Corona-Musik 14 mit Ben Howard, Beabadoobee, Klangstof, Jungstötter und Lindemann


Lindemann Allesfresser Live

Das waren noch Zeiten: Lindemann live in Moskau. Foto: Matthias Matthies / Check Your Head

Corona zerstört die Wirtschaft im Allgemeinen und die Musikbranche im Speziellen? Von wegen! Es erblühen neue Geschäftsideen und Märkte! In einem davon ist Lindemann ganz vorne dabei: Nostalgie-Produkte, mit denen man in Erinnerungen an die Zeit vor der Pandemie schwelgen kann. Am 15. März 2020 gab er – mit vollem Namen Till Lindemann, im Hauptberuf Sänger bei Rammstein – gemeinsam mit dem schwedischen Produzenten Peter Tägtgren ein Konzert in der VTB Arena in Moskau. Es war, wie die Plattenfirma nun mit vielleicht nur ein bisschen Übertreibung schreibt, die letzte Sause der alten Zeitrechnung, in jedem Fall eines der letzten großen Events vor dem Kollaps des weltweiten Konzertgeschehens. Die russischen Fans kamen in Scharen und sangen bei den Hits aus den Alben Skills In Pills und F & M. mit, egal ob auf Deutsch oder Englisch. Filmemacher Serghey Grey war dabei und hat aus den insgesamt zwei Show an aufeinander folgenden Abenden nun einen Konzertfilm gemacht. Live In Moscow erscheint am 21. Mai 2021 als Doppel-LP (schwarzes oder rotes Vinyl), DVD, Blu-ray und Special Edition-Variante (CD + Blu-ray im Hardcover Digibook Format + 40-seitiges Booklet). Wie das klingt und aussieht, zeigt Allesfresser (***) als Vorab-Track: Wild ist hier nicht nur die Tortenschlacht, der Sound schwankt zwischen Proto-Techno und Brachial-Metal, der Text ist hoffentlich nicht komplett unironisch gemeint und angereichert wird das Ganze um ein paar schräge Visuals. Groteske und Endzeitstimmung passen natürlich bestens zu dieser Musik, und der Gedanke, dass hier etwas Einmaliges unwiderruflich verloren geht, ist gleich doppelt angemessen: Neben der Vor-Corona-Ära ist es nämlich auch die Existenz des Lindemann-Projekts, das die beiden Künstler nicht mehr fortführen werden.

Auch Klangstof waren im Frühjahr 2020 noch live aktiv und hatten gerade die Europa-Tour zum im Februar veröffentlichten zweiten Album The Noise You Make Is Silent begonnen. Auch sie haben die Corona-bedingte Auszeit jetzt genutzt, um Live-Erinnerungen und neues Material zu kombinieren. Denn zur Single New Congress, New Father (***1/2), deren melancholische Kühle wunderbar in die Zeit passt, haben sie nun ein neues Video am Start, das an ihre Konzerte angelehnt ist. „Boris hat eine Kunstinstallation gebaut, und die Idee war, diese Konstruktion komplett mit unserer Live-Performance zu synchronisieren. Wir konnten das dann aber leider nur bei einer Handvoll von Shows zum Einsatz bringen. Deshalb haben wir nach einer Möglichkeit gesucht, wie wir es für die Zeit der Isolation nutzbar machen können“, erklärt das Trio aus Amsterdam über die Zusammenarbeit mit dem befreundeten Künstler Boris Acket. Auch jenseits davon waren Koen van de Wardt, Wannes Salome und Erik Buschmann nicht faul. Sie haben als Ramses einen Remix zur erwähnten Single gemacht. Außerdem arbeiten sie bereits an einer neuen Platte. „Das neue Video zeigt uns, was hätte sein können. Es ist aber auch ein Anlass, nach vorne zu schauen zum nächsten Album, wenn wir hoffentlich wieder mit Boris zusammenarbeiten können.“

Lieber ein Ersatzformat für Tourneen hat sich Ben Howard gesucht. Übermorgen erscheint sein neues Album Collections From The Whiteout, das gemeinsam mit Aaron Dessner (The National) entstanden ist, und diesen Anlass feiert er mit einem globalen Konzert via Livestream. Normalerweise liebt es der Engländer, neue Songs schon live zu spielen, bevor sie auf Platte erscheinen, oder unmittelbar danach sofort auf Tour zu gehen. Für seinen vierten Longplayer wählt er nun aus einleuchtenden Gründen eine ziemlich spektakuläre Alternative: Er performt am 8. April mit seiner Band in der Goonhilly Satellite Earth Station auf der Lizard-Halbinsel in Cornwall, der dienstältesten und zeitweise größten Satellitenstation der Welt. Das Ganze wird in insgesamt vier Streams für unterschiedliche Zeitzonen weltweit übertragen. Es ist die erste Gelegenheit, die neuen Songs (halbwegs) live zu hören, einen Teil der Erlöse aus dem Ticketverkauf spendet Ben Howard an The Trussell Trust und Ärzte ohne Grenzen. Wer noch wissen will, wie das ungefähr klingen könnte: Variations Volume 1 – Far Out (***) setzt auf sanftes Gitarrenpicking und einen ebenso sanften Beat, was ein schwebendes Netz schafft, auf dem Ben Howard wohl seine Verwunderung über die Welt zum Ausdruck bringt – und das erstaunlich beschaulich klingen lässt.

Eine Brücke in die Zeit, die schon jetzt „New Normal“ genannt wird, auch wenn noch niemand sagen kann, was damit gemeint sein wird, will Jungstötter wahrscheinlich mit seiner EP Massifs Of Me schlagen, die seit Anfang März draußen ist. Sie enthält zwei Songs vom letzten Album Love Is (2019) und zwei Stücke von der neuen Platte, an der er eigentlich gerade arbeitet, jeweils umgesetzt als Klavierversionen, weil der Berliner während des Lockdowns häufig genau so musiziert hat: alleine am Klavier. Zum Titelsong (***), einer der beiden neuen Kompositionen, die es irgendwann dann auch mit kompletter Band geben soll, ist auch ein wunderbares Video entstanden, zu dem Jungstötter sagt: „Die Idee war, den Text des Liedes wörtlich zu nehmen und einen Menschen zu Stein werden zu lassen. Ich wollte die Intimität und Unnachgiebigkeit der Isolation gegenüberstellen. Einerseits bietet sie Stille und Introspektion und andererseits läuft man Gefahr zu verhärten, oder sogar zu versteinern. All das passiert im Video hinter dem Schleier eines Traumes, der im Lied besungen wird.“

Da wir alle nicht wissen, wie lange wir auf das „New Normal“ noch warten müssen, lohnt sich ein Blick auf Beabadoobee und ihre neue Single Last Day On Earth (****), die zur aktuellen EP Our Extended Play gehört. Auch die auf den Philippinen geborene und in London aufgewachsene Künstlerin (bürgerlich: Bea Kristi) packt so etwas wie Nostalgie und einen Lindemann-Moment in dieses Lied, dann auch hier geht es um die Sehnsucht nach der Unbeschwertheit vor der Pandemie, die wir wohl noch viel mehr ausgekostet hätten, wäre uns allen klar gewesen, was kommt. „Last Day On Earth handelt von all den Dingen, die ich getan hätte, wenn ich gewusst hätte, dass wir in einen Lockdown gehen und die Welt sich so verändern würde, wie sie es getan hat. Es wurde kurz nach dem ersten großen Lockdown geschrieben. Es geht im Text um all die Dinge, die ich getan hätte, wenn ich gewusst hätte, dass es der letzte Tag unserer alten Normalität war“, sagt die 20-Jährige. Man ahnt: Dazu gehören (wie auch das Video unter Regie von Division Paris zeigt) natürlich Party, Freunde, Natur, Kissenschlachten, Knutschen, Remmidemmi – und ein unwiderstehlicher Refrain zu einem überraschend entspannten Backing. Entstanden ist der Song gemeinsam mit Matty Healy und George Daniel (The 1975, die sie auch bereits auf Tour begleitet hat), mit denen Beabadoobee auf einer Form in Oxfordshire eingeschlossen war, gemeinsam mit ihrer Band. „Es war wirklich schön, gemeinsam etwas zu erschaffen, mein erstes Mal, dass ich in einer solchen Umgebung geschrieben und aufgenommen habe. Ich wollte noch mehr mit den Klängen und dem Sound experimentieren und die EP hat für mich ein Gefühl von Zusammengehörigkeit… wie wir alle zusammen in dieser Einheit sind“.

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