Corona-Musik 20 mit Low, nand, Mano Le Tough, Mini Trees und Porches


Low Disappearing Review

„Hey What“, fragen Low als Folge der Corona-Krise. Foto: Cargo Records / Nathan Keay

Disappearing heißt die zweite Single aus dem neuen Album von Low, und natürlich könnte man darin einen unmittelbaren Bezug zur Corona erkennen. Gewissheit, Kontakte, Jobs, Lebensfreude – vieles davon ist durch COVID-19 für viele Menschen verschwunden. Der Song, zweiter Vorbote für das am 10. September erscheinende Abum Hey What, nimmt aber vielmehr durch sein Video all die Pandemie-bedingten Schwierigkeiten in den Blick, das der Künstler Dorian Wood beigesteuert hat. Er steht im Nebenjob gerne Modell, meist an Kunsthochschulen, und im Clip verarbeitet er seine Erfahrungen der letzten anderthalb Jahre mit diesem Metier. „Als die Schulen wegen Covid geschlossen wurden, wurde ich eingeladen, statt im Klassenraum im virtuellen Format für Dutzende von Klassen zu posieren. Ich nutzte das leere Gästezimmer eines Freundes, und zweimal pro Woche stellte ich meinen Laptop und das Licht auf und posierte jeweils drei Stunden lang“, erzählt er. „Während dieser langen Zeitspannen verlor ich mich in Gedanken, während ich Posen einnahm, die all diese fette braune Schönheit am besten zur Geltung brachten. In meinen Gedanken reiste ich zu Orten und Erinnerungen, und im Fall von Disappearing besuchte ich den Ozean nicht nur in meinen Gedanken, ich wurde zu ihm.“ Wer das nun ein wenig arg esoterisch findet, wird von der Musik der Band aus Duluth, Minnesota im Song (***) auch nicht unbedingt auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, weil er mit viel Hall, rückwärtslaufenden Elementen und seltsamer Verzerrung arbeitet, um ein Gefühl zu erzeugen, als würde man immer mehr in die eigene Einsamkeit hinein taumeln. Dorian Wood findet übrigens noch eine sehr treffende Parallele zwischen seinem sicher sehr spezifischen Model-Erlebnis und unser aller Erfahrungen während der Pandemie. „Selbst in ihren stärksten und meditativsten Momenten war eine Model-Sitzung oft eine Erinnerung daran, wie einsam man sich fühlen kann, wenn die anderen Menschen im Raum sofort verschwinden, sobald der Laptop heruntergefahren wird. Und doch blieb immer ein Hauch von Hoffnung bestehen.“ Auf Hey What wird er sich mit ziemlicher Sicherheit genauso sehr freuen wie viele Musikliebhaber, denn er ist nach eigenen Angaben seit Jahren ein großer Fan von Low.

Vielleicht, um nicht einer der mehr als 30.000 Menschen zu werden, die in New York City bisher an Covid-19 gestorben sind, hat sich Aaron Maine alias Porches fast während der ganzen Pandemie zuhause verschanzt. Es gab keine Ablenkung und auch keinen normalen Tagesablauf, aber glücklicherweise hat er ein Heimstudio und konnte sich so voll und ganz auf seine Musik konzentrieren. Das Ergebnis ist All Day Gentle Hold, das am 3. Oktober als sein fünftes Album erscheinen wird. „Ich habe diese Platte zwischen Oktober 2019 und April 2021 in meinem Zimmer aufgenommen. Die Welt war aus den Fugen geraten und ich wollte etwas machen, das so viel Liebe, Dringlichkeit und Lust auf die Menschheit enthält, wie ich nur konnte“, sagt er. Die elf neuen Stücke sieht er als „die energiegeladensten, spontansten Momente, die ich zu den fesselndsten Songs zusammengefügt habe“. Einer davon ist die Single Okay (***1/2), die sofort unterstreicht, dass bei Porches neuerdings wieder Einflüsse wie die Ramones oder Nirvana hoch im Kurs stehen. Im Video, bei dem Aaron Maine selbst Regie geführt hat, lebt er seine Lust auf Rock ebenso aus wie seine Freude an Verkleidung, mal mit Iggy-Pop-Pose, mal als Derwisch am Schlagzeug oder Mephisto mit Bassgitarre. Shitesite schließt sich gerne einer YouTube-Kommentatorin an: „I love it! My only problem is that it only lasts 2 minutes.“

Als Soundtrack zum Auftamen und kleiner Endorphin-Input für die Zeit nach der großen Krise will die neue Single von nand verstanden werden. Aperol statt Aerosole lautet bei ihm das Motto. Genauer gesagt: Aperol Spritz (**1/2). Die gleichnamige Single ist vor zwei Wochen erschienen und genauso gut konstruiert wie der Überraschungshit Wohlfühlen, den er zuvor gelandet hat. Kein Wunder: Im echten Leben ist der junge Mann namens Ferdinand Kirch noch Architekturstudent. Sein Sound klingt auch hier wie Zoot Woman mit Trompetensolo oder YachtRock ohne Rock. „Was hast Du so gemacht die letzten 18 Monate? Zuhause gelernt? Homeoffice? Kids ständig zuhause?“, fragt er dazu. „Ist ja furchtbar! Ja, endlich wieder alles auf dem Weg in die Normalität. Prost!“ Wohl bekomm’s.

Auch Lexi Vega hat mit ihrem Soloprojekt Mini Trees schon den Blick nach vorne gerichtet. Carrying On (***1/2) heißt die neue Single der Künstlerin aus Los Angeles. „Ich habe Carrying On Mitte 2020 geschrieben, als ich in der Wüste war, um der Stadt zu entfliehen und über die beunruhigende neue Lebensweise nachzudenken, die wir alle während der Pandemie annehmen mussten“, erzählt sie. Vor den Toren der Stadt hat sie durchaus tiefgründige Erkenntnisse erlangt, die auch nach dem Lockdown noch weiter wirkten. „Obwohl sich das Leben in gewisser Weise wieder normalisierte, gab es eine ständige unterschwellige Angst, dass alles jeden Moment aus den Fugen geraten könnte. In einem sarkastischen Ton stellt der Song meine Fähigkeit in Frage, alles zusammenzuhalten. Wir haben versucht, dieses Gefühl mit dem Musikvideo einzufangen, indem wir einen Charakter zeigen, der durch die Bewegungen des täglichen Lebens geführt wird, aber zu erkennen beginnt, dass etwas nicht ganz richtig läuft“, sagt sie. Ein sehr satter Beat, der von einem kraftvollen Bass zusätzlich gestärkt wird, kontrastiert darin mit dem verunsicherten Gesang, der Song bietet erstaunliche Brüche und am Ende einen Hauch von Optimismus, bei dem man sich angesichts von Zeilen wie „Colors paint my mistakes / it’s more than I can take“ gar nicht erklären kann, wo er herkommt . Auch der anstehende Longplayer Always In Motion wird von dieser Ambivalenz aus Hoffnung und Zweifel geprägt sein, kündigt sie an: „Im Laufe des Albums schwanke ich zwischen Fragen und dem Wunsch nach Antworten, aber die Lösung ist, mit dem Nichtwissen einverstanden zu sein. Ich glaube, ich finde auf dem Weg ein wenig Akzeptanz, aber das Album endet absichtlich ohne eine wirkliche Auflösung.“

Schon bei der dritten Vorab-Single für das Album At The Moment ist Mano Le Tough angekommen, sie heißt Together (***). „Ich habe den Song geschrieben, kurz bevor die Pandemie über uns hereinbrach. Es geht um ein Gefühl von Rave-Nostalgie, als ich ein Sven-Väth-Video auf der Loveparade sah und über das Vergehen der Jugend und die verlorenen Momente in der Zeit nachdachte. Als die Pandemie ausbrach, wurde der Song auf einer emotionalen Ebene noch härter. Es geht um Zusammengehörigkeit und auch um Trennung“, erzählt der Mann, der als Niall Mannion an der irischen Ostküste aufgewachsen ist und als Remixer unter anderem schon für die Pet Shop Boys, Caribou oder Roisin Murphy im Einsatz war. Der Track ist im gleichen Maße hektisch wie verspielt und setzt insbesondere die Stimmeffekte sehr clever für zusätzliche Dramaturgie ein. Sein drittes Album, für das er sich sechs Jahre Zeit gelassen hat, wird 13 Tracks enthalten und in drei Wochen in den Läden stehen.

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