Christoffer Carlsson – „Zeit der Angst“


Autor Christoffer Carlsson

Zeit der Angst Christoffer Carlsson Kritik Rezension

Mit „Zeit der Angst“ schließt Christoffer Carlsson seine Leo-Junker-Reihe ab.

Titel Zeit der Angst
Originaltitel Den tunna bla linjen
Verlag C. Bertelsmann
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

„Später gingen wir kichernd und lallend gemeinsam durch ein nebliges Salem zurück, und es fühlte sich plötzlich so an, als wäre ein Band zwischen uns gesponnen worden, als würden wir ein Geheimnis miteinander teilen.“ So beschreibt Christoffer Carlsson in Der Turm der toten Seelen die erste Begegnung zwischen Leo Junker und John Grimberg. Seine beiden Protagonisten sind damals Teenager, der Stadtteil Salem, aus dem sie kommen, ist ein Problembezirk am Rande von Stockholm. Der eine von ihnen sollte später Polizist werden, der andere Verbrecher.

Diese besondere Beziehung ist eine der Stärken der vierteiligen Krimi-Reihe um Kommissar Leo Junker, die nun mit dem heute in Deutschland erscheinenden Zeit der Angst ihren Abschluss findet. In allen vier Bänden tauchte John Grimberg, genannt Grim, wie ein Schatten aus der Vergangenheit auf, mal als Informant, mal als Verdächtiger, oft genug als Bedrohung für seinen einstigen Jugendfreund. Dass Leo Junker das eingangs erwähnte Band auch dann nicht durchtrennen kann, als er wegen Grim in Lebensgefahr gerät, erscheint dennoch plausibel. Zu prägend war die Zeit des gemeinsamen Coming Of Age, zu sehr erkennt sich der Polizist auch heute noch im Wesen des Kriminellen wieder. „Er ist der Einzige, der mich je verstanden hat, glaube ich. Daran könnte es liegen. Er ist der Einzige, der mich wirklich kennt. Nun teilen wir wieder einmal ein Geheimnis“, heißt es nun an einer Stelle in Zeit der Angst.

Denn auch diesmal spielt das Verhältnis der beiden eine zentrale Rolle, auch hier geht es um Loyalität und Misstrauen. Grim, seit Jahren untergetaucht und wegen diverser dubioser Machenschaften von der Polizei gesucht, lässt Junker ein Foto zukommen. Darauf ist eine Prostituierte zu sehen, die vor fünf Jahren ermordet wurde, unter bislang ungeklärten Umständen. Grim bittet seinen Freund, den Fall noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Der Kommissar lässt sich darauf ein, teils aus Gefälligkeit, teils aus kriminalistischem Ehrgeiz. Er hat nur eine Woche Zeit, um den Täter zu ermitteln, bevor der Fall zu den Akten gelegt wird. Bald entdeckt er neue Indizien und geheimnisvolle Verstrickungen, in die auch Grim verwickelt ist. Obwohl er ihn eigentlich verhaften müsste, macht er sich zum Handlanger seines Freundes, wird erst zu seinem Komplizen, dann zu seinem Werkzeug.

Fans von Christoffer Carlsson (Jahrgang 1986) werden diese zwiespältige Beziehung aus den vorherigen Bänden kennen. Wie schon dort, so ist auch hier seine Hauptfigur eine weitere zentrale Stärke des Buchs. Leo Junker ist in Zeit der Angst von Anfang an im Krisenmodus. Gerade hat er, nach einer Suspendierung und überwundener Tablettensucht, seinen Dienst wieder aufgenommen und wird von den Kollegen im Revier noch entsprechend skeptisch beäugt. Seine Beziehung zur Galeristin Sam steht – auch dabei hat Grim seine Finger im Spiel – auf wackligen Beinen. Nicht zuletzt ist er ein Protagonist, der sich auch selbst nicht ganz über den Weg zu trauen scheint. Sehr gekonnt fühlt sich der Autor in diese Figur ein und erzeugt ein Element der Unsicherheit in seinem Helden, das beträchtlich zur Spannung seiner Romanreihe beiträgt.

Den größten Reiz übt bei Zeit der Angst aber neben dem Seelenleben des Kommissars und seiner Beziehung zu Grim eine weitere Dimension aus: Nicht nur Junker scheint in einer Art von Notbetrieb zu agieren, sondern auf die gesamte Polizei, vielleicht sogar auf das ganze Land scheint dies hier zuzutreffen. Die Handlung spielt Ende 2015, gerade hat das Attentat im Pariser Bataclan die Welt erschüttert. Die Behörden in Schweden waren, auch wegen der zahlreichen Flüchtlinge, die ins Land kamen, ohnehin schon in Aufruhr. Nun wird die Terrorangst noch konkreter und schlägt teilweise in Paranoia um. „Man stellt sich die Polizei wie ein angeschossenes Tier vor, einen Koloss von einem Wesen, das darum kämpft, weiter atmen zu können“, bringt der Autor das in einer Stelle auf den Punkt.

Der Blick aufs Innenleben der Behörden gelingt Carlsson, der promovierter Kriminologe ist, meisterhaft. Im schwedischen Originaltitel wird das noch stärker deutlich, denn die darin benannte dünne, blaue Linie ist ein Symbol für die Polizei, die den einzigen Schutzwall zwischen der Welt des Verbrechens und dem Rest der Gesellschaft bildet. Die Überforderung der Beamten, bürokratische Hürden, die der Ermittlungsarbeit im Weg stehen, Alarmismus, Beschwichtigung, Korpsgeist – all das zeichnet er sehr detailliert nach und verwebt es sogar mit dem Fall der getöteten Prostituierten. Der eigentliche Plot, insbesondere die Motivation des Täters, wird dadurch zwar ein wenig überfordert und letztlich etwas unglaubwürdig. In puncto Aktualität hingegen hätte Carlsson kaum besser liegen können: Vier Wochen vor Erscheinen seines Krimis in Schweden, der damals also wohl gerade in den Druckereien oder auf dem Weg von dort in die Buchhandlungen war, forderte ein IS-Anschlag in Stockholm fünf Menschenleben. Die Zeit der Angst war angekommen.

Bestes Zitat: „Man altert rascher, wenn man nichts hat, in das man sich fliehen kann.“

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