Corona-Musik 29 mit Hatis Noit, Behemoth, Kelly Lee Owens, The Day und Between Bodies


Hatis Noit Aura Review

Hatis Noit verbindet japanische Folklore mit Neo-Klassik. Foto: Beats International / Özge Cöne

Hinter dem Künstlernamen Hatis Noit verbirgt sich eine japanische Sängerin, die bereits mit dem London Contemporary Orchestra, David Lynch, Masayoshi Fujita, Kevin Richard Martin (auch bekannt als The Bug), Lubomyr Melnyk und dem NYX Electronic Drone Choir gearbeitet hat. Diese illustre Reihe zeigt schon, dass man es hier mit Musik deutlich näher an E als an U zu tun hat und dass die Künstlerin sich bereits etliche Meriten erwerben konnte. Für 24. Juni ist nun ihr erstes Album angekündigt, wobei das Debüt durch die Folgen von Covid-19 in mehrfacher Hinsicht unter erschwerten Bedingungen zustande kam. Die in London lebende Japanerin hatte nach eigenen Angaben „während der Pandemie wirklich sehr zu kämpfen. Als Sängerin bin ich einfach nicht besonders gut darin, am Computer zu arbeiten. Ich ziehe Live-Auftritte in wirklichen Räumen vor. Mit anderen Menschen zusammen zu sein, denselben Raum mit ihnen zu teilen und die einzigartige Energie und Atmosphäre des jeweiligen Moments zu spüren – das ist etwas, das mich immer wieder inspiriert. Für mich bedeutet Kunst tatsächlich genau das: diesen geteilten Augenblick.“ Dieses Verständnis führte, angelehnt an die Theorien von Walter Benjamin, auch zum Titel des acht Stücke umfassenden Albums: Aura. „Worte können niemals all das beschreiben, was wir fühlen. Wie soll man das Gefühl in Worte fassen, das wir haben, wenn wir als Neugeborene in den Armen der Mutter liegen – und ihre Haut an unserer Wange spüren? Gewiss spüren wir ihre Wärme und Feuchtigkeit, ein Gefühl der Liebe, das von ihr ausgeht, aber es ist extrem schwer, dies wirklich in Worte zu fassen. Musik ist eine Sprache, die diese Empfindung, dieses Gefühl, diese Erinnerung an Liebe übersetzen kann“, sagt sie. Selbst ihr Künstlername passt zu diesem Selbstverständnis. Hatis Noit steht für den „Stiel der Lotosblüte“. Die Lotosblüte steht in der der japanischen Folklore für die sichtbare, belebte Realität, während ihre Wurzel die unsichtbare, spirituelle Welt repräsentiert. Der Stiel dazwischen ist also die Verbindung dieser beiden Welten, und genau dort platziert sich Hatis Noit. Wie das klingt, zeigt der Titelsong Aura (***), der ebenfalls auf einer zugleich sehr ursprünglichen wie spirituellen Erfahrung beruht. Als junges Mädchen hatte sich die Sängerin in einem Wald auf der Halbinsel Hokkaido verlaufen. „Ich hatte das Gefühl, dem Tod ganz nah zu sein. Ich konnte spüren, wie ich mich auflöste und Teil der Natur wurde, anstatt mich weiterhin als Individuum zu fühlen. Dieses Gefühl der Ehrfurcht und des Friedens, das ich damals hatte, ist für mich immer schon derjenige Ort, an dem ich meine Kompositionen beginne“, erzählt sie. Umgesetzt wird das mit einem Beinahe-a-cappella-Stück, in dem ihre enorm vielseitige Stimme mal drohend, mal geisterhaft klingt, mal schräg und mal erhaben. Corona hat ihr Werk übrigens noch in einer weiteren Weise verändert: Nachdem die Vocals mit Produzent Robert Raths in Berlin aufgenommen waren, fand das Mixing dann notgedrungen in London statt, weil die Pandemie keine Reise nach Deutschland erlaubte. Und während der langen Wartezeiten zwischen den einzelnen Lockdowns entstand eine Idee, die Aura letztlich entscheidend prägte: Raths machte den Vorschlag, die schon vorhandenen Gesangsspuren in einer Kirche in der Gegend abzuspielen und sie dabei noch einmal mitzuschneiden, wobei auch der natürliche Hall des Gotteshauses eingefangen werden und so der Eindruck einer Live-Situation verstärkt werden sollte. „Es war wirklich wie ein Wunder, als Robert auf diese Idee kam. Das war der Moment, in dem sich alles für dieses Album änderte: Der physikalische Raum und dessen organische Atmosphäre waren entscheidend, um alles zum Leben zu erwecken“, schwärmt Noit, die im Oktober auch live in Deutschland zu erleben sein wird.

Auch Kelly Lee Owens ist in ihrem Sound normalerweise weit von Standard-Pop entfernt, durch Corona hat sich ihre Experimentierfreude noch vergrößert. Als klar war, dass Pandemie-bedingt nicht mehr allzu viel Promotion oder gar eine Tour für das im August 2020 veröffentlichte Album Inner Song möglich sein würde, packte die Waliserin ihre Sachen, um sich drei Wünsche zu erfüllen. Erstens einen Tapetenwechsel, um der Reglosigkeit des Lockdowns zu entfliehen. Zweitens die Möglichkeit, ohne Deadlines im Nacken im Studio tüfteln zu können, um ihre kreative Energie weiter sprudeln zu lassen. Und drittens die Zusammenarbeit mit Lasse Marhaug, der sich als Produzent von Merzbow, Sunn O))) und Jenny Hval einen Namen gemacht hat und nun auch die Aufnahmen in Oslo betreute, aus denen schließlich LP.8 geworden ist, das neue Album von Kelly Lee Owens, das sie selbst innerhalb ihres Werks als „eine Art Ausreißer“ betrachtet. Die Single One (****) setzt auf eine einzelne Bass Drum als Quelle für einen dennoch erstaunlich hart wirkenden Beat, eine klare, über allem schwebende Stimme und die Zeile „You are the one I’ve been waiting for“ im Zentrum. Gerne darf Avantgarde immer so viel Intensität und Tiefe haben.

Auch Behemoth haben erkannt, dass die Pandemie nicht nur Einschränkungen mit sich bringt, sondern durchaus auch künstlerische Freiräume eröffnen kann. Die polnische Extreme-Metal-Band um Frontmann Adam „Nergal“ Darski ist für ihre Detailversessenheit bekannt, zudem scheint die Metal-Welt immer ein bisschen nach ihrer eigenen Zeitrechnung und ihren eigenen Gesetzen zu funktionieren, sodass selbst eine Pandemie wenig Einfluss auf Stil, Veröffentlichungspolitik oder Selbstverständnis zu haben vermeint. Die zehn Songs auf dem zwölften Studioalbum Opvs Contra Natvram, das Behemoth selbst produziert haben und am 16. September veröffentlichen werden, sind aber deutlich von dem Luxus geprägt, erstmals in der mehr als 30-jährigen Geschichte der Band ohne Deadlines für Studiozeiten, Videodrehs oder Tourneepläne arbeiten zu können. Die Band hat das für noch mehr Detailversessenheit genutzt, sowohl in der Komposition als auch im Aufnahmeprozess. Dass Behemoth dabei natürlich nicht an Härte verloren haben oder gar filigran geworden sind, zeigt der erste Vorab-Song Ov My Herculean Exile (***). Die Gitarren sind giftig, das Schlagzeug ist wild, und aus der Stimme spricht ganz viel Ekel vor der Welt. Das ist auch zutreffend, wie Nergal klarstellt: „Der Albumtitel bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen. Es ist das Negative der Werte, Moral und Ethik, gegen die ich antrete. Ich habe mich ernsthaft mit zerstörerischen Tendenzen in der Popkultur auseinandergesetzt – den sozialen Medien und Werkzeugen, die ich für sehr gefährliche Waffen in den Händen von Menschen halte, die nicht in der Lage sind, andere zu beurteilen. Das ist etwas, das ich sehr destruktiv und beunruhigend finde – und aus der Perspektive eines Künstlers extrem einschränkend. Dies ist mein Mittelfinger dazu.“

Lucifer, I Wanna Be Everything (***1/2) könnte durchaus auch als Titel für einen Metal-Song herhalten, dahinter verbirgt sich aber das erste musikalische Lebenszeichen von Between Bodies. Die Band mit Mitgliedern aus Köln, Paderborn und Toronto teilt das Schicksal vieler Acts der „School of 2019“. Als sie damals im Dezember ihre Debüt-EP On Fences veröffentlichten und für ihre Karriere richtig Schwung nehmen wollten, krachten sie mitten in die Pandemie und den praktischen Stillstand des Musikbetriebs. Sie konnten vor dem Lockdown gerade noch eine Handvoll Konzerte spielen, das war’s. Die Zwangspause war sicher nicht nur deprimierend für Between Bodies, sondern durch die räumliche Trennung zwischen den Bandmitgliedern auch noch praktisch erschwert. Sie behalfen sich mit vielen Zoom-Sessions und dem Ideen- und Datenaustausch per Dropbox. Die erste Kostprobe zeigt, dass sie sich auch viel Zeit für Introspektion genommen haben. „Ich habe es in der Vergangenheit oft nicht geschafft, einen Umgang damit zu finden, von Menschen, die mir viel bedeuten, verletzt zu werden, ohne daraufhin die Beziehung zu beenden. Ich hab mich um Kopf und Kragen geredet, versucht, jedes Detail immer und immer wieder zu reflektieren, Probleme analysiert und es nicht geschafft, dabei mehr zu tun als lediglich zu reden. Lucifer, I Wanna Be Everything ist ein Song über die eigene Unzulänglichkeit, solche Verhaltensweisen wirklich grundlegend und ernsthaft zu ändern. Gefühle und gewohntes Verhalten in den Griff zu kriegen, ist schwer. Verhaltensweisen wirklich zu verändern, ist noch viel schwerer und ich habe den größten Respekt für alle, denen dies gelingt“, sagt Sänger und Gitarrist Christopher Schmidt. Das Ergebnis wirkt mit seiner Kombination aus viel Drive und einer reizvollen Aufgekratztheit wie eine besonders reflektierte Variante von Jimmy Eat World oder eine aufgestachelte Inkarnation von American Football, führt also zum Urteil: gerne mehr davon.

Auch für The Day erwies sich die Tatsache, über mehrere Länder verstreut zu sein, während der Corona-Pandemie als fast nicht zu überwindendes Hindernis. Nicht nur, dass es für Laura Loeters (sie lebt in Antwerpen) und Gregor Sonnenberg (er lebt in Hamburg) ständig Einschränkungen und Lockdowns gab, die selten simultan zu denen im jeweils anderen Land passierten. Auch die Möglichkeit, überhaupt in ein anderes Land zu reisen, dann die dort gerade gültigen Regelungen zu kennen und sich auch an diese zu halten, war immer wieder beschränkt. Sich einfach mal zu treffen, um nach dem 2019er Debütalbum Midnight Parade an neuem Material zu arbeiten, blieb also häufig eine Illusion. Umso erstaunlicher ist es, wie organisch und intuitiv die neue Single June (****) klingt, die The Day als „einen richtigen Coming-of-Age-Song“ bezeichnen. „In dem Stück geht es um eine tiefe Freundschaft, die auf dem Weg zum Erwachsenwerden irgendwie verloren gegangen ist. Der Text erzählt von der Sorglosigkeit von Teenagern, von den unklaren Grenzen zwischen Freundschaft und Liebe, vom Leben im Moment. Gleichzeitig tauchen Ängste und Sorgen auf, über die eigene Zukunft, über die Welt an sich. Je älter man wird, desto mehr Raum nehmen sie ein und drängen die Freundschaft immer mehr in den Hintergrund, bis sie schließlich irgendwann komplett verblasst.“ Dieser wehmütige Blick auf eine Zeit, die einmal war und nie mehr wiederkommt, passt ja dann doch auch bestens in die Covid-19-Ära.

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