermaßen hässlich sind, wäre es in meinen Augen nicht so schrecklich schade, wenn sie durch E-Books ersetzt würden. Mich interessiert viel eher, ob die neuen Möglichkeiten auch Auswirkungen auf die Textgestalt selber haben werden, Stichwort enhanced content. Das könnte unter Umständen im Sachbuch passieren. Aber ich sehe das überhaupt nicht in der Belletristik. Man ist gut beraten, es da mit Gottfried Benn und seinem Ratschlag an den Dichter und seinem Umgang mit dem Material zu halten, nämlich: cool bleiben.
Heinz Buschkowsky, Gaby Köster oder Philipp Lahm haben es mit ihren Büchern in den vergangenen Jahren in die Jahres-Bestsellerlisten geschafft. Es ist offensichtlich sehr einfach in Deutschland, als Prominenter ein erfolgreiches Buch zu veröffentlichen. Aber es scheint umgekehrt sehr schwierig, nur mit dem Veröffentlichen von Büchern eine gewisse Prominenz zu erreichen. Stimmen Sie da zu?
Scheck: Ja. Aber andererseits ist das der einzige literarische Ruhm, der wirklich bleibt und der mich interessiert. Der auf anderen Feldern erworbene Ruhm, diese Art Prominenz oder Rühmchen – das ist aus literarischer Sicht alles Schall und Rauch. Mich interessieren eigentlich ausschließlich Autoren, die ihre Bekanntheit als Autoren erlangt haben, und nicht abgehalfterte Showstars, zweitklassige Sportler oder viertklassige Politiker. Deren Hervorbringungen sind mir gleichgültig. Ich glaube, dass nach Jahrzehnten der Oktroyierung solcher Schriften so langsam auch der deutsche Buchmarkt zu dieser Erkenntnis kommt.
Wenn man aber bloß mit dem Dasein als Schriftsteller kaum große Prominenz erreichen kann, sagt das nicht etwas aus über die Wertschätzung von Autoren oder über die Rollen von Schriftstellern im öffentlichen Leben?
Scheck: Nein, das klingt mir viel zu pessimistisch. Denken Sie nur einmal an die Bekanntheit, die ein Daniel Kehlmann oder eine Judith Hermann in den letzten Jahren erreicht haben! Denken Sie an die erstaunliche Karriere von Judith Schalansky oder Sibylle Lewitscharoff! Ich selber möchte gerne selber etwas dafür tun, dass Reinhard Jirgl und Antje Rávic Strubel noch prominenter werden. Wir haben in den letzten 15 Jahren erlebt, dass mit J. K. Rowling und ihren Büchern um Harry Potter bewiesen wurde, dass das alte Gutenberg-Medium Buch noch die Durchschlagskraft von Hollywood-Blockbustern und Popsongs und Computerspielen besitzt. Insofern müssen wir die Literatur oder das Medium Buch überhaupt nicht aus einer Position der Defensive beschreiben, sondern können uns getrost auf die Stärke unserer Waffen verlassen: Witz, Intelligenz, Unterhaltsamkeit. Dieses Waffenarsenal ist übrigens völlig alternativlos, weil es ja gar keine anderen Angebote von den Transzendenzagenturen unserer Gegenwart gibt, die auch nur irgendeinen Hauch einer Chance haben, in dieser Frage mit der Literatur zu konkurrieren.
Müsste Literatur dann nicht auch im Fernsehen eine größere Rolle spielen? Der Buchmarkt in Deutschland ist fünfmal so groß wie der Musikmarkt. Aber bei Wetten Dass…? werden Popsongs gesungen, nicht Bücher präsentiert.
Scheck: Meiner Meinung nach sollte das Fernsehprogramm natürlich unmittelbar nach der Tagesschau um 20.15 Uhr ausschließlich aus Literatursendungen bestehen. Leider, leider hört da aber niemand auf mich. Ich versuche ja schon, da Pionierarbeit zu leisten. Aber bis die anderen Sendungen ihre Inhalte endlich umstellen, möchte ich meine eben noch weiter machen.
Ihre Sendung druckfrisch ist neben dem Blauen Sofa im ZDF mittlerweile die einzige bundesweit ausgestrahlte Literatursendung im Fernsehen. Das kann man bedauern. Man könnte eine solch machtvolle Rolle als Beinahe-Monopolist aber natürlich auch genießen.
Scheck: Nein, um Gottes Willen. Zum einen ist Konkurrenz gut für das Geschäft. Sie schärft die Sinne. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass auch im Privatfernsehen Literatursendungen etwas mehr gedeihen. Zum anderen sollten wir nicht zu pessimistisch sein. Es gibt im Bayerischen Rundfunk mit Lese:Zeichen eine wunderbare Literatursendung, es gibt Literatur im Foyer im SWR und einige weitere. Vergessen wir auch nicht die Radiohelden, ich bin schließlich im Hauptberuf Literaturredakteur im Deutschlandfunk und habe viele Kollegen im Hörfunk, die unverdrossen große Sendeflächen betreuen und dort über Literatur berichten. Aber im Fernsehen brauchen wir zweifelsohne mehr, da haben Sie recht. Lasst 1000 Literatursendungen blühen!
Wenn Literatur im Fernsehen unterrepräsentiert ist, liegt das vielleicht auch daran, dass die Autoren Vorbehalte gegen das Medium haben? Gilt Fernsehen bei Schriftstellern als pfui?
Scheck: Seit der Erfindung des Fernsehens gibt es ja solche abwertenden Aussagen wie die von Hans Magnus Enzensberger, der einmal vom „Nullmedium Fernsehen“ sprach oder von Botho Strauß, der das Fernsehen als „Kloake“ bezeichnet hat. Beide haben recht. Es gibt eine Art von Fernsehen, die ein Nullmedium ist, und es gibt eine Art von Fernsehen, die eine Kloake ist. Da muss ich nur an RTL2 denken. Aber das Fernsehen ist ein Spiegel der Welt, so wie die Literatur auch. Deshalb beharre ich ja so sehr darauf, dass die Literatur im Fernsehen vorkommt. Das Problem dabei: Eine Sendung über Sport ist nicht Sport. Wer die Sportschau anschaut, betreibt keinen Sport. Genauso ist eine Sendung über Literatur nicht selbst Literatur. Das sollte man nicht verwechseln. Ich setze da auf die Medienerfahrung der Zuschauer. Die sind nämlich sehr intelligent und haben längst begriffen, dass man von einer Kochsendung nicht satt wird und dass eine Literatursendung dazu da ist, einen auf gute Bücher aufmerksam zu machen und vor schlechten zu warnen – nicht aber, die Lektüre dieser Bücher selbst zu ersetzen.
Apropos schlechte Bücher: Man sagt Ihnen ja gerne eine Vorliebe für Verrisse nach, auch wenn Sie sich gegen dieses Image wehren. Gab es in Ihrer Laufbahn mal einen Autor, der sich für eine vernichtende Kritik bedankt und im Nachhinein gesagt hat: Das hat mich wirklich weitergebracht?
Scheck: Auch das gab es. Aber das sind im Grunde Interna, die zwischen Kritikern und Autoren bleiben sollten. Ich halte nichts davon, Gespräche aus der Umkleidekabine des Literaturbetriebs öffentlich zu machen. Wissen Sie, ich bin wirklich der Überzeugung, dass jeder Autor alles Recht der Welt hat, mit Mordlust in den Augen einen Literaturkritiker anzuschauen, der ihn verrissen hat. Das ist völlig in Ordnung. Aber ich wende mich mit meiner Literaturkritik nicht an den Autor, sondern an die Leser. Und ob der Autor davon profitiert oder ob so eine Kritik ihm schadet, dass sind Kollateralschäden oder –nutzen, die ich nicht im Blick habe. Ich möchte um Gottes Willen niemanden attackieren mit meinen Kritiken.
Noch einmal der Blick nach Leipzig: Worauf freuen Sie sich auf der Buchmesse besonders?
Scheck: Auf die Begegnung mit dem amerikanischen Romancier Dave Eggers, der aus seinem Roman Ein Hologramm für den König lesen wird. Ich habe ihn schon in San Francisco getroffen, und er ist einer der ganz wenigen Autoren, die auch einen Verlag gegründet haben. Mit seinem revolutionären Verlagsmodell hat er viele Autoren wieder bekannt gemacht. Ich halte ihn nicht nur literarisch für einen innovativen Menschen, sondern auch verlegerisch. Ich freue mich auch auf Reinhard Jirgl und seinen Roman Nichts von euch auf Erden. Und ich freue mich auf Eckhard Henscheid, der mit seinen Denkwürdigkeiten dem Literaturbetrieb der letzten Jahrzehnte ein würdiges Denkmal gesetzt hat.
Sie selbst werden auf dem ARD-TV-Forum zahlreiche Autoren treffen und gleichzeitig Werbung für Ihre Sendung druckfrisch machen. Was dürfen die Besucher erwarten?
Scheck: Sicher wird es ein Erlebnis sein, auf der ARD-Bühne Martin Walser über Messmers Momente sprechen zu hören. Und ich werde mich wie immer bemühen, in einer knappen halben Stunde im literaturkritischen Schnelldurchlauf auf einige empfehlenswerte Neuerscheinungen aufmerksam zu machen – und vor einigen missratenen zu warnen!
Interview mit Madsen

Sebastian (links) und Johannes Madsen (rechts) sehen gerne das Positive. Foto: Sony BMG/Ingo Pertramer
In Leipzig haben Madsen das drittletzte Konzert der aktuellen Tour gespielt. Vor der Show im Werk 2 habe ich Sänger Sebastian Madsen und Gitarrist Johannes Madsen zum Interview getroffen. Das Thema des Gesprächs sollte „Unglück“ lauten. Am Ende haben wir über Marvin Gaye gesprochen, über pubertierende Möchtegern-Kritiker, die Foo Fighters als Vorband und über ein Madsen-Lied, das die Band selbst nicht mehr leiden kann.
Als ich das letzte Mal mit euch gesprochen habe, stand gerade die Veröffentlichung von Labyrinth bevor. Ein paar Tage nach dem Interview passierte dann der Unfall beim Videodreh, der für alle ein Schock war und mit noch etwas mehr Pech das Aus für Madsen hätte bedeuten können. Deshalb würde ich mit euch gerne über das Thema „Unglück“ sprechen. Okay?
Johannes und Sebastian: Okay.
Fein, dann legen wir los. Die aktuelle Tour ist so gut wie beendet. Was war denn das größte Unglück, das euch dabei passiert ist?
Johannes: Bisher ist alles ziemlich glatt gelaufen.
Keine Panne, kein Missgeschick?
Sebastian: Doch, es ist etwas echt Blödes passiert. Zwar nicht uns, aber der Vorband. Wir wollten Walter Schreifels und seine Jungs unbedingt mitnehmen und haben gesagt: Wir geben euch ein Schlagzeug, ihr könnt unsere Verstärker benutzen, kommt einfach mit! Dann sind sie von New York aus losgeflogen, jeder nur mit einem Instrument. Und der arme Nathan, der Bassist, hat leider seinen Bass zerstört. Das Ding war gegen einen Verstärker gelehnt und ist dann einfach umgefallen.
Johannes: Der Hals ist gebrochen, das Ding ist irreparabel zerstört.
Sebastian: Der Mann ist 24 Jahre alt, das war sein erster richtiger, cooler Bass. Aus dem Jahr 1971. Extrem ärgerlich. Ich bin zu ihm hin und habe gesagt: „My heart bleeds for you.“ Aber das war vielleicht auch kein allzu großer Trost.
Das ist echt tragisch, man baut zu so einem Instrument ja eine Beziehung auf.
Sebastian: Auf jeden Fall. Meine Gitarre, auf der ich jetzt immer noch spiele, habe ich, seit ich 15 war. Die ist einfach perfekt eingespielt. Wenn damit so etwas passieren würde, müsste ich auf jeden Fall weinen.
Gut, nächste Frage: Muss man unglücklich sein, um ein guter Künstler zu sein?
Sebastian: Nee.
Aber hilft es, wenn man unglücklich ist?
Sebastian: Vielen tut das sicher gut. Ich war zum Beispiel beim Schreiben des letzten Albums nicht unglücklich, aber ich war es davor, in der Unfallszeit. Als ich dann endlich wieder spielen und schreiben konnte, ging es mir richtig gut. Aber das Unglück hat beim Schreiben schon eine Rolle gespielt, auch private Trennungen und so. Ich glaube schon, dass so etwas für gute Songs sorgt, aber es ist keine notwendige Voraussetzung. Man kann aus vielen Sachen Kreativität schöpfen. Lionel Richie hat Easy geschrieben, als es ihm richtig, richtig gut ging.
Wenn man richtig happy ist, hat man aber meistens nicht das Bedürfnis, dieses Gefühl jetzt sofort zu Papier zu bringen.
Johannes: Das stimmt. Ich glaube, dass aus dem Unglücklichsein schnell etwas Gutes entstehen kann. Man nutzt die Kunst ja dann dazu, um sich besser zu fühlen.
Habt ihr den Anspruch, mit euren Liedern auch den Hörern aus dem Unglück herauszuhelfen? Die Ärzte haben ja mal gesagt, dass sie deshalb „Die Ärzte“ heißen, weil sie ihre Fans vom Liebeskummer heilen wollen. Sollen eure Songs auch Medizin sein und Trost spenden?
Sebastian: Nein. Ich höre zwar, dass das oft passiert, und da freue ich mich auch drüber. Aber das ist nicht beabsichtigt. Da schreibe ich egoistischer. (lacht) Vielleicht passiert das auch unterbewusst. Ich bin da generell so ein kleiner Hippie: Ich verteile gerne Liebe und gute Laune, das ist einfach in mir drin. Und wenn wir ein Stück wie Mit dem Moped nach Madrid schreiben und dann fünf Typen wirklich losfahren und das in die Tat umsetzen, das ist dann echt gut.
Was hört ihr für Musik, wenn ihr down seid? Welcher Song kann euch dann wieder gute Laune machen?
Johannes: Ich höre dann keine Gute-Laune-Musik. Wenn ich down bin und das auch erkannt habe, dann will ich das richtig zelebrieren. Ich höre dann Lou Reed oder so etwas. Massive Attack, Portishead oder so. Dann hilft mir die Musik dabei, zu definieren, warum ich gerade down bin, und wenn man sich einmal so damit auseinandergesetzt hat, geht es ja auch schon wieder bergauf. So genannte depressive Musik muss ja nicht depressiv stimmen.
Es gibt also nicht den Song, der auf Knopfdruck wieder für drei Minuten Glückseligkeit sorgen kann?
Johannes: Nein. Es gibt ja immer verschiedene Lebensstimmungen, und es gibt bei mir leider noch kein Lied, das auf alle Stimmungen passt.
Sebastian: Bei mir: Mercy Me von Marvin Gaye. Das ganze Album höre ich gerne, auch wenn es mir nicht so gut geht. Der Typ hat einen ganz eigenen Ausdruck in der Stimme gehabt, das gibt mir Mut, Kraft. Mein Lieblingssänger.
Wo wir gerade bei Vorbildern sind: Es ist sicher ein großes Unglück, wenn man bei einem Festival direkt nach einer Band auf die Bühne soll, die bekanntermaßen immer eine Hammer-Show hinlegt. Vor wem würdet ihr euch da am meisten fürchten?
Johannes: Wenn die Black Keys spielen und wir sollten direkt danach raus, da hätte ich wirklich Bammel. Und bei allem, was mit Dave Grohl zu tun hat.
Andererseits eine schöne Vorstellung: die Foo Fighters als die eigene Vorband.
Sebastian: Stimmt, das wäre nicht schlecht, um 2 Uhr im Zelt (lacht). Da hätte ich Mörder-Respekt, und auch Angst. Die sind live unglaublich gut. Aber ich habe mir irgendwann angewöhnt, mit der Einstellung auf die Bühne zu gehen: Es könnte das letzte Konzert sein. Jedes Konzert ist eine Chance, jedes Konzert ist ein Highlight.
Hat das auch mit dem Sturz zu tun? Hat der ganz direkt eure Musik beeinflusst?
Sebastian: Ja, mit Sicherheit. Ich versuche immer, aus solchen Dingen langfristig das Positive zu ziehen. Dazu gehört, dass ich mich jetzt ohne Gitarre wunderbar bewegen und ganz anders auf die Leute zugehen kann. Und auch die Erkenntnis, dass es ganz schnell vorbei sein kann. Ich kann jetzt jede Show von der ersten bis zur letzten Minute genießen. Früher war ich viel ängstlicher. Ich war auch oft krank und habe mich dann vor einer Tour extra geschont, habe Sport gemacht und mich gesund ernährt. Das bringt aber nichts. Der Kopf muss frei sein und man muss Bock drauf haben. Dann kann man viel mehr schätzen, was man an der Band hat.
War das neue Album Wo es beginnt in dem Sinne so etwas wie ein Wendepunkt für Madsen?
Johannes: Im Hinblick auf die Herangehensweise auf jeden Fall. Wir haben selbst produziert, ohne Hilfe von außen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir das beim nächsten Album wieder so machen.
Sebastian: Wir hatten uns mit Labyrinth ja so gesehen auch neu definiert. Die neue Platte war ein Neuanfang in dem Sinne, dass wir das gemacht haben, was wir am besten können, was uns am besten steht. Dann macht die Produktion auch mehr Spaß. Aber so einen Schritt kann man auch nur machen, wenn man vorher einen Ausflug gewagt hat.
Nochmal eine Frage zum Unglück: Können euch Kritiken unglücklich machen? Lest ihr sie und nehmt ihr sie euch zu Herzen?
Johannes: Ich lese, aber nur Printmedien. Ich habe mir schon nach dem ersten Album abgewöhnt, die Sachen im Internet über uns zu lesen. Das regt mich viel zu sehr auf, und es ist viel zu undefiniert, wer da eigentlich dahinter steckt. Vielleicht ist das irgendein pubertierender 13-Jähriger, der mich dann aber am Sack kriegt – das muss ich mir nicht geben. Was ich aber, vielleicht blöderweise, wichtig finde, sind die Printmedien. Wenn ein gutes Magazin wie die Visions uns extrem verreißt, eine der wenigen Musikzeitschriften, die man überhaupt noch lesen kann, dann ärgert mich das schon. Aber es ist auch nicht so schlimm, dass ich mich dann hinsetze und weine. Umgekehrt freut es mich natürlich mindestens genauso, wenn die etwas Schönes schreiben.
Sebastian, wie sieht es bei dir aus? Du bist als Autor ja noch ein bisschen stärker betroffen.
Sebastian: Ich habe sicher nicht alles gelesen, was über das letzte Album geschrieben wurde, aber schon Einiges. Im Großen und Ganzen wird es mir immer egaler, weil wir insgesamt so viel tolle Bestätigung kriegen, dass eine schlechte Kritik im Vergleich dazu untergeht. Aber hier und da kann es auch passieren, dass mich so etwas ein bisschen ankratzt. Vor allem, wenn man mir Dinge unterstellt, die einfach nicht stimmen. Wenn jemand seine Meinung hat und schreibt „Gefällt mir nicht weil…“, dann ist das total okay. Aber wenn jemand schreibt, ich würde mein gesamtes Wissen, was Punkrock betrifft, nur aus zwei Bands ziehen, nämlich den Toten Hosen und den Ärzten, dann muss ich mich fragen: Woher willst du das wissen, du Vogel?
Gibt es Madsen-Momente, Lieder, Textzeilen oder auch Karriereentscheidungen, die ihr im Rückblick selbst verunglückt findet?
Sebastian (sofort): Jaaa.
(Johannes lacht laut)
Sebastian: Es gibt eigentlich nur ein Lied von uns, das ich nicht mehr gut finde, nämlich Sieger vom Labyrinth-Album. Ich weiß noch genau, warum ich es geschrieben habe, und in dem Moment fand ich es auch total super. Aber ich höre es mir heute nicht mehr gerne an.
Johannes: Es gibt noch ein, zwei andere Stücke, die wir früher auch gerne gespielt haben, aus denen wir aber ein bisschen rausgewachsen sind. Vor acht Jahren haben wir das noch gerne gespielt, aber jetzt sind wir einfach jemand anders. Wir stehen da noch dahinter, aber es fühlt sich komisch an, das heute noch zu spielen und zu singen. Zum Beispiel Ich rette die Welt. Es gibt aber auch Lieder wie Mein Therapeut und ich. Das haben wir ewig lange nicht mehr gespielt, aber jetzt hatten wir wieder tierisch Bock drauf.
Gab es in den acht Jahren Madsen mal eine Schublade oder Assoziation, die ihr als besonders unglücklich empfunden habt? Ein totales Missverständnis oder eine Ecke, in der ihr euch überhaupt nicht wohl gefühlt habt?
Sebastian: Oh ja, da gab es jede Menge absurde Vergleiche. Aber das wird auch immer egaler. Was interessiert es mich, wo irgendjemand uns da ansiedelt? Die Hauptsache ist, dass die Leute, die da unten stehen, abfeiern und einen persönlichen Bezug dazu haben. Madsen sind irgendwie doch ein eigener Planet, und das ist auch gut so.
Interview mit Shout Out Louds

Astronomie ist eines der wichtigsten Themen auf der neuen Platte der Shout Out Louds. Foto: Shout Out Louds/Frode & Marcus
Dear English speaking fans! An English version of this Interview with Bebban Stenborg is available here.
Viel höflicher könnte Bebban Stenborg in diesem Gespräch nicht mehr sein. Als sie ein paar Mal meine Frage nicht gleich richtig hört (was wahrscheinlich an meinem Telefon liegt), entschuldigt sie sich tausendfach, unter anderem mit dem Argument, sie sei „sowieso so gut wie taub“. Als sie etwas Gemeines über Per Gessle (Roxette) sagt, fügt sie sogleich hinzu, sie habe dieses Gerücht nur gehört, kenne den Herrn nicht persönlich und könne immerhin einige seiner alten Songs ganz gut leiden. Und sogar mein blödes Spiel am Ende des Interviews macht sie bereitwillig mit.
Natürlich reden wir aber auch über Optica, das neue Album der Shout Out Louds, das morgen erscheint. Bebban Stenborg verrät, was die Apokalypse damit zu tun hat, ob sie neidisch auf Lykke Li ist und ob sie sich Shout Out Louds auch noch in zehn Jahren vorstellen kann.
Shout Out Louds feiern in diesem Jahr ihren zehnten Geburtstag. Wird es eine große Party geben?
Stenborg: Ja, ich denke schon. Wir haben zwar noch nichts Genaues geplant. Aber das neue Album kommt zuerst in Deutschland auf den Markt. Ich denke deshalb, dass wir eine Party in Berlin schmeißen und alle einladen werden.
Wenn du auf die zehn Jahre in der Band zurückblickst: Was war der schönste Moment?
Stenborg: Das erste Mal beim Coachella-Festival. Das war 2005, und ich war wirklich stolz, dass wir es so weit gebracht hatten. Palmen und Sonnenschein rundum – das hat Spaß gemacht.
Die meisten Bands schaffen es nicht bis zu ihrem 10. Jubiläum. Gab es auch bei den Shout Out Louds mal einen Moment, in dem ihr euch beinahe aufgelöst hättet?
Stenborg: Wir hatten eine Krise nach der Tour zum ersten Album. Wir waren alle so unglaublich müde. Wir haben unser letztes Konzert in Brasilien gespielt, und niemand hat danach die Frage gestellt, wann wir uns wieder treffen, damit es weitergeht. Vielleicht hätte das das Ende der Band sein können. Aber letztlich waren wir alle bloß vollkommen ausgelaugt und brauchten eine Pause.
Dann lass uns doch ein wenig über die Gegenwart reden. Das neue Album Optica habt ihr ganz in Eigenregie gemacht. Ist man da nicht ein bisschen unsicher, ob es wirklich gut ist, wenn man keine Bestätigung oder Kritik von außen bekommt? Hast du, seit die Platte im Kasten ist, schon einmal den Wunsch verspürt, einen Song noch einmal zu überarbeiten?
Stenborg: Das ist wirklich ein schwieriges Problem. Es gibt ja immer Sachen, die man noch ändern kann. Normalerweise merken wir das erst eine ganze Weile nach den Aufnahmen, wenn wir auf Tour gehen und die Songs dann live verändern. Da bauen wir kleine Verbesserungen ein, das passiert einfach. Aber diesmal ist es anders. Wir haben uns richtig viel Zeit gelassen und wirklich intensiv an der Platte gearbeitet. Wir haben alle Fehler schon gemacht und sie dann ausgebessert. Das alles hat zwei Jahre lang gedauert, aber jetzt sind wir sehr glücklich mit dem Ergebnis. Es ist wirklich das erste Mal, dass ich nicht im Nachhinein noch etwas verbessern möchte.
Das Leitmotiv von Optica ist Licht. Eigentlich erstaunlich: Ihr habt in einem Keller in Stockholm aufgenommen – nicht unbedingt die erste Assoziation, die man beim Wort „Licht“ hat. Die Songs für das letzte Album Work hat Adam in Australien geschrieben – da hätte dieses Thema doch viel besser gepasst.
Stenborg: Diese ganze Sache mit Australien wird ein bisschen überbewertet. Adam war da, während die Band pausiert hat, und hat ein paar Sachen geschrieben. Aber den Hauptteil der Arbeit haben wir gemeinsam gemacht, im Studio in Seattle. Abgesehen davon ist Licht ein sehr passendes Thema für die neue Platte. Manchmal muss etwas erst weg sein, damit man erkennt, wie wichtig es ist. Genau das ist in diesem Keller passiert. Es gab keine Fenster, man konnte nicht einmal sehen, was draußen für eine Jahreszeit ist. Das Licht erfüllte deshalb unsere Gedanken – weil es im Studio fehlte.
Ihr wart also eingeschlossen wie in einer Zeitkapsel?
Stenborg: Genau.
Wenn ihr das Album Optica nennt und über Reflexionen, Lichtbrechungen und Astronomie singt, wart ihr bestimmt alle sehr eifrige Schüler in Physik, oder?
Stenborg (lacht): Nein, ich glaube nicht, dass irgendjemand in der Band ein besonderes Faible für die naturwissenschaftlichen Fächer hatte. Aber viele von uns, auf jeden Fall Adam und ich, haben nach der Schule ein Interesse an physikalischen Phänomenen entwickelt.

Bebban Stenborg ist mit “Optica” rundum zufrieden. Foto: Shout Out Louds
Optik ist trotzdem ein ziemlich ungewöhnliches Thema für eine Pop-Platte.
Stenborg: Vielleicht. Das Album basiert lose auf allem, was mit Licht zu tun hat. Das meint aber nicht nur die wissenschaftliche Seite, sondern wir haben Licht als eine Art Richtschnur betrachtet: Licht als physikalisches Phänomen, aber auch als Quelle allen Lebens. Und noch mehr den poetischen Aspekt. Wie kann der Lichteinfall einen Gegenstand verändern? Wie beeinflusst Licht unsere Stimmung? Wir reden sehr viel über solche Fragen, und wir kommunizieren oft mit visuellen Begriffen, wenn wir unsere Musik umschreiben. Im Studio sagen wir manchmal Sätze wie: Ich will, dass das mehr nach Nachmittag klingt.
Auf dem Cover von Optica ist die Silhouette eines Mädchens zu sehen. Wer ist das – und was ist die Idee dahinter?
Stenborg: Solche Fragen sind eher die Baustelle von Adam und Carl. Aber ich denke, die Idee ist es, mithilfe von Licht bestimmte Formen auf einen Körper zu projizieren. Es ging bei dem Mädchen darum, eine symmetrische Figur zu finden. Es sollte nicht erkennbar sein, wer das ist.
Wenn du die Zukunft der Musik betrachtest, die Zukunft der Welt und die Zukunft deiner Band – welche davon ist am hoffnungsvollsten?
Stenborg: Wahrscheinlich die Zukunft der Musik.
Wow, das überrascht mich.
Stenborg: Ja. Mir wäre auch lieber, wenn es die Zukunft der Welt wäre. Aber wenn ich mich jetzt für eine der drei Möglichkeiten entscheiden müsste, wäre es die Zukunft der Musik. Ich denke, dass sich die Branche gerade wieder ein bisschen berappelt. Alles war so kompliziert und chaotisch in den letzten Jahren, die ganze Download-Sache hat da finanziell alles auf den Kopf gestellt. Aber nach allem, was ich höre, finden die Plattenfirmen jetzt wieder festen Boden unter den Füßen.
Ihr wart mit Bands wie den Strokes oder Kings of Leon auf Tour, die jetzt Megastars sind. Lykke Li hat auf einer euren Platten mal im Hintergrund gesungen – und jetzt hatte sie eine der erfolgreichsten Singles des Jahres in Deutschland. Wirst du da ein bisschen neidisch? Vergleicht ihr euren Erfolg mit solchen Künstlern?
Stenborg: Manchmal denke ich wirklich, dass es schön wäre, wenn wir finanziell ein bisschen besser dastünden. Vor allem aus praktischen Gründen. Wenn man von einer Tournee kommt und dann sagen könnte: „Jetzt leiste ich mir erst einmal einen Urlaub“ – das wäre schon schön. Weil wir jetzt schon so lange im Geschäft sind, denken viele Leute, wir wären reich und würden ganz luxuriös durch die Welt reisen. Aber wir haben uns eben eher langsam entwickelt, und ich denke, das hat uns gut getan. Wir sind ganz gemächlich gewachsen, und deshalb gibt es uns noch. Wenn wir Senkrechtstarter gewesen wären wie Lykke Li, die praktisch aus dem Nichts kam und dann ganz schnell riesig groß wurde, hätten wir damit vielleicht gar nicht umgehen können. Wir sind ja zu fünft, und wir sind Freunde. Ich denke, wir sind alle ziemlich zufrieden damit, wie es gelaufen ist.
Okay, zum Schluss würde ich gerne noch ein kleines Assoziationsspiel spielen. Die Idee: Shout Out Louds werden zehn Jahre alt, und „Shout Out Louds“ sind drei Wörter. Deshalb nenne ich zehn Stichwörter, und du antwortest mit höchstens drei Wörtern. Einverstanden?
Stenborg (zögerlich): Versuchen wir es.
Erstes Thema: Shout Out Louds im Jahr 2023.
Stenborg: Scheint schwer vorstellbar.
Null Punkte für Schweden beim Eurovision 2013.
Stenborg: Ist mir egal.
Weil Astromonie auf Optica ja so ein wichtiges Thema ist: der schönste Nachthimmel, den du je gesehen hast?
Stenborg: War in Kenia.
Und der schönste Sonnenuntergang?
Stenborg: Pacific Coast Highway.
Die drei wichtigsten Einflüsse für Optica.
Stenborg: Kometen. Sonnenlicht. Apokalypse.
Drei Acts, die man 2013 im Auge behalten sollte.
Stenborg: Solange. Ducktails. David Bowie.
Wir sind schon bei Nummer sieben angekommen: Videodrehs.
Stenborg: Chaotisch und lustig.
Das Comeback von Gyllene Tider?
Stenborg: Nichts für mich.
Die Aussicht, im Frühjahr 27 Konzerte innerhalb von nur acht Wochen zu spielen.
Stenborg: Ist echt aufregend.
Okay, das letzte Stichwort: Zlatan Ibrahimovic.
Stenborg: König von Schweden.
Das hat Spaß gemacht, du hast dich echt gut geschlagen. Danke für das Gespräch!
Interview with Shout Out Louds

Astronomy is an important subject an Shout Out Louds’ new album “Optica”. Image: Shout Out Louds/Frode & Marcus
Bebban Stenborg is one of the most polite musicians I ever spoke to. When the phone is not working properly (which is probably down to my crappy headset), she takes all the blame, claiming that she “is deaf anyway” and probably not able to hear my questions because of that. When she says something quite nasty about Swedish music icon Per Gessle, she stresses that she has only heard about it, that she does not know Mr. Gessle first-hand and that “his older songs used to be good”. And she is even willing to join in the stupid game I made up at the end of the interview.
But of course we manage to talk about new album Optica as well, in spite of broken headsets and deafness. Bebban Stenborg reveals how the apokalypse influenced the record, if she can imagine Shout Out Louds in ten years time and if she is jealous of Lykke Li.
Shout Out Louds are celebrating their tenth anniversary this year. Is there going to be a party?
Bebban Stenborg: Yes, I think we will have a party. But there’s nothing scheduled yet. Our new record will be released in Germany first, so I think we will put on a party in Berlin and hope that we can invite everyone.
If you look back on ten years in the band: Which stage of your career did you enjoy the most?
Stenborg: The first time we played Coachella was great. That was in 2005 and it felt great to have made it to that stage. Palm trees all around, sunny weather – that was fun.
Most bands don’t get to see their tenth anniversary. Was there ever a moment when Shout Out Louds might have split up?
Stenborg: There was a time towards the end of the first album. Everybody was so tired. We did the last show in Brazil and after that we didn’t mention when we were going to meet again. Back then it could have happened. But it was just that everybody was exhausted and needed a break.
So let’s talk about the present. With your new album Optica you did everything on your own, even producing the record yourselves. Your aim was to be able to write and record in a very spontaneous way. That sounds great, but if you don’t get any outside opinions that might probably encourage you or point out some weak spots, I imagine you might feel a little insecure about the result. Since you finished the record, have there been times when you wished you could go back and rework some of the songs?
Stenborg: Usually that is a very difficult task. There are things that can be done different, but mostly we don’t realize it until much later on when we take the songs out on the road and play them live. That’s when we get to play spontaneous little improvements. Those things just pop up. But I think this time it is different. We took so much time making this album, we did all the mistakes. It took almost two years and now we are very happy with it. For the first time there hasn’t been a single moment since finishing the album when I wished we would have done something different.
It seems funny that light is one of the major topics of the album. You recorded in a basement in Stockholm, which is not quite the place you have in mind when you think of light. Last time, for Work, Adam wrote in Australia – back then it would have made much more sense.
Stenborg: First of all, I think that the whole Australia thing has been a bit exaggerated. Adam was there while we had a break, but we did most of the work together and recorded the album in Seattle. Nevertheless light is a fitting topic. I think that sometimes you need to be away from something to realise the importance of it. And that is what happened in that basement. There were no windows, you couldn’t see what season it was. So light became a presence in our minds because it was not present in the studio.
So it was like a time capsule?
Stenborg: Yeah, for sure.
Baptising your album Optica and singing about astronomy, reflexion or refraction – I assume that all of you loved physics back in school and that it was one of your favourite topics?
Stenborg (laughs): No, I don’t think that anyone in the band had one of the natural sciences as their favourite topic in school. But I think that many of us, at least I have and I think that Adam has too, have developed an interest for physics after we finished school.
Still optics is an unusual topic to pick for songwriting, isn’t it?
Stenborg: The album is loosely based on everything that has to do with light. More than the science side of it we decided on light as kind of a guideline: the concept of light, both as a physical phenomenon and an essential source of life. And even more the poetic side of it, questions like how light is hitting an object or how the time of the day can change your mood. We talk a lot about visuals when we write music. Very often we describe sounds through something that isn’t a sound. We can say things like: I want this to sound more afternoon or more morning-like, night-like.
The cover of Optica shows a girls’ silhouette. Who is it and why did you chose it?
Stenborg: I wasn’t involved in the process of the artwork because that is more Adams and Carls line of work. I think it is about the idea of projecting shapes with the help of light onto a body. That was visually a nice thing to try. And I think they just wanted to find a symmetrical figure, it wasn’t supposed to be very clear who it is. The girl is supposed to be anonymous.

Bebban Stenborg would not change a single thing about the new record. Image: Shout Out Louds
If you take a look at the future of music, the future of the world and the future of your band – which is the brightest?
Stenborg: Maybe the future of music.
Wow, that’s a surprising answer.
Stenborg: Yeah. I hope it is the future of the world. But right now if I had to pick one I think that the world of music is finally straightening up a bit. It has been so complex and strange for everybody who works with music during the last couple of years. Downloading and so on has just messed a lot of things up financially for a lot of people. As far as I hear, at least the record labels are now finding solid ground again.
You’ve been on tour with bands like The Strokes or Kings Of Leon, who have now become superstars. Lykke Li once did backing vocals on one of your records, and last year she had one of the best selling singles in Germany. Does that make you feel jealous? Do Shout Out Louds compete with those artists in terms of success?
Stenborg: There are times when we wish that we could live more comfortably right now. Mainly for practical reasons. To come home from a tour and feel like: “I have the money to go on vacation” – that would be really, really nice. After having worked for a long time I think that people assume that we have it made, that we travel in style and stuff. But we have travelled at a slow pace and that has been a benefit to us. I don’t think it would have been good for us to have that explosion of success. We’ve been going slow and steady and that’s why we lasted this long. If we would have done like Lykke Li, who basically came out of nowhere and became very huge very fast, we would probably not have been able to handle this very well, since we are five people and we are friends. I think that we are all pretty happy with the pace that we are going in.
At the end of the interview I would like to suggest a little game. It is ten years of Shout Out Louds, and “Shout Out Louds” are three words. Logical conclusion: I mention ten topics, and you shout out the answers, which should consist of a maximum of three words. Alright?
Stenborg (hesitant): Okay.
You don’t necessarily have to shout.
Stenborg: Let’s go for it.
First topic: Shout Out Louds 2023.
Stenborg: Can’t imagine it.
Sweden getting zero points at Eurovision 2013.
Stenborg: I don’t care.
Sticking to the Optica-topic of astronomy: The most beautiful night sky you ever saw?
Stenborg: That’s in Kenya.
The most beautiful sundown?
Stenborg: Pacific Coast Highway.
Three key influences for Optica.
Stenborg: Comets. Sunlight. Apocalypse.
The best new artists in 2013.
Stenborg: Solange. Ducktails. David Bowie.
Topic number seven: shooting Videos.
Stenborg: Messy and fun.
Gyllene Tiders comeback.
Stenborg: Not for me.
The prospect of 27 shows within eight weeks this spring.
Stenborg: We’re really excited.
Okay, last one: Zlatan Ibrahimovic.
Stenborg: King of Sweden.
Well, you did very well, that was fun. Thank you very much!
Interview mit Tocotronic

Arne Zank (vorne) will mit Tocotronic auch im Jubiläumsjahr nicht nostalgisch werden. Foto: Universal Music/Sabine Reitmeier
Ein bisschen müde wirkt Arne Zank. Rund drei Wochen nach Erscheinen des zehnten Tocotronic-Albums Wie wir leben wollen macht die Band noch immer reichlich Promotion für die Platte, und als der Schlagzeuger am Ende unseres Gesprächs darauf verweist, dass jetzt „nicht mehr so viele“ Interviews kommen, kann man ein bisschen Erleichterung heraushören.
Trotzdem ist das Telefonat, das wir am Dienstag geführt haben, sehr nett. Gelegentlich weicht Arne Zank zwar ähnlich professionell einer Antwort aus wie ein Bundesligaprofi – sehr charmant (und gut begründet) vermeidet er es am liebsten, sich festzulegen. Aber er verrät auch, warum Tocotronic nicht den großen Song zur Krise schreiben werden, wieso er gerne im Auto gehört wird – und ob er die Texte von Dirk von Lowtzow versteht.
Hallo Arne! Wann hast du zuletzt ein Bier getrunken?
Arne Zank: Das ist noch nicht so lange her. Am Wochenende.
Und ein Glas Wein?
Zank: Auch am Wochenende. Alles gleichzeitig. Oder eigentlich: nacheinander.
Keine Sorge, wir werden jetzt nicht noch über Cocktails und Mineralwasser reden. Aber ich habe die These, dass es Biertrinkerbands gibt und Weintrinkerbands. Und Tocotronic haben sich in meinen Augen im Laufe ihrer Karriere von einer Biertrinker- zu einer Weintrinkerband entwickelt. Kannst du da zustimmen? Oder ist das eine Beleidigung?
Zank: Das finde ich völlig in Ordnung. Alle vier Leute in der Band sind leidenschaftliche Biertrinker, aber doch auch immer mehr dem Wein und auch anderen Genusswaren aufgeschlossen.
Ich habe die Unterscheidung eher auf die Situation des Hörens bezogen. Die alten Sachen passten wunderbar zu einem Bier in der Hand, in einer ranzigen Studentenkneipe. Das neue Album könnte man auch wunderbar ganz entspannt auf dem Sofa hören, mit einem Glas Wein auf dem Couchtisch.
Zank: Ich finde das wunderbar, wenn man die Platte auch auf dem Sofa mit einem gepflegten Glas Wein genießen kann. Das wäre ja eine Situation, in der man sich sehr intensiv mit der Musik beschäftigt und ganz gewissenhaft hört. Das kann sich durchaus auszahlen, gerade bei Wie wir leben wollen. Denn wir haben bei den Sounds und Arrangements sehr aufs Detail geachtet. Trotzdem meine ich, dass das für die alten Platten auch gilt. Die kann man auch auf dem Sofa hören. Vielleicht braucht man da ein paar Gläser mehr. (lacht)
Was wäre denn die ideale Hörsituation aus Sicht der Band? Wie kann man die Musik von Tocotronic am besten genießen?
Zank: Ich weiß es nicht. Ich versuche auch, diese Frage zu vermeiden, weil ich beim Musikmachen erst einmal von mir selbst ausgehen will – und mich nicht fragen möchte, welche Funktion ein Lied später vielleicht für einen Hörer erfüllen könnte. Aber ich mag die Vorstellung, dass unsere Musik im Auto gehört wird. Weil man da auf eine gewisse Art nebenbei, aber trotzdem konzentriert hört. Das ist eine interessante Situation. Ich empfinde es auch als ein schönes Kompliment, wenn jemand sagt, er höre uns gerne beim Bügeln oder beim Aufräumen der Wohnung, quasi als Ambient. Jeder benutzt die Musik ja so, wie er mag.
Ich würde gerne noch ein bisschen bei der Wirkung auf das Publikum bleiben. Wie wir leben wollen hat sich wieder gut verkauft und Platz 3 in den Charts erreicht. Spielen solche Erfolge für euch noch eine Rolle?
Zank: Das ist nicht unsere Leidenschaft, und es gehört auch immer eine Portion Glück dazu, etwa in der Frage, wer in dieser Woche alles noch neue Platten herausbringt. Aber wir achten da schon drauf. Wir wollen ja wissen, wie die Musik ankommt – und in gewisser Weise ist so eine Platzierung da ja durchaus ein Gradmesser. Natürlich freuen sich dann auch alle Beteiligten von der Plattenfirma und so weiter, wenn man sieht, dass das Album gut ankommt und dass eine Strategie aufgeht. Wir sind hoch zufrieden mit Platz 3.
Und wie sieht es mit der Rückmeldung der Kritiker aus? Ist die euch wichtig? Lest ihr Rezensionen oder schaut euch an, was in Fan-Foren zu einem neuen Album geschrieben wird?
Zank: Ich muss zugeben: Man ist schon sehr neugierig. Wir lesen sehr viel, und wir berichten uns auch gegenseitig davon, was wir gelesen haben. Aber man muss da auch aufpassen. Das kann zu schweren Traumata führen, oder zu Situationen, in denen man irgendwann nur noch um sich selber kreist. Noch viel mehr gilt das für Foren und alles, was im Internet sonst noch so verzapft wird. Das ist sehr viel – und es ist manchmal besser, wenn man das nicht alles liest.
Was war die schrägste Aussage, die du zu Wie wir leben wollen gelesen hast?
Zank: Das kann ich nicht so genau sagen. Dafür ist das alles noch zu viel und zu frisch. Das muss sich erst einmal setzen, und dann wird man vielleicht in einem halben Jahr erkennen können, was wirklich auffällig war.
Vermutlich gibt es reichlich Missverständnisse bei der Interpretation eurer Musik. Vor allem, weil die Texte in meinen Augen immer verklausulierter werden und ihr womöglich Spaß daran habt, damit Rätsel aufzugeben.
Zank: Klar werden Zeilen oder Lieder manchmal so ausgelegt, dass wir selbst von dieser Richtung überrascht sind. Aber von „Rätseln“ würde ich nur ungern sprechen. Das klingt, als ob es irgendwo eine Lösung dafür gäbe, die man nachschlagen könnte. Aber die gibt es ja gar nicht. Die haben wir auch selbst nicht – die Lösungsseite im Rätselheft, die suchen wir noch.
Wie läuft das innerhalb der Band? Ihr müsst die Stücke ja schließlich spielen – gehst du da manchmal hin zu Dirk und fragst: „Sag mal, was soll das bedeuten? Worum geht es in dem Lied eigentlich?“
Zank: Das kommt vor. Aber es ist selten, dass ich sage: „Erkläre mir doch mal, wie du dazu kamst.“ Häufiger geht es darum, dass sich jeder in der Band mit jedem Lied wohlfühlen muss. Alle haben da ein Vetorecht und dürfen mitreden, und in unseren Proben nehmen diese Diskussionen auch viel Raum ein. Dirk hält das sehr offen und ist einverstanden, wenn wir da alle reinquasseln. Aber als Autor hat er natürlich eine ganz andere Verantwortlichkeit für die Texte.
Geht ihr nach diesem Prozess mit fertigen Songs ins Studio? Oder bloß mit Ideen, die dann noch ausgearbeitet werden?
Zank: Wir haben bei den letzten Platten eigentlich immer eine Vorproduktion gemacht. Auch diesmal haben wir uns dafür sehr viel Zeit genommen. Der Proberaum bei Rick ist ja auch ein kleines Studio, und da haben wir beispielsweise schon sehr genau an den Arrangements gearbeitet. Wenn wir dann ins Studio gehen, sind wir sehr gut vorbereitet. Da geht es dann eher noch um die Feinheiten – und auch darum, sich noch einmal von dem überraschen zu lassen, was bei der Arbeit daran passiert.
Gab es diesmal irgendwann die Idee, das große Lied zur Krise zu schreiben, ein ganz explizites Statement zur Lage der Nation?
Zank (lacht): Nein. So arbeiten wir nicht. Natürlich haben wir das Tagesgeschehen im Blick, und manchmal bekommt man vor diesem Hintergrund noch einmal einen neuen Blick auf die Lieder. Aber es ist nicht so, dass es uns in den Fingern juckt, etwas zu tagesaktuellen Themen zu schreiben.
Hast du den Eindruck, dass das trotzdem von euch erwartet wird? Dass es Leute gibt, die meinen: Tocotronic haben dazu bestimmt etwas Relevantes zu sagen, und sie wären auch eine Stimme, die Gehör findet?
Zank: Vielleicht wird das von uns verlangt, sich dauernd zu allem zu äußern. Jan hat das mal den „Bekenntniszwang“ genannt. Wenn man es positiv sieht, kann man das vielleicht als Respektsbezeugung betrachten. Aber im Allgemeinen finde ich das eher schwierig und unangenehm. Gerade als Musiker sollte man sich manchmal lieber raushalten. Man weiß oft gar nicht, was man für eine Meinung hat. Schon gar nicht kann man zu viert in einer Band eine definitive Meinung vertreten. Und wenn man sich dann doch äußert, kann das schnell anmaßend wirken. Man erlebt da ja genug Beispiele von öffentlichen Personen, die Statements zu irgendwelchen Themen abgeben. Bei denen denke ich oft: „Hättest du mal lieber die Klappe gehalten. Du hast doch gar keine Ahnung davon.“
Sicherlich spielt auch der Anspruch eine Rolle, eurer Musik eine Bedeutung und Gültigkeit über den Moment hinaus zu verschaffen.
Zank: Ja, das ist der Anspruch. Wir arbeiten normalerweise sehr lange an einem neuen Album. Im besten Falle entsteht dadurch eine gewissen Allgemeingültigkeit, Kunst, Poesie. Auf der anderen Seite sind wir ja auch nicht aus der Zeit gefallen. So sehr wir unseren Elfenbeinturm auch mögen: Er ist nicht allzu hoch. Wir kriegen sehr viel mit, wir sind politisch interessiert, wir musizieren nicht im luftleeren Raum.
Gab es Dinge, die euch für Wie wir leben wollen besonders stark beeinflusst haben? Themen, Bücher, Bands?
Zank: Jede Menge, da lässt sich jetzt kaum etwas Bestimmtes herauspicken. Auf der Platte sind 17 Stücke und da fließt ganz viel ein, was man gelesen hat, im Kino gesehen oder von Leuten erzählt bekommen hat.
Dann zoomen wir doch mal ein bisschen raus und betrachten das ganz große Bild. Wenn du auf die Einflüsse für 20 Jahre Tocotronic blickst: Ohne welche drei Bands hätte es euch nie in dieser Form und mit dieser Entwicklung geben können?
Zank: So etwas finde ich ganz schwer. Wenn ich drei Lieblingsplatten benennen muss, dann höre ich die ganzen anderen Platten schon weinen, weil sie nicht dabei sind. Es ist ein Wust aus Einflüssen. Und ich versuche es auch zu vermeiden, einer bestimmten Band allzu sehr nachzueifern. Das fühlte sich immer seltsam an, wenn wir so klar zuzuordnen waren. Da kriegt man Beklemmung und versucht lieber, weitere Brüche zu erzeugen.
Dann probiere ich die Frage noch mal umgekehrt: Fallen dir drei Bands ein, die es ohne den Einfluss von Tocotronic nicht gegeben hätte?
Zank: Das ist ja noch schwieriger! Wir haben da bestimmt einiges Schönes und auch Schlimmes angerichtet. Aber man kann ja nicht immer nachvollziehen, wen man jetzt wirklich beeinflusst hat. Es kam schon vor, dass ich dachte, irgendeine Band sei besonders nah an uns dran, die kamen dann in Wirklichkeit aber aus einer ganz anderen Richtung.
Aber es gibt ja auch Bands, die sich ganz explizit auf euch berufen. Die zum Beispiel sagen: „Nur wegen Tocotronic haben wir auch eine Band gegründet.“
Zank: Das finde ich immer toll. Wenn wir jemanden dazu inspirieren und ihm so einen Kick verschaffen konnten, ist das wunderbar. Das war ja bei uns ähnlich: Wir sind mit Punk und Hardcore aufgewachsen und haben dann irgendwann erkannt, wie man diese Musik selbst machen kann.
Seitdem sind 20 Jahre vergangen. Spielt das Jubiläum innerhalb der Band eine große Rolle?
Zank: Zunächst ist das ein netter Zufall, dass wir im 20. Jahr unseres Bestehens die 10. Platte machen. Aber die Rückschau macht einen auch ein bisschen kirre oder unangenehm nostalgisch. Wir staunen meistens selbst, dass wir jetzt schon 20 Jahre auf dem Kerbholz haben. Wir sehen das einfach als einen Anlass zum Feiern – und den nehmen wir eh immer gerne an.
Interview mit Disco Ensemble
An English version of this interview is available here.
So soll also Rock’N’Roll aussehen? Ein ziemlich trostloses Zimmer, ein paar Sofas, auf denen acht Männer sitzen, die durchweg stur auf ihre Notebooks starten. So sieht es aus, als ich kurz vor der Show von Disco Ensemble in Leipzig ins Conne Island komme. Als ich mich mit Sänger Miikka Koivisto und Gitarrist Jussi Ylikoski in einen Nebenraum zum Interview zurückziehe, wird es auch nicht besser: Hier herrscht ebenfalls ein derart ungemütliches Chaos, dass man kurz den Verdacht hat, es wäre vielleicht keine allzu gute Idee, beispielsweise die Gesundheitsversorgung des Landes in die Hände einer jungen, linken, popaffinen Selbstverwaltung zu legen. Und auch Miikka ist in keinem allzu guten Zustand: Zum Interview erscheint er mit dickem Wollpulli und Strickmütze, andauernd muss er husten. Es wird trotzdem ein sehr interessantes Gespräch über Tod, Leidenschaft – und Durchfall.
Hallo Miikka, hallo Jussi! Die Europa-Tour steht kurz vor dem Abschluss. Wie läuft es bisher?
Jussi: Die Tour war wirklich gut. Wir sind zwar etwas ausgelaugt, aber ich verspreche dir, dass man davon auf der Bühne nichts bemerken wird.
Miikka: Wir sind mittlerweile dazu übergegangen, dass wir den ganzen Tag lang gar nichts mehr machen, damit wir all die verbliebene Energie in die Show stecken können.
Ich habe eine Idee, um das Interview für euch hoffentlich einigermaßen interessant werden zu lassen. Ich habe mir euer neues Album Warriors angehört und aus jedem Song eine Zeile rausgesucht, aus der ich dann eine Frage entwickelt habe. Ich hoffe, das wird ein bisschen spannender als die üblichen Fragen à la „Wieso heißt ihr eigentlich Disco Ensemble“.
Beide: Oh, danke.
Okay, fangen wir an. Im Intro gibt es die Zeile “What can you do when they finally find out the truth”. Meine Frage ist: Welche Wahrheiten gibt es über Disco Ensemble, die die Leute lieber nicht herausfinden sollten?
Miikka: Gute Frage. Seit es das Internet gibt, ist es ja fast unmöglich geworden, ein Geheimnis zu bewahren. Aber die Wahrheit, die lieber nicht nach außen dringen soll, ist vielleicht unser Tour-Alltag. Ich glaube nicht, dass die Fans das sehen sollten. Du hast es ja gerade selbst mitbekommen: Das ist nicht sonderlich glamourös, meistens sitzen da einfach nur ein paar Typen mit ihren Laptops rum. Und der Humor wird wirklich dämlich, wenn wir eine Weile so zusammen sind. Wenn die Leute davon nichts mitkriegen, ist es wahrscheinlich besser.
Jussi: Stimmt. Es gibt ja diese Klischee-Vorstellung von Fans, die ihrer Lieblingsband hinterherreisen und auf Schritt und Tritt folgen. Wenn unsere Fans das zwei Tage lang machen würden, vor allem jetzt, wo wir fast am Ende der Tour sind, wären sie wahrscheinlich geschockt, wie das wirklich abläuft.
Ist es euch schon einmal passiert, dass im Netz etwas Peinliches enthüllt wurde, das ihr lieber geheim gehalten hättet? Schlimme YouTube-Videos oder Twitpics, auf denen ihr betrunken seid?
Miikka: Nein. Das liegt auch daran, dass wir – auch in Finnland, wo wir ein ganzes Stück erfolgreicher sind als hier – sehr bodenständig sind.
Seid ihr einverstanden mit der Wahrnehmung von Disco Ensemble? Haben die Fans einen zutreffenden Eindruck davon, wer ihr seid?
Jussi: Ja, ich denke schon. Wir sind ziemlich normale Leute. Wir verdienen unser Geld in einer Rockband, aber sonst sind wir einigermaßen durchschnittlich. Die Leute, die uns ein bisschen besser kennen, wissen das auch.
Miikka: Darin liegt in meinen Augen auch etwas Glamouröses: Wir sind ganz normale Typen, aber auf der Bühne können wir jeden Abend eine Stunde lang die Sau raus lassen. Ich denke, dass man das auch bewundernswert finden kann.
Jussi: Stimmt. Die Vorstellung, dass sich Leute wie wir auf so eine Weise verwandeln können, ist sicherlich ungewöhnlich. Und das gefällt den Leuten.
Zweites Lied, Second Soul. Ich habe eine Zeile aus dem Refrain ausgesucht, „You will find a second soul“. Es geht um die berühmte Seelenverwandte, die man irgendwann in seinem Leben zu treffen hofft. Habt ihr eure schon gefunden? Und wenn ja: Wie kommt ihr damit klar, dann wochenlang getrennt zu sein, wenn ihr auf Tour seid?
Miikka: Das ist schwer zu sagen. Wir haben alle Freundinnen oder Ehefrauen. Aber wir machen jetzt schon so lange Musik, dass wir uns wahrscheinlich an solche Phasen der Trennung gewöhnt haben. Ich schätze, jeder hat seine eigene Methode, um damit klarzukommen.
Jussi: Mit fiel das früher schwerer, da habe ich größeres Heimweh gehabt. Das passiert jetzt manchmal auch noch, aber auf andere Weise. Weißt du, wir haben alle Kinder, das macht es natürlich auch schwierig, wenn man so lange weg ist. Aber für mich ist es diesmal erstaunlich unproblematisch.
Miikka: Weißt du, wir waren jetzt schon sehr oft auf Tour und sind immer wieder nach Hause gekommen, und dieses Zuhause war immer noch da. Irgendwann vertraut man einfach darauf, dass es immer so sein wird.
Habt ihr jemals mit dem Gedanken gespielt, die Familie einfach mit auf Tour zu nehmen?
Miikka: Nicht auf diesem Level. Das wäre Folter.
Jussi: Ja, ich kann mir nicht vorstellen, dass ihnen das gefallen würde. Nach zwei Tagen würden sie wahrscheinlich anfangen zu meckern – und ich könnte das gut verstehen. Das ist einfach kein Leben für Leute, die nicht leidenschaftlich gerne Rockmusik machen wollen. Aber bei Festivals im Sommer steht die Familie manchmal am Rand der Bühne und schaut sich von dort die Show an, das mögen sie.
“You have too much feelings in your heart” ist die nächste Zeile, aus Too Much Feelings. Ich würde behaupten, dass es Leute auf der Welt gibt, die zu viel Herz haben, und Leute, die zu viel Hirn haben. Gibt es jemanden, dem ihr ein bisschen mehr Herz, Wärme und Mitgefühl wünschen würdet?
Miikka: Das ist spannend. Aber schwierig (lange Pause).
Jussi: Eine gute Frage. Vielleicht zu gut.
Miikka: Ich verstehe aber, was du meinst. Diese Leute, die man anschaut und sich sofort fragen muss: Warum sind die so? Wie können die nur so eiskalt sein? Vielleicht ist Kimi Raikkönen so jemand. Eine blöde Antwort. Aber er sieht wirklich aus, als hasse er, was er da tut. Total desinteressiert.
Jussi: Meine Theorie ist ja, dass er einfach das Fahren liebt und sonst nichts. Er steckt seine ganze Leidenschaft in Autorennen.
Danke. Nächstes Lied, Eartha Kitt. Da stellt ihr im Text sogar selbst eine Frage, nämlich “Do you remember?” Deshalb würde ich gerne wissen: Was ist eure schönste Erinnerung aus den 15 Jahren, die ihr jetzt schon als Disco Ensemble zusammen seid?
Miikka: Auch eine gute Frage. (Denkt ein bisschen nach) Etwas, das ich nie vergessen werde, ist unsere erste Europa-Tour. Damals gab es noch keine Navigationssysteme und wir hatten im Bus riesige Landkarten mit kleinen Zetteln dran. Auf denen standen dann Wegbeschreibungen wie „Nach dem zweiten Baum links abbiegen“. Wir haben nämlich fast nur in kleinen Läden gespielt. Unser Manager hatte einfach ein paar Freunde in Clubs in ganz Europa angerufen und daraus dann eine Tour zusammengestellt. Das war ein echtes Abenteuer. Verrückt.
Jussi: Besonders spannend wurde es im Januar. Da waren wir im Baltikum unterwegs und wollten danach zurück nach Finnland. Die Straßen waren verdammt glatt und wir hatten den ganzen Kofferraum voller Winterreifen und Schneeketten und so. Manchmal mussten wir trotzdem befürchten, dass wir nie mehr zurückkommen.
Und wie sollen sich die Fans einmal an Disco Ensemble erinnern, falls es euch irgendwann nicht mehr gibt?
Jussi: Ich weiß nicht. Natürlich hat jeder seine eigenen Erinnerungen. Aber wir haben uns immer als Live-Band betrachtet. Wenn jemand sich also an ein tolles Live-Erlebnis erinnert, das wäre schön.
Miikka: Ja. Wenn sie sagen: Diese Typen von Disco Ensemble haben unvergessliche Konzerte gespielt – das wäre ein schönes Vermächtnis.
Als nächstes kommt I’ve Seen The Future. Es ist nicht sehr originell, aber natürlich leitet sich daraus die Frage ab, wie eure Zukunftspläne aussehen. Wo seht ihr euch in zehn Jahren?
Miikka: Das ist schwer zu sagen. Dies ist kein Geschäft, in dem man gut planen kann.
Jussi: Wir denken immer nur von Album zu Album und schauen dann, was passiert. Wir setzen uns zusammen und fragen uns, ob es noch Sinn macht. So wird es diesmal wieder sein.
Dies könnte also auch eure letzte Tour sein und Warriors das letzte Album?
Jussi: Wer weiß? Niemand sagt, dass wir uns trennen werden. Aber es muss Sinn machen, wenn wir weiter machen. Man braucht die nötige Leidenschaft. Und ich hoffe, dass wir die dann alle noch haben.
Ich hätte aus I’ve Seen The Future auch eine andere Zeile wählen können, nämlich “How can you trust me when you don’t even know me”. Es geht darin um Vertrauen und Betrug. Ist euch so etwas als Band schon einmal passiert? Seid ihr schlimm enttäuscht oder hintergangen worden?
Miikka: Nein, und das haben wir unserem Manager zu verdanken. Wir kennen ihn schon sehr, sehr lange und er war seit den Anfangstagen der Band dabei.
Jussi: Er ist so etwas wie der Filter zwischen uns und all den Enttäuschungen. Er beschützt uns vor einer Menge Problemen, weil er sie abbekommt.
Miikka: Uns ist klar, wie glücklich wir uns da schätzen können. Musik ist schließlich ein seltsames Geschäft, das alle möglichen seltsamen Gestalten anzieht. Und wir hören ja auch die Horrorgeschichten von anderen. Eine Band, die wir kennen, hatte einen Manager, der so etwas wie der ultimative Bösewicht war. Ein echt unangenehmer Typ. Eines Tages hat er all ihre Merchandising-Einnahmen genommen und sich damit nach Griechenland abgesetzt.
Autsch. Reden wir lieber über den nächsten Song, With Every Step. Ich habe wieder eine naheliegende Zeile ausgesucht, nämlich “It hurts with every step”. Was war denn für euch der schlimmste Schmerz, den ihr je fühlen musstet?
Miikka: Wahrscheinlich eine Show in Holland, irgendwann um 2006 herum. Da ging es mir wirklich dreckig. Ich hatte Durchfall und schlimmes Fieber und wir sollten in Amsterdam spielen. Ich habe keine Ahnung, warum wir die Show nicht abgesagt haben. Ich habe die ganze Zeit da gestanden und hatte Angst, dass ich mir mitten auf der Bühne in die Hosen scheiße. Das war das Schlimmste.
Jussi (kichert): Davon wusste ich gar nichts. Sorry, dass ich lachen muss.
Was war denn für dich der schlimmste Schmerz, Jussi?
Jussi: Der Tod meines Vaters vor zwölf Jahren. Ich war schon alt genug, um damit umgehen zu können und auch schon zuhause ausgezogen. Aber das war natürlich ein schwerer Schlag.
Okay, danke. Machen wir weiter mit Hologram, das die Zeile “You better be sure when you turn that card” enthält. Sie steht für den Moment, in dem man weiß, dass eine Entscheidung große Bedeutung hat, man aber trotzdem nicht sicher sein kann, wie man sich entscheiden soll. Gab es solche Momente im Entstehungsprozess von Warriors?
Miikka: Ja. Wenn man ein Album macht, wird es vor allem gegen Ende oft heikel. Dann denkt man, jede kleine Veränderung könnte das ganze Ergebnis ruinieren. Alles fühlt sich dann super-bedeutend an, sogar die Sachen, die der Hörer am Ende wahrscheinlich sowieso nicht mitbekommt.
Jussi: Im Aufnahmeprozess ist man ständig in der Situation, dass man Entscheidungen treffen muss, die man nicht mehr rückgängig machen kann. Je näher die Deadline rückt, desto schwieriger fühlt sich das an. Da kann man nur auf den Prozess an sich vertrauen und auf die Leute um einen herum.
Gibt es dann Streit im Studio?
Jussi: Es gibt manchmal dicke Luft, vor allem, wenn die Deadline in Sicht ist. Da sind vier Paar Ohren anwesend, denen das Ergebnis gefallen muss. Es ist schwierig, das alles unter einen Hut zu bekommen und es kann wirklich stressig sein, da immer wieder einen Kompromiss zu finden. Aber diesmal haben wir vergleichsweise wenig Diskussionen gehabt. Wahrscheinlich lag das einfach daran, dass wir kaum gleichzeitig im Studio waren, sondern jeder seine Parts für sich eingespielt hat. Es war also gar niemand da war, mit dem man hätte diskutieren können, außer dem Produzenten – und der ist hart genug. (lacht)
Miikka (schmunzelt): Unsere Band ist eine ziemlich empfindliche Demokratie. Aber das macht auch einen Teil ihrer Schönheit aus.
Als nächstes kommt Spade Is The Anti-Heart. Ein toller Songtitel, wie ich finde. Wie seid ihr darauf gekommen? Ich hoffe, es hat nichts mit Online-Poker zu tun?
Miikka (lacht): Nein. Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf gekommen sind. Wir haben im Proberaum irgendetwas gespielt, ganz klassisch, und ich habe einfach irgendetwas dazu gebrabbelt. Die Worte kamen einfach so aus mir raus.
Es gibt ziemlich viele Stellen auf Warriors, an denen es um irgendetwas mit „Herz“ geht. Einigermaßen ungewöhnlich für eine harte Rockband.
Miikka: Naja, es ist einigermaßen naheliegend, dass man darüber singen möchte, was man auf dem Herzen hat. Es ist leicht, daraus Texte zu machen. Und mittlerweile bin ich auch ein Freund von Klischees. Auf unseren ersten Platten habe ich noch versucht, die Texte so kompliziert wie möglich zu machen. Heutzutage habe ich auch kein Problem damit, das Naheliegende zu wählen. Manchmal ist das einfach das Beste. Wenn es sich gut anfühlt, warum sollte ich es dann verändern? Auch wenn es sich vielleicht manchmal kitschig anhört. Ich mag vor allem den Kontrast, wenn ich etwas erst auf sehr komplizierte Weise ausdrücke und dann in ganz einfachen Worten.
Damit sind wir bei Chinese Sword angekommen. Die letzte Strophe beginnt mit der Zeile “Only crime and then was another”. Daher die Frage: Habt ihr schon einmal gegen das Gesetz verstoßen?
Jussi: Als Kind habe ich jede Menge Süßigkeiten geklaut in dem Laden bei uns im Ort. Ich wurde aber nie erwischt. Meine Kumpels wurden geschnappt, und ich stand daneben mit den Taschen voller Schokoriegel und habe einfach Glück gehabt. Ich würde gerne mal wissen, wie die da heute reagieren würden, wenn ein erwachsener Mann noch Süßigkeiten klaut.
Miikka, wie sieht es bei dir aus? Hast du eine weiße Weste?
Miikka: Ja, so gut wie. Nichts wirklich Ernsthaftes.
Gut. Aus 1000 Years habe ich wieder eine Zeile aus dem Refrain ausgesucht, “If you wait for a 1000 years, you can wait for a 1000 more.” Es geht darin um Geduld und deshalb möchte ich gerne wissen: Wer ist bei Disco Ensemble am ungeduldigsten?
Jussi: Ich bin ein ziemlich ungeduldiger Typ. Ich denke, dass Geduld etwas ist, das man später bereut, wenn man alt ist. Es ist schwer, geduldig zu sein bei einer Sache, die einem wirklich am Herzen liegt.
Denkt ihr, dass Geduld eine hilfreiche Eigenschaft für Bands ist? Vielleicht sogar eine notwendige?
Miikka: Nein. Ich denke, dass Geduld erst dann gefragt ist, wenn es langweilig wird. So lange man das gerne tut, was man tut, braucht man keine Geduld.
Jussi: Es gibt natürlich noch ein paar Dinge, die wir gerne erreichen wollen als Band. Aber ob wir das schaffen, hängt sicher nicht davon ab, ob wir geduldig genug dafür sind oder nicht.
Stimmt. Jetzt also der letzte Song, Your Shadow. Gleich die erste Zeile heißt “It’s a phone call from a dead man”. Mit welchem Toten würdet ihr denn gerne mal ein Telefonat führen?
Miikka (nach langer Pause): Das ist interessant.
Jussi: Ja, eine gute Frage. Aber schwer, da eine spontane Antwort zu finden. Man will ja nicht so etwas Offensichtliches sagen wie Elvis oder so.
Warum nicht? Vielleicht könnte er euch ein paar Tipps geben?
Miikka: Ich glaube nicht, dass ich Tipps von den Toten brauche. Ich würde lieber versuchen, durch so ein Gespräch etwas aufzuklären. Ich würde jemanden aussuchen, dessen Tod ein Mysterium ist.
Jussi: Vielleicht dieser Typ von den Manic Street Preachers. Ich bin aber nicht sicher, ob der offiziell für tot erklärt wurde.
Miikka: Olaf Palme!
Jussi: Ja! Das ist super.
Ihr würdet ihn also fragen, wer ihn ermordet hat?
Miikka: Genau. Allerdings wurde er im Dunkeln erschossen, vielleicht hat er seinen Mörder also gar nicht erkennen können. Aber es wäre toll, wenn man ihn fragen könnte.
Jussi: Ich würde mit Lee Harvey Oswald telefonieren. Und ihn fragen, ob er wirklich John F. Kennedy erschossen hat.
Das sind zwei originelle Ideen. Danke für das Gespräch.
Interview with Disco Ensemble
This does not look like Rock’N'Roll. I meet Disco Ensemble just before their gig in Leipzig,very close to the end of their European tour. The scene I encounter is eight men sitting on sofas, typing into their notebooks. No guitars, no girls, not even a beer in sight. It does not get any more glamourous once I moved with singer Miikka Koivisto and guitar player Jussi Ylikoski into a room nearby which looks rather shambolic as well. Miikka does not seem too healthy, coughing throughout the interview. But who needs a nice setting if you have got two people willing to talk about death and diarrhea, arguments and shoplifting? Because that is just what I get in this interview with Disco Ensemble. Let’s go for it.
Hi Miikka, hi Jussi! You have almost made it to the end of your European dates. How are you doing?
Jussi Ylikoski: The tour’s been very, very good. We are a bit tired now. But we promise: You can’t see that when we are on stage.
Miikka Koivisto: It gets to the point where you don’t do anything all day, because you don’t have the energy. You save it all for the show.
So I hope I can cheer you up a little with this. What I would like to do is pick one line out of each song of your new album Warriors and turn it into a question. I hope this makes it a bit more interesting for you than being asked how you chose the name of your band.
Both: Oh, thank you.
Okay, let’s begin and see if it works. The Intro includes the line “What can you do when they finally find out the truth”. My question is: Are there any truths about Disco Ensemble that you would not like to be found out? That you would rather keep a secret?
Miikka: Good question. You know, with the internet nothing stays a mystery. So it is really hard to keep a secret. But I am not sure if I would like fans to see what our life on the road looks like. You have just seen it: It’s not very glamourous, there’s nothing exciting, most of the time it’s just some guys and their laptops. After a couple of days the humor gets so stupid. So it might be better that people don’t really know what bands do most of their day.
Jussi: That’s right. You have that cliché that fans follow bands. If they did that for two days, especially now that we are so close to the end of the tour, that would be a shock for fans to see.
Have there been any embarrassing secrets revealed about you already? YouTube-footage that you would like to delete or Twitpics showing you drunk?
Miikka: No. I think – even in Finland, where we are more popular than here – we are pretty down to earth.
Are you at ease with how Disco Ensemble is received, all in all? Have fans got the right impression of who you are?
Jussi: Yes, I think so. We are pretty normal people. We play in a rock band for a living, but apart from that we are pretty average. And the ones who know us a little better know that.
Miikka: But I think there is something glamourous about that as well: We are normal guys, but when we go on stage, we put on a great show and we go nuts for one hour per day. I think that is something that you can admire and look up to as well.
Jussi: Yeah. The idea, that it is possible for people like us to transform into what we are on stage is unusual for people to see. And they like it.
Song number two, Second Soul. I picked a line from the chorus, “you will find a second soul”. The old idea of meeting the one person that is made for you and that you want to spend the rest of your life with. Have you found your soulmates already? And if so: What is it like to be so far apart for so long when you are on tour?
Miikka: It’s hard to say. We’ve got wifes or girlfriends, but we’ve been doing this for so long that we kind of got used to it. I guess all of us have their own method of coping with it.
Jussi: I used to get more homesick in the early days of the band. Sometimes I still do now, but it’s different. See, we all have kids, so that makes it hard as well. But it’s surprisingly easy for me this time.
Miikka: You know, we’ve been on tour so many times and then you come home and home is always there. You kind of trust that it will always be like that.
Did you ever think about taking girlfriends, wifes or children with you on tour?
Miikka: Not on this scale, that would be torture.
Jussi: Yeah, I don’t think they would like it. After two days they would probably all be complaining. Which I would understand. This is no lifestyle for people who have no passion for playing in a rock band. But sometimes at festivals in the summertime we invite our families and they watch the show from the side of the stage. They enjoy that.
“You have too much feelings in your heart” is a line from the third song of your album called, as you may have guessed, Too Much Feelings. My thesis is that there are people in this world who have got too much feelings and might turn into romantics on the one hand and people who have got too few feelings and might turn into brainiacs on the other hand. Would you agree? And can you name some brainiac that you wish had a little more feeling and compassion?
Miikka: That’s a good one. But it’s tough. (lengthy pause)
Jussi: It’s a good question. Maybe too good.
Miikka: But I see what you mean. There are those people. You’re looking at them and you ask yourself: Why are they like that? How can they be so cold? Maybe Kimi Raikkönen is one of those. It’s a cheesy answer. But he really looks like he hates what he is doing. Totally disinterested.
Jussi: My theory is that he loves to drive. Maybe he puts all his passion into racing.
Thank you. Next song, Eartha Kitt. This time I chose a question that you pose yourself in the lyrics, “Do you remember?” What I would like to know is: What will you one day remember about your days in Disco Ensemble? What is your greatest memory looking back on the 15 years that you have been in the band so far?
Miikka: That’s a good question as well. (Thinks for a bit) One thing that I will always remember is our first European tour. That was a major thing. It was in the days before GPS and we had huge maps in the van and lots of post-its which said weird things like “Turn left after the second tree” or something. Our manager just asked his friends in some venues in Europe and put a tour together like that. That was a real adventure. Mental.
Jussi: The most exciting part was probably in January, when we were in the Baltic countries on our way back to Finland. The roads were slippery and the whole back of the van was filled with extra winter tires and spikes and so on. We almost didn’t believe we would make it back anymore.
What would you like your fans to remember about Disco Ensemble? What should their memories look like if you split up or retire one day?
Jussi: I don’t know. Of course everybody has their own memories. But I think we always saw ourselves as a live band. If someone had a great experience seeing us live, that would be fine.
Miikka: Yeah. If they say: Disco Ensemble – those guys played great gigs that I will never forget, that would be good.
Next up is I’ve Seen The Future, and I lazily decided to just talk about the song title. Where do you see yourselves in 10 years time?
Miikka: That’s hard to say. This is not a business for making plans.
Jussi: We tend to do one album at a time and after that we see what happens. We sit down and talk about if it still makes sense. That’s what we will do this time, as well.
So this could mean this is your last tour and Warriors is your last album?
Jussi: You never know. Nobody’s saying that we are going to split up. But it needs to make sense to continue. You need the passion to do it. And I hope we will all have it.
Another line from the song is “How can you trust me when you don’t even know me”, it’s about the difficult task of finding out who is honest and who is not. Have you had any bad experiences in that regard as a band? Has there ever been a major let-down in your career?
Miikka: No, thanks to our manager. We’ve known him for a long, long time and he’s been with the band right from the start.
Jussi: He is like the filter between disappointment and us. He protects us from a lot of problems.
Miikka: But we know that we are very fortunate with a manager like that. It’s a weird business which attracts all kinds of strange people. We hear horror stories from other bands that we know. There’s one about a manager who seems like the textbook villain. A really unpleasant guy, who one day took all the bands merchandise money and disappeared. Later they found out that he had an address in Greece.
Next song, With Every Step, another very obvious choice: “It hurts with every step”. What was the worst pain you ever felt in your life, either physically or emotionally?
Miikka: There was one show in Holland, some time around 2006, when I felt really bad. I had diarrhea and a huge fever before we had to play in Amsterdam. I have no idea why we played the show. I was just standing there and thought I was going to shit myself right in the middle of our gig. That was the worst.
Jussi: I never knew about that. Sorry I am laughing.
So how about you, Jussi?
Jussi: The worst pain I ever felt was probably after the death of my father, twelve years ago. I was old enough to deal with it and I had already left home. But of course that was a major loss.
Okay, thank you. Let’s move on to Hologram, which includes the line “You better be sure when you turn that card”. It is about making decisions without really being aware of the consequences. About the courage it takes to do it nevertheless. Were there situations like that during the making of Warriors? What was the bravest decision you had to make?
Miikka: When you’re making an album, especially in the last stages, it feels like the smallest adjustments can ruin everything. Everything feels super important then, even stuff that the listener probably won’t even notice.
Jussi: Making records you are constantly in a position where you have to make decisions and there is no turning back. The closer you get to the deadline, the worse it gets. In a situation like that you can only trust the process itself and the people around you.
Do you argue about those decisions?
Jussi: It gets tense sometimes, especially when the deadline approaches. You have four pairs of ears and everyone has got their own opinion and their own ideas, that is really difficult to deal with. It can wear you down. But we argued surprisingly little making this album. That is probably down to the fact that everybody put down their parts on their own. So most of the time there was no one around to argue with, apart from the producer – and that was enough. (laughs)
Miikka: I’s a delicate democracy. But that’s part of the beauty of it, as well.
Next up, Spade Is The Anti-Heart which is not only a great line but also a great song title in my opinion. How did that come up? I guess it’s got nothing to do with online poker?
Miikka (laughs): No. I don’t really remember where it came from. We played something in the rehearsals, quite traditionally, and I just blabbered something on top of that. The words just came out.
There is quite a lot of heart stuff going on in the lyrics. Was that on purpose? Because it is quite a dodgy topic for a rock band.
Miikka: Well, it is an obvious thing to sing about what goes on in your heart. It’s an easy thing to put into lyrics. And I have really grown to like clichés. On our first records I tried to be as complicated as I could with the lyrics. Nowadays I’ve come to embrace the easier solutions. Sometimes they’re the best. If it feels good, why change it? Even if it might sound cheesy sometimes. I like the contrast of saying something in a really complicated way and then getting the same message across in a very straightforward way.
Next up is Chinese Sword. At the beginning of the last verse you sing “Only crime and then was another”. That leads to my question if you ever committed any crimes?
Jussi: As a kid I stole lots of candy from the store with my friends. But I never got caught. They did, and I stood next to them with candy bars in my pockets and was just a little more lucky than them. I wonder what would happen today, if a grown man would steal candy bars.
Miikka, how about you? You got a clean record?
Miikka: Yes, almost. Nothing too serious.
Alright. We’ve arrived at 1000 Years and once again I picked a line from the chorus: “If you wait for a 1000 years, you can wait for a 1000 more.” That’s why I would like to ask you about patience. Who is the most impatient member of Disco Ensemble?
Jussi: I am a really impatient person myself. I think patience is something that you might regret when you are old. I think it’s just hard to be patient with something that you feel passionate about.
Do you think patience is helpful for a band or even necessary?
Miikka: No. I think that patience only becomes important if things start to get boring. As long as you enjoy what you are doing there’s no need for patience.
Jussi: Of course there’s still things that we want to achieve. But whether we achieve it or not is probably not up to the fact if we are patient or not.
Last song, Your Shadow. It starts with the line “It’s a phone call from a dead man”. If you could ask a dead man to call you: Who would you like to have a little chat with?
Miikka (after a lengthy pause): That’s a good one.
Jussi: Yeah, it’s a good question. But it’s hard to come up with a straight answer. You don’t want to go for someone obvious like Elvis.
Why not? Maybe he could give you some advice?
Miikka: I don’t think that I need any advice from the dead. But It would be great if you could solve something by talking to that dead man. Maybe someone whose death is a mystery.
Jussi: Maybe that guy from Manic Street Preachers. But I’m not sure if he’s officially dead.
Miikka: Olof Palme!
Jussi: Yeah! That’s a good one.
So you would like to ask who killed him?
Miikka: Yes, exactly. He got shot in the dark, so maybe he couldn’t see his own killer. But it would be great to find out.
Jussi: I’ll go for Lee Harvey Oswald. I’d ask him if he really shot John F. Kennedy.
That’s two great ideas and it was a very nice chat. Thank you very much.
Interview mit den Maccabees
Dear English speaking readers! You can find an English version of this interview with Hugo White, guitar player in The Maccabees, here.
Es war ein gutes Jahr für die Maccabees. Given To The Wild, ihr drittes Album wurde von den Kritikern gefeiert, von den Fans fleißig gekauft (vor ein paar Tagen wurde Goldstatus im UK erreicht) und womöglich in der kommenden Woche sogar mit dem prestigeträchtigen Mercury Prize ausgezeichnet. Dazu kam Dauerpräsenz bei den Festivals, samt einiger unvergesslicher Momente. Beim Highfield habe ich mit Hugo White eine Zwischenbilanz gezogen. Der Maccabees-Gitarrist spricht über die Dynamik in der Band, ein Beinahe-Treffen mit Bob Dylan und die Frage, ob man neidisch wird, wenn einstige Wegbegleiter wie Florence & The Machine plötzlich zu Weltstars werden.
Hi, Hugo. Ihr habt vor drei Jahren schon einmal beim Highfield gespielt. Kannst du dich noch daran erinnern?
Hugo White: Ich weiß noch, dass ich mich hinter der Bühne hinlegen musste, weil es so unglaublich heiß war. Aber das ist so ziemlich das Einzige, woran ich mich erinnere. Wir haben jetzt bei so vielen Festivals gespielt, vor allem in diesem Sommer, dass sich die Eindrücke immer mehr vermischen.
Was war für dich der schönste Moment des Festivalsommers?
White: Der ganze Sommer war großartig, die ganzen großen Festivals. Viel besser, als wir uns das hätten erträumen können. Mein Highlight war der Auftritt beim Benicassim, denn da spielten wir direkt nach Bob Dylan, den ich sehr verehre. Normalerweise darf niemand auf die Bühne, wenn er spielt. Alles ist voller Security und es gibt keine Chance, irgendwie an ihn heranzukommen. Aber wir haben denen einfach erzählt, dass wir schon mal unser Equipment checken müssen, weil wir direkt nach ihm spielen. So konnten wir am Rand der Bühne stehen und von dort aus erleben, wie er Like A Rolling Stone spielt. Das war großartig.
Habt ihr ihn auch getroffen?
White: Nein. Ich glaube, das schafft keiner. Er schaut die Leute um sich herum nicht einmal an, und ich mag das. Er kommt nicht, um sich beliebt zu machen. Er kommt, um Musik zu machen, und er macht das nun einmal auf diese bestimmte Weise. Bewundernswert.
Konntest du wenigstens ein Souvenir einsacken? Irgendetwas, das er auf der Bühne vergessen hat?
White: Ja, ich habe ein Plektrum!
Ich schätze, das hat jetzt einen Ehrenplatz irgendwo in deinem Haus bekommen?
White: Naja, ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung mehr, wo es ist. Aber zum Glück habe ich noch ein Souvenir: Ein Freund von mir arbeitet als Gitarrenroadie unter anderem für Mumford & Sons. Und als die neulich mit Bob Dylan gespielt haben, bei den Grammy’s oder so, da hat er mir einen Aufkleber besorgt, der auf einem Gitarrenkoffer von Bob Dylan klebte. „Bob Dylan acoustic“ steht drauf, und das Ding hängt jetzt bei mir an der Wand.
Nach den Festivals steht eine Tour mit Florence & The Machine an. Ihr seid gut befreundet, oder?
White: Ja, wir kennen sie schon ziemlich lange, so wie einige andere aus dieser Szene auch, mit denen wir aufgewachsen sind. Es ist nicht so, dass wir die engsten Freunde wären, aber wir haben sie begleitet, gegenseitig die Shows besucht und so. Und jetzt sind wir immer noch in Kontakt. Mit Adele ist das ganz ähnlich: Wir kennen sie einfach aus unserer Gegend in London. Jetzt sind die beiden auf einmal Superstars. Florence spielt in Stadien, weltweit, das ist schon verrückt. Aber wir finden es natürlich entzückend, dass sie uns eingeladen hat, mit ihr die Tour durch Amerika zu machen.
Das macht den Eindruck, als seien die Maccabees eine sehr umgängliche Band. Ihr seid nach wie vor mit den Kumpels von früher befreundet und scheint auch innerhalb der Band sehr auf Miteinander und Demokratie zu achten.
White: Auf jeden Fall. So funktioniert unsere Band einfach, und sie könnte auch gar nicht anders funktionieren. Wir sind sehr dankbar dafür, wir bringen Verständnis für die anderen in der Band auf und Wertschätzung für die Rolle, die jeder Einzelne bei den Maccabees spielt. Das haben wir im Lauf der Zeit gelernt.
Bei der Arbeit im Studio herrscht aber normalerweise Druck und es müssen Entscheidungen getroffen werden. Wie schafft ihr es, da diese Harmonie zu bewahren?
White: Wir sind mittlerweile an einem Punkt, wo wir das sehr gut hinbekommen. Vor allem die Arbeit am letzten Album hat das gezeigt. Jeder hat für sich mit dem Komponieren angefangen, dann haben wir die Ideen zusammengetragen und entschieden, was uns davon gefällt. Das ist ein echter Gemeinschaftsprozess. Es bedeutet aber auch, dass man diplomatisch sein muss und wissen muss, wie man die Leute zu nehmen hat. In unserer Band braucht man unbedingt soziale Kompetenz.
Wie gehst du persönlich damit um? Es muss doch frustrierend sein, wenn du glaubst, gerade die tollste Melodie der Welt geschrieben zu haben, und die anderen sagen dir dann, dass sie ihnen nicht gefällt. Was machst du in solchen Momenten?
White: Wenn man stark genug an seine Idee glaubt, dann muss man dafür kämpfen. Und das ist wirklich hart. Es gibt auf Given To The Wild einige Elemente, die das persönliche Steckenpferd von einem von uns waren, und wir haben teilweise monatelang darüber diskutiert. Letztlich haben es diese Teile dann auf die Platte geschafft, und jetzt sind alle glücklich damit. Aber man muss bei solchen Debatten sehr genau darauf achten, in welcher Stimmung die anderen gerade sind. Das ist beinahe, als würde man ein Spiel spielen. Und man muss sich immer klar machen, dass letztlich alle nach dem bestmöglichen Ergebnis streben. Auch wenn man kritisiert wird, dann nur, weil es um das große Ganze geht. Und was am Ende dabei herauskommt, ist all diese Mühen wert.
Das klingt, als würdet ihr 80 Prozent eurer Zeit mit Diskussionen verbringen.
White: So arbeiten wir nun einmal. An Given To The Wild haben wir zwei Jahre lang gearbeitet, und in dieser Zeit haben wir genau zwölf Songs geschrieben. Nicht mehr. Es gibt Bands, die in zwei Jahren 50 Lieder schreiben. Aber bei uns schlüpft nichts durch das Netz, von dem wir nicht total überzeugt sind.
Wie liefen denn die Session für Given To The Wild konkret ab?
White: Der Sound ist bestimmt vom Entstehungsprozess der Platte. Wir haben ganz viel komponiert, ohne überhaupt an Gesang zu denken. Es war fast, als würden wir eher einen Soundtrack machen als einzelne Songs. Die Musik sollte auch ohne Gesang stark, kraftvoll und interessant genug sein. Am Anfang haben wir fast gar nicht als Band zusammengespielt, sondern alle unsere einzelnen kleinen Teile aufgenommen, in unserem eigenen Studio in London. Wir haben in dieser Phase auch die Rollen getauscht. Zum Beispiel habe ich Schlagzeugbeats programmiert, während unser Schlagzeuger Sam an Melodien gearbeitet hat. Ich mag das, weil man viel mehr Möglichkeiten hat. Man ist nicht auf die Rolle als Gitarrist beschränkt. Ich bin zwar ein Gitarrist, aber dieses Instrument soll nicht meine ganze Arbeitsweise definieren.
Ist es nicht seltsam, wenn dich der Schlagzeuger oder der Sänger plötzlich über das richtige Gitarrespielen belehren wollen? Wenn ihr die Rollen tauscht und jeder an allem beteiligt ist, muss das sicher für einen ziemlich großen Konkurrenzkampf in der Band sorgen.
White: Das stimmt, aber es ist ein positiver Konkurrenzkampf. Wir haben schon mit der Arbeit für das nächste Album angefangen, und da arbeiten wir wieder genauso. Jeder schreibt für sich selbst, nach ein paar Wochen spielt man die Ergebnisse dann den anderen vor. Es kommt zum Beispiel vor, dass Felix mit ein paar seiner Ideen vorstellt und ich dann denke: Verflucht, das ist echt gut. Dann gehe ich natürlich nach Hause und will unbedingt etwas hinbekommen, das genauso gut ist. So funktioniert das.
Wie ist es um den Konkurrenzkampf mit anderen Bands bestellt? Ihr wart zum Beispiel auf der NME Awards Tour mit den Drums und Bombay Bicycle Club, die seitdem ziemlich durchgestartet sind. Seid ihr neidisch darauf?
White: Ich denke, dass wir uns als Band immer unsere eigene Schneise geschlagen haben. Wir haben uns schrittweise entwickelt, und das passt gut zu uns und wir sind dankbar dafür. Wir haben nie ein paar Stufen auf der Leiter übersprungen, und das wäre wohl auch nicht gut für uns gewesen. Mir fallen eine Menge Bands ein, die mit uns angefangen haben, dann zwischenzeitlich erfolgreicher als wir waren, aber jetzt gar nicht mehr existieren. Keiner erinnert sich an sie. Und wenn Freunde von uns plötzlich richtig erfolgreich werden, dann freuen wir uns für sie. Die machen ihr Ding und wir machen unseres. Außerdem ist uns klar geworden: Wenn man wirklich ein riesiges Publikum und den Massenmarkt erreichen will, dann muss man bestimmte Dinge machen. Das ist wirklich schwierig und ich finde es bewundernswert, wenn jemand das hinbekommt. Aber es gibt ein paar Sachen an den Maccabees, die damit nicht zusammenpassen.
Wenn ihr so ein verschworener Zirkel seid, wie entwickelt ihr euch dann weiter? Woher nehmen die Maccabees neue Einflüsse?
White: Meistens empfehlen wir uns gegenseitig neue Platten. Da ist es aber auch so, dass wir sehr unterschiedliche Vorlieben haben und niemand versucht, den anderen seinen Geschmack aufzudrängen. Dass wir uns wirklich mal alle auf eine gemeinsame Lieblingsband einigen können, kommt sehr selten vor.
Es ist also wahrscheinlich unmöglich, jetzt schon die Richtung zu umschreiben, in die das neue Album gehen könnte. Wenn ich dich richtig verstehe, wird dir diese Richtung selbst erst dann klar, wenn ihr alle zusammen im Studio sitzen und eure Ideen austauschen werdet.
White: Ja. Es ist unmöglich, da eine Prognose zu machen. Jeder hat eine andere Vorstellung, und am Ende kommt eine Kombination von all dem heraus. Niemand von uns bekommt am Ende das Album, das er am Anfang haben wollte. Aber man kann eben hoffen, dass man dafür ein noch besseres Album bekommt.
Ich würde gerne noch ein anderes Thema mit dir besprechen: die Olympischen Spiele. Schließlich kommst du aus London. Wie war das für dich?
White: Ich konnte keine Tickets bekommen. Und wir waren so viel auf Tournee, dass ich nur ein paar Sachen am Fernseher anschauen konnte. Aber ich denke, alles in allem war es eine tolle Veranstaltung und London war ein sehr netter Gastgeber.
Auf mich wirkte es ein bisschen wie die Fußball-WM 2006 in Deutschland. Alle hatten erwartet, dass die Deutschen strenge, langweilige Spaßbremsen sein würden, doch dann wurde das Turnier zu einer richtigen Party. Diesen Effekt scheinen die Spiele auch für England und vor allem für London gehabt zu haben.
White: Ja, das sehe ich auch so, und das ist vor allem den ganzen Leuten zu verdanken, die irgendwie daran beteiligt waren. Vor den Spielen gab es viel Skepsis. Alle haben gemeckert: „Das wird ein Albtraum, ich haue da lieber ab aus London.“ So sind die Londoner eben. Aber als es dann wirklich losging, waren alle begeistert.
Bist du stolz darauf, ein Lokalpatriot?
White: Ja, das bin ich. Wir kommen wirklich viel rum. Aber London ragt immer noch heraus. Es ist einfach eine ziemlich erstaunliche Stadt.
Interview with The Maccabees

Hugo White (left) has got no idea what The Maccabees’ fourth album will sound like. Image: Fiction Records
2012 has been a great year for The Maccabees. Their third album Given To The Wild reached #4 in the UK charts, they played some of Europe’s biggest festivals and even got nominated for the Mercury Prize, which will be announced next week. I met guitar player Hugo White at Highfield festival in Germany a couple of weeks ago and asked him about the dynamics within the band, what it feels like when friends like Adele or Florence suddenly turn into megastars and about (almost) meeting Bob Dylan.
Hi, Hugo. I remember seeing you three years ago at Highfield. Have you got any memories of it?
White: I have a memory of lying down behind the stage, because it was really, really hot. But it is hard to remember anything else. We have done so many festivals now, especially this year, it does become difficult to distinguish shows.
What was your highlight of this year’s festival circuit?
White: For us, this summer and the European festivals have been way above our expectations. We have had things like Benicassim – that was my highlight. I love Bob Dylan and we played after him on the main stage. He played at 10 pm and we played at 11 pm, right after him. No one is allowed on the stage when he is there. There is a lot of security and you can’t get near him. But because we were playing next, the security allowed us. We told them that we had to check our gear, so we ended up standing right behind him by the side of the stage, watching him play Like A Rolling Stone. That was great.
Did you get to meet him?
White: No. I don’t think anyone does. He never looks to anyone, which I like. He is not trying to please anyone, he’s not there to make friends. He’s there to play music and that’s the way he wants to play music. I admire that.
Could you at least pick up a souvenir that he left onstage?
White: I got a plectrum!
I guess you keep that in a special place in your house?
White: To be honest, I don’t know where it is anymore. But I got another souvenir: A friend of mine is a guitar technician. He works with Mumford & Sons, and they played with Bob Dylan at the Grammy’s or something. My friend took a label off Bob Dylan’s guitar case and gave it to me. It says “Bob Dylan acoustic” and I got that on my wall.
After the festivals you will be on tour with Florence & The Machine. You are good friends with her, aren’t you?
White: Yeah, we have known her for a while. It’s the same with a lot of those people. We weren’t like the best of friends growing up but we’ve seen each other, gone to each others shows when we were younger and so on. And now we keep in touch. It’s the same thing with Adele. We’ve known each other from living around London and suddenly these people are world stars. Florence is doing stadiums around the whole world, that’s just crazy. It’s obviously lovely of her to ask us and invite us along to America.
It seems that The Maccabees must be a very social band. You’re good friends with the people that you grew up with and even within the band you seem to work in a very democratic way.
White: Definitely. It’s the way the band works, and if it wasn’t that way it wouldn’t work. We are all very grateful for that and also understanding of each other and the roles each other play in the band and the importance of each other. That’s something that we’ve learned over time.
It must be rather difficult to keep this approach during work in the studio. How does that happen?
White: It’s come to a stage where it works very well, especially with making the last record. We started writing individually, we didn’t write together, and then we took everyone’s ideas and decided what we liked. It’s a collaborated thing. And it means that you’ve got to be diplomatic and you’ve got to be able to deal with people. You’ve got to have people skills in our band.
What is it like for you? It must be frustrating if you are convinced that you wrote the greatest hookline ever and then your bandmates tell you they don’t like it. How do you cope with that?
White: If you believe in it strong enough, you have to argue. And that’s hard. There are songs on this record that were definitely some people’s things and they were argued for months and months. In the end they made it on the record and everyone is happy. But you’re always dealing with the mood someone is in. You’re kind of playing a game, really, to get it right. At the end of the day you hope that everyone does want the best. You have to realise that it all works for the greater good, even if you are criticized. What comes out at the end of it is worth it.
Sounds like The Maccabees spend 80 percent of their time arguing.
White: That’s just how we write. For this record we worked two years. We wrote twelve songs, and that’s it, no more. There may be bands who write 50 songs in two years. But for us nothing slips through the net. If we don’t think it’s good, it’s gone.
How about the actual recording of Given To The Wild?
White: The way it sounds is a product of the way it was written. A lot of it was written before there was vocals, so it was like we were writing music in a cinematic way instead of songs. The music had to be so strong, that it was powerful and interesting enough even without vocals. We were producing ourselves, to an extent. We got our own studio in London, and we’re all recording our own bits. The majority of this record was done without actually playing as a band in the beginning. Later on, when the songs were arranged and written, we started to play together. But for the first part everyone was doing different things and we were switching parts. For example I was programming drums, and Sam, our drummer, would be writing melodies. I love that, because you can do anything. You don’ have to be just a guitar player. I am a guitar player, but to me that doesn’t define the way I work.
But doesn’t it feel strange to be lectured on guitar playing by your drummer or singer? If everyone is doing everything there must be a lot of competition going on within the band.
White: Yeah, but positive competition. We’ve started writing for the next record, and again we’re writing individually. After a few weeks you start to play it to someone, and they’ll hear it. For example Felix will play me something and I’ll go: Shit, it’s good. Then I go home and spend hours to make something that is equally as good. That’s how it works.
How about competition with other bands? You’ve been on the NME Awards Tour with The Drums and Bombay Bicycle Club, for example. Are you jealous if you look at where these two bands are now?
White: I think we’ve been a band that have really carved our own way. We’ve done every step to where we are, and that works for us and we are grateful for that. We’ve never had something that has made as jump to a whole new level. And I think if we had had that, it would have made it worse for us. Looking back on it, there is a huge amount of bands that have been around and been bigger than us and more successful than us, in the time we’ve been a band, that are now non-existent. No one would even mention them. And if friends of us become hugely successful, we feel pleased for them. You detach yourself. We’re doing our thing and they’re doing their thing. We also realize: Certain things appeal to bigger audiences and mass markets. And it’s amazing if you appeal to everyone, that is really hard to do and you have to admire that. But there is definitely things about us that keep us away from that.
If The Maccabees are such a closed circuit, how do you pick influences? How do you evolve as a band?
White: There’s a lot of recommending records to each other. But also we like a lot of different music and we don’t try to make everyone like what you like. It is quite rare that there is a band that all of us really love.
So I guess you can’t really tell me what the next record is going to sound like because you don’t know yourself until you all get together in the studio?
White: Yeah. There’s no way of telling. Everyone has got a different vision, and what we end up with is a combination of that. You never get exactly what you initially wanted. But you have to hope that what you get is better than what you wanted.
One slightly different task that I would like to talk about is the Olympics. You’re a Londoner – what did you make of it?
White: I couldn’t get tickets. And we’ve been on the road so much that I could just watch it on TV for a few days. I think the overall thing of it worked very well and London was a very nice place where it was happening.
I compare it to World Cup 2006 in Germany. Everyone expected Germans to be rather boring, dull and earnest and then it became a party. The Olympics seem to have done the same for England and especially London.
White: Yeah, I agree, and that credit goes to everyone involved. There was so much negativity involved beforehand. Everyone was: “I’m gonna get out of London, it’s gonna be a nightmare.” London has a tendency to be like that. But when the event happens, everyone changes and goes “I love London.”
Are you proud of it, a proud Londoner?
White: Yes, I am. We get to go to a lot of places. But London still stands out. It’s a pretty amazing city.
Versuch eines Interviews mit Speech Debelle

Speech Debelle hat immer eine Botschaft, sagt sie. Offensichtlich spricht sie nur nicht gerne darüber. Foto: Verstärker
Dear English speaking readers! An English version of this interview (without my thoughts on it) can be found here.
Speech Debelle sieht nicht aus wie ein Popstar. Sie steigt an diesem Nachmittag in Leipzig aus einem Kleinbus, in dem sie seit Hamburg sitzt, und der noch nicht einmal Fenster hat. Sie trägt etwas, das wie der Ikea-Teppich aussieht, der früher in meiner WG-Küche lag. Und kaum hat sie einen Fuß auf den Hof des Werk 2 gesetzt, schlingt sie ein Brötchen hinunter, das wohl als Ersatz für das herhalten muss, was die Engländer sonst so gepflegt „Lunch“ nennen. Eine gefeierte Musikerin, die mit ihrem Debütalbum den Mercury Prize gewonnen, mit Freedom Of Speech einen genialen Nachfolger hingelegt und unlängst den offiziellen Song zu den Olympischen Sommerspielen beigesteuert hat, stellt man sich anders vor.
Immerhin: Ein paar Star-Allüren erlaubt sich die Londonerin dann doch. Von meinem Angebot, noch ein bisschen mit dem Interview zu warten, bis sie richtig angekommen ist, macht sie ausgiebig Gebrauch. Und das Rauchverbot im Backstage-Bereich scheint sie eher als Motivation zum Tabakkonsum zu interpretieren. Mit einer guten halben Stunde Verspätung geht das Interview dann los. Leider. Denn es wird eine Katastrophe. Das schlimmste Interview, das ich je geführt habe. Hier also: das Dokument eines Scheiterns – mit dem, was Speech Debelle gesagt hat, und in eckigen Klammern mit dem, was ich mir dazu gedacht habe.
Ich muss dich vorwarnen: Ich würde gerne mit zwei eher langweiligen Fragen beginnen.
Debelle: Solche, für die du auch auf Wikipedia die Antworten finden kannst?
[Das fängt ja gut an - als erste Antwort eine Gegenfrage! Ich gebe zu: Ich bin nicht sonderlich gut vorbereitet. Und ich wäre an diesem Freitagnachmittag eindeutig lieber anderswo (zum Beispiel im Bett). Aber so viel Professionalität bringe ich dann doch mit, die Wikipedia-Fakten bereits zu kennen und nicht erst erfragen zu müssen.]
Nein, nicht solche. Bloß Fragen, die du wahrscheinlich sehr oft gestellt bekommst. Langweilige Frage Nummer 1: Heute in Leipzig ist der letzte Termin im deutschen Teil deiner Tour. Wie läuft es bisher?
Debelle: Es läuft toll. Ich habe es wirklich genossen. Die Fans waren gut, haben sich echt ins Zeug gelegt. Ich habe viel Spaß gehabt – und gut gegessen.
[Erstaunlich. Deutschland ist ja nicht gerade als das Paradies für Gourmets bekannt. Und das Brötchen eben sah aus, als habe es ein paar Tage im Tresen einer Autobahn-Raststelle verbracht.]
Wirklich? Das Brötchen, das du da eben verspeist hast, sah nicht gerade nach einer Delikatesse aus.
Debelle: Aber es war gut. Wir versuchen, uns so gesund wie möglich zu ernähren. Mit Pilzen und Humus und solchen Sachen. Wir trinken auf Tour ziemlich viel Alkohol, und da können wir das hoffentlich wenigstens ein bisschen ausgleichen.
Gesund essen, ungesund trinken?
Debelle: Exakt.
[Ein älterer Herr, der wie das genaue Gegenteil eines Hip-Hop-Fans aussieht, unterbricht das Gespräch und bittet Speech Debelle auf Deutsch um Autogramme. Sie unterschreibt drei Autogrammkarten, ohne ein einziges Wort zu sagen.]
Langweilige Frage Nummer 2: Olympia. Eine neue Version deines Tracks Spinnin’ war eine der offiziellen Hymnen für London 2012. Das ist ja schön und gut. Aber wäre es nicht schöner gewesen, stattdessen bei der Eröffnungsfeier auf der Bühne zu stehen?
Debelle: (kichert, hustet, sagt nichts).
[Hmm. Diese Frage soll der Einstieg in den Themenkomplex „Stadionmusik/Verhältnis von Künstler und Publikum“ werden. Versuchen wir es einfach noch einmal.]
Also ich für meinen Teil hätte lieber vor einem riesigen, weltweiten Publikum gespielt statt bloß die offizielle Hymne zu komponieren.
Debelle: Solange ich bezahlt werde, bin ich glücklich.
[Was ist das denn für eine bescheuerte Aussage? Speech Debelle ist bekannt dafür, sich sozial zu engagieren. Ihre Texte werfen einen kritischen Blick auf die Welt, ihr Song Blaze Up A Fire war so etwas wie die Titelmelodie der Jugendrevolte in London im vergangenen Jahr. Diese Frau würde garantiert nicht für die Waffenlobby, beim Parteitag der National Front oder auf einer Erotikmesse spielen. Auch wenn sie fürstlich dafür bezahlt würde. Aber ich nehme das erstmal so hin und versuche weiter, den Bogen in Richtung Stadionmusik zu spannen.]
In Stadien zu spielen – ist das etwas, das du anstrebst?
Debelle: Ja, klar. Das geht doch jedem so. Das wäre schön.
Dann hättest du doch bestimmt gerne bei der Eröffnungsfeier gespielt. Das hätte einer dieser Momente sein können, die eine Karriere definieren.
Debelle: (hustet, sagt nichts)
[Was ist hier eigentlich los? Was hat diese Frau für ein Problem? Ich bin auch müde und kann mir schönere Orte vorstellen als eine Fabrikhalle, in der früher Gasmesser hergestellt wurden. Aber ich gebe mir wenigstens ein bisschen Mühe – obwohl ich nicht um ein Interview mit Speech Debelle gebeten hatte, sondern umgekehrt das Management der Musikerin bei mir angefragt hatte, ob ich nicht eins machen möchte. Speech Debelle hat aber offensichtlich nicht die geringste Lust auf Interviews. Vielleicht hilft ein kleiner Witz.]
Auf jeden Fall wäre so ein Auftritt kein guter Zeitpunkt, um beim Singen den Text zu vergessen.
Debelle: Ich denke nicht, dass mir das passieren würde.
Vergisst du nie deinen Text?
Debelle: Doch, andauernd. Bei jeder Show.
[Aha. Sie vergisst also nie ihren Text. Aber andauernd. Neben dieser etwas schwierig zu fassenden Logik fällt mir auf, dass mich Speech Debelle noch kein einziges Mal angeschaut hat bei ihren Antworten – das wird sich auch über die gesamten knapp 20 Minuten des Gesprächs nicht ändern.]
Hat man dich denn gefragt, ob du bei den Olympischen Spielen auftreten willst?
Debelle: Nein.
[Hurra! Die durschnittliche Wortzahl der letzten acht Antworten liegt damit exakt bei 4,0. Wie heißt eigentlich das Gegenteil von "Plaudertasche"?]
Hast du dann wenigstens als Zuschauer ein bisschen davon mitbekommen?
Debelle: Ich habe mir ein paar Sachen im Fernsehen angeschaut, das hat mir gereicht. Und ich habe das 200-Meter-Rennen in der O2-Arena gesehen. Mit Jamaika, das war gut.
[Speech Debelle hat jamaikanische Wurzeln. Eine gute Gelegenheit, ihrem Patriotismus zu schmeicheln und so vielleicht ein bisschen die Stimmung zu heben.]
Ich glaube, sie haben gewonnen?
Debelle: Sie gewinnen immer!
[Hat geklappt.]
Ich habe dich so oft nach Auftritten in Stadien gefragt, weil ich glaube, dass es heutzutage enorm schwierig ist, ein so großes Publikum anzuziehen. Glaubst du, dass du das irgendwann schaffen kannst?
Debelle: Keine Ahnung. Wenn es klappt, dann klappt es. Wenn nicht, dann eben nicht.
[Brillant. Vor ein paar Minuten hat sie noch gesagt, dass sie stolz wäre, wenn sie das schaffen könnte. Jetzt ist es plötzlich egal. Bringen wir den unsäglichen Themenkomplex Stadion also endlich hinter uns und reden über Inhalte.]
Das Erfolgsgeheimnis liegt wahrscheinlich darin, eine möglichst große Verbindung zum Publikum aufzubauen. Wenn man das anstrebt, könnte es aber auch hinderlich sein. Beim Komponieren sollte man ja ausdrücken, was man selbst herüberbringen möchte – ohne schon im Hinterkopf zu haben, was das Publikum vielleicht hören will.
Debelle: Stimmt, ich mache das immer so. So bin ich einfach. Ich rede auch in Interviews mit weißen Mittelschichtzeitungen plötzlich darüber, wie viele Schwarze im Polizeigewahrsam getötet werden. Ich habe immer eine Botschaft, ohne Rücksicht darauf, ob sie gerade reinpasst.
[Aha. Womöglich ist also das ihr Problem: Ich trage ein Sakko, weil ich direkt von einem anderen Termin komme, bei dem das eben notwendig war. Und Speech Debelle glaubt angesichts dieses Outfits womöglich, dass ich auch so ein Reporter bin, der für eine „white, middle class newspaper“ schreibt, noch nie ihre Musik gehört hat (nichts davon trifft in meinem Fall zu), und sie und ihre Message sowieso nicht kapieren kann. Ich sehe nicht "urban" genug aus. Offensichtlich ist ihre Schlussfolgerung, dass sie in einem Interview mit solchen Reportern auch kein Interesse zeigen braucht, oder wenigstens Professionalität. Sollte das zutreffen, wäre das eine äußerst dämliche Herangehensweise, die man bei umgekehrten Vorzeichen womöglich sogar „Rassismus“ nennen würde. Ich folgere ja auch nicht aus ihrem Äußeren auf ihre Gesinnung oder ihren sozialen Status – sonst müsste ich sie für eine minderbemittelte, obdachlose Dauerkifferin halten.]
Du sagst also immer einfach, was dir durch den Kopf geht?
Debelle: Es gibt ein paar Dinge, die ich nicht sage. Einfach, weil ich glaube, dass es nicht nötig ist, Leute zu beleidigen. Aber ich habe keine Angst davor, provokant zu sein.
Die Sachen, die du für dich behältst – bezieht sich das auf Interviews oder auch auf deine Songtexte?
Debelle: Es gibt einfach eine Menge Sachen, die ich nicht sage. Das wäre bescheuert. Stell dir mal vor, du würdest alles aussprechen, was dir gerade durch den Kopf geht!
Aber ist so eine Selbstzensur nicht schwierig? Du könntest das Songschreiben ja gerade auch nutzen, um solche Gedanken herauszulassen. Wenn du das nicht machst, bedeutet das, dass sich da eine unbestimmte Wut in dir aufstaut?
Debelle: Alle Menschen haben dieselben Gefühle: Schmerz, Liebe, Angst, Wut. Es gibt da keine Unterschiede. Bei mir ist es nur so, dass ich in der Lage bin, mich auf dem Wege der Musik auszudrücken. Andere Menschen haben dafür andere Wege.
[Schon wieder so eine Plattitüde. Kotz.]
Schreibst du diese düsteren Gedanken dann auf, veröffentlichst sie aber nicht?
Debelle: Nein. Es gibt einfach Dinge, die ich nicht sage. Das ist nicht nötig.
[Ich gebe auf. Welche Themen unter diese Selbstzensur fallen und wie sie abläuft, wäre ein spannendes Thema gewesen. Aber wenn sie nicht will, dann machen wir eben anders weiter. Ich möchte gerne die Botschaft rüberbringen, dass ich mit dem Werk von Speech Debelle durchaus vertraut bin und ihre Musik sehr schätze. Sie hat in vielen Interviews von anderen Künstlern geschwärmt (von denen übrigens keiner „white“ oder „middle class“ ist), von Michael Jackson bis Nitin Sawhney. Versuchen wir es also damit, vielleicht heitert sie das ja auch ein bisschen auf.]
Gut, dann lass uns über Kollaborationen sprechen. Du hast schon mit Leuten wie Kwes oder Roots Manuva gearbeitet. Wer wäre denn der musikalische Partner deiner Träume?
Debelle: Es gibt da einen Produzenten namens Naughty Boy, mit dem möchte ich irgendwann mal was machen. Emeli Sandé. Nas. Und Meshell Ndegeocello, die ist ganz vorne dabei. Sie ist eine Legende, eine Göttin.
Hast du sie schon mal getroffen? Kennt sie dich?
Debelle (amüsiert): Ich habe keinen Schimmer.
Man könnte Meshell Ndegeocello als ein Vorbild in puncto Unabhängigkeit betrachten. Das scheint auch für dich ein wichtiges Thema zu sein. Meines Erachtens ist Unabhängigkeit so etwas wie das Leitmotiv auf deinem Album Freedom Of Speech. Würdest du da zustimmen?
Debelle: Ich weiß nicht. Darüber habe ich noch nie nachgedacht.
[Offensichtlich hat sie sich schon wieder komplett aus diesem Gespräch ausgeklinkt. Wie kann man ein Album machen und dann nicht wissen, worum es darauf geht?]
Ist dir Unabhängigkeit wichtig?
Debelle: Unabhängigkeit in welchem Sinne?
Vielleicht als eine Botschaft, die du rüberbringen willst. Um Leuten klar zu machen, dass sie sich selbst Gedanken machen sollen, frei von Vorurteilen und ohne Rücksicht auf die Regeln, die andere Leute für sie aufgestellt haben.
Debelle: Ich weiß nicht. Wenn die Leute das für sich rausziehen…. Weißt du, jeder zieht da für sich etwas anderes raus. Es gibt nicht diese eine Interpretation, die für alle gleichzeitig gültig ist. Jeder liest das heraus, was er braucht.
Du willst dein Publikum also nicht belehren?
Debelle: Nein, das interessiert mich nicht. Ich rede einfach über die Dinge, die mir wichtig sind.
[Aha. Vorhin hat sie noch gesagt „Ich habe immer eine Botschaft.“ und als Beispiel genannt, dass sie auf skandalöse Zustände im Polizeigewahrsam aufmerksam machen will. Jetzt hat das alles plötzlich nichts zu bedeuten, weil ja ohnehin jeder etwas anderes rauszieht. Was stimmt nicht mit dieser Frau?]
Und wie sieht es nun aus, für dich persönlich? Ist es dir wichtig, unabhängig zu sein?
Debelle: Unabhängig in welchem Sinne?
[Mein Gott, jetzt stell dich doch nicht so dämlich an!]
Nunja, in deiner Kunst, in deiner Musik.
Debelle: Ich bin niemals unabhängig. Ich bin auf Musiker angewiesen und auf Produzenten. Ich bin zwar der Boss, aber ich bin nicht unabhängig. Man muss wissen, wie man seine Mitstreiter zu nehmen hat, wenn man wirklich etwas Gutes erreichen will.
[Hey, irgendwo in dieser Antwort könnte so etwas wie Interesse an diesem Gespräch zu stecken! Der Schaffensprozess könnte ein Thema sein, das endlich funktioniert. Also weiter in diese Richtung.]
Magst du das? Oder würdest du manchmal lieber ganz alleine arbeiten können?
Debelle: Nein, ich würde niemals gerne alleine arbeiten. Ich mag Zusammenarbeit.
Der Vorteil wäre allerdings, dass du keine Kompromisse machen musst – und nicht ständig alle bei Laune halten musst.
Debelle: Stimmt. Ich bin der Boss. Ich muss die ganze Zeit dafür sorgen, dass alle zufrieden sind. Natürlich muss ich auch darauf achten, dass alle machen, was sie machen sollen – aber man darf dabei kein Monster werden.
Bist du ein angenehmer Boss?
Debelle: Ich weiß nicht. Da solltest du am besten meinen Tourmanager fragen.
[Irgendwie habe ich das Gefühl, dass er ein schwer genervter Mensch sein muss.]
Was würde er sagen?
Debelle: Mir ist normalerweise völlig egal, was er sagt (lacht).
Wärest du denn gerne dein eigener Angestellter?
Debelle: Ja.
Was macht für dich einen guten Chef aus?
Debelle: Ich denke, man muss klare Ansagen machen. Wenn man das nicht tut, bleibt Spielraum für Interpretationen, und dann tun die Leute nicht das, was sie tun sollen, weil sie dich falsch verstehen. Gleichzeitig soll jeder die Möglichkeit haben, selbst etwas einzubringen, ohne dass vom eigentlichen Ziel abgerückt wird.
[Wow, die längste Antwort bisher. Vielleicht kriegen wir jetzt doch noch die Kurve.]
Wenn man Musiker wird, rechnet man wahrscheinlich nicht damit, eines Tages auch Fähigkeiten in Personalführung zu brauchen.
Debelle: Für mich war das immer klar, ich wollte das immer so. Und es gibt keinen erfolgreichen Künstler, der da anders ist. Alle wollen der Boss sein. So etwas hast du einfach in dir drin, schon in einem ganz jungen Alter.
[Schon wieder so ein esoterischer Mist. Sind da Drogen im Spiel? Und vor allem schon wieder ein Widerspruch zu einer Aussage von vorhin. Diesmal kann ich das nicht einfach so im Raum stehen lassen und muss darauf hinweisen.]
Wenn man in der Position ist, anderen Leuten Befehle zu erteilen, könnte man das durchaus als Unabhängigkeit bezeichnen, meinst du nicht?
Debelle: Wenn du jetzt schon wieder mit Unabhängigkeit anfangen willst, kannst du das gerne machen. Aber …
[Yeah. Eine knappe Viertelstunde ist rum, und wir streiten uns. Ich würde diesen Mist gerne zu Ende bringen, aber ich habe dank der widerspenstigen Ms Debelle leider noch nicht genug brauchbare Aussagen, um daraus irgendeine sinnvolle Berichterstattung zu machen.]
Ich muss nicht darüber sprechen.
Debelle: Aber du willst.
Es war eben mein Eindruck, dass es ein wichtiges Thema auf deinem Album ist. Aber das weißt du im Zweifel sicher besser.
Debelle: Ja.
[Willkommen in der Sackgasse. Ich versuche noch einmal die „Schwärmen über andere Leute“-Strategie. Das hat ja vorhin wenigstens halbwegs funktioniert.]
Was ist dir denn sonst wichtig? Was sind wichtige Einflüsse für dich, auch außerhalb der Musik?
Debelle: Eine Menge Leute. Wenn ich die jetzt alle aufzählen würde, sitzen wir den ganzen Tag hier. Es spielt keine Rolle.
[Jetzt reiß dich mal zusammen! Nenn doch einfach drei, und wir sind raus aus der Nummer. Obama meinetwegen oder Bob den Baumeister. Ich zitiere: „Es spielt keine Rolle“!!!!! Jetzt wird es Zeit, ungalant zu werden.]
Okay, nächste Frage. Im nächsten Jahr wirst du 30. Ist das ein beunruhigender Gedanke?
Debelle: Nein, ich freue mich drauf. Ich fühle mich wohl mit meinem Alter. Außerdem sehe ich noch aus wie 16, das ist also kein Problem.
Gibt es etwas, das du unbedingt noch erreichen willst, bevor du 30 wirst?
Debelle: Ich habe schon genug erreicht, um wirklich dankbar sein zu können. Ich bin gesegnet. Und wenn da etwas wäre, was mir fehlt, dann ist das meine Privatsache, verstehst du? Aber ich bin gesegnet, dort zu sein, wo ich bin.
[Was für ein Hippie-Geschwurbel! Zur Krönung ruft Speech Debelle jetzt auch noch einen Musiker aus ihrer Crew zu sich, der sich zu ihr auf die Couch setzen soll. Das sind 90 zusätzliche Kilogramm, die sehr eindrucksvoll ihr Desinteresse an unserem Gespräch demonstrieren.]
Wenn du ein paar Jahre zurückblickst, bevor du den Mercury Prize gewonnen hast und alles richtig anfing: Was dachtest du damals, wo du mit 30 einmal stehen würdest? Was waren deine Erwartungen?
Debelle: Meine Erwartungen? Ich weiß nicht, ob ich überhaupt welche hatte. Ich wollte einfach ein Album rausbringen. Ich glaube nicht, dass ich mir damals viele Gedanken über 2012 gemacht habe.
[Zugegeben: Das habe ich auch nicht. Aber man hat doch irgendeinen Plan von seinem Leben. Man fragt sich doch: Wo werde ich mit 30 sein? Vor allem, wenn man es nach eigener Auskunft einfach in sich drin hat, „schon in einem ganz jungen Alter“, irgendwann einmal der Boss von irgendetwas zu sein. Warum sperrt sich diese Frau so gegen ein harmloses, halbwegs höfliches Gespräch? Warum gibt sie Interviews, wenn sie nicht über ihre Musik und nicht über sich selbst sprechen will? Warum tischt sie mir hier andauernd Widersprüche und Floskeln auf statt wenigstens zu sagen: „Hör zu, ich find das alles daneben. Schluss jetzt“?]
Außer einer großen Geburtstagsfeier: Was planst du noch für das kommende Jahr?
Debelle: Ich werde ein neues Album machen.
Und auch gleich herausbringen?
Debelle: Ich weiß nicht, ich habe noch nicht mal damit angefangen.
Bist du schnell bei der Arbeit im Studio?
Debelle: Ich schreibe schnell Songs. Aber so etwas wie schnelle Arbeit gibt es nicht. Es gibt keinen Zeitplan dafür. Es ist fertig, wenn es gut ist.
Du kriegst auch keinen Druck, zum Beispiel von der Plattenfirma?
Debelle: Weißt du was? Der einzige Druck, den ich habe, ist dass das Finanzamt glücklich ist.
Na das ist doch mal eine angenehme Lebenslage. Danke für das Gespräch.
[Mein Standardsatz zum Schluss ist normalerweise „I’m looking forward to your show.“ Diesmal sage ich das nicht. Ich werde mir das Konzert von Speech Debelle im Werk 2 nicht anschauen, denn ich bin wirklich müde. Und beleidigt.]

