Corona-Musik 26 mit Superchunk, Propellar, Nightmares On Wax, Dumbo Tracks und Cian Ducrot


Superchunk Endless Summer Review

Superchunk verbinden Corona und Klimakrise. Foto: Merge Records / Brett Villena

What A Time To Be Alive hieß das bisher letzte Album von Superchunk, veröffentlicht 2018. Der Titel bezog sich auf diverse Krisen und Missstände im Donald-Trump-Amerika, er hat sich mittlerweile umso mehr als prophetisch erwiesen, schließlich ist der Dumpfbacken-Präsident zwar weg, dafür aber eine Pandemie da. Die 1989 gegründete Band aus North Carolina hat natürlich auch dazu etwas zu sagen. Wild Loneliness wird das neue Album heißen, es wurde während des Lockdowns aufgenommen und erscheint am 25. Februar 2022. Bezeichnenderweise ist Isolation eines der prägenden Themen der Platte – und im Umkehrschluss die Erkenntnis, wie wertvoll unser soziales Miteinander ist. „Es geht weniger darum, was wir in diesen erschütternden Zeiten verloren haben, sondern vielmehr darum, wofür wir dankbar sein können“, schreibt die Dichterin Maggie Smith, ein langjähriger Fan von Superchunk, zur Ankündigung von Wild Loneliness. Dass die Band durchaus auch noch einen scharfen Blick für globale Krisen hat, zeigt die erste Single Endless Summer (****) mit viel Punch und Horizont, etwas Verspieltheit und einem Hauch von Wehmut. Frontmann Mac McCaughan erzählt über den Song, den es jetzt als ersten Vorgeschmack der neuen Platte gibt: „Endless Summer wurde am Neujahrstag 2020 geschrieben, der hier in North Carolina ungewöhnlich warm war. Als wir ihn dann aufnahmen, hatte ‚endloser Sommer‘ natürlich eine andere Bedeutung angenommen.“ Er spielt damit auf das Gefühl an, die Pandemie würde niemals enden und alle sei Welt so auf ewig zu Tatenlosigkeit und Quarantäne verdammt. Der Einfluss von Corona macht sich hier (und auf dem Album insgesamt) auch auf andere Weise bemerkbar: Norman Blake und Raymond McGinley von Teenage Fanclub steuern den Harmoniegesang des Songs bei. Die veränderte Arbeitsweise mit einem digitalen Austausch von Zwischenergebnissen und teilweise ohne persönliche Präsenz (Mac McCaughan, Bassistin Laura Ballance, Gitarrist Jim Wilbur und Schlagzeuger Jon Wurster mussten ihre Spuren jeweils für sich alleine aufnehmen) haben Superchunk nämlich genutzt, um etliche sehr prominente Mitstreiter in die Entstehung von Wild Loneliness einzubinden, und zwar größtenteils aus der Entfernung. So sind Andy Stack (Wye Oak), Owen Pallett, Mike Mills (REM), Sharon van Etten, Franklin Bruno und Tracyanne Campbell (Camera Obscura) mit von der Partie. Nicht zuletzt verweist Endless Summer mit seinem Text über die globale Erwärmung („Is this the year the leaves don’t lose their color / and hummingbirds, they don’t come back to hover / I don’t mean to be a giant bummer but / I’m not ready / for an endless summer“) auf die sich überlappenden Krisen der Welt. Dem Fazit von Maggie Smith zu dieser Single ist nichts hinzuzufügen: „Es ist ein denkbar perfekter Popsong – süß, fröhlich, einfach hinreißend – und doch setzt er sich mit der deprimierenden Realität des Klimawandels auseinander.“

Für Produzenten wie Jan Philipp Janzen, am besten bekannt als derjenige, der bei Von Spar für die Rhythmen zuständig ist, sollte das einsame Tüfteln in abgeschlossenen Räumen – auf das durch Covid-19 viele Musiker*innen unfreiwillig zurückgeworfen sind – eigentlich kein Problem sein. Schließlich verbringen sie genau damit im Studio einen großen Teil ihrer Tätigkeit. Der Kölner hat die Pandemie in der Tat weitgehend im Studio verbracht und Corona dabei auch als Chance für ein neues Projekt ergriffen: Dumbo Tracks heißt so, weil der gleichnamige Elefant mit seinen großen Ohren mutmaßlich genauso gut hören kann, wie man es als Studio-Profi tun sollte. Die Tracks des ersten Albums, das am 22. April 2022 erscheinen soll, sind im vergangenen Jahr entstanden, meist nachts, ganz allein, umgeben von nichts als Technik. Die erste Single Everybody Knows (***1/2) lässt diese einsame Atmosphäre rund um die Zeile „All I want is you“ mit viel Romantik und Hall gut erahnen und zeigt zudem die Dub-Einflüsse, denen Janzen (der sonst beispielsweise bereits für Die Sterne oder R. Stevie Moore gearbeitet hat) diesmal viel Raum gibt. Der Song stammt im Original von John Holt und wird hier zusammen mit Markus Acher von The Notwist umgesetzt. Auch etliche weitere Features wird es auf dem Debüt von Dumbo Tracks geben, so sind Indra Dunis von Peaking Lights, Roosevelt, Marker Starling, Eiko Ishibashi, Axel Willner aka The Field, Julian Knoth von Die Nerven und mit Christopher Marquez und Sebastian Blume auch zwei Bandkollegen von Von Spar dabei.

Sogar zu einer vollkommenen Neuorientierung ist ein anderer Studio-Tüftler durch Corona gekommen: George Evelyn, seit 1998 als Nightmares On Wax aktiv, hat im Lockdown einmal (notgedrungen) auf „Pause“ und dann (freiwillig) auf „Reset“ gedrückt. Eine seiner Erkenntnisse lautet: „Ich habe zehn Jahre lang ununterbrochen Konzerte gegeben. Diese Erfahrung war wunderschön, aber sie hat mich auch emotional ausgelaugt.“ Die Zwangspause durch die Pandemie hat er nach eigenen Angaben für einen Neustart genutzt. „Als Kreativer stellt man immer alles in Frage. Jetzt so viel Zeit und den Raum zu haben, bedeutete für mich, dass ich richtig tief in diese Dinge eintauchen konnte. Es ging also darum, zu mir selbst zurückzukehren und zu merken, dass ich zu Hause bei meiner Frau und meiner Tochter nicht richtig da war. Es ist, als wäre ich gerade erst wieder aufgewacht und hätte gemerkt, was ich eigentlich habe – und dass all diese Dinge schon da sind.“ Ergebnis der Selbstreflexiom ist das Ende Oktober bereits veröffentlichte Album Shout Out! To Freedom. Auch Evelyn nutzte diese sehr besondere Zeit („Die Welt war stehen geblieben und ich war langsamer geworden, aber die Zeit hatte sich beschleunigt“, sagt er) neben der Sinnsuche auch, um auf digitalen Wegen junge Künstler*innen in seine gerade entstehenden Tracks von Nightmares On Wax einzubinden. So sind Mara TK, Sabrina Mahfouz, Greentea Peng, OSHUN und Pip Millett dabei. Auf der aktuellen Single Wonder (***1/2) wirken Shabaka Hutchings und Haile Supreme mit, der Track klingt tatsächlich introvertiert, reflektiert und verdammt geheimnisvoll. „Wenn Seelen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt und für eine bestimmte Zeit verbinden, dann kann das eine große Bedeutung bekommen. Wir werden uns ihrer Wirkung nie bewusst, bis der Moment oder die physische Verbindung vorbei ist. Wir können uns nur wundern“, sagt Evelyn zu dem Stück. Auch dieses Zitat passt zu seiner Einschätzung im Hinblick auf Shout Out! To Freedom: „Dieses Album ist wahrscheinlich die tiefgründigste Platte, die ich je geschrieben habe.“

Zimmerpflanzen und Synthesizer. Das benennen Jan Grasmück und Justin Wildenhain alias Propellar als ihre wichtigsten Wegbegleiter während der Corona-Pandemie. Da kam ihnen ein Vocal-Sample gerade recht, das die befreundete Sängerin Kaala auf Hindi aufgenommen hatte. Rund um das Sample entstand die neue Single Julee (***1/2), die sich als schillernd, vielschichtig, elegant und tanzbar erweist. Passend zur Erfahrung, völlig von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, zeigt das dazugehörige Video keine Menschen, sondern macht einen Poly-D-Synthesizer und ein Tektronix 465-Oszilloskop (neben den schon erwähnten Zimmerpflanzen) zu den Protagonisten. Den Clip haben die Jungs von Propellar übrigens selbst gedreht und geschnitten, so wie sie auch das Cover von Julee selbst gestaltet haben.

„Der größte Teil der EP ist während des Lockdowns und der Pandemie entstanden, es gab also viele Tage und Nächte allein und natürlich auf der anderen Seite des Planeten, weit weg von meinem Team“, sagt Cian Ducrot über die acht Lieder auf Make Believe. Der 24-Jährige, der im irischen Cork aufgewachsen ist, lebt jetzt in London. Die Aufnahmen für die EP fanden indes in Los Angeles statt, denn Ducrot gilt als große Hoffnung seiner Plattenfirmen Darkroom und Interscope, die auch gemeint sind, wenn er auf „sein Team“ verweist. BBC Radio1 prophezeit ihm ebenso wie der Daily Star eine große Zukunft, Amazon Music UK setzte ihn auf die Liste der „Artists To Watch 2022“ und hatte dabei wahrscheinlich die Erfolgsgeschichten von Acts wie Lewis Capaldi oder George Ezra im Sinn. Ein Vorgeschmack ist Not Usually Like This (**), der Empfindsamkeit und Talent für Melodie und Pathos zeigt, allerdings recht wenig Spannung und noch weniger Charakter entwickelt. Ducrot, ein akademisch ausgebildeter Multiinstrumentalist, der eigentlich klassischer Flötist werden wollte, bezeichnet die Entstehung von Make Believe als „einen sehr seltsamen, aber großartigen Prozess für mich, denn die Hälfte der Songs wurde geschrieben, bevor ich überhaupt wusste, dass ich eine EP machen würde. Es war ein jahrelanger Prozess, der sich auf so viele Momente in meinem Leben stützt. Ich habe es geliebt, neue Richtungen und neue Musik zu entdecken, aber auch alte Songs wiederzuentdecken und sie zum Leben zu erwecken, und vor allem mich selbst zu entdecken und das, was mir wichtig ist.“

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