Celeste Ng – „Was ich euch nicht erzählte“


Autor Celeste Ng

Was ich euch nicht erzählte Celeste Ng Kritik Rezension

„Was ich euch nicht erzählte“ ist der preisgekrönte Debütroman von Celeste Ng.

Titel Was ich euch nicht erzählte
Originaltitel Everything I Never Told You
Verlag DTV
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Am 3. Mai 1977 beginnt die Handlung dieses Romans. Lydia Lee, 16 Jahre alt, brave Tochter aus einer gutsituierten Familie, sitzt morgens nicht am Frühstückstisch. Wenig später wird ihre Leiche im kleinen See ihrer beschaulichen Heimatstadt Middlewood, Ohio gefunden. Die Stadt ist in Aufruhr, die Polizei ratlos, die Familie entsetzt – und für alle Beteiligten beginnt die Suche nach dem Warum?, die im Zentrum von Was ich euch nicht erzählte steht.

Das erstaunliche am ersten Roman von Celeste Ng, der mit dem Hopwood Award und dem Pushcart Prize ausgezeichnet und in 20 Sprachen übersetzt wurde, ist nicht nur die sehr überzeugende Kombination aus Genres, die der amerikanischen Autorin gelingt. Das Buch sei „spannend wie ein Krimi, dramatisch wie eine Familientragödie, anrührend wie eine Liebesgeschichte“, hat der Stern diesen Mix treffend zusammengefasst. Faszinierend ist vor allem, wie aktuell dieses Buch anmutet, das 2014 im Original erschien und ab übermorgen in der deutschen Übersetzung von Brigitte Jakobeit vorliegen wird.

„Während ich Was ich euch nicht erzählte schrieb, war ich sehr überrascht, als mir auffiel, wie unterschiedlich manche Dinge vor ein oder zwei Generationen noch waren – und wie wenig sie sich gleichzeitig verändert haben“, sagt Celeste Ng, und das Erkennen dieses Kontrasts ist der stärkste Effekt ihres Romans.

Was ich euch nicht erzählte ist ein Buch über Zugehörigkeit, Emanzipation, Geheimnisse und Selbsttäuschung. Lydia Lee entstammt einer Familie, in der jeder in seiner eigenen Fantasiewelt lebt. Die Ursachenforschung führt schon ziemlich zu Beginn des Buches zwei wichtige Gründe auf. Im Hause Lee gerät anscheinend jeder seine eigene Umlaufbahn, „weil ihre Mutter sich sehnlichst gewünscht hatte, aus der Menge herauszuragen, und weil ihr Vater sich sehnlichst gewünscht hatte, ein Teil der Menge zu sein. Beides war nicht möglich gewesen.“

Besagter Vater ist ein Einwanderer zweiter Generation aus China, der es beinahe zum Harvard-Dozenten gebracht hätte, die Mutter ein All American Girl mit akademischen Ambitionen. Es ist die Andersartigkeit dieser Familie, die in der Seventies-Provinz des Mittleren Westens niemand übersehen kann, und zu der niemand von den Lees eine selbtbewusste Position gewinnen kann. Lydia lebt in einer Familie, die von einer starken Kraft zusammengehalten wird, die nach außenn hin wie Vertrauen wirkt, die aber in Wirklichkeit etwas anderes ist: Angst. Wie sehr das gilt, und wie viel Lydia wegen dieser Angst vor ihren Eltern verheimlicht hat, wird erst nach ihrem Tod klar.

Mit viel psychologischem Geschick zeichnet Celeste Ng den schmalen Grat nach zwischen Egoismus und dem Versuch, sein eigenes Leben zu leben; zwischen Selbstverleugnung und der Entscheidung, für seine Familie da zu sein. Sie erkennt, dass die Dinge gerade dann auf tragische Weise falsch laufen und in einer alles erdrückenden Enttäuschung enden können, wenn man für alle nur das Beste will. Sie kann sich in einen Professor hineinversetzen und in eine Küchenhilfe, in einen jugendlichen Aufreißer und in ein fünfjähriges Mädchen. Dieses Mädchen Hannah, die jüngste Tochter der Familie Lee, ist mir ihrer stummen Feinfühligkeit vielleicht die stärkste Figur in diesem Roman.

Die Behutsamkeit von Hannah findet eine Entsprechung im Ton der Autorin. Es gibt in Was ich euch nicht erzählte „keine plötzlichen Offenbarungen, sondern ein langsames, nicht weniger berührendes Herantasten an die unvermeidliche Wahrheit“, hat die Times erkannt, und dieser beinahe zurückhaltende Ton passt perfekt zur Trauer, die nach Lydias Tod über der Familie Lee liegt, und zur Beklemmung, die dort auch zuvor schon herrscht.

Nicht zuletzt ist dieser Roman ein erschütternder Blick auf versteckten Rassismus. „Meine Eltern kamen aus Hongkong in die USA und zogen direkt in den Mittleren Westen: Indiana, Illinois, Pennsylvania, Ohio. Den Großteil meiner Kindheit waren wir praktisch die einzigen Asiaten in der Gegend“, erzählt Celeste Ng – Lydia und ihre Geschwister sind in derselben Position und müssen erkennen, wie schwer es ist, selbstverständlich dazuzugehören oder wenigstens die alltäglichen Beleidigungen und Diskriminierungen halbweg souverän zu ertragen. Wie wichtig dieser Blick auf die Perspektive der vorgeblich Anderen ist, zeigen nicht nur Pegida und die Boateng-Debatte.

Bestes Zitat: „Und Lydia – der unfreiwillige Mittelpunkt ihrer Familie – hielt jeden Tag die Welt zusammen. Sie schluckte die Träume ihrer Eltern und unterdrückte den Widerspruch, der in ihr brodelte.“

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